Wie Gäste beherbergt werden, darüber berichtet Tophotel in jeder Ausgabe. Doch wie und wo wohnen eigentlich die Hoteliers? Wie gelingt den Unternehmern der Privathotellerie die Work-Life-Balance? Hotelchefs geben Tipps und Einblicke zu diesem Spagat.
Grundsätzlich haben Hoteliers zwei Möglichkeiten: auf dem Hotelgelände zu wohnen oder außerhalb. Der Blick in die Praxis zeigt, dass beide Varianten genutzt werden. Dominic Müller entschied sich für die zweite. Bevor er mit seiner Frau Ilka 2008 das Hotel Ritter Durbach übernahm, verantwortete er in Myanmar das Savoy Hotel in Yangon und das Ngapali Beach Resort am Golf von Bengalen. „Damals haben wir direkt in den Hotels gewohnt. Ergebnis: Seitdem war uns völlig klar, dass wir ein privates Refugium für die Familie benötigen. Das war ein wichtiges Learning“, so Müller. Seine Erkenntnis: „Man hat sonst kaum Privatleben. Die Mitarbeiter wissen: Der ist im Hotel, den kann ich fragen. Und Gäste wollen unbedingt ihre Erlebnisse an der Bar teilen. Unsere Branche ist sehr arbeitsintensiv und mitunter mental belastend. Umso wichtiger ist ein privater Rückzugsort.“
Das heutige Haus von Familie Müller ist – und so ist es im Fall des externen Wohnens offenbar meist – nur etwa zwei Minuten mit dem Auto entfernt. Im wahrsten Sinn „naheliegend“ und quasi der goldene Mittelweg. „Denn wenn es wirklich notwendig ist, sind wir umgehend vor Ort. Mein Telefon ist in Reichweite und immer eingeschaltet“, erläutert Dominic Müller, und: „Aus meiner Sicht bringt diese Variante nur Vorteile. Sie ist aber natürlich auch deshalb umsetzbar, weil unser Betrieb eine gewisse Größe hat. Die Abteilungsleiter übernehmen viel Verantwortung und federn ab, hinzu kommt die besetzte Stelle des Nachtportiers. Der Hauptvorteil besteht für mich im Nutzen für die Familie: Wenn ich zu Hause bin, haben die Kinder und meine Frau den Vater beziehungsweise Ehemann voll und ganz. Ist das Familienleben intakt, überträgt sich das positiv auf das Berufsleben. Insofern profitiert auch der Betrieb. Zugleich gibt es vor Ort mehr Raum, der Umsatz produzieren kann.“
Auch Lea Oberhofer kennt beide Perspektiven – sie hingegen wohnt mit ihrer Familie jetzt wieder in dem Hotel in Seis am Schlern, in dem sie auch aufgewachsen ist. Damals hieß es „Ritterhof“ und wurde von den Eltern geführt. 2019 trat Lea Oberhofer zusammen mit ihrem Mann Simon Leitner die Nachfolge an. Im Rahmen eines Erweiterungsumbaus positionierten sie das Haus neu und feierten 2022 unter dem Namen „Sensoria Dolomites“ Wiedereröffnung. „Als Kind schätzte ich die Nähe und 24-stündige Präsenz meiner Eltern sehr“, erinnert sich Lea Oberhofer an den Wohnort Hotel. Als ihr Mann und sie nach zehn Jahren Auslandserfahrung nach Südtirol zurückkehrten, quartierten sie sich aber zunächst extern in einer Eigentumswohnung ein. „Die physische Distanz fühlt sich sehr konzernmäßig an, man schließt die Tür und kann mental gut abschalten. Das habe ich sehr genossen“, schildert Oberhofer die Vorzüge der Außer-Haus-Zeit, bevor das Pendel wieder in die andere Richtung umschlug: „Die Entscheidung, wieder auf das Hotelgelände umzuziehen, wurde mit der Geburt unserer ersten Tochter in die Wege geleitet. Es ist einfach praktischer, und ich spüre sehr viele Parallelen zu meiner Kindheit. Ich konnte zügig nach den Geburten wieder operative Arbeiten erledigen, bin schneller erreichbar, wenn unsere inzwischen drei Kleinen mich brauchen.“
„Es wirkt sich positiv auf die Effizienz und Produktivität aus, im Hotel zu wohnen.“
Lea Oberhofer, Sensoria Dolomites
Lag die Betriebswohnung vor dem Umbau im ersten Stock, wo Gäste sehen konnten, wann die Hoteliersfamilie die eigenen Räumlichkeiten verließ, so liegt sie nun, mit separatem Zugang, im Parterre. Früher gab es an dieser Stelle Gästezimmer, die aber nicht zu den gefragtesten zählten: Aufgrund des benachbarten Waldes waren sie eher schattig, und die angrenzende Hotelwäscherei war akustisch wahrnehmbar. „Wir hingegen lieben das ‚Forest-Feeling‘ mit dem mystischen Bach vor der Tür“, so Lea Oberhofer, für die ohnehin die Vorteile überwiegen: „Nach meinem Eindruck wirkt es sich positiv auf die Effizienz und Produktivität aus, im Hotel zu wohnen, ebenso auf die Customer Experience.“ Um die Privatsphäre zu schützen, hat das Ehepaar Oberhofer-Leitner stille Stunden beziehungsweise Tage definiert. An diesen ist es nur bei wirklich extremen Notfällen erreichbar und wird ansonsten von der Direktionsassistenz vertreten. Die zuvor selbst genutzte Eigentumswohnung wurde übrigens in Mitarbeiterunterkünfte umgewandelt, „die man sich wie eine Studenten-WG vorstellen kann, mit mehreren Einzelzimmern samt eigenem Bad“.
