#Monotalk Suzann Heinemann über Green Hospitality

Suzann Heinemann setzt sich mit dem Greensign Institut für eine nachhaltige und zukunftsfähige Hotellerie ein.
Suzann Heinemann setzt sich mit dem Greensign Institut für eine nachhaltige und zukunftsfähige Hotellerie ein. © Greensign Institut/Fotostudio Charlottenburg

Die Gründerin des Greensign Instituts erläutert, an welchen Hebeln Hoteliers bei Nachhaltigkeit sofort ansetzen können und warum der Generationenwandel Bewegung in die Branche bringt.

Green Hospitality ist viel mehr als ein Bündel einzelner Umweltmaßnahmen. Für Suzann Heinemann, Gründerin und Geschäftsführerin des Greensign Instituts, ist nachhaltige Hotellerie ein Zukunftskonzept, das Ressourcenmanagement, regionale Wertschöpfung, soziale Verantwortung und wirtschaftliche Stabilität zusammenbringt. Im Gespräch erläutert sie, warum gerade der Generationenwandel Bewegung in die Branche bringt, welche Hebel Hoteliers sofort nutzen können – und weshalb Nachhaltigkeit zur Selbstverständlichkeit werden muss.

Tophotel: Frau Heinemann, Green Hospitality ist mittlerweile ein geläufiger Begriff. Was bedeutet er für Sie konkret?

Suzann Heinemann: Green Hospitality bedeutet für mich, Tourismus und Hotellerie so zu gestalten, dass sie ressourcenschonender, klimafreundlicher sowie natur- und umweltverträglicher funktionieren. Wir leben davon, dass Menschen reisen, andere Kulturen kennenlernen und Urlaub machen möchten. Nicht mehr zu reisen, ist deshalb keine Alternative. Aber wir müssen uns als Branche anpassen. Das betrifft Hotels, Gastronomie, Destinationen und Mobilitätsanbieter gleichermaßen. Gäste überlegen zunehmend, wie sie anreisen, wie sie sich vor Ort bewegen oder welches Hotel sie wählen.

Und wir als Anbieter müssen uns fragen: Wie können wir unsere Dienstleistung so gestalten, dass sie auch angesichts des Klimawandels zukunftsfähig bleibt? Das ist ein Gemeinschaftsprojekt. Eine Destination braucht beispielsweise gute Mobilitätsangebote, damit Gäste ihr Auto stehen lassen können. Ein Hotel kann regionale Produkte einsetzen, digitale Prozesse schaffen oder Energie und Wasser effizienter nutzen. Viele einzelne Bausteine ergeben am Ende ein anderes, bewussteres Verständnis von Tourismus.

Ist Green Hospitality damit inzwischen ein ­Synonym für gute Hotellerie?

Ja, unbedingt. Nachhaltigkeit ist für mich ein Qualitätsmerkmal. Wer sich damit beschäftigt, schaut automatisch genauer auf Prozesse, Einkauf, Energie, Mitarbeitende und die gesamte Dienstleistungsqualität. Ein nachhaltig geführtes Hotel muss nicht auf Komfort verzichten. Im Gegenteil: Es ist häufig besser organisiert, zeitgemäßer und bewusster geführt. Green Hospitality ist deshalb kein Zusatzprogramm, sondern Teil guter Unternehmensführung.

„Green Hospitality funktioniert nicht als Projekt einer einzelnen Person.“

Wo beobachten Sie derzeit die größten Veränderungen: bei großen Gruppen oder im Mittelstand?

Bei den großen Hotelgruppen ist der Druck besonders deutlich. Viele internationale Marken haben sich konkrete Ziele gesetzt und erwarten von ihren Franchise-Partnern oder Häusern, dass sie sich messbar nachhaltiger aufstellen und zertifizieren lassen. Das kommt stark „von oben“. Im mittelständischen Hotelmarkt erleben wir dagegen viel intrinsische Motivation. Gerade im Zuge von Generationswechseln sagen viele Unternehmerinnen und Unternehmer: Wir wollen unser Haus langfristig absichern, modernisieren und für die Zukunft positionieren. Nachhaltigkeit ist dort oft nicht nur eine Vorgabe, sondern Teil einer unternehmerischen Haltung.

Woran erkennen Sie beim Betreten eines Hotels, ob Nachhaltigkeit wirklich Teil der Unternehmenskultur ist – oder eher Marketing?

