Das Hotel im nordschwedischen Skellefteå besteht ganz aus Holz und wird nach seiner Fertigstellung im Jahr 2020 zu den höchsten Holz-Hochhäusern der Welt zählen. Zugleich steht es für einen neuen urbanen Hoteltypus, bei dem die Mischung unterschiedlichster Nutzungen im Vordergrund steht.
Wälder, Seen, Flüsse und die Nähe zum Bottnischen Meerbusen zählen wohl zu wichtigsten Gründen für Touristen, die rund 30.000 Einwohner zählende Stadt Skellefteå zu besuchen. So faszinierend die Abgeschiedenheit am nördlichen Polarkreis und das natürliche Umfeld in Schwedisch Lappland auch sind – wie in vielen anderen vergleichbar großen Städten der Welt sind auch hier Abwanderungstendenzen junger Menschen zu verzeichnen, denen nun mit einigen Initiativen entgegengewirkt werden soll.
So entsteht auf dem städtischen Gelände des alten Busbahnhofs in der Innenstadt Skellefteås gerade ein städtisches Kulturzentrum mit Theater, Museum, Kunstgalerie, Stadtbibliothek, Konferenzzentrum, Restaurants, Bars, Cafés – sowie einem privaten Hotel. Für die Stadt bietet sich durch dieses Gebäude die Chance, die bisher auf verschiedene Standorte verteilten Nutzungen an einem Ort zu bündeln und so ein vitales urbanes Zentrum zu schaffen, das Einheimischen und Gästen insbesondere in den langen, kalten Winternächten als einladender Treffpunkt offensteht. Dank der Nutzungsvielfalt soll das Projekt zudem als eine Art Initialzündung und Anziehungspunkt für weitere Aktionen zur dauerhaften Aufwertung des Stadtzentrums dienen. Die Voraussetzungen dafür stehen gut, denn ganz in der Nähe wird ein neu konzipierter Verkehrsknoten mit Bahnhof und Busbahnhof entstehen.
Ein hybrides Kultur- und Hotelgebäude
Grundlage für die Realisierung des insgesamt 25 000 Quadratmeter großen Neubaus bildet ein internationaler Architektenwettbewerb, den das Stockholmer Büro White Arkitekter für sich entscheiden konnte. Die größte Besonderheit ihres Entwurfs ist zweifellos die Entscheidung, das geforderte Raumprogramm nicht, wie eigentlich in der Auslobung vorgesehen, in einem homogenen Gebäudekomplex, sondern – unter Einhaltung der zulässigen Geschossflächen – in einem Sockelbau und einem daraus emporwachsenden Hochhaus unterzubringen. Während der aus unterschiedlich großen und hohen Kuben zusammengesetzte Sockelbau das Kulturzentrum beherbergt, befindet sich im 19-geschossigen Turm ein Hotel mit insgesamt rund 200 Zimmern. Das 70 Meter hohe Hochhaus ist allein deswegen schon von besonderem Interesse, weil es als weithin sichtbare Landmarke symbolhaft für die städtebauliche Erneuerung Skellefteås steht. Hinzu kommt, dass es vom Architekten und Tragwerksplaner Florian Kosche und seinem Osloer Büro DIFK vollständig in Holz konzipiert ist.
Städtebauliche und konstruktive Maßstäbe setzen
Den gesamten Gebäudekomplex in Holz zu planen, war keine Vorgabe des Architektenwettbewerbs. Es aber nicht in Holz zu planen, hätte in einer Gegend, in der die Holzwirtschaft und der Holzbau über eine sehr lange Tradition verfügen, nach einer besonders guten Begründung verlangt – nicht zuletzt, weil der nachwachsende, CO2-neutrale Baustoff lokal in nahezu unbegrenzter Menge verfügbar ist. Abgesehen davon lag es durchaus im Interesse der Stadt, mit einem beispielhaften Projekt nicht nur lokale städtebauliche, sondern auch weit über Schweden hinaus gültige konstruktive Maßstäbe zu setzen.
Besucher werden vom Haupteingang in ein weitläufiges, teilweise über drei Ebenen reichendes Erdgeschoss gelangen, das allen im Gebäude untergebrachten Nutzungen gleichermaßen als Foyer dient. Den größten Anteil der ebenerdigen Fläche nehmen die Stadtbibliothek und ein Café ein, den Rest belegen insbesondere die Nebenraumbereiche der Theatersäle, deren Zugänge sich in den oberen Geschossen befinden. Prägendes Material sowohl für konstruktive Bauteile (vor allem in Form von CLT-Brettsperrholzplatten) als auch für die Bekleidungen von Decken, Wänden und Böden ist Holz – Stahlbetonbauteile kommen beispielsweise bei Holz-Beton-Verbunddecken und Stahlbauteile bei den feingliedrigen Unterspannungen der Foyerdecke zum Einsatz. Im Innenraum nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist die Lage des Hochhauses, das sich im Erdgeschoss lediglich durch die bis nach unten geführten Erschließungs- und Nebenraumkerne sowie zwei Holzstützenreihen abzeichnet.
Hotelzimmer aus vorgefertigten Holzmodulen
Konstruktiv spielt das vierte Obergeschoss für das Hochhaus eine wesentliche Rolle. Zum einen, weil es als reines Technikgeschoss genutzt wird, zum anderen, weil alle darüberliegenden Geschosse mit Hotelzimmern in Modulbauweise konzipiert sind. Die einzelnen, rund 20 Quadratmeter großen Zimmer werden komplett mit Inneneinrichtung und fertigen Holzoberflächen unter Werkstattbedingungen vorgefertigt, angeliefert und vor Ort zwischen den ebenfalls aus Holz gefertigten, aussteifenden Erschließungskernen der beiden Stirnseiten gestapelt – auch hier kommen vor allem CLT-Brettsperrholzplatten zum Einsatz. Die Hotelzimmer orientieren sich ausschließlich nach Osten bzw. Westen und verfügen über raumhohe Glasfassaden, die den Blick über die Stadt und die Naturräume der Umgebung ermöglichen. Wie genau die Zimmer aussehen werden, steht noch nicht fest, weil bislang auch der Hotelbetreiber noch nicht bestimmt wurde. Aus diesem Grund ebenfalls noch nicht ganz sicher ist, ob es in den obersten vier Turmgeschossen tatsächlich Spa- und Fitnessbereiche sowie ein Restaurant mit Bar und Dachterrasse geben wird.
Ganz gleich, wie die Grundrisse am Ende aussehen werden – fest steht, dass das Kulturzentrum als ebenso ambitioniertes wie konstruktiv anspruchsvolles Projekt in vielerlei Hinsicht Vorbildwirkung haben wird. Schließlich handelt es sich hierbei um ein dezidiert urbanes Projekt, das in dieser Form und mit dieser Funktionsmischung auch in wesentlich größeren Städten denkbar wäre – nicht zuletzt, weil es die unterschiedlichsten Nutzer und Nutzungen in einer Form zusammenbringt, um das Leben in der Stadt lebenswerter zu machen.
Nominiert als „Best Futura Project“ auf der MIPIM in Cannes
Baubeginn für den gesamten Gebäudekomplex ist in wenigen Monaten, derzeit wird das Gelände für die Erdbauarbeiten vorbereitet. Vollständig zu sehen wird das Projekt aber zuvor schon auf der MIPIM in Cannes sein, wo es als eines von weltweit vier Projekten in der Kategorie „Best Futura Project“ nominiert ist.
Autor: Roland Pawlitschko






