Hoteltest im Orania Berlin Retreat für Ästheten und Kosmopoliten

Als ein Retreat für Ästheten und Kosmopoliten versteht sich das Orania Berlin im Stadtteil Kreuzberg. Eine spannende Ausgangslage, das Schwesterhotel von Schloss Elmau einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Anzeige

MO. 08/04, 16:10
Reservierungsanfrage
„Orania.17-19“, „Orania.21“, „Orania.25“, „Orania.45“: Die Zimmerkategorien im Hotel Orania Berlin sind pragmatisch nach ihrer Größe benannt. Wie sieht ein 17 Quadratmeter großes Zimmer in einem Luxushotel aus? „Schon ziemlich klein“, räumt der Rezeptionist am Telefon ehrlich ein. „Und Sie schauen gegen die Wand des nächsten Gebäudes.“ Er empfehle mir doch eher das „Orania.25“ mit Blick auf den Oranienplatz. Und was die gewünschte Ruhe betrifft: „Wenn Sie die Fenster zulassen, ist dieses Zimmer auch ruhig. Ich komme vom Land, ich kann das beurteilen.“ Ich buche schließlich online das „Orania.17-19“ (Preis/Nacht: 171,07 Euro) ohne Frühstück.
Wertung: gut

Vorabkontakte: „Dufte, dass Sie ins kunterbunte Kreuzberg ­kommen“
Per Fragebogen darf ich meine Wünsche vorab übermitteln. Ich bestelle ein Nackenstützkissen, eine Nespresso-Maschine sowie eine Obstauswahl (Preis: zwölf Euro) aufs Zimmer. Und ich informiere das Hotel, dass ich bereits frühmorgens mein Gepäck abgeben und unbedingt die für die beiden Abende meines Aufenthalts angekündigten Konzerte besuchen möchte. „Dufte, dass Sie morgen zu uns ins kunterbunte Kreuzberg kommen.“ – Guest Relations Managerin Yvonne antwortet persönlich, herzlich und locker.
Wertung: ausgezeichnet

Homepage & Social Media
Die Homepage präsentiert sich ästhetisch, wohlformuliert und mit starken Fotos bestückt. „Retreat“ taucht als Schlüsselwort mehrfach auf, ebenso „kosmopolitisch“, „kreativ“ und „inspirierend“. Begriffe, die gut treffen. Neben allem Wissenswerten zum Orania finden Besucher ausführliche Informationen zum „kreativen Herzen von Berlin“, wie Kreuzberg gern bezeichnet wird. Eine interaktive Map markiert Sightseeing-Spots, Museen, Galerien, Restaurants, und nicht zu vergessen die „Great Bars & Wild Clubs“ von „Berghain“ bis „Würgeengel“. Auf Instagram transportieren topaktuelle und professionelle Fotos den Orania-Lifestyle. Gleiches gilt für Facebook – beide Plattformen werden regelmäßig bespielt.
Wertung: sehr gut

Lage
30 Fünfsterne-Unterkünfte listet Booking.com im Zentrum der Hauptstadt auf, 22 davon in Berlin-Mitte. Und eines in Kreuzberg. Als der Besitzer des bayerischen Luxusresorts Schloss Elmau, Dietmar Müller-Elmau, 2017 am Oranienplatz sein Boutiquehotel eröffnete, hagelte es nicht nur Proteste, sondern auch Steine. Mitten in die panzerverglasten Fenster der Lobby hinein. Für die Kreuzberger ist der Oranienplatz eine symbolträchtige Adresse – hier pulsierte noch vor wenigen Jahren das Herz der linken und autonomen Szene. In deren Augen steht das Orania stellvertretend für die verhasste Gentrifizierung, die Verdrängung der ursprünglichen Bewohner durch Mietsteigerungen und die touristische Infrastruktur.