Es sind häufig die kleinen Dinge. Wenn ich mit dem Elektroauto ankomme und eine funktionierende Lademöglichkeit finde, ist das ein erstes positives Signal. Dann schaue ich auf die digitale Customer Journey: Wie läuft die Kommunikation vor der Anreise? Wie digital und unkompliziert sind Prozesse gestaltet? Im Zimmer zeigt sich ebenfalls viel. Liegt überall unnötig Papier? Gibt es Flyer, Aufsteller und Informationen in mehrfacher Ausführung? Oder hat das Hotel eine gute digitale Lösung gefunden?

Auch das Housekeeping ist ein wichtiger Indikator: Wenn ein Gast sein Handtuch sichtbar zum weiteren Gebrauch aufhängt und dennoch täglich neue Handtücher erhält, stimmen Prozesse und Kommunikation nicht.   Und natürlich der F&B-Bereich: Gibt es regionale Produkte? Werden Einzelverpackungen reduziert? Finden Gäste attraktive vegetarische und vegane Alternativen – nicht nur den klassischen Beilagensalat? Nachhaltigkeit sollte sich im Haus spürbar, aber selbstverständlich anfühlen.

Gerade im Luxussegment galt der Verzicht auf kleine Bad-Amenities lange als schwierig. Hat sich das verändert?

Sehr stark sogar. Große, hochwertige Spendersysteme sind heute auch in vielen Fünfsternehäusern akzeptiert. Das war vor einigen Jahren noch deutlich schwieriger. Damals hieß es oft: Das entspricht nicht dem Luxusverständnis unserer Gäste. Heute zeigt sich: Luxus definiert sich nicht über möglichst viele kleine Einwegverpackungen. Gäste akzeptieren nachhaltigere Lösungen, wenn sie gut gestaltet sind, hochwertig wirken und zum Hotelkonzept passen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Erwartungen verändert haben.

Suzann Heinemann

Suzann Heinemann verfügt über fast 30 Jahre Erfahrung in der Hotellerie und gilt als Nachhaltigkeitsvorreiterin. Die gelernte Industriekauffrau und gebürtige Berlinerin war schon in jungen Jahren Miteigentümerin eines großen Tagungshotels in Brandenburg. 1999 gründete sie die Gronowsky & Co. Hotel Consulting und zwei Jahre später die Greenline Hotels als Marketingkooperation für Hotels. Schon früh erkannte Heinemann das Potenzial der Nachhaltigkeit für den Tourismus und gründete 2015 das Greensign Institut als unabhängige Prüfstelle für die Normen Greensign Hotel, Greensign Gastro und Greensign Office. Im gleichen Jahr wurde sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Frank Heinemann Inhaberin des Schlosshotels Blankenburg im Harz (66 Zimmer), das sich durch nachhaltige Hotelführung auszeichnet.

Welche Fragen beschäftigen Hoteliers beim Thema Nachhaltigkeit aktuell besonders?

Nach wie vor Personal und Kosten. Viele Betriebe fragen sich: Wer soll zusätzliche Themen im Alltag umsetzen? Gleichzeitig sind Energie, Lebensmittel, Wäsche und Dienstleistungen teurer geworden. Deshalb sollte Nachhaltigkeit nicht als weiteres Projekt neben dem Tagesgeschäft verstanden werden. Viele Maßnahmen sind Prozessoptimierungen. Sie können Kosten reduzieren, Abläufe vereinfachen und Mitarbeitende entlasten. Es geht nicht immer zuerst um große Investitionen.

Wo sollten Hotels anfangen, wenn sie nachhaltiger werden wollen, aber nur begrenzte Budgets haben?

Zunächst mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Was wird eingekauft? Wo entstehen Abfälle? Wie hoch sind Energie- und Wasserverbräuche? Wie sind Housekeeping, Wäschelogistik und Küchenprozesse organisiert? Oft lassen sich schon durch veränderte Beschaffung und klarere Prozesse Verbesserungen erreichen, ohne dass sofort hohe Investitionen nötig sind. Bei Ersatzanschaffungen lohnt sich der zweite Blick: Gibt es eine langlebigere, energieeffizientere oder besser recycelbare Alternative? Nachhaltig heißt nicht automatisch teurer. Und selbst wenn eine Lösung in der Anschaffung etwas mehr kostet, kann sie sich über Energieeinsparungen, weniger Verbrauch oder eine längere Nutzungsdauer auszahlen.

Welche Nachhaltigkeitsmaßnahmen amortisieren sich aus Ihrer Sicht besonders schnell?

Ein großer Hebel ist das Thema Lebensmittelverschwendung. Inzwischen gibt es Technologien, mit denen Hotels analysieren können, was in der Küche oder vom Buffet im Abfall landet – und warum. Wurden zu große Mengen produziert? Sind Portionen zu groß? Wird am Bedarf vorbei geplant? Das ist eine Investition, die sich oft schnell auszahlt. Weniger Abfall bedeutet weniger Wareneinsatz, weniger Entsorgung und oft auch geringere Energiekosten. Gerade im F&B-Bereich liegt hier großes Potenzial.

