Christine Schöner geht auf der indonesischen Insel ihren eigenen Weg: Mit Roots & Wings will sie lokale Hotelteams weiterqualifizieren – praxisnah, kulturell sensibel und mitten im Betrieb.
Am Flughafen von Tambolaka einen Kaffee trinken, wenn die Maschinen landen: Für Christine Schöner (39) ist das mehr als eine kleine Alltagsroutine. Sie trifft Bekannte, sieht, wer auf die Insel kommt und wer sie wieder verlässt. Viel Verkehr herrscht nicht. Sumba ist kein Ort, an dem sich Reisende im Minutentakt durch Hotellobbys, Coworking-Spaces und Beach Clubs schieben. Die Wege sind weit, die Infrastruktur ist lückenhaft, Strom und Internet keine Selbstverständlichkeit. Und doch ist die Insel für die erfahrene Hotelière längst mehr als ein Arbeitsort geworden.
„Ich bin aus dem Flughafen raus und wusste sofort: Das ist nicht mein letztes Mal hier“, erinnert sich Schöner an ihren ersten Besuch vor knapp zweieinhalb Jahren. Sie war zum Surfen gekommen – und blieb gedanklich hängen. Inzwischen lebt die Deutsche im Westen Sumbas, fährt mit blauem Jeep oder türkisfarbenem Roller über die Insel, kauft auf dem Markt ein und wird in ihrem Wohnort nicht mehr mit „Hello Mister“, sondern mit „Hello Ibu“ begrüßt. Ibu heißt Frau oder Mutter. Es ist ein kleines Zeichen dafür, wie sehr sie inzwischen angekommen ist.
Der Schritt in die Selbstständigkeit

Mit ihrer neu gegründeten Roots & Wings Hospitality Training and Consultancy macht Schöner nun den Schritt in die Selbstständigkeit. Ihr Geschäftsfeld: operative Trainings, Führungskräfteentwicklung, Pre-Opening-Begleitung und Qualitätschecks für Boutique-, Lifestyle-, Luxus- und nachhaltigkeitsorientierte Hotels. Doch hinter dem Angebot steht mehr als eine klassische Beratung. Schöner will lokale Teams nicht mit Standards überziehen, sondern sie befähigen, daraus ihren eigenen Service zu entwickeln.
„Gastfreundschaft muss man den Menschen hier nicht beibringen“, sagt sie. „Die ist ohnehin da. Was oft fehlt, sind Struktur, Hintergrundwissen und die Sicherheit, warum man etwas auf eine bestimmte Weise macht.“
Sumba liegt östlich von Bali und gehört zu den Kleinen Sundainseln. Flächenmäßig sei die Insel etwa doppelt so groß wie Bali, erzählt Schöner, habe aber mit rund 800.000 Einwohnern nur etwa ein Fünftel so viele Einwohner wie Bali. Viele Dörfer sind nicht ans Stromnetz angeschlossen, Mobilfunkempfang ist außerhalb der größeren Orte keineswegs überall verfügbar. Auch die medizinische Versorgung und die touristische Infrastruktur sind weit entfernt von dem, was Bali-Reisende erwarten.
Eine Insel im Aufbruch
Gerade diese Ursprünglichkeit macht Sumba für eine wachsende Zahl von Gästen interessant. Es kommen mehr Flüge, es entstehen neue Projekte, erste Entwicklungen werden sichtbar. „Ich war zwei Monate weg und kam zurück – auf einmal gab es eine Ampel, die vorher nicht da war“, erzählt Schöner. Gleichzeitig ist die Insel noch kein Selbstläufer für den Tourismus: Transporte sind aufwendig, vieles muss eingeflogen oder über lange Strecken auf der Straße bewegt werden, qualifizierte Fachkräfte sind rar.
Nennenswerte größere Hotels gebe es bislang nur wenige, sagt Schöner. Doch zahlreiche kleinere Projekte, Homestays und Resorts befänden sich in Planung oder Entwicklung. Für die Hotellerie ist das Chance und Herausforderung zugleich. Denn die neuen Betriebe brauchen Mitarbeitende – idealerweise aus den Gemeinden vor Ort. Viele von ihnen haben jedoch weder eine Hotelausbildung noch ausreichend Englischkenntnisse oder Erfahrung mit internationalen Serviceabläufen. Genau dort setzt Roots & Wings an.
