Ippolito Fleitz, interdisziplinäres Gestaltungsstudio mit Hauptsitz in Stuttgart und Büros in Berlin und Shanghai, nimmt das Hotelsegment stärker in den Blick. Dafür wurde Andreas Bohlender als Director Hospitality an Bord geholt. Er kommt von den Design Hotels und bringt umfassende Branchenerfahrung mit. Ein Gespräch über die Philosophie des Büros sowie aktuelle Projekte.
HOTEL+TECHNIK: Herr Bohlender, Ihr Büro verspricht, „Identitäten zu schaffen, die Wandel umarmen können. Weil sie stark genug sind für das Jetzt und vorbereitet für das Morgen.“ Wie übersetzen Sie diesen Leitsatz in konkrete Gestaltungsprozesse?
Andreas Bohlender: Wir verstehen Hotelidentitäten nicht als statische „Look & Feel“-Überschrift, sondern als lebendige, zukunftsfähige Gesamtkonzepte. Entsprechend sehen wir uns nicht nur als (Raum-) Gestalter, sondern als Partner unserer Kunden – von der ersten Idee bis zum laufenden Betrieb. Indem wir frühzeitig mit Eigentümern und Betreibern an Positionierung und Betriebskonzept arbeiten, entsteht eine ganzheitliche Identität. Architektur, Interior Design, Service und Storytelling greifen dann ineinander und bringen das Wesentliche eines Hauses zum Ausdruck. Genau darin liegt der Unterschied. Es geht um Authentizität, nicht um das Hinterherlaufen flüchtiger Trends. Eine starke Vision soll über Jahre hinweg spürbar bleiben.
Was sind derzeit die spannendsten Entwicklungen in der Hotelgestaltung?
Wir betrachten Hotels als lebendige Dreh- und Angelpunkte für Begegnungen, sowohl für Reisende als auch für die lokale Gemeinschaft. Sie sind Bühnen für Austausch, Inspiration und Dialog und mehr als nur Übernachtungsräume. Mehr denn je ist Agilität gefragt. Räume sollten deshalb flexibel nutzbar sein – vom Zimmerlayout bis zu den öffentlichen Bereichen. Auch nachhaltige Materialien und ein bewusster Umgang mit Ressourcen in Bau und Betrieb gewinnen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig eröffnet die Neuroästhetik spannende neue Wege in der Hotelgestaltung. Sie erlaubt es, das Gästeerlebnis gezielt zu verbessern – indem Designentscheidungen auf natürliche Reaktionen des Gehirns abgestimmt werden. Das reicht von der Farbwahl bis zur durchdachten Integration von Natur und Technologie.
Wo sehen Sie derzeit die größten ungenutzten Potenziale im Hotelbau – und wie lassen sich diese nachhaltig erschließen?
Die Zukunft liegt nicht im ständigen Neubau, sondern in der sinnvollen Transformation bestehender Substanz – räumlich, funktional und emotional. Ein großes, oft unterschätztes Potenzial sehen wir in der intelligenten Umnutzung und Weiterentwicklung vorhandener Immobilien – Stichwort „Adaptive Reuse“. Angesichts von Flächenknappheit, Nachhaltigkeitszielen und sich wandelnden Nutzerbedürfnissen bieten gerade Leerstände enorme Chancen. Mixed-Use-Konzepte, die Hotellerie mit Wohnen, Arbeiten, Kultur oder Retail verbinden, schaffen nicht nur wirtschaftlich tragfähige Modelle, sondern auch lebendige, vielseitige Orte.
Welche aktuellen Hotelprojekte realisieren Sie derzeit und welche gestalterischen Ansätze verfolgen Sie dabei?
Momentan planen wir die Erweiterung des Alemannenhofs, der malerisch oberhalb des Titisees liegt. Der historische Bestandsbau im Stil eines Schwarzwaldbauernhauses soll erhalten bleiben. Die moderne Erweiterung wird sich behutsam in den Hang einfügen und Ausblicke auf den See ermöglichen, sowohl aus den neuen Suiten als auch aus den geplanten Wellnessbereichen. In China entsteht das Fünfsterne-Haus Juntels Art Hotel mit rund 200 Zimmern im Stadtzentrum von Zhoushan. Die gestalterische Leitidee orientiert sich am sogenannten „Green Village“ auf Zhoushan Island – einem einst verlassenen Küstendorf, dessen Häuser nach und nach von üppiger Vegetation überwuchert wurden. Dieses Zusammenspiel von Natur und Architektur dient als zentrale Inspirationsquelle. Ergänzt wird das Konzept durch Kunstwerke aus der Sammlung des Auftraggebers.
Zur Person
Andreas Bohlender ist neuer Director Hospitality bei der Ippolito Fleitz Group. Er bringt langjährige internationale Erfahrung mit, unter anderem aus elf Jahren bei Design Hotels. Weitere Stationen seiner Laufbahn waren Hotelgruppen wie Starwood und Rocco Forte Hotels sowie privat geführte Häuser wie die Traube Tonbach und das Castello del Sole am Lago Maggiore. Auch außerhalb der Hotellerie war Bohlender tätig, etwa für die UEFA, das Organisationskomitee der Doha Asian Games und Deloitte. Er ist Absolvent der César Ritz Colleges Switzerland, besitzt einen Bachelor of Arts der Washington State University und einen Masterabschluss der Macquarie University in Sydney.