Welche Kennzahlen sollten Hotels regelmäßig im Blick haben?

Energie ist der größte Treiber: Strom, Wärme, Kühlung und Wasser. Gerade Gebäudetechnik, Kälteanlagen, Klimatisierung oder Verschattung können einen erheblichen Einfluss auf Kosten und Ressourcenverbrauch haben. Ein weiterer wichtiger Faktor ist Wäsche. Woher kommt sie? Wie lang sind die Transportwege? Wie effizient sind Wechselrhythmen und Abläufe? Das sind Fragen, die man sich stellen sollte. Künftig wird auch die CO2-Bilanzierung noch relevanter. Hotels müssen zunehmend wissen, welche CO2-Emissionen sie beispielsweise pro Übernachtung verursachen. Nur wer misst, kann gezielt verbessern, Fortschritte belegen und auf Anforderungen von Geschäftskunden oder Plattformen reagieren.

Welche Rolle spielen Mitarbeitende für eine glaubwürdige Green Hospitality?

Eine entscheidende. Green Hospitality funktioniert nicht als Projekt einer einzelnen Person. Mitarbeitende müssen verstehen, warum das Hotel bestimmte Ziele verfolgt – und sie sollten aktiv eingebunden werden. Die Küche hat andere Ansatzpunkte als Housekeeping, Technik, Empfang oder Einkauf. Deshalb kann es sinnvoll sein, Verantwortlichkeiten in den Abteilungen zu definieren. Mitarbeitende kennen ihre operativen Bereiche sehr genau und bringen häufig die besten Ideen mit. Zugleich gehört zur Nachhaltigkeit auch die soziale Verantwortung: faire und verlässliche Arbeitsbedingungen, Gesundheit, gutes Essen für das Team und eine Unternehmenskultur, die Mitarbeitende ernst nimmt. Wer sein Unternehmen langfristig sichern will, muss ökologisch und ökonomisch verantwortungsvoll handeln.

„Nur wer misst, kann gezielt verbessern und auf Anforderungen reagieren.“

Wie haben sich die Erwartungen der Gäste verändert?

Viele Gäste suchen noch nicht ausschließlich nach einem nachhaltigen Hotel. Sie entscheiden weiterhin nach Lage, Preis, Bewertungen, Zielgruppe oder persönlichem Anlass. Aber Nachhaltigkeit wird mehr und mehr vorausgesetzt – als Teil eines guten Gesamtangebots. Wenn Menschen privat bewusster konsumieren, auf Ernährung, Produkte oder Herkunft achten, erwarten sie diese Haltung zunehmend auch im Urlaub. Nachhaltigkeit ist dann das positive Extra: Das Hotel passt zur Destination, bietet Qualität und vermittelt zusätzlich ein gutes Gefühl. Im Geschäftsreise- und Tagungssegment ist die Entwicklung noch deutlicher. Unternehmen haben eigene Nachhaltigkeitsziele und müssen ihre Lieferketten dokumentieren. Hotels, die viele Geschäftsreisende oder Veranstaltungen beherbergen, werden künftig verstärkt belastbare Informationen und Nachweise benötigen. Sonst kann es passieren, dass sie bei bestimmten Anfragen gar nicht mehr berücksichtigt werden.

Ist Nachhaltigkeit also ein Preisargument?

Ich würde es eher als Qualitätsargument bezeichnen. Gäste sind bereit, für gute Qualität zu bezahlen. Nachhaltigkeit kann ein Bestandteil dieser Qualität sein – aber sie gleicht eine schlechte Leistung nicht aus. Der Gast ist heute informierter, viel gereister und anspruchsvoller. Er merkt schnell, ob ein Hotel sein Versprechen einlöst. Nachhaltigkeit muss deshalb mit guter Dienstleistung, passenden Produkten, Komfort und einem stimmigen Konzept verbunden sein.

Ab 27. September gelten mit der EmpCo-Richtlinie der EU strengere Regeln für Nachhaltigkeitskommunikation. Was bedeutet das für Hotels?

Hotels sollten jetzt ihre Kommunikation überprüfen: Website, Broschüren, Speisekarten, Angebots- und Verkaufstexte. Allgemeine Aussagen wie „nachhaltig“, „umweltfreundlich“ oder „klimaneutral“ dürfen nicht einfach pauschal verwendet werden, sondern müssen konkret und belegbar sein. Das ist für die Branche eine wichtige Entwicklung. Es geht nicht darum, dass Hotels weniger über ihre Fortschritte sprechen sollen. Im Gegenteil: Sie sollten konkret kommunizieren, was sie tun – etwa regionale Lieferketten, Ökostrom, Abfallvermeidung, zertifizierte Prozesse oder gemessene Verbräuche. Transparenz schafft Vertrauen.