Anpasste Verhältnisse je nach Lebenssituation
Bei Silvia Gschößer und Markus Rist, Betreiber des Mari Pop Hotels in Ried im Zillertal, ist die Situation ähnlich. „Wir haben vor der Generalsanierung 2019/20 nicht im Hotel gewohnt, sondern in einer Wohnung im Ort. Diese lag zwar nur ein paar hundert Meter entfernt, aber wir waren dennoch den ganzen Tag im Hotel. Wir sind eine Familie mit drei Kindern. Im Hotel lässt sich unser Haushalt effizienter organisieren, und wir haben mehr Zeit miteinander. Das bisschen weniger Privatsphäre nehmen wir da gern in Kauf.“ Die jetzige Wohnung, die sich über zwei Etagen erstreckt, befindet sich im neuen Anbau, stellt eine eigene Einheit dar und ist nicht in die Räumlichkeiten des Hotelbetriebs integriert. „Wir gelangen direkt ins Freie, ohne vorher durch die Flure oder durch das Restaurant gehen zu müssen.“ Das war Silvia Gschößer und Markus Rist wichtig. „Da der Platz aber natürlich sehr wertvoll ist, haben wir nur den nötigsten Raum für uns selbst abgezweigt und leben eher beengt. Derzeit passt es für uns, in ferner Zukunft wird es aber vielleicht auch wieder anders sein.“
Die Töchter von Werner und Tamara Call, Geschäftsführer des Excelsior Dolomites Life Resort in St. Vigil, sind bereits erwachsen. Dennoch entschied sich das Ehepaar im Zuge des Erweiterungsumbaus 2018, auf dem Hotelgelände wohnen zu bleiben. Sie verlagerten ihre Wohnung lediglich vom Haupthaus, der „Residence Excelsior“, in das neue Nebenhaus „Dolomites Lodge“, wo ihre Penthouse-Suite keine Nachbarn hat. Die Gäste sind in den Etagen darunter beherbergt. Auch Tochter Giulia bezog eine eigene Wohnung in der DolomitesLodge, während Schwester Noemi in Wien lebt. „Für uns ist es praktischer, zur Arbeit zu kommen und uns auch einmal kurz eine Auszeit ohne weite Wege zu gönnen. Zudem können wir die Einrichtungen im Hotel besser nutzen. Im Notfall sind wir darüber hinaus für Gäste und Mitarbeiter schneller erreichbar“, schildern Werner und Tamara Call ihre Beweggründe.
