Hotelreportage Haus Ella: Ein Hotel mit Taktgefühl

In einigen Zimmern wurde das Bad als Box gebaut (im Bild rechts). Die Himmelbetten fertigten Schreiner aus der Region an.
In einigen Zimmern wurde das Bad als Box gebaut (im Bild rechts). Die Himmelbetten fertigten Schreiner aus der Region an. © Jonathan Sage

Im oberbayerischen Au in der Hallertau hat Familie Haslberger ein Hotel geschaffen, das seine Geschichte nicht versteckt. Wie historische Substanz und die Leidenschaft für Musik zusammenfinden.

Manchmal steckt man in einem Projekt so tief drin, dass man erst mit etwas Abstand erkennt, wo es noch hakt. Daniela Haslberger aus Oberbayern hat diese Erfahrung bei ihrem neuen Hotel Haus Ella gemacht. Jahrelang hatte sie mit ihrer Familie an dem Projekt gearbeitet, geplant, verworfen und wieder neu gedacht.

Das denkmalgeschützte Haus mitten im 6.000-Seelen-Ort Au in der Hallertau sollte um einen Neubau und einen Parkplatz erweitert werden. Vieles war längst entschieden, die Planung weit fortgeschritten. Doch eine Frage war dabei offenbar nie richtig gestellt worden: Wo soll eigentlich das Herz des Hauses sein?

Die Laufwege der Gäste im Blick

Die Antwort kam der Hotelchefin schließlich nach Feierabend – beim Joggen. Bislang war vorgesehen, dass die Gäste von vorn ins Haupthaus kommen, wo sich auch die Gaststube befindet. Doch der Parkplatz liegt hinter dem Gebäude. Die Anreisenden hätten mit ihren Koffern also einmal um das gesamte Haus laufen müssen. „Eher ungünstig“, sagt Haslberger. Also wurde die Planung mitten im Projekt umgeworfen.

Der neue Haupteingang liegt heute genau dort, wo Alt- und Neubau aufeinandertreffen. Die Entscheidung hat sich gelohnt. Wer heute das Haus Ella betritt, kommt vom Parkplatz direkt in die Lobby und blickt auf den Rezeptionstresen. Links davon lädt eine Lounge mit gemütlicher Fenstersitzbank, Tischen und Stühlen zum Verweilen ein. Dahinter schließen sich Café-Bereich, Gasthaus und Tagungsräume an. Schon hier zeigt sich, was das Haus ausmacht: Hochwertiger Terrazzoboden, eine offene Betondecke und graue Wände treffen auf einen klar gestalteten Rezeptionstresen, der mit marokkanischen, zelligen Fliesen verkleidet ist. Zwei knallblaue Holzstühle setzen davor einen stilsicheren Akzent. An der Wand hängen ein alter Schlüsselkasten und Kunstwerke mit Neon-Details.

Das Haus Ella besteht aus dem denkmalgeschützten Haupthaus, einem ehemaligen Saalbau und dem Neubau namens Hopfenhaus. Wenn alles fertig ist, soll es 42 Zimmer bieten. Die Zimmer verteilen sich auf vier Kategorien – vom Standard-Einzelzimmer über Comfort-Einzel- und Doppelzimmer bis zum Standard-Doppelzimmer. Zum Haus gehören zudem ein Café, eine Gaststätte, drei Seminarräume und ein Biergarten unter alten Kastanien. Im Dachgeschoss des Haupthauses entsteht derzeit ein kleiner Wellnessbereich mit Sauna und Ruheraum.

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    Das Haupthaus aus dem Jahr 1905 ist denkmalgeschützt.
    © Jonathan Sage
    Das Haupthaus aus dem Jahr 1905 ist denkmalgeschützt.
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    Die Gaststube wurde behutsam modernisiert. Historische Wanddekore wurden teilweise freigelegt (links im Bild).
    © Jonathan Sage
    Die Gaststube wurde behutsam modernisiert. Historische Wanddekore wurden teilweise freigelegt (links im Bild).
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    Braun- und Naturtöne sowie schwarze Akzente dominieren die Loungeecke.
    © Jonathan Sage
    Braun- und Naturtöne sowie schwarze Akzente dominieren die Loungeecke.
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    Aufgrund des Bestands ist fast jedes Zimmer im Haus Ella anders konzipiert.
    © Jonathan Sage
    Aufgrund des Bestands ist fast jedes Zimmer im Haus Ella anders konzipiert.
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    Innenarchitektin Heike Witzgall-Spörl arbeitet schon seit 15 Jahren für Familie Haslberger.
    © privat
    Innenarchitektin Heike Witzgall-Spörl arbeitet schon seit 15 Jahren für Familie Haslberger.