Von Europa nach Asien
Schöners Karriere begann in Deutschland. Sie absolvierte ihre Ausbildung im dualen Programm von Hilton Deutschland, sammelte operative Erfahrungen in mehreren Ländern und führte später Teams in Boutique-, Lifestyle- und Luxushotels. Stationen in Deutschland, den Niederlanden, Thailand, Indonesien und Ägypten prägen ihren Blick auf die Branche. Weiterbildungen in Leadership und Hotel-Finanzmanagement an der Cornell University School of Hotel Administration sowie eine Coaching-Zertifizierung ergänzen ihre praktische Laufbahn.
Indonesien begleitet sie dabei seit 2004. Schon als Jugendliche reiste sie immer wieder nach Bali, lebte dort 2009 erstmals für längere Zeit und kehrte 2022 beruflich zurück. Der Einstieg beim Lost Lindenberg an Balis Westküste ergab sich eher unverhofft: Aus einem Bewerbungsgespräch für Frankfurt wurde ein Angebot für Indonesien. Zwei Wochen später war sie vor Ort.
Das kleine, nachhaltig ausgerichtete Hotel wurde für Schöner zu einer prägenden Station. „Dort kam vieles zusammen, was mir in der Hotellerie wichtig ist: ein kleines, durchdachtes und nachhaltiges Konzept, dazu eine große Nähe zu den Mitarbeitern“, sagt sie. Gerade die persönliche Führungskultur habe sie überzeugt. Nach dieser Erfahrung sei es für sie schwer gewesen, sich wieder für einen großen, anonymen Hotelbetrieb zu begeistern.
„Gastfreundschaft muss man den Menschen hier nicht beibringen. Sie bringen sie bereits
mit – wir geben ihnen nur Struktur, Wissen und Selbstvertrauen.“
Stattdessen zog es sie nach Sumba. Zunächst engagierte sie sich für zwei Monate ehrenamtlich bei der Sumba Hospitality Foundation, einer spendenbasierten Ausbildungsinitiative für junge Menschen aus der Region. Aus dem Freiwilligeneinsatz wurde eine feste Aufgabe. Rund 60 Studierende lernen dort unter anderem Housekeeping, Front Office, Service, Spa und Küche.
Sie wohnen auf dem Campus, erhalten Verpflegung und werden auf ihren Einstieg in die Hotellerie vorbereitet. „Das war eine der besten Erfahrungen meines Lebens“, sagt Schöner. „Aber irgendwann habe ich gemerkt: Mir fehlt auch die direkte Arbeit im Hotelbetrieb.“ Der nächste Schritt lag nahe. Sie wollte Trainings entwickeln, die nicht im Seminarraum enden, sondern im täglichen Ablauf sichtbar werden.
Praxis statt Powerpoints
Roots & Wings versteht sich deshalb als Trainingspartner direkt am Arbeitsplatz. Schöner beobachtet Schichten, begleitet Check-ins, arbeitet mit Teams im Restaurant oder Housekeeping, filmt auf Wunsch Übungssituationen und bespricht sie anschließend gemeinsam. Rollenspiele, Feedback und Wiederholung sind zentrale Elemente ihres Ansatzes.
Das beginnt bei scheinbar einfachen Fragen: Wie decke ich einen Tisch ein? Wie begrüße ich einen Gast? Was gehört zu Hygiene und Sauberkeit? Wie gehe ich mit Beschwerden um? Für Schöner geht es aber nicht darum, Abläufe bloß auswendig lernen zu lassen. „Wenn jemand versteht, warum eine Gabel an einer bestimmten Stelle liegt oder warum eine Kühlschrankdichtung sauber sein muss, dann kann daraus echtes Selbstvertrauen entstehen.“

Ihr Programm reicht von Basismodulen für Berufsanfänger über Kommunikation, Teamarbeit und Führung bis zu Finanztrainings für Hotelbesitzer, General Manager und Abteilungsleiter. Hinzu kommen Pre-Opening-Pakete, Onboarding-Prozesse, Mystery Checks oder die Entwicklung praxistauglicher Standard Operating Procedures (SOPs). Besonders wichtig ist Schöner, dass diese Standards gemeinsam mit den Teams entstehen und nicht an den Realitäten des Hauses vorbeigeplant werden. „Jedes Hotel ist einzigartig – und jedes Team hat seine eigene Geschichte“, lautet einer der Leitsätze von Roots & Wings. Das erklärt auch den Namen: Die Wurzeln stehen für Herkunft, Kultur und lokale Stärken; die Flügel für Entwicklung, Wissen und berufliche Perspektiven.