Dabei stand das 2013 erbaute Jugendstilgebäude, das zuletzt ein Bekleidungshaus beherbergt hatte, lange Zeit leer. Dass ursprünglich in seinem Erdgeschoss das „Oranienpalast Kabarett-Kaffee“ mit musikalischen Aufführungen unterhielt, war ein der Anknüpfungspunkt für Müller-
Elmau. Mehrmals wöchentlich finden in der Lobby Konzerte von Berliner Künstlern statt – kostenlos, versteht sich. Hinzu kommen Klassikkonzerte und Lesungen im „Salon“ auf der fünften Etage. Damit, sowie mit der unprätenziösen Öffentlichkeitsarbeit des jungen Teams und der Unterstützung sozialer Projekte in der Nachbarschaft scheint die Hotelführung auf dem richtigen Weg zu sein. Die Gästeklientel in der Lobby ist jedenfalls bunt gemischt mit Künstlern und lokalen Hipstern, die Szene hat sich beruhigt.
Wertung: gut

FR. 12/04, 17:55
Check-in
Ein fünfstöckiges Eckhaus in dezentem Jugendstil; die Sandsteinfassade gemäß Denkmalschutz saniert. Bei der Ankunft fallen sofort die demolierten Scheiben ins Auge. Fast trotzig wirkt dies – wie ein Statement, dass man sich auch nach eineinhalb Jahren an die letzten gewalttätigen Attacken erinnert. Im Inneren präsentiert sich das Orania behaglich und warm. Ein freundlicher Mitarbeiter in Jeans und mit Hosenträgern heißt mich willkommen. „Dürfen wir Sie erst einmal auf einen Kaffee oder ein Glas Crémant einladen?“ Gern. Den genieße ich in einem der Samtsofas der Lounge, im Blick prasselndes Kaminfeuer, im Ohr die Klänge der Jazz-Band, die gerade für den Abend probt. Ein prima Einstieg in die Cultural-Hideaway-Atmosphäre des Small Luxury Hotels of the World. Rezeptionistin Nadja setzt sich zu mir, erledigt die Formalitäten und gibt mir Tipps, wie ich das Viertel am besten erkunde. Dann bringt sie mich aufs Zimmer – ein „Orania.25“, zum Oranienplatz gelegen: „Gäste, die zum ersten Mal bei uns wohnen, verwöhnen wir gern mit einem Upgrade“, so die freundliche Rezeptionistin. Auch ein kleines Sortiment hausgemachter Schokolade zählt zu diesem Verwöhnprogramm.
Wertung: ausgezeichnet

Zimmer 304
Die hohen, bogenförmigen Fenster, das Eichenholzparkett, der bequeme Sessel und die ruhige Farbstimmung des Zimmers – all das erzeugt Wohlfühlatmosphäre. Von der gepolsterten Fensterbank aus auf den Oranienplatz zu schauen, hat ebenfalls Charme. Dennoch: Der Raum misst knappe 16 Quadratmeter, und außer dem dominanten Bett passt nicht viel hinein. Der Schrank samt Minibar musste deshalb ins Bad weichen. Das Schreibtischlein an der Wand ist mehr als schmal, und auch der schwarze Schemel darunter lädt nicht unbedingt dazu ein, hier länger als nötig zu arbeiten. Groß ist hingegen der Flatscreen, als Standmodell schräg in einer Raumecke positioniert. Die Nespresso-Maschine hat man auf einem fahrbaren Tisch ins Zimmer gerollt; man versteht jetzt, warum sie nicht „serienmäßig“ zur Ausstattung gehört. Diese ist in allen Belangen wertig – von den Dreh-Lichtschaltern im Retrostil über die durchdachte Beleuchtung bis zu den luxuriösen Bettwaren. Alles ist sauber, sieht man einmal vom oberen Teil der Fenster ab, der von außen schwer zu erreichen ist. Als Referenz an den Kiez offeriert ein Display auf dem Fensterbrett Nüsschen, die ein Kreuzberger Kultcafé für das Orania mixt, und den Nagellack eines Trendlabels aus Mitte. Auch die Minibar konzentriert sich auf lokale Alkoholika, Biolimonaden und Energy Drinks. „Janz Berlin is eene Wolke“ steht auf der Begrüßungskarte in Elmau-Rot. Per Hand schreiben die Guest Relations Managerinnen ihre Begrüßung auf die Rückseite – ein persönliches Detail.