Erfahrene Hoteliersfamilie

Die Unternehmerfamilie hat mit der Villa Weiß in Helmbrechts und den Hotels Garni Maximilian’s und Max Zwo in Dingolfing bereits Erfahrung mit dem Bau von Hotels gesammelt. Doch beim Haus Ella war vieles komplizierter: Genehmigungen, Denkmalschutz, Corona, schwieriger gewordene Förderprogramme und steigende Baukosten verlängerten das ursprünglich geplante Vorhaben erheblich. Rund fünf Jahre zog sich der Bau hin.

Dabei hatte die Familie das Areal schon viele Jahre zuvor im Auge. Der alte Gasthof stand seit einigen Jahren leer, Fremdenzimmer hatte es dort schon früher gegeben. Für Daniela Haslberger lag eine Hotelnutzung deshalb nahe – auch weil die Familie selbst in der Region lebt. „Wir wollten unbedingt noch ein Hotel in der Nähe des eigenen Wohnorts“, sagt sie.

Doch aus dem alten Gasthof sollte kein gewöhnliches Hotel werden. Das Haupthaus selbst steht unter Denkmalschutz. Alte Böden, Doppelfenster und andere historische Elemente sollten erhalten bleiben, wo immer es möglich war. Dafür arbeiteten die Bauherren eng mit der Denkmalbehörde zusammen. Für das Nebenhaus und die Scheune galten diese Auflagen nicht. Ein altes Metzgerhäuschen auf dem Areal musste weichen, weil die Familie sonst keine wirtschaftlich tragfähige Zahl an Zimmern hätte unterbringen können.

Fenstern in die Vergangenheit

Wer heute durch das Haus geht, begegnet der Geschichte nicht nur auf alten Fotos. Sie steckt in den Wänden. Unter Putz und Tapeten kamen historische Wandoberflächen zum Vorschein. Stellenweise wurden sie freigelegt und als „Fenster zur Vergangenheit“ erhalten. Komplett freilegen wollte und konnte die Familie die Flächen allerdings nicht – der Aufwand wäre zu groß und zu kostenintensiv gewesen. So blieben die historischen Spuren dort sichtbar, wo sie sich sinnvoll in die neuen Räume integrieren ließen.

Daniela Haslberger hat selbst mit angepackt. Sie kratzte Tapeten von den Wänden und entdeckte darunter immer wieder neue Schichten. Auch der alte Boden bekam eine neue Chance. Jede Fuge wurde ausgekratzt, der Boden zunächst mit einer Stahlbürste gereinigt und anschließend mit Leinöl behandelt. Die alte, knarzende Treppe wurde instandgesetzt und dunkel geölt. Im Eingangsbereich hängen Fotos der Vorbesitzer und eine alte Aufnahme des Gebäudes. Sie erinnern daran, dass dieses Haus schon lange vor seiner Zeit als Ella ein Ort des Zusammenkommens war.

Für Innenarchitektin Heike Witzgall-Spörl, die mit ihrem Studio Wibs Berlin bereits seit rund 15 Jahren mit der Familie arbeitet, war genau das der Ausgangspunkt für die Gestaltung. „Ein altes Haus gibt immer eine Richtung vor“, sagt sie. Man müsse nur darin stehen, es auf sich wirken lassen und verstehen, was bereits vorhanden ist.

Steckbrief Haus Ella

  • Eröffnung: September 2026
  • Inhaber/Bauherr: Familie Haslberger
  • Betriebstyp: Designhotel
  • Zimmerzahl: 42
  • Zimmerpreise: 99 bis 159 Euro pro Zimmer, ohne Frühstück
  • Angebot: Café, Restaurant, drei Seminar­räume, Biergarten, Wellnessbereich mit Sauna und Ruheraum (im Bau)
  • Bauzeit: ca. 5 Jahre
  • Architekt/Generalunternehmer: Hubert Ingenieurbüro, Mainburg
  • Innenarchitekt: Heike Witzgall-Spörl, Studio Wibs, Berlin
  • Investition: keine Angaben
  • Ausstatter: u. a. De Ploeg, House Doctor, Ideal Standard, Westwing, Pamono, Connox, Ariston, Hay, FBF Bed and more, Hörmann, Fliesen: Royal mosa, Golem Berlin, Florim

Witzgall-Spörl wollte die alten Gebäude nicht aufhübschen und auch keine künstliche Vergangenheit inszenieren. Ihr Ziel war es, die Besonderheiten und früheren Nutzungen zu erhalten und in eine moderne Nutzung zu übersetzen. Dafür setzte sie auf natürliche Materialien und ehrliche Oberflächen: Holz, Terrazzo, Kalkputz, Beton, Naturstein, Mineralfarben und Leinen. Dazu kommen alte Gemälde und Vintage-Möbel, die bereits ihre eigene Patina mitbringen.

