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StartAufmacherSonnenalp-Direktorin Anna-Maria Fäßler::"Existenzängste und Seelenschmerz sind groß geworden"

Sonnenalp-Direktorin Anna-Maria Fäßler"Existenzängste und Seelenschmerz sind groß geworden"

Familienbetriebe leiden in der Krise oftmals besonders unter wirtschaftlichen Existenzängsten. Aber nicht nur darunter, wie Anna-Maria Fäßler mit emotionalen Worten im Interview erzählt. Die Hoteldirektorin der Sonnenalp in Ofterschwang prangert gerade auch die aus den politischen Entscheidungen resultierenden psychologischen Auswirkungen auf die Menschen in der Hotellerie an.

Tophotel: Frau Fäßler, Ihre Familie hat sich seit dem ersten Lockdown mit mehreren persönlichen Briefen an die bayerische Staatsregierung gewandt und den Dialog mit der Branche gefordert, um gemeinsam Hilfsmaßnahmen zu entwickeln, die den Anforderungen der Hotelbetriebe entsprechen. Welche Reaktion haben Sie erfahren?

Anna-Maria Fäßler: Wir haben bis heute keinerlei Antwort von der Regierung bekommen. Unsere persönliche Enttäuschung über diese Nicht-Reaktion der Politik ist immens. Als Gastgeber liegen uns die Beziehungen und die Kommunikation mit den Menschen besonders am Herzen. Aus dieser Haltung heraus grenzt das Verhalten von  Ministerpräsident Söder und Wirtschaftsminister Aiwanger für mich an Stil- und Respektlosigkeit. Warum lassen sie die Branche mit ihrer ganzen Erfahrung nicht Teil der Lösung sein?

Wie beschreiben Sie Ihren aktuellen Gemütszustand?

Der zweite Lockdown hat uns im Wortsinn den Boden unter den Füßen weggezogen. Das Berufsverbot geht durch Mark und Bein. Und dies nicht nur wirtschaftlich. Die Mitarbeiter weinen, und du stehst dabei und musst das aushalten. Wir sind physisch und psychisch am Ende. Die versprochenen Hilfen lassen sich nicht unkompliziert und schnell beantragen – wir sind etwa 60 bis 70 Hotels in Deutschland, die nicht KMU sind und keinen einzigen Euro Zuschuss aus den Überbrückungshilfen bekommen haben. Die Versicherungen lassen uns im Stich, und nicht nachvollziehbare Vorschriften und Verordnungen nehmen uns das letzte bisschen Kraft, um unsere Unternehmen erfolgreich, sozial und wirtschaftlich nachhaltig zu führen. Wir sind erschöpft, Existenzängste und Seelenschmerz sind groß geworden.

Worin liegt die größte Enttäuschung?

Unsere Branche hat früh erfolgreich bewiesen, dass mit funktionierenden Hygienekonzepten auch in Pandemiezeiten Urlaub möglich ist. Wir haben uns engagiert und damit arrangiert, der Bevölkerung auch in diesen Zeiten wenigstens ein bisschen Lebensqualität zu ermöglichen. Auch wenn es mit Masken et cetera eine andere Form der Gastgeberschaft ist, war der Zuspruch der Gäste groß. Wir können durch Hygiene- und Testkonzepte sowie durch eine detaillierte und bestens dokumentierte Kontaktverfolgung einen mindestens genauso sicheren Aufenthalt bieten, wie in einem Einzelhandel- oder Lebensmittelgeschäft.

„Durch das aktuelle Handeln der Regierung werden massive Langzeitschäden der seelischen Gesundheit unzähliger mittelständischer Unternehmensfamilien in Kauf genommen.“

Was vermissen Sie seitens der Politik?

Wir fühlen uns schlichtweg übersehen von der Politik. Mit über 700 Mitarbeitern sind wir die größte touristische Wirtschaftskraft in der Region im Oberallgäu. Und es sind ja nicht nur unsere Existenzen gefährdet, sondern auch die Zulieferer, die Handwerker, die Dienstleister, die Freiberufler, die Künstler, die Musiker. Doch die politischen Entscheidungen nehmen uns jegliche Perspektive für die Zukunft und das für eine gesamte Branche. Die Gesundheit hat in vielen Bereichen – nicht nur in der Pandemie – bei uns immer oberste Priorität, aber durch das aktuelle Handeln der Regierung werden massive Langzeitschäden auch der seelischen Gesundheit unzähliger mittelständischer Unternehmensfamilien in Kauf genommen. Für mich als Unternehmerin und Teil eines Familienbetriebs, den es seit vier Generationen gibt, grenzt das Verhalten der Politik an seelische Körperverletzung.

Ihr Mann Michael Fäßler ist kürzlich nach 40-jähriger Mitgliedschaft aus der CSU ausgetreten (wir berichteten). Das hat Wellen in den B2C-Medien geschlagen. Gab es darauf eine Reaktion seitens der Politik?

Ja, es wurde auf regionaler und bayerischer Ebene Kontakt in Form von Telefonaten aufgenommen, die jedoch keine Lösung oder Strategie für uns in Aussicht stellten. Ein Endlos-Lockdown für die Hotellerie und Gastronomie steht nicht im Verhältnis zu den derzeitigen eingeleiteten Corona-Maßnahmen der Politik. Es liegen keine nachweisbaren Erkenntnisse dafür vor, dass durch eine Verminderung der persönlichen Kontakte in der Hotellerie das Infektionsgeschehen ‚effektiv‘ begrenzt werden kann. Die Nachverfolgbarkeit einer Infektion ist im Hotel besser gegeben, als im Handel oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. In einem Hotel werden Privatdaten eines jeden Gastes in behördlich vorgegebener Form erfasst. Im Übrigen ist ein Hotelzimmer ein Wohnbereich, in dem man mit Menschen seines Hausstandes lebt, vergleichbar mit der eigenen Wohnung.

Die Hotels sollen vorerst bis 10. Januar 2021 geschlossen bleiben. Was muss jetzt von offizieller Stelle kommen?

Wir müssen spätestens ab 10. Januar öffnen dürfen, damit die Entlassungswelle in der gesamten Branche nicht massiv losgetreten wird. Wir brauchen dringend die versprochenen Hilfen, sprich 75 Prozent Umsatzerstattung gegenüber dem Vorjahr für November, Dezember und Januar sowie eine strategische Planungssicherheit. Wir sind kein Reißverschluss, den man öffnen und wieder schließen kann.

Woraus schöpfen Sie noch Kraft?

Wir sind eine ganz starke Familie und trösten uns gegenseitig. Wir kochen zusammen, gehen gemeinsam wandern. Tun uns einfach gegenseitig Gutes. Und natürlich die Mitarbeiter, die hinter uns stehen. Auch das ermutigt uns, weiterzukämpfen.

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