Analyse Wie sich der Geschäftsreisemarkt neu sortiert

Die VDR-Analyse zeigt: Bei Geschäftsreisen gewinnen Hotel- und Verpflegungskosten an Gewicht, Transportkosten sinken leicht.
Die VDR-Analyse zeigt: Bei Geschäftsreisen gewinnen Hotel- und Verpflegungskosten an Gewicht, Transportkosten sinken leicht. © Drobot Dean - stock.adobe.com

Deutsche Unternehmen schicken ihre Mitarbeitenden wieder häufiger auf Dienstreise – und geben pro Trip weniger aus. Die neue VDR-Analyse zeigt einen Markt im Umbruch.

Zwei Rezessionsjahre in Folge – und trotzdem mehr Dienstreisen: Diese auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung dokumentiert die neue Geschäftsreiseanalyse 2026 des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR). Demnach stieg die Anzahl geschäftlicher Reisen um 8,3 Prozent auf 116,1 Millionen im Jahr 2025. Gleichzeitig sanken die Durchschnittskosten pro Trip um 4,8 Prozent auf 418 Euro.

VDR-Präsident Christoph Carnier interpretiert die Entwicklung als wirtschaftliches Frühsignal: „Geschäftsreisen sind kein betrieblicher Overhead, sondern ein Frühindikator für Wirtschaftsdynamik. Dass die Reisetätigkeit ausgerechnet in zwei Rezessionsjahren wächst, zeigt: Unternehmen investieren nicht weniger in Beziehungen, sie investieren selektiver.“ Der persