Hotelreportage Hotel Bergeblick: Holzbau mit Statur

Hotel_Bergeblick_Außenansicht
Markantes Ensemble: Die Gerüstfassade macht das Hotel Bergeblick zum Hingucker. Ein weiteres Highlight ist das Senses House mit Meditationsraum, Pool und Sonnendeck (rechts). © Hotel Bergeblick

Die Reduktion auf das Wesentliche stand bei der Konzeption des Hotels in Bad Tölz im Vordergrund. Großen Wert legten die Betreiber Johannes und Andrea Tien auch auf eine außergewöhnliche Architektur.

Nachhaltige Architektur gehört zu den stärksten Bewegungen in der Hospitality-Branche. Moderne Holzbauten setzen dabei seit einigen Jahren immer öfter eindrucksvolle Akzente, vor allem auch im Alpenraum. Ein architektonischer Solitär in besonders ausdrucksstarker Linienführung ist nun mit dem Hotel Bergeblick auf der Wackersberger Höhe in Bad Tölz gelungen, das im August eröffnet wurde.

Das Haus mit der skelettartigen Gerüstfassade aus Holz fällt auf. Die Konstruktion weckt Assoziationen an die Arbeiten des japanischen Architekten Kengo Kuma, aber auch an japanische Teehäuser oder einfach nur das „Magnetisk“-Flaschenregal von Ikea. Das Hotelgebäude strahlt Eleganz und Verbundenheit mit der Natur aus. Die Bauherren und Betreiber Johannes (64) und Andrea Tien (56) wollten ein Retreat-Hotel schaffen, das dem bayerisch-alpinen Lebensgefühl eine neue Form gibt. „Kein Standardhotel, sondern ein Haus, das für morgen und übermorgen gebaut ist“, sagt Johannes Tien, der früher im Versandhandel tätig war. „Unser Luxus liegt in der Reduzierung."

20 Millionen Euro haben die Tiens in ihre Hotelvision investiert und dafür Architekt Sebastian Beham von Beham Architekten aus Dietramszell bei München mit ins Boot geholt, von dem der Entwurf stammt. Die Planungsgesellschaft Dittrich aus München erbrachte für das Projekt die Tragwerksplanung, den Brandschutz sowie die KfW-Begleitung.

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    Doppelzimmer Hotel Bergeblick
    © Hotel Bergeblick
    Dem Wald ganz nah: Die Doppelzimmer mit bodentiefen Panoramafenstern und Balkonen sind mit Eichenparkett, Kingsize-Betten und offenen Badezimmern mit runden Waschbecken der Marke Herzbach ausgestattet.
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    Ruhebereich im Spa_Hotel Bergeblick
    © Hotel Bergeblick
    Kontrastreich: Im Ruheraum im Indoor-Spa trifft puristischer Beton auf warme Farbakzente und luftige Vorhänge.
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    Gumpe im Outdoor-Spa_Hotel Bergeblick
    © Hotel Bergeblick
    Ort der Einkehr: Das Tauchbecken (Gumpe)im Outdoor-Spa gehört zu den USPs des Hotels. Die runde Deckenöffnung schafft eine Verbindung zur Natur.
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    Lounge mit Bergblick_Hotel Bergeblick
    © Hotel Bergeblick
    Farbenfroh: Die Lounge im Rooftop-Bereich lässt sich bei Bedarf mit einem Vorhang abtrennen.

Architektur im Dialog mit der Natur

Für Sebastian Beham war es sein erstes Hotelprojekt und damit zugleich ein Experimentierfeld für neue Ideen. Seine Vorgabe lautete, ein Konzept für ein „Naturness“- und Entschleunigungs-Hotel zu entwickeln, welches maximal mit der natürlichen Umgebung interagiert. „Auffallen, ohne sich aufzudrängen. Sich einfügen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Eine Architektur, die versucht, mit der Umwelt zusammen im Dialog eine funktionelle und ästhetische Symbiose zu bilden“, beschreibt der Architekt das Konzept.

Entstanden ist ein modernes dreigeschossiges Gebäude in Holz- und Holzhybridbauweise mit 38 Doppelzimmern, acht Suiten, einem 500 Quadratmeter großen Wellnessbereich, einer Frühstücks- und einer Rooftop-Terrasse, verschiedenen Gemeinschaftsräumen, Bibliothek, Konferenz- und Workation-Bereich sowie halboffener Tiefgarage und zwei Carports. Ergänzt wird das Haupthaus von drei autarken Lodges auf dem Gelände. Die erdgeschossigen Einheiten sind von Garten umgeben und verfügen jeweils über einen eigenen kleinen Pool sowie eine Außendusche.

Reduktion auf das Wesentliche

Die Zielgruppe, die die Gastgeber ansprechen wollen, sind vor allem aktive, naturverbundene Gäste, aber auch Ruhesuchende, Longstay- und Businessgäste. Bezeichnend für den gesamten Hotelbau ist eine Reduktion aufs Wesentliche. Holz und Beton, teils scharriert, sind prägende Gestaltungselemente. Die Fassade für 800.000 Euro wurde aus einer sich selbst tragenden Pergola, frei bewittert, aus heimischem Fichtenholz von der Firma Prutscher Holzbau aus Oy-Mittelberg errichtet. „Ein reines Schmuckelement, da sie keine statische Bedeutung hat“, sagt Bauherr Johannes Tien und schickt hinterher: „Wir wollten es schließlich auch chic haben.“ Gern hätte er russisches Lärchenholz verwendet, doch der Ukraine-Krieg machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Der Zugang zum Hotel ist sowohl über die Parkebene als auch über einen Eingang auf der Vorderseite möglich. Das Foyer ist als eine Art Lichthof gestaltet und eint Lobby, Lounge-Ecke und Frühstücksbereich. Auch hier ist die Balkenkonstruktion der Fassade gegenwärtig, die zugleich im gesamten Hotel immer wieder neue Sichtachsen eröffnet. Architektonischer Blickfang ist zudem eine gewundene Stahltreppe, die die drei Stockwerke verbindet. Auf eine Rezeption wurde bewusst verzichtet, vielmehr erfolgt der Check-in der Gäste an einer großen Tafel, die mittig im Foyer platziert ist. Der öffentliche Bereich mit Empfang, Restaurant, Bar und Gemeinschaftsräumen wurde als Holzskelettbau realisiert. Ebenso das Saunahaus, die Lodges und Carports, die mit einer Stützen-/ Unterzug-Konstruktion und Brettsperrholzdecken ausgeführt wurden.