Ich vermisse eher profane Dinge wie ein TV-Programm, passende Gläser zu den Getränken und eine Gästeinformation. Letztere existiert weder in gedruckter Form, noch ist sie im Fernseher zu finden. „Dafür müssen Sie unsere App herunterladen“, erklärt mir der Rezeptionist. Das tue ich. Ich finde es aber umständlich und wenig gastfreundlich. Darüber hinaus ist die Gästeinformation in der App nicht sehr umfangreich.
Wertung: gut

Ein „Schrankbad“
Das Bad besteht aus einer großen begehbaren Dusche mit Regen- und Handbrause, Waschtisch mit Holzablage und WC. Hinzu kommen Handtuchheizkörper, Haartrockner, beleuchteter Kosmetikspiegel, Waage sowie zwei Bademäntel. Und ein Kleiderschrank. Tatsächlich wussten sich die Macher des Orania aufgrund des Zimmerzuschnitts wohl nicht anders zu helfen, als dieses Möbelstück im Bad unterzubringen – leider nur eine Notlösung. Wären wenigstens Minibar, Safe und Schubladen übereinander statt nebeneinander eingebaut worden, hätte man ein schmaleres Hängeabteil gehabt, aber doch eines, in das auch Kleid oder Mantel passen. So reicht die Höhe dafür nicht aus. Erst recht nicht, wenn man den Koffer auf die vorgesehene Ablage legt.

Der Schrank ist mit sechs Kleider-, zwei Hosen- und drei Pulloverbügeln bestückt; außerdem finden sich darin eine Jutetasche, ein Regenschirm und ein Körbchen mit Adapter, Schuhlöffel, Schuhputzschwamm, Wäschebeutel und -preisliste. Nachhaltig, organisch, vegan und regional präsentiert sich die Gästekosmetik in großen Behältnissen vom Berliner Label I+M Naturkosmetik. Das Bad wurde sehr gut gereinigt, aber die Beleuchtung am Spiegel ist schwach, die Handtücher sind durchschnittliche Standardware.
Wertung: gut

Wäscheservice
Am Morgen der Anreise habe ich zusammen mit dem Gepäck eine Bluse zum Waschen abgegeben. Am Abend hängt sie – ohne Zellophanüberzug, umweltschonend, gut! – im Schrank. Preis: neun Euro. Die Bluse ist sauber, aber nachlässig gebügelt. Gleiches gilt für ein Shirt, das ich am nächsten Tag dem Housekeeping zum Bügeln gebe. Es braucht sechs Stunden, bis ich es wiederbekomme.
Wertung: befriedigend

19:01 – Roomservice
Von 12:00 bis 22:30 Uhr können die Orania-Gäste im Roomservice aus einer „Light-Meal“-Karte wählen, von 18:30 bis 22:30 Uhr gibt es zusätzlich „Abendbrot“. Was auch immer man aufs Zimmer bestellt – um den Transport der Speisen dorthin muss sich der Gast selbst kümmern. „We make it. You take it – Roomservice zum Abholen“ heißt es lakonisch im Menü. Zur Kompensation wird zwar kein Zimmerservicezuschlag berechnet, doch ob diese für ein Luxushotel doch eher ungewöhnliche Selbstbedienungsidee viel Anklang findet, ist zu bezweifeln. Ich habe Glück: „Es ist noch nicht so viel los“, sagt Restaurantleiter Johannes Linster am Telefon, „wir können Ihnen die Sachen auch hochbringen.“