„Da Platz wertvoll ist, haben wir nur den nötigsten Raum für uns abgezweigt und leben eher beengt. Derzeit passt es für uns.“
Silvia Gschößer und Markus Rist, Mari Pop Hotel, Zillertal
Mittendrin und doch mit Privatsphäre
Amelie und Dominik Posch eröffneten 2008 das Chalet-Dorf LaPosch am Fuße der Zugspitze inmitten der Tiroler Bergwelt. Das eigene Haus liegt zentral im Dorf und bildet das Zentrum. Im Erdgeschoss befinden sich die Anlaufstelle für Gäste, Verwaltung und Versorgung. Eine Etage darüber ist der private Rückzugsraum der Gastgeber. Gut abgeschirmt und mit Blick auf freie Wiesen können sie hier abschalten und das Familienleben genießen. Die Wohnung ist durch natürlichen Sichtschutz abgegrenzt und so ausgerichtet, dass weder die eigene, noch die Privatsphäre anderer Chalets dadurch beeinträchtigt ist. „Wir sind nah bei den Mitarbeitern sowie Gästen, und da uns unsere Arbeit Spaß und glücklich macht, somit genau am richtigen Ort“, berichten die Poschs. Das nahbare Unternehmerpaar ist oft an der „Hutschn“ anzutreffen, einer überdimensional großen Schaukel, an der Loisach oder im Gemüsegarten. Spannend: Das LaPosch ist ein Adults-only-Konzept, Amelie und Dominik Posch leben jedoch mit ihren drei Kindern Leni, Jakob und Ludwig auf dem Gelände. „Wir kommunizieren das transparent gegenüber den Gästen. Durch den weitläufigen und großzügigen Garten gibt es keine Konflikte. Große Kindergeburtstage feiern wir jedoch bewusst meist außerhalb unseres Dorfs“, erzählen die Hoteliers.
Pendeln zwischen Standorten und Konzepten
Das innerhalb dieses Beitrags aber wohl außergewöhnlichste Konstrukt haben Edeltraud und Lutz Sperr gewählt. Ihr Lebensmittelpunkt und Wohnort ist das Business-Hotel Rössle in Stimpfach-Rechenberg. In ihrer Wohnung verzichten sie auf eine eigene Küche, nicht einmal einen Kühlschrank gibt es. „Wir nutzen die Synergien“, bringt es Lutz Sperr auf den Punkt. „Was wir brauchen, nehmen wir uns aus der Hotelküche fix und fertig mit. Wir frühstücken zudem, genau wie unsere Gäste, direkt am Buffet. Dafür nutzen wir unseren Wohnraum optimal und haben ihn als Rückzugsort gestaltet, an dem wir rasch zur Ruhe kommen können. Praktisch war die räumliche Nähe von Wohnung und Hotel auch zu der Zeit, als unsere beiden Kinder noch klein waren, denn so waren wir immer in der Nähe.“
Zwischenzeitlich kamen zum Hotel zwei exklusive Senhoog Ferienhäuser auf der 800 Kilometer entfernten Insel Sylt und zwei Senhoog Luxus-Chalets mit individuellem Fünfsterne-Service im 350 Kilometer südlich gelegenen, österreichischen Leogang hinzu. „Wir haben seitdem nicht nur räumliche Distanzen zu überwinden, sondern auch drei gänzlich unterschiedliche Konzepte zu managen“, so Lutz Sperr. Die Umsetzung: „Auf Sylt gibt es eine Gastgeberin vor Ort, die die Häuser pflegt und bei Bedarf die Gäste betreut. Wir selbst kombinieren unsere Aufenthalte immer mit unseren Ferien. Wir genießen die Zeit, erledigen aber gleichzeitig Dinge, die gemacht werden müssen – bis hin zu Anpassungen am Design oder neue Ideen, die das Ambiente noch verbessern. Das macht uns großen Spaß. Die Chalets in Leogang wiederum werden sowohl von Mitarbeitenden des Hotels als auch durch uns betreut. Mit einem besonderen Dienstplansystem wechselt unser Team im Zehn-Tages-Rhythmus“, erläutern die Unternehmer.
Edeltraud Sperr fährt alle vier Wochen für eine Woche nach Leogang, war im letzten Jahr 70 Tage vor Ort. Lutz Sperr, der gelernte Koch, kommt hinzu, wenn Private Dining gebucht wird oder ein Barbecue für Stammgäste stattfinden soll. „Wer aus unserem Team gerade vor Ort ist, erstellt einen Tagesbericht mit Details und Wünschen der Gäste. Beim täglichen Skype-Call wird alles Wichtige besprochen und abgestimmt. Zudem richten wir mit jedem Gast eine Whatsapp-Gruppe ein.“ So sind die Hoteliers auch dann nah dran, wenn sie nicht persönlich vor Ort sind. Klar ist aber natürlich: „Unser Geschäftsmodell braucht eine präzise Planung, Organisation und viel Disziplin. Aber es bringt uns auch viel Abwechslung, die wiederum inspiriert, Impulse gibt und motiviert. Wir bauen zudem täglich etwas in unseren Tag ein, das uns guttut, und machen mindestens acht Wochen Urlaub im Jahr, währenddessen unser Hotel geschlossen bleibt. Ich habe den Eindruck: Wir leben auf diese Art besonders intensiv“, resümiert ein zufriedener Lutz Sperr.