HDV-Vorstandswechsel Gangl-Abschied: „Jetzt müssen die Jungen ran“

Jürgen Gangl nach 14 Jahren an der Spitze der HDV: „Verantwortung, Vertrauen und Leidenschaft – das beschreibt meine Zeit am besten.“
Jürgen Gangl nach 14 Jahren an der Spitze der HDV: „Verantwortung, Vertrauen und Leidenschaft – das beschreibt meine Zeit am besten.“ © Jenner-Egberts Foto+Film

Nach 14 Jahren an der Spitze der Hoteldirektorenvereinigung Deutschland (HDV), davon zwölf Jahre als 1. Vorsitzender, hat Jürgen Gangl den Vorsitz abgegeben. Im Gespräch blickt er zurück auf Erfolge, verpasste Chancen und die Zukunft der Branche.

Tophotel: Herr Gangl, 14 Jahre an der Spitze der HDV – welche drei Begriffe beschreiben diese Zeit für Sie am treffendsten?

Jürgen Gangl: Verantwortung, Vertrauen und Leidenschaft. Und vielleicht noch etwas darüber hinaus: Haltung. Also auch zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, loszulassen und an die nächste Generation zu übergeben.

Wenn Sie auf Ihren Amtsantritt und die HDV heute blicken: Wie hat sich die Rolle des Verbandes verändert?

Die Welt war damals eine andere und deshalb auch die Hotellerie. Die Branche ist inzwischen deutlich komplexer, internationaler und fragmentierter geworden. Themen wie Fachkräftemangel gab es früher schon, aber nicht in dieser Intensität. Digitalisierung, Nachhaltigkeit, geopolitische Konflikte beeinflussen die Hotellerie immens. Spätestens mit der Pandemie hat sich auch in der Verbandsarbeit vieles verschoben: Neben der Interessenvertretung sind die Aufgaben als Impulsgeber, Netzwerkplattform und auch Krisenmanager in den Vordergrund gerückt.

Die HDV ist in dieser Zeit zu einem echten Netzwerk geworden. Die Mitglieder haben sich gegenseitig getragen, Wissen geteilt, Lösungen entwickelt. Das hat uns als Verband enorm gestärkt. Wir haben sogar Mitglieder hinzugewonnen, weil genau dieser Austausch, diese Orientierung gebraucht wurde.

Wo konnten Sie wirklich etwas bewegen – und wo sind Sie an Grenzen gestoßen?

Wir haben die HDV als Plattform deutlich weiterentwickelt und als moderne Branchenallianz mit klaren Positionen und einer starken Stimme sehr sichtbar gemacht. Der Wissenstransfer, die Vernetzung, unsere intensive Nachwuchsarbeit – das wird wahrgenommen und anerkannt. Ein Meilenstein war unser Engagement für die engere Zusammenarbeit der Branchenverbände: Als Auftakt haben wir 2023 den „Branchentag der Profis“ initiiert, an dem zehn Hospitality-Verbände teilgenommen haben. Dieser wird heute von der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt weitergeführt.

Was wir nicht geschafft haben: die Mitgliederzahl auf das Niveau zu bringen, das ich mir gewünscht hätte. Mein Ziel waren 200 Mitglieder, das haben wir noch nicht erreicht. Rückblickend würde ich das Thema Mitgliederakquise stärker priorisieren.

Die Verjüngung des Verbandes war lange ein Thema. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Unsere Nachwuchsaktivitäten zeigen Wirkung. Wir haben immer mehr junge Führungskräfte in den Reihen der HDV. Aber es ist noch nicht genug. Deshalb war es mir auch wichtig, den Übergang im Vorstand frühzeitig vorzubereiten. Ein jüngerer Vorstand hat eine andere Glaubwürdigkeit gegenüber der nächsten Generation. Die sprechen dieselbe Sprache, sind näher dran. Jetzt müssen die Jungen übernehmen und weiter Gas geben.

„Das Grundproblem ist: Wir sprechen zu selten mit einer Stimme.“

Sie haben die HDV als „Netzwerk der Leader“ geschärft – wie wichtig war diese Positionierung für die Wahrnehmung und Relevanz des Verbandes?