Höchstselbst steht der vollbärtige Jeansträger eine halbe Stunde später vor meiner Tür und serviert das Gewählte: „Rücken vom Rind. Mais. Mole“. Laut Homepage beschränkt sich Küchenchef Philipp Vogel gern auf das Wesentliche und verwendet in jedem Gericht nur drei Zutaten. Der Rinderrücken ist dafür ein gutes Beispiel: perfekt gebraten, in Tranchen aufgeschnitten, die mexikanische Sauce aromatisch-scharf. Pimientos de Padron als Zugabe, Mais als gegrillte Kölbchen und – raffiniert – süß-scharf karamellisiertes Popcorn. Dazu wird warmes Weißbrot gereicht, in einer Brottüte an den Teller mit Nussbutter und Meersalz gelehnt. Eine delikate Mahlzeit, die einschließlich eines Glases Merlot mit 40 Euro zu Buche schlug. Köstlich ist der Nachtisch in Form einer mit Brombeeren gefüllten Buchtel, die die Mitarbeiterin vor meinen Augen öffnet, bevor sie die warme, hausgemachte Vanillesauce darüber gießt. Hinzu kommt das Brombeersorbet – ein Genuss!
Wertung: gut

21:50 – Bar & Jazz, Live-Konzert im Wohnzimmer
Eigentlich will ich nur kurz einen Drink nehmen und der Jazzband lauschen, die heute einen zweistündigen Auftritt hat. Doch dann nimmt mich gefangen, was das Orania so besonders macht: Wohnzimmeratmosphäre, gemütliche Sofas, Sessel und Sitznischen, Kaminfeuer, subtile Beleuchtung. Und eine bunte Mischung aus Hotel- und externen Gästen – lässig, urban, schick und schrill. Sie wippen zur Musik der großartigen Conexxao Berlin Jazz Band, nippen an ihren Drinks, essen Kleinigkeiten wie den originellen „Orania Klopsdog“ – eine Kalbsbratwurst mit roter Bete, Kapernmayonnaise und Kartoffelknusper (Preis: neun Euro). Manche unterhalten sich, was trotz der Live-Musik gut funktioniert. Ich sitze an der Bar, lasse mich von Barchef Merlin und Keeper Vincent in die Geheimnisse des Mixens einweisen und probiere deren sensationelle Drinks. Die Barkeeper sind auf Zack, kommunikativ, haben ihr Publikum stets im Blick.
Wertung: ausgezeichnet

SA. 13/04, 09:15
Frühstück

Durch einen Vorhang aus bunten Stoffbahnen vom Bar- und Loungebereich getrennt, dient das Restaurant am Morgen als Frühstücksbereich. Und wo am Abend in der offenen Küche die Crew um Philipp Vogel zaubert, werkelt jetzt ein Frühstückskoch. Wer das Frühstück im Zimmerpreis inkludiert oder für 29 Euro dazugebucht hat, kann sich unbegrenzt bedienen: am Buffet und am Angebot der Frühstückskarte. Wer ohne Frühstück gebucht hat und sich ausschließlich ans Buffet hält, zahlt nur zwölf Euro. Speisen von der Karte werden gesondert berechnet. Der Gedanke ist sinnvoll: den Gästen die Möglichkeit zu geben, ein kleines Frühstück einzunehmen, nur das zu berechnen, was er wirklich konsumiert wurde – um dadurch nachhaltig wirtschaften zu können.

Doch die unterschiedliche Berechnung funktioniert nur teilweise. Vielleicht, weil der Service nicht immer mitbekommt, was jeder zu sich nimmt, vielleicht, weil das System noch nicht transparent genug ist. Ich beispielsweise esse ein Birchermüsli vom Buffet. Ananas, Wassermelone und Obstsalat werden bereitgehalten, verschiedene Cerealien und Trockenfrüchte, Nüsse und Beeren, Joghurt sowie dreierlei Milch. Dazu ein frisch gepresster Orangensaft – daneben stehen Karaffen mit Grapefruit- und Vitaminsaft, Wasser sowie kleine Gläser mit Smoothies auf dem Buffet. Für den „Continental Frühstücker“ gibt es je drei Sorten Brot und Brötchen, Croissants sowie Teilchen, Butter, Frischkäse und verschiedene Marmeladen.

