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StartHotel+TechnikNachhaltigkeitszertifizierungen::"Zertifizierungen nehmen Gästen Arbeit ab"

Nachhaltigkeitszertifizierungen"Zertifizierungen nehmen Gästen Arbeit ab"

Der Nachhaltigkeitsexperte Wolfgang Strasdas vom Zentrum für Nachhaltigen Tourismus (Zenat) ist überzeugt, dass der Siegeszug von Bio-Lebensmitteln ohne Zertifikate nicht stattgefunden hätte. Deshalb hält er sie auch im Tourismus für unabdinglich. Wie Hoteliers dabei am besten vorgehen, sagt er im Interview.

Hotel+Technik: Herr Strasdas, wie wichtig sind Nachhaltigkeitszertifizierungen in der Hotellerie?

Wolfgang Strasdas: Die Zertifizierungen sind in dieser komplexen, unübersichtlichen Welt ein wichtiges Instrument, um Orientierung zu bieten. Die Zertifizierer – und mit ihnen auch die zertifizierten Hotels – nehmen kritischen Konsumentinnen und Konsumenten die Arbeit ab. Diese müssten sonst vor jeder Buchungsentscheidung selbst bis ins Detail recherchieren, wie nachhaltig in ihrem Wunschhotel agiert wird. Das wäre in der Tiefe vielfach gar nicht möglich.

Das Wort Zertifizierung leitet sich nicht umsonst vom lateinischen „certus“ oder dem englischen „certain“ ab: Es geht darum, sich Gewissheit zu verschaffen, Sicherheit zu bieten. Ich bin überzeugt, dass der Siegeszug von Bio-Lebensmitteln ohne die Zertifikate so nicht stattgefunden hätte. Wenn wir ernsthaft erreichen möchten, dass die Menschen Nachhaltigkeitskriterien bei ihren Konsumentscheidungen berücksichtigen, benötigen wir auch im Tourismus Zertifikate.

Auf Seiten des Gesetzgebers sind Aktivitäten erkennbar, die zeigen, wohin die Reise geht. So werden derzeit die Dienstreise-Richtlinien für die öffentliche Verwaltung überarbeitet. Das entsprechende Hotelverzeichnis, herausgegeben von Bundesinnen- und Bundesforschungsministerium, soll bis Ende 2023 auf zertifizierte nachhaltige Hotels umgestellt werden. Wer adäquat zertifiziert ist, profitiert hier.


Prof. Dr. Wolfgang Strasdas

Der Landschaftsplaner und Tourismusexperte ist Studiengangleiter des Masterstudiengangs „Nachhaltiges Tourismusmanagement“ sowie Leiter des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus (Zenat) an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Daneben ist Wolfgang Strasdas als freiberuflicher Consultant und Trainer aktiv. Ehrenamtlich engagiert er sich unter anderem im Zertifizierungsbeirat des Siegels Tourcert, außerdem ist er Mitherausgeber des Buches „Nachhaltiger Tourismus“ (Verlag UTB).


 

>> Nachhaltigkeit: Zertifikatswahl in der Praxis

Lassen sich nachhaltige Leistungen auch ohne Siegel wirkungsvoll vermarkten?

Bei einem hohen Anteil an Stammgästen lässt sich das Nachhaltigkeitsengagement gegebenenfalls auch ohne Zertifizierung kommunizieren. Wer sich jedoch einer breiten Öffentlichkeit gegenüber (neu) positionieren möchte, benötigt aus meiner Sicht „Brief und Siegel“.

Wie finden Hoteliers im Dschungel der Label das zu ihnen passende?

Nachhaltigkeit ist ein weites Feld. Ein Hotelier sollte sich zunächst also Klarheit darüber verschaffen, wie umfassend er es „bearbeiten“ möchte. Genügt es dem eigenen Anspruch im ersten Schritt, ein umweltfreundliches Hotel zu sein? Zahlreiche Zertifizierungen in der Hotellerie haben einen vorrangig ökologischen Fokus. Oder möchte er auch die soziale Nachhaltigkeit, also unter anderem Themen wie die Mitarbeiterzufriedenheit, miteinbeziehen? Das ist eine Grundsatzentscheidung.

Die Siegelflut ist in der Tat selbst für Fachleute schwer zu durchdringen, zumal es sich um ein dynamisches Marktgeschehen handelt. Wichtige Leitplanken bei der Auswahl sind meiner Meinung nach die Anerkennung durch den Globalen Rat für Nachhaltigen Tourismus (GSTC) und die Bewertung bei Label-online.de, dem Portal des Bundesverbands „Die Verbraucher Initiative“. Hoteliers sollten hier durchaus anspruchsvoll sein. Denn wer sich für ein schwaches Siegel entscheidet, erweist sich möglicherweise selbst einen Bärendienst. Plakativ formuliert: Wer beispielsweise glaubt, sich mit einem papierlosen Büro oder Schlüsselsteckkarten positionieren zu können, macht sich eher lächerlich.