Das war ein zentraler Schritt und ist die wesentliche Aussage in unserem Leitbild. Das Netzwerk ist der Anker der Verbandskommunikation. Die HDV lebt von Persönlichkeiten – von Direktoren, Eigentümern und Geschäftsführern, die Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen. Dieses Profil klar herauszuarbeiten, hat unsere Rolle im Verbändegefüge deutlich geschärft.

Wir stehen für Erfahrung, Praxiswissen und strategische Perspektiven. Genau daraus entsteht der intensive Wissenstransfer innerhalb des Netzwerks.

Gleichzeitig war das die Grundlage für unsere stärkere internationale Ausrichtung, etwa mit der Gründung des „European Bond of Hospitality Leaders (EBHL)“ gemeinsam mit den Verbänden aus Portugal, Spanien und Italien. Denn dieser Austausch auf Augenhöhe – auch über Ländergrenzen hinweg – wird für die Zukunft immer wichtiger.

Die Branche hat in Ihrer Amtszeit massive Umbrüche erlebt. Wo steht die Hotellerie heute wirklich?

Die Hotellerie hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen – wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Spätestens nach der Pandemie ist klar geworden, dass sie ein zentraler Motor für den Standort Deutschland ist.

Gleichzeitig zeigt sich: Die Nachfrage ist da. Reisen, Erlebnisse und hochwertige Aufenthalte haben für viele Menschen einen hohen Stellenwert – quer durch alle Segmente, vom Budget- bis zum Luxusbereich. Auch Investitionen und Transaktionen im Markt unterstreichen das.

Trotz aller Krisen bleibt die Hotellerie damit ein stabiler und zukunftsfähiger Wirtschaftsbereich – einer, der sich verändert, aber nicht wegdenken lässt.

Zur Person

Jürgen Gangl zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Hotellerie. Seit 2005 ist er General Manager des Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz, eines der größten Hotels Deutschlands, und verantwortet darüber hinaus als Area Manager mehrere Häuser der Event Hotels.

Seine Karriere begann mit einer Ausbildung im Schwarzwald. Es folgten Stationen in der Kettenhotellerie sowie Führungspositionen in renommierten Häusern wie dem Schlosshotel Bühlerhöhe und dem Kempinski Vier Jahreszeiten in München. Weitere Managementfunktionen übernahm er unter anderem bei NH Hoteles und Astron Hotels & Resorts.

Von 2014 bis 2026 stand Gangl an der Spitze der Hoteldirektorenvereinigung Deutschland (HDV) und prägte den Verband über mehr als ein Jahrzehnt. Neben seiner operativen Tätigkeit engagiert er sich in verschiedenen Gremien und Institutionen der Branche.

Wie stark hat sich das Führungsverständnis in der Hotellerie tatsächlich verändert?

Deutlich – und vor allem nachhaltiger, als viele vielleicht denken. Die klassische, hierarchische Führung funktioniert heute nicht mehr. Mitarbeitende erwarten Einbindung, Entwicklung und echte Wertschätzung.

Für Hoteldirektoren bedeutet das auch eine neue Rolle: Sie sind nicht mehr nur operative Manager, sondern zunehmend Berater – etwa gegenüber Eigentümern im Sinne eines ganzheitlichen Asset Managements.

Gleichzeitig geht es intern stärker um situative Führung: Mitarbeitende individuell zu fördern, Verantwortung zu übertragen und Vertrauen zu geben. Wer das schafft, bindet seine Teams langfristig – und das ist in Zeiten des Fachkräftemangels entscheidend.

Sie haben sich in Ihrer Amtszeit auch immer politisch klar positioniert. Hat die Branche heute wirklich Einfluss?

Ehrlich gesagt: noch zu wenig, zumindest gemessen an ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Lange Zeit war die politische Vertretung der Branche zu schwach und zu wenig abgestimmt.

Das Grundproblem ist: Wir sprechen zu selten mit einer Stimme. Es gibt viele Verbände, viele Interessen – aber zu wenig Bündelung. Initiativen wie die „Gastwelt“ gehen in die richtige Richtung. Wenn wir es schaffen, geschlossen aufzutreten, haben wir deutlich mehr Gewicht. Hier wird sich die HDV auch zukünftig weiter einbringen.