Das Ergebnis sollte wohnlich und hochwertig sein, aber nicht geschniegelt. „Es sollte nicht heimelig verramscht aussehen“, beschreibt es Tochter Lena Haslberger, die vor rund vier Jahren in das Familienunternehmen eingestiegen ist. Eigentlich kommt sie aus der Musikszene, spielt Gitarre und Bass und arbeitet als Songwriterin. Mit ihrer Mutter arbeitet sie gern zusammen: „Wir haben ein gutes Gespür, was wir wohnlich und schön finden.“

Mit dem VW-Bus auf Schatzsuche

Im Haus Ella ist das eine Mischung aus Alt und Neu, nordisch angehaucht und urban. Ein alter Gesindetisch steht im Cafébereich. Vintage-Stühle wurden auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden gefunden, abgeschliffen und neu gestrichen. Daniela und ihre Tochter Lena fuhren dafür mit dem VW-Bus durchs Voralpenland und klapperten unzählige Antiquitätenhändler ab. Auch im Internet wurden die beiden fündig – unter anderem bei Connox, Westwing und Pamono.
Bei den Lampen setzen die Hoteliers ebenfalls auf Alt und Neu. Gebrauchte Lampen fanden sich im Keller des Hauses. Sie wurden aufgearbeitet und mit neuen Glühbirnen versehen. Wiederkehrendes Stilelement im ganzen Haus sind die „Hay Paper Shape“-Lampen, die in Lobby und Zimmern in unterschiedlichen Höhen hängen.

Komplett reibungslos lief die Gestaltung trotzdem nicht. Interior, sagt die Familie, sei immer ein Prozess. Allein den Lobbybereich stellten sie sechsmal um, weil er ihnen zu bieder wirkte. Auch der Teppich in der Lounge sorgte für Diskussionen. Heute ist Lena froh über den Berberteppich, der dem eher kühlen Raum eine warme Note verleiht.

Beim Prozess halfen Moodboards, die sich die Familie und Heike Witzgall-Spörl regelmäßig zuschickten. Vieles wurde nicht am Schreibtisch entschieden, sondern erst im Raum. Die Gestaltung der Zimmer folgt dabei keinem einheitlichen Schema. Schon die Grundrisse des alten Gebäudes sorgen dafür, dass jeder Raum etwas anders ist.

Im Haupthaus haben die Zimmer teilweise freistehende Badewannen und kleine Terrassen. Doppelfenster wurden erhalten und energetisch durch zusätzliches Glas ergänzt. Im Neubau verfügen die Zimmer über Einbauküchen. Creme- und Weißtöne dominieren im ganzen Hotel, Rattanlampen sorgen für Wärme.

Technik hält sich im Hintergrund

Den Hoteliers war wichtig, dass sie technische Lösungen möglichst unauffällig in die Räume einfügen. In einigen Zimmern wurde das Bad als Box gebaut, weil dort zugleich der Warmwasserboiler untergebracht werden konnte. Das System, das über Ariston gesteuert wird, ermöglicht es, Wärme punktuell dort bereitzustellen, wo sie gebraucht wird, statt das gesamte Haus beheizen zu müssen. Auf den Fernsehern sollen Leinenhauben dafür sorgen, dass die Technik nicht zu dominant wird.

Dass ein solches Projekt nicht ohne Reibung funktioniert, verschweigt Witzgall-Spörl nicht. Alte Gebäude seien unberechenbar. Feuchtes Mauerwerk könne plötzlich eine Wandheizung notwendig machen. „Gewerke machen immer mal ihr Ding, man muss ständig mit nicht geplanten Umständen umgehen“, resümmiert die Innenarchitektin. Mit dem Denkmalpfleger musste Witzgall-Spörl beispielsweise um die Fassadenfarbe ringen. Bei den Untersuchungen war ein sehr dunkler Grünton zum Vorschein gekommen. Am Ende einigte man sich auf eine andere Farbe.

Der Name „Ella“ ist übrigens eine Abkürzung von Daniela. Das Wort „Haus“ wiederum war bewusst gewählt: Es klingt etwas antiquarisch und passt zu dem Gedanken, hier einen Ort für Musik, Kunst, Kultur und Begegnung zu schaffen. Fünf Klaviere stehen in den öffentlichen Bereichen. Es gibt mehrere Seminarräume, einen Übungsraum und ein Studio im Dachgeschoss. Musikkurse sollen hier stattfinden, ebenso Veranstaltungen aus dem Bereich Kunst und Kultur.

Das Haus soll damit mehr sein als ein Ort zum Übernachten. Und Tochter Lena kann hier zwei Leidenschaften verbinden: das Gastgebertum und die Liebe zur Musik.    

>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 10-11/2026 erschienen.