Sandra Baggeler vom Seminarzentrum Gut Keuchhof im InterviewSo könnte die Zukunft der Tagungshotellerie aussehen

Sandra Baggeler, Eigentümerin und Geschäftsführerin des Seminarzentrums Gut Keuchhof, bietet als zertifizierte Trainerin für Resilienz, Achtsamkeit und Persönlichkeitsentwicklung auch individuelle Online-Angebote für mehr Lebensqualität im Alltag an. (Bild: Bine Bellmann)

Sandra Baggeler ist Inhaberin des Kölner Seminarzentrums Gut Keuchhof und selbst als Trainerin tätig. Im Tophotel-Interview erklärt sie, wie sich die Tagungsbranche durch die Coronakrise verändern könnte, welche Bedeutung Hybrid-Meetings und Blended Learning zukommen wird und welche Rolle der Face-to-Face-Kontakt künftig spielen wird.

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Tophotel: Frau Baggeler, wie wirken sich die Ausgangsbeschränkungen auf die voranschreitende Digitalisierung aus?

Sandra Baggeler: Bereits vor der Pandemie haben Unternehmen Videokonferenzen durchgeführt. Dieser Trend wird durch die mit der Coronakrise verbundene Kontaktsperre natürlich beschleunigt. Während viele Trainer virtuell weiter arbeiten können, ist uns als Tagungshaus die Geschäftsbasis entzogen worden.

Also wird auch die Tagungsbranche nach der Krise digitaler?

Meiner Ansicht nach zeigt die Coronakrise sehr deutlich, dass der virtuelle Austausch alleine eben nicht reicht. Das zeigen uns auch die aktuellen Anfragen unsere Kunden, die nach wie vor Präsenztrainings für die Zeit nach dem Shut-Down planen. Teambuildings zum Beispiel  können einfach nur bedingt online geschehen. Der persönliche Kontakt wird nach wie vor elementar für unsere Branche sein.

Durch intensive Gespräche mit Trainern gehe ich aber davon aus, dass Blended Learning nach der Krise noch stärker Berücksichtigung finden werden, also ein Lernmodell, in dem computergestütztes Lernen über das Internet und klassischer Unterricht kombiniert werden. Module, die der Wissensvermittlung dienen, eignen sich hervorragend für Online-Meetings. Brainstormings und das Clustern, also Bündeln der Ideen, kann auch virtuell geschehen. Die Ausarbeitung, das Networking und das gemeinsame Erleben als Eventcharakter werden jedoch auch weiterhin als Präsenzmodule stattfinden.

Sandra Baggeler im Video-Statement

Wie bereiten Sie und Ihr Team sich auf die (digitalere) Zeit nach der Krise vor?

Wir setzen uns gerade aktiv mit dem Thema Hybrid-Meetings auseinander. Wie sieht die Technik aus, welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden und welche Anforderungen haben Trainer und Kunden in diesem Bereich an uns? Im Allgemeinen versteht man unter Hybrid-Meetings, dass einige Teilnehmer vor Ort sind und weitere Teilnehmer online zugeschaltet werden. Egal ob Konferenz, Workshop, Präsentation oder Seminar, mit der entsprechenden Technik können die Teilnehmer von überall zugeschaltet werden und interaktiv teilnehmen. Bei gleichzeitiger Kostenminimierung.

Ein weiterer spannender Ansatz ist das virtuelle Seminarzentrum, das uns zusätzlich eine neue Dimension an Raumkapazität bietet. Ohne dass bauliche Maßnahmen vorgenommen werden müssen, können zum Beispiel Seminare angeboten werden, die eigentlich über die Raumkapazität hinaus gehen. Im Prinzip muss man sich das wie ein gut gestaltetes und animiertes Computerspiel vorstellen. Die Gäste nehmen per Avatar an einem Seminar teil und können sich im vorgegebenen Rahmen überall hin bewegen; sie nehmen nicht nur über ein eingeblendetes Kamerabild teil.