Auf der Frühstückskarte stehen neben besonderen Getränken wie Kombucha, Kefir und Sekt Eggs Benedict, zwei fernöstliche und weitere Eierspeisen, Wurst und Käse, Räucher- und gebeizter Lachs sowie Pancakes mit Speck oder Ahornsirup. Ich ordere ein „Grünes Ei“, das sich als Spiegelei mit Avocado und Hüttenkäse entpuppt und dem Klassiker eine frische Note verleiht. Was die Abrechnung betrifft: Ich werde weder nach meiner Zimmernummer gefragt noch danach, welches Frühstück ich gebucht habe. Ich muss auch nichts unterschreiben. Auf der Schlussrechnung finde ich dieses Frühstück mit zwölf Euro („Frühstück vom Tresen“) wieder. Das „Grüne Ei“ wurde nicht berechnet. Am zweiten Morgen trinke ich wieder Saft und Kaffee, lasse mir ein Porridge zubereiten, esse Früchte dazu und zahle – nichts. So lobenswert der Ansatz nachhaltigen Wirtschaftens auch ist – wenn er weder den Gästen noch den Mitarbeitern gegenüber transparent ist, funktioniert er nicht.
Wertung: noch gut

Front Office/Guest Relations Manager
Kaum habe ich nach einem Kreuzberg-Rundgang das Hotel wieder betreten, spricht mich Guest Relations Managerin Yvonne an. Die Eingangstür liegt genau zwischen ihrem Schreibtisch und dem Rezeptionsdesk. Zunächst informiert sie mich über einen für mich eingegangenen Anruf, übermittelt die Nachricht korrekt. Dann erkundigt sie sich, wie es mir geht, ob ich mich wohl fühle, was ich schon unternommen hätte und ob sie etwas für mich tun könne. Welche Wünsche oder Probleme man auch immer als Gast in diesem Hotel hat – Yvonne und ihre Kollegin, auch die sympathischen Mitarbeiter an der Rezeption, sind jederzeit ansprechbar.
Wertung: ausgezeichnet

Kleinste Zimmerkategorien
Ich nutze die Gelegenheit und lasse mir von Yvonne die zwei kleineren Zimmerkategorien zeigen. Danach bin ich doch sehr froh über mein Upgrade. Das „Orania.17-19“ ist trotz des verhältnismäßig geräumigen Bades winzig: kein Schrank, nur ein paar Bügel an der Garderobe, kein Stuhl außer dem Schreibtischschemel, Minibar und Safe sind unter der Kofferablage vorm Bett verstaut. Dieses Zimmer ist nichts für Stubenhocker. „Nein, eher für One-Night-Gäste, die ihr Köfferchen gar nicht erst auspacken.“ Vom Blick auf die hohe, weißgekalkte Mauer gegenüber ganz abgesehen. „Manchmal projizieren wir da was Schönes drauf“, sagt die Guest Relation Managerin. Das barrierefreie „Orania.21“ ist zwar auch nicht groß, bietet jedoch etwas mehr Platz. Und einen Blick über den Hof hinweg auf ein wenig Grün.

Spa-Treatment: Wellness? Fehlanzeige!
Ein Spa sucht man im Orania vergebens. Neben dem gut ausgestatteten Fitnessraum gibt es zwar auch einen Behandlungsraum, allerdings wird dieser nicht genutzt. Massagen im Zimmer, durchgeführt von einem externen Spa-Anbieter, sind laut Rezeption zwar möglich, doch aufgrund der Größe der Zimmer nur in den Suiten: „Es muss ja eine Massageliege aufgestellt werden.“ Pech für den Bewohner eines „normalen“ Refugiums, der eine Massage im Zimmer oder Spa für ein Luxushotel als Standard erachtet. Mit vereinten Kräften und nach ausgiebiger Recherche hat das Team es geschafft, mir kurzfristig für den Samstagvormittag noch einen externen Massagetermin zu verschaffen. Mit einer gepackten Spa-Tasche, einem Gutschein für die vorab bezahlte Massage und guten Wünschen werde ich mit dem Taxi auf die Reise geschickt. Ein kleiner Trost.
Wertung Fitnessraum: gut
Wertung Spa: mangelhaft