Kann Digitalisierung oder KI Hotels nachhaltiger machen?

Ja, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird. Digitalisierung spart zunächst einmal Ressourcen, etwa Papier, Zeit und unnötige Wege. KI und Automatisierung können Hotels beispielsweise bei der Auswertung von Energieverbräuchen, bei der Analyse von Lebensmittelabfällen, im Reservierungsprozess oder in der Gästekommunikation unterstützen. Aber Technologie ist kein Selbstzweck. Ein digitaler Check-in passt nicht zu jedem Hotelkonzept. In einem sehr persönlichen Boutique- oder Luxushotel kann der Empfang durch einen Menschen ein wichtiger Teil des Erlebnisses sein. In einem Businesshotel kann ein effizienter digitaler Prozess dagegen für Gäste und Betrieb ein Vorteil sein. Wichtig ist, dass Hoteliers neugierig bleiben und prüfen: Was passt zu meinem Haus? Was erleichtert Mitarbeitenden die Arbeit? Was verbessert das Gästeerlebnis und spart zugleich Ressourcen?

EmpCo-Richtlinie

Ab 27. September 2026 gelten strengere EU-Vorgaben für Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen. Allgemeine Begriffe wie „nachhaltig“, „umweltfreundlich“ oder „klimaneutral“ müssen dann nachvollziehbar belegt werden können. Die Umsetzung erfolgt in Deutschland über das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Verstöße können wettbewerbsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Welche Entwicklungen werden Green Hospitality in den kommenden Jahren besonders prägen?

Das Thema Messen wird noch stärker werden. Hotels werden Verbräuche, CO2-Emissionen und relevante Nachhaltigkeitskennzahlen genauer erfassen müssen. Das schafft Vergleichbarkeit und hilft Betrieben, ihre eigenen Fortschritte zu steuern. Auch die Verbindung von Nachhaltigkeit, Design, Gesundheit und Gastlichkeit wird wichtiger. Beim nächsten Greensign Future Lab Ende November in Berlin wird beispielsweise deutlich, wie eng Themen wie nachhaltiges Design im Luxussegment, Longevity oder modernes Leadership inzwischen miteinander verknüpft sind.

Longevity ist dabei ein spannendes Feld: Gesunder Schlaf, gute Ernährung, Bewegung, Raumklima und soziale Begegnung sind für viele Gäste zunehmend wichtig. Wenn Menschen diese Themen zu Hause für sich entdecken, erwarten sie diese auch im Hotel. Nachhaltigkeit und Longevity greifen deshalb gut ineinander – beide stehen für Qualität, Achtsamkeit und langfristiges Wohlbefinden. Gleichzeitig wird nachhaltiges Wirtschaften immer normaler werden. In fünf oder zehn Jahren werden viele Produkte, die heute noch als „nachhaltige Alternative“ gelten, vermutlich schlicht der Marktstandard sein. Hersteller, Lieferanten und Hotellerie entwickeln sich gemeinsam weiter.

Welche Hotels werden wirtschaftliche Probleme bekommen, wenn sie das Thema Green Hospitality ignorieren?

Besonders Hotels mit vielen Geschäftsreisenden, Tagungen und Veranstaltungen sollten das Thema ernst nehmen. Wenn Unternehmen Nachhaltigkeitskriterien konsequenter in ihre Beschaffung und Reiserichtlinien integrieren, wird es schwieriger, ohne Nachweise oder nachvollziehbare Maßnahmen im relevanten Markt zu bleiben. Eine andere Herausforderung betrifft ältere, sanierungsbedürftige Immobilien. Wenn die Investitionen sehr hoch sind und es keinen Generationswechsel oder keine tragfähige wirtschaftliche Grundlage gibt, wird es schwierig. Das ist aber nicht allein ein Nachhaltigkeitsthema – Nachhaltigkeit macht diese strukturellen Fragen nur sichtbarer.

Was ist Ihr Wunsch für die Green Hospitality?

Dass sie zur Normalität wird – als selbstverständlicher Teil guter Unternehmensführung und guter Hotellerie. Es geht um mehr Achtsamkeit, bessere Prozesse, Technologieverständnis und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Nachhaltigkeit muss ökologisch sinnvoll sein – aber auch ökonomisch tragfähig. Genau darin liegt die große Chance für die Branche.

>> Der Monotalk ist in der Tophotel Ausgabe 7-8/2026 erschienen.