Zudem werden wir uns erneut mit dem Co-Working-Konzept auseinandersetzen und uns mit der Frage beschäftigen, wie wir diesen Ansatz nutzen können, um beispielsweise in Zeiten einer Pandemie unseren Kunden einen Arbeitsplatz für Mitarbeiter außerhalb ihres Unternehmens bieten zu können.

Sie sprachen vorher von geringeren Kosten durch weniger Präsenzmeetings. Wird sich die Kostenstruktur in der Tagungshotellerie dadurch verändern müssen?

Online- oder Hybrid-Meetings erfordern sicherlich eine neue Kostenstruktur. Einige Kosten wie Catering, Hotelübernachtungen sowie die Anreise eines Präsenztrainings reduzieren sich dadurch ja. Die Trainer werden mit ihrer Leistung seitens der Unternehmen mit der Frage konfrontiert: ‘Rechtfertigt ein Online-Coaching den gleichen Preis wie ein Offline-Setting?’

Noch eine Frage zum Thema Trainer: Wie unterstützen Sie Ihre Trainer aktuell?

Viele Trainer haben in den vergangenen Wochen auf digitale Seminare umgestellt. Da ich mich mit unseren Trainern verbunden fühle, war für mich klar, dass ich ihnen neue Möglichkeiten zu mehr Sichtbarkeit der Online-Angebote bieten möchte. Daher habe ich unsere Homepage optisch angepasst. Die Trainer können sich in unserer Blogparade mit ihren Themen und Podcasts vorstellen sowie separat in unserer Rubrik ‘Online-Workshops’ ihre Webinare oder Video-Coachings anbieten. Parallel dazu ist, gemeinsam im Expertennetzwerk der Compusafe AG, die Open Learning Conference entstanden, in der wir mit kostenfreien Webinaren Einblicke in verschiedene Themen geben, die wir darüber hinaus aufzeichnen und auf Youtube anbieten. Dazu zählt zum Beispiel auch mein Webinar über Achtsamkeit im Homeoffice.

Können Sie uns auch noch ein paar Sätze zum Thema Achtsamkeit sagen?

Als zertifizierte Trainerin für Resilienz, Achtsamkeit und Persönlichkeitsentwicklung weiß ich, dass Prozesse in Phasen verlaufen. Wenn es uns gelingt, aus der Schockstarre herauszukommen, sind wir auf dem besten Weg, unsere Kraft wieder zu bündeln und die Sinnhaftigkeit der Krise zu erkennen. Die Krise lehrt uns, im Hier und Jetzt zu sein, da wir jeglicher Planbarkeit, die wir im Unternehmertum benötigen, entrissen werden. Achtsamkeit hilft mir, Gefühle und Gedanken zu beobachten und mich nicht mit ihnen zu identifizieren, um mit Klarheit Entscheidungen treffen zu können. Sie hilft mir, auch bei erhöhtem Arbeitsaufkommen auf Pausen und Auszeiten zu achten, damit ich als Unternehmerin für und mit meinem Team in unserer Kraft bleibe.

Ich praktiziere Achtsamkeit, weil ich damit als Führungskraft meine selbstgesteuerte Neuroplastizität, also die Fähigkeit unseres Gehirns, sich selbst zu entwickeln, stärke. Unser Gehirn unterscheidet nicht, wenn wir uns sorgenvolle Zukunftsgedanken machen oder mit etwas Vergangenem hadern. Für unser Gehirn ist alles, was wir denken, Gegenwart. Gedanken und Gefühle können Stress oder eben auch Motivation auslösen. Darüber habe ich als Co-Autorin im Ende 2019 erschienenen Buch ‘Digital Overload Management’ von Arne Priess geschrieben.

In meinem Atelier für Persönlichkeit arbeite ich bereits seit zwei Jahren sowohl im Off- als auch im Online-Business. Meine Achtsamkeitskurse biete ich auch als Webinare sowie als Online-Format an. Firmen buchen mich derzeit, um ihre Teams im Homeoffice mit Achtsamkeitsübungen zu stärken, und als Burnout-Prävention. Mehr Infos finden Interessierte unter  www.sandrabaggeler.de.

Interview: Verena Usleber

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