Wenn Sie die HDV heute übergeben: In welchem Zustand hinterlassen Sie den Verband?

In einem sehr stabilen Zustand. Wir haben ein engagiertes Vorstandsteam mit Mitgliedern aus verschiedenen Bereichen der Hotellerie und eine klare Struktur. Die Übergabe war bewusst vorbereitet und läuft reibungslos.

Aber es gibt auch Herausforderungen: weiteres Mitgliederwachstum, Internationalisierung, noch stärkere politische Vernetzung.

Warum ist Andreas Neininger der richtige Nachfolger?

Andreas Neininger hat sich in den vergangenen zwei Jahren intensiv auf die Rolle des 1. Vorsitzenden vorbereitet. Er macht das mit vollem Einsatz. Engagement ist das A und O in einem Ehrenamt. Andreas bringt die Energie mit, den Vorstand als Team zu führen und weiterzuentwickeln. Dazu kommt der Wille, den Verband aktiv voranzubringen – und genau das braucht es in diesem Amt. Darüber hinaus hat er mit Anna Mielitz, Wolfgang Selinger, Michael Artner und Sebastian Horn starke und höchst engagierte Mitstreiter im Vorstand.

„Echte Gastfreundschaft entsteht nicht durch Algorithmen,
sondern durch Haltung, Erfahrung und Persönlichkeit.“

Was geben Sie ihm und dem neuen Vorstand mit auf den Weg?

Sie sollen es anders machen. Jeder muss seinen eigenen Stil finden. Dabei helfen aus meiner Erfahrung eine klare Haltung, Offenheit und ein Gespür für die entscheidenden Themen.

Blick nach vorn: Was sind die größten Herausforderungen für die nächsten Jahre?

Ganz klar: eine gemeinsame Stimme als Branche, mehr politische Durchschlagskraft und ein besseres Image als Arbeitgeber. Wir müssen zeigen, dass die Hotellerie ein attraktiver, internationaler und zukunftsfähiger Arbeitsplatz ist.

Und welche unbequeme Wahrheit sollte die Branche Ihrer Meinung nach endlich akzeptieren?

Dass Qualität ihren Preis hat – und wir oft selbst nicht konsequent genug dazu stehen. Gerade im F&B-Bereich fehlt es noch immer an der nötigen Wertschätzung für echtes Handwerk.

Eine zweite unbequeme Wahrheit ist: Wir dürfen unsere Ausbildungsberufe nicht weiter entwerten. Hospitality ist und bleibt ein Handwerk, das erlernt werden muss. Und bei aller Digitalisierung gilt: Sie darf uns unterstützen, aber niemals den Menschen ersetzen. Denn echte Gastfreundschaft entsteht nicht durch Algorithmen, sondern durch Haltung, Erfahrung und Persönlichkeit. Wer glaubt, Service ließe sich vollständig automatisieren, verkennt den Kern unserer Branche: die Begegnung von Mensch zu Mensch.

Was hat Sie Ihre Aufgabe als HDV-Vorstand persönlich gelehrt?

Demut. Und wie wichtig Vertrauen und Respekt im Umgang mit Menschen sind. Die Vielfalt der Persönlichkeiten im Verband war eine große Bereicherung. Ich lege dem Branchennachwuchs ans Herz, sich ehrenamtlich für die Hospitality zu engagieren. Wir brauchen Menschen, die sich für ihre Branche einsetzen. Es lohnt sich wirklich.

Was werden Sie vermissen – und worauf freuen Sie sich?

Ich werde die Menschen vermissen – diesen Austausch, dieses gemeinsame „an einem Strang ziehen“. Aber ich freue mich auch darauf, mal nicht mehr in der Verantwortung zu stehen und zu sehen, was die nächste Generation daraus macht.

Außerdem habe ich genug vor: In Berlin treiben wir gerade ein großes Projekt voran – den neuen Covivo-Tower in direkter Nachbarschaft zum Park Inn am Alexanderplatz. Hier entstehen rund 280 Serviced Apartments, die Eröffnung ist für Ende 2027 geplant. Unser Eigentümer investiert dort rund 500 Millionen Euro. Darauf werde ich mich künftig stärker konzentrieren.