Sie plädieren für eine staatliche Dachmarke. Warum?

Eine Dachmarke auf nationaler oder europäischer Ebene, ähnlich dem Bio-Siegel im Lebensmittelbereich, würde grundsätzliche Mindestkriterien vorgeben und eine größere Autorität und Glaubwürdigkeit ausstrahlen. Gleichzeitig könnten die existierenden Siegel weiterbestehen und Grundlage für eine zügigere Zertifizierung mit der Dachmarke sein. Bestehende Zertifikate zu ersetzen ist schwierig durchzusetzen.

Die Zertifizierungsorganisationen haben Eigeninteressen, beschäftigen Mitarbeitende, für die sie die Verantwortung tragen. Außerdem ist der Tourismus eine vielgestaltige Branche, die unterschiedliche Nachhaltigkeitskriterien erfordert. Unter diesen Rahmenbedingungen ist die Dachmarken-Lösung aus meiner Sicht die richtige.

Bevor sich ein Hotelier mit einer Zertifizierung beschäftigt: Welche Hausaufgaben sollte er gemacht haben?

Eigentlich sind keine erforderlich. Viele Zertifizierer begleiten selbst Unternehmen, die bei Null anfangen, und bieten entsprechende Beratungsangebote. Außerdem gibt es Förderungen, etwa für Energieberatungen. Wer wissen möchte, wo er steht, dem könnte das Toolkit „RU ready for Certification?“ weiterhelfen, das auf Tourism2030.travelife.info, dem Wissensportal für nachhaltigen und verantwortlichen Tourismus, verfügbar ist.

Ganz wichtig ist zudem die innere Überzeugung. Hoteliers sollten nicht aus opportunistischen Gründen heraus aktiv werden, denn das funktioniert erfahrungsgemäß nicht. Mittelfristig wird sich nachhaltiges Engagement auszahlen – langfristig wird nur das zukunftsfähig sein. Wer aber schon jetzt davon ausgeht, dass eine Zertifizierung automatisch den Umsatz erhöht, die Auslastung steigert oder die Zielgruppe nennenswert erweitert, wird möglicherweise enttäuscht sein.

Die Marktwirksamkeit der Zertifikate ist noch eher gering. Und trotz des eindeutig steigenden Nachhaltigkeitsbewusstseins in der Bevölkerung klafft zum tatsächlichen Verhalten noch immer eine deutliche Lücke. Allerdings dürften Unternehmen, die sich auf den Zertifizierungsweg machen, direkt von handfesten Kosteneinsparungen profitieren, beispielsweise im Bereich Energie.

Kosteneinsparungen ließen sich auch ohne Zertifikat realisieren, zumal Zertifizierungen Geld kosten und mit Bürokratie behaftet sind …

Der größte Kostenfaktor, ob mit oder ohne Zertifizierung, ist die Zeit. Ernsthaft nachhaltig zu agieren bedeutet, Mitarbeitende einzubeziehen, besser noch zu begeistern, und neue Prozesse, gegebenenfalls auch neue technische Systeme zu implementieren. Das erfordert Einarbeitung und Expertise. Und diese ist meist bei den Zertifizierern vorhanden, sodass beim Faktor Zeit mitunter sogar gespart wird. Bei den Zertifizierungen sollten Hoteliers meines Erachtens nicht zu sehr auf den Euro, sondern auf die Inhalte schauen.

Mehr Nachhaltigkeit in der Hotellerie: Wo liegen die größten Hebel und Herausforderungen?

Die wichtigsten „Hebel“ sind alle Bereiche, die mit der Klimakrise zu tun haben, also der Energieverbrauch, Emissionen, der Einsatz erneuerbarer Energien und Wasser. In sozialer Hinsicht sind die Arbeitsbedingungen ein zentrales Thema. Vergleichsweise gut aufgestellt ist die Hotellerie in Bezug auf den geringen sogenannten Gender-Pay-Gap, die Unterschiede bei der Bezahlung bei Frauen und Männern. Indes eher schlecht schneidet sie im Branchenvergleich bei Lohnniveau und Arbeitszeiten ab. Hier sollte schon vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels das Eigeninteresse groß genug sein, um zu handeln.

Stefanie Hütz


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