Sicherheit
Im Orania lassen sich die Aufzüge – will man in die Stockwerke mit den Zimmern fahren – nur mit der Zimmerkarte bedienen. Zusätzlich sind die Zugänge aus dem Treppenhaus kartenschlossgesichert. Auch die weiteren Brandschutz- und Fluchtwegebestimmungen werden eingehalten. Ist in puncto Sicherheit somit alles in Ordnung? Ja – wenn nicht der Housekeeper den „versehentlich“ unters Bett gerutschten Zehn-Euro-Schein hätte dem Augenschein nach mitgehen lassen. Die Wertung in diesem Segment rutscht damit auf null.
Wertung: ungenügend

Salon statt Spa
Im obersten Stock des Orania hätte man ganz wunderbar ein Spa einrichten können. Doch Dietmar Müller-Elmau hat die Prioritäten anders gesetzt: Ein weitläufiger, behaglich eingerichteter Salon mit Steinway-Flügel, großem Kamin, wandhohen Bücherregalen, Kino-Ecke und Bar bietet vielfältige Möglichkeiten für kulturelle Veranstaltungen und Events aller Art. Ist der Salon nicht genutzt oder vermietet, steht er den Hotelgästen offen. Zum Lesen, zum Arbeiten oder Musizieren.

Turn-down-Service/Schuhputzservice
Ein Abdeckservice fehlt, noch kann man sich die Schuhe putzen lassen. Es gibt nicht einmal eine Schuhputzmaschine. „Das Schuhputzschwämmchen in Ihrem Schrank ist ein wahres Wunderschwämmchen“, sagt der Rezeptionist freundlich.
Wertung: ungenügend

19:05 – Restaurant
Eine zum Gastraum offene Küche signalisiert „Seht her, wir haben nichts zu verbergen“, Letzteres umso mehr, wenn Hochtische direkt am Tresen zur Küche platziert sind und beste Sicht auf das dort stattfindende Treiben bieten. Selbstredend habe ich einen solchen Tisch reserviert und kann mich ganz ungeniert dem Beobachten widmen. Minütlich wächst meine Hochachtung vor dem Küchenteam. Jede Station ist perfekt präpariert, jeder Handgriff sitzt, reibungslos gehen die Abläufe ineinander über – alles wirkt „smooth“. Am Pass steht Philipp Vogel, der nicht nur Küchenchef ist, sondern gemeinsam mit seiner Frau Jennifer auch als Managing Director des Hotels fungiert. Der Koch agiert gelassen und gibt seine Kommandos mit gedämpfter Stimme. Kein Teller verlässt die Küche, ohne dass er einen prüfenden Blick darauf geworfen und gegebenenfalls selbst noch einmal Hand angelegt hätte. Dazwischen findet der sympathische Küchenchef Zeit, sich mit mir zu unterhalten und mir beispielsweise zu verraten, warum das Signature Dish des Restaurants ausgerechnet Peking Ente ist. „Wir stellten in der Vorweihnachtszeit fest, dass unsere Öfen zu klein für Gans sind.“

Die Atmosphäre in dem geschickt beleuchteten Raum ist angenehm. Die Servicecrew agiert in Jeans, Turnschuhen und Schürzen, gut passend zur bunten Gästeschar. Die Peking-Ente in vier Gängen ist der Renner – „fast schon langweilig“, sagt Philipp Vogel. Ich höre auf die Empfehlung von Restaurantleiter Johannes. Auf ein Amuse-Bouche wird verzichtet, aber es gibt wieder das warme Ciabatta von Markthallenbäcker Sironi, mit Nussbutter und Meersalz. Das Büffeltatar ist eine Wucht, würzig abgeschmeckt, mit Rotkohl in den unterschiedlichsten Formen vom Pulver bis zum Crisp angerichtet, dazu gibt es ein mildes Senfeis. Auch die Bouillabaisse – am Tisch zum Hummer aufgegossen – schmeckt köstlich. Johannes Linster hat einen Pouilly Fumé dazu empfohlen, der zu beidem harmoniert. Die Mezzelune, gefüllt mit Ochse und Salbei, zu denen mich Philipp Vogel überredet hat, kann ich nur noch probieren, beim Dessert muss ich passen.
Wertung: sehr gut