Die Hotelzimmer und Suiten entstanden in Hybridbauweise aus Stahlbetondecken mit integrierter Deckenheizung und -kühlung und tragenden Brettsperrholzwänden. Ausgestattet sind sie mit offenen Designbädern, teilweise freistehenden Badewannen und Holzmobiliar. Bodentiefe Panoramafenster eröffnen je nach Lage Ausblicke in den rückwärtig angrenzenden Stadtwald oder in die voralpenländische Berglandschaft des bayerischen Oberlandes vor dem Hotel. Deren Topographie prägte zugleich den Hotelentwurf mit, der sich sensibel in die Landschaft einfügt.

"Kein Standardhotel, sondern ein Haus, das für morgen und übermorgen gebaut ist."

Johannes Tien, Inhaber Hotel Bergeblick

Hotel-Highlight: das "Senses House"

Das persönliche Highlight von Johannes Tien ist das „Senses House“ mit Meditationsraum, Sauna und Infrarotkabine. Der Flachbau mit überstehendem Dach und kleinerem Kubus sowie umlaufender Terrasse komplettiert das Naturness-Konzept der Betreiber, das für Wellness in der Natur steht. Bewusst wurde teils auf Wände, Türen und visuelle Grenzen verzichtet, der zugehörige „Bio Living Pool“ kommt ohne chemische Zusätze aus. Während sich die Saunen in Richtung des angrenzenden Waldes orientieren, können die Gäste im Ruheraum den Blick auf die Berge genießen. „Das Senses House wollen wir auch für Retreats, Yoga und Pilates nutzen“, so Tien. Ein weiterer USP ist die „bayerische Gumpe“ im Außenbereich, ein Tauchbecken, inspiriert von den mexikanischen „Cenote“, sprich Karsthöhlen mit Wasserlöchern. „Das 5 bis 10 Grad warme Wasser kommt von den Stadtwerken, wird biologisch aufbereitet und durch Umkehrosmose gesäubert“, erläutert Tien. „Das ist wie wenn sie in die Isar springen.“ Beheizte Sitzplätze, dezentes Licht und wenig Außenreize sollen zusätzlich für „Entschleunigung“ sorgen.

Doch kein Hotelbau ohne Herausforderungen: Das Bodengutachten attestierte zwar einen versickerungsfähigen Boden, bei den Bauarbeiten stieß Tien jedoch auf Moränenboden und musste daher zusätzlich zwei Retentionstanks mit insgesamt 100.000 Liter Fassungsvermögen einbauen, die über Drosselschächte das Wasser ableiten. Auch mit Baupreisverteuerungen und Materialknappheiten hatte er infolge der Krisen zu kämpfen, aber: „Bei Holz, Stahl und Dämmung hatten wir glücklicherweise frühzeitig disponiert und auch die Gewerke ein halbes Jahr vorher vergeben.“ Die Naturverbundenheit, die sich durchs gesamte Hotelkonzept zieht, war den Betreibern auch beim Energiekonzept wichtig. So setzen sie auf Hackschnitzel- und Photovoltaikanlagen. Auf eine Klimaanlage haben sie bewusst verzichtet, um den CO2-Fußabdruck zu minimieren. Doch der bislang heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gibt auch Johannes Tien zu denken. Er will künftig die Deckenheizung in den Fertigbetondecken in der heißen Jahreszeit mit kaltem Wasser speisen, um dadurch die Zimmertemperatur um drei bis fünf Grad zu reduzieren.

Steckbrief Hotel Bergeblick

  • Eröffnung: 5. August 2023
  • Inhaber und Betreiber: Andrea und Johannes Tien, Tien Senses Betriebs GmbH
  • Investitionssumme: zirka 20 Millionen Euro
  • Bauzeit: November 2021 bis Juli 2023
  • Architektur: Beham Architeken, Dietramszell
  • Interior: Andrea Tien; Objekteinrichter Feil aus Siegsdorf
  • Gesamtfläche Hotelareal: 10.000 qm
  • Brutto-Grundfläche (BGF): 5.519,68 qm
  • Netto-Raumfläche (NRF): 4.741,60 qm
  • Zimmer und Suiten: 38 Doppelzimmer (25 qm), 8 Suiten (38 qm), 3 Private Lodges (26 qm)
  • Wellness: Senses House mit Meditationsraum, Außenpool (14x4 m), Sauna mit Waldblick, Erlebnisdusche mit Farblicht sowie In- und Outdoor-Spa mit Ruhebereich, drei Saunen, Infrarot-Kabinen, Beauty Lounge, Außendusche, Gumpe, Ruhe- und Fitnessraum auf insgesamt 500 qm
  • Tagung: Konferenzraum für 20 Gäste
  • Preise: Zimmer ab 139 Euro, Suite ab 199 Euro, Lodge ab 249 Euro – pro Person/Nacht
  • Mitarbeitende: 18