Auf Sumba trifft internationale Hotellerie auf eine Gesellschaft, die stark von Gemeinschaft, Tradition und lokalen Sprachen geprägt ist. Indonesisch spricht Schöner inzwischen fließend; für Basistrainings kann sie Teams in der offiziellen Landessprache Bahasa Indonesia anleiten. Die zahlreichen lokalen Sprachen Sumbas beherrscht sie nicht – allein innerhalb der Insel unterscheiden sich Dialekte und Sprachräume teils erheblich.
In ihrer Arbeit ist das Bewusstsein für kulturelle Unterschiede entscheidend. Die Menschen auf Sumba seien stolz darauf, in einem Hotel zu arbeiten, loyal und lernbereit, sagt Schöner. Zugleich dürfe man nicht den Fehler machen, westliche Erwartungen eins zu eins überzustülpen. „Es geht nicht darum, Menschen zu sagen: So macht ihr es richtig, weil wir es so kennen“, betont sie. „Es geht darum, vorhandene Stärken mit professionellem Wissen zu verbinden.“
Das betrifft auch Führung. Wenn neue internationale Manager auf die Insel kommen, brauchen nicht nur lokale Teams Unterstützung. Auch die Führungskräfte aus Europa oder anderen Märkten müssten verstehen, wie Kommunikation, Feedback und Zusammenarbeit vor Ort funktionieren. Roots & Wings will daher beide Seiten zusammenbringen: die kulturelle Realität der Insel und die Anforderungen eines professionellen Hotelbetriebs.
Tourismus mit Verantwortung
Dass Sumba touristisch stärker in den Fokus rückt, beobachtet Schöner mit gemischten Gefühlen. Sie sieht die wirtschaftlichen Chancen, gerade weil gute Arbeitsplätze jungen Menschen Perspektiven geben können. Zugleich hofft sie, dass die Insel nicht dieselben Entwicklungen erlebt wie manche Regionen Balis. Die bestehenden Hotels und Akteure müssten sich deshalb stärker austauschen, Nachhaltigkeit und Infrastruktur gemeinsam denken und frühzeitig darüber sprechen, welche Art von Tourismus sie auf Sumba wünschen, meint sie. Erste Impulse gebe es bereits, etwa bei Recycling, Solarenergie oder der Sensibilisierung von Nachwuchskräften für nachhaltige Arbeitsweisen.
Bildung sei dabei der entscheidende Hebel. „Was jemand gelernt hat, kann ihm niemand mehr wegnehmen“, sagt Schöner. Wer eine fundierte Ausbildung erhält, könne in einem Hotel auf Sumba arbeiten, später auf Bali oder in Jakarta – oder selbst Verantwortung übernehmen. Das sei nachhaltiger als kurzfristige Hilfsmaßnahmen. Der offizielle Unternehmensstart von Roots & Wings Sumba erfolgte im Juli, nachdem Christine Schöner alle rechtlichen und arbeitsrechtlichen Formalitäten in Indonesien geklärt und die erforderliche Arbeitserlaubnis erhalten hatte.
Der Weg dorthin sei zwar alles andere als einfach gewesen, sagt sie, inzwischen erreichen sie aber nicht nur Anfragen aus Sumba, sondern auch von den Mentawai-Inseln vor West-Sumatra und vom Archipel Raja Ampat. Der Bedarf an praxisnaher Qualifizierung für lokale Hotelteams sei offenbar auf vielen abgelegenen indonesischen Inseln groß. Zunächst will Schöner Roots & Wings als One-Woman-Show aufbauen, später gemeinsam mit lokalen Trainern, die Grundlagenmodule übernehmen und selbst zu Multiplikatoren werden.
Für Christine Schöner ist das keine Abkehr vom Hotelmanagement, sondern dessen konsequente Weiterentwicklung. „Als General Managerin waren Training und Teamentwicklung vielleicht zehn Prozent meines Jobs“, sagt sie. „Jetzt kann es hoffentlich bald genau der Teil sein, auf den ich mich konzentriere.“ Auf Sumba, einer Insel mit rauen Straßen, großen Distanzen und viel ungenutztem Potenzial, hat sie dafür ihren Platz gefunden. Mit Wurzeln in der lokalen Kultur – und Flügeln für die nächste Generation der Hotellerie.