22:15 – Bar & DJ, Zurück im Wohnzimmer
Eigentlich will ich nur noch einen Ramazzotti trinken, doch etwas so Profanes wird an der Bar nicht offeriert, weshalb ich einen weiteren Drink probieren „muss“. Heute legt DJ Sonar Platten auf – eine Mischung aus Jazz, Funk, Afro-Beats, Disco und House, unaufdringlich und gut. Die Stimmung in der Lounge ist großartig, die Atmosphäre entspannt.
Wertung: sehr gut

SO. 14/04, 08:00
Weckruf
Fast immer, wenn ich im Orania etwas erbitte, werde ich namentlich angesprochen. Eine schöne Geste, die sich auch beim Weckruf wiederholt. Doch ansonsten fällt dieser ein wenig dünn aus: „Guten Morgen, Herr/Frau XY. Ihr Weckruf!“
Wertung: befriedigend

Zimmerfrühstück
Es gibt viele Gründe, sich die erste Mahlzeit des Tages aufs Zimmer bringen zu lassen – Ruhe, keine Hektik am Buffet, das Frühstück zu zweit im Bett genießen. Welche Gründe gibt es wohl, dem Gast eines Luxushotels diese Möglichkeit zu versagen? Der Room Service im Orania startet um 12 Uhr. Zimmerfrühstück findet laut Karte nicht statt.
Wertung: ungenügend

9:45 – Check-out
Die Abrechnung verläuft zügig und – sieht man einmal von der Frühstücks(nicht)berechnung ab – auch korrekt. Die Gesamtrechnung summiert sich ohne Massage auf 569 Euro. Zwar hätte ich mir die Frage gewünscht, ob man mit dem Gepäck behilflich sein könne, doch fällt die überaus herzliche und freundschaftliche Verabschiedung letztlich deutlich mehr ins Gewicht.
Wertung: sehr gut

Lost & Found
Das liegengebliebene Kleidungsstück wurde gefunden. „Und zwei Bücher“, teilt mir die Rezeptionistin mit. Diese stammen jedoch aus der Bibliothek des Hotels. Das Kleidungsstück wird mir kostenfrei zugesandt.
Wertung: sehr gut

Fazit

„Ohne die Kunst würde ich das Haus nicht betreiben.“ Dietmar Müller-Elmau, der das Orania Berlin gemeinsam mit dem Eigentümer des Gebäudes, Dietrich von Boetticher, konzipiert hat, ist da ganz klar. Der Erfolg gibt ihm recht. „The Orania.Berlin Experience“ ist wie schon „The Schloss Elmau Experience“ etwas Einzigartiges, Besonderes, in dieser Form noch nie Dagewesenes. Dass ein Cultural Hideaway nicht nur im idyllischen Bayern, sondern auch mitten im quirligsten Stadtteil der Bundeshauptstadt funktioniert, liegt sicher an der Weltoffenheit des Konzeptes und daran, dass es vom durchgängig jungen Team mitgetragen wird. Wer an den Abenden die entspannte Atmosphäre bei guter Musik, exzellenten Drinks und ebensolchem Essen genießt – wobei man sich auch nur an einem Bier festhalten und zwei Stunden zuhören kann –, der begreift, was es mit der „Experience“ auf sich hat. Diese Konzerte sind es, die den Luxus des Hotels ausmachen, sowie die superbe Qualität der Speisen und Getränke, die Wertigkeit der Ausstattung und Materialien. Und die herzliche, unkomplizierte Gastfreundschaft, die hier so selbstverständlich gelebt wird. Da verzeiht man dem Luxushotel schon einmal die eigentlich zu kleinen Zimmer und diverse nicht angebotene Serviceleistungen. Sogar das Nichtvorhandensein einer Saunalandschaft. Denn man fühlt sich auch so einfach sehr, sehr wohl im Orania. Im, wie Müller-Elmau es formuliert, ersten „Wellnesshotel ohne Spa“.

Gesamteindruck: 80 % / Testurteil: gut 

100-81 sehr gut;   80-61 gut;   60-41 befriedigend;   40-21 mangelhaft; 20-0 ungenügend. Der Gesamteindruck ist nicht das arithmetische Mittel; die Check-Bereiche sind unterschiedlich gewertet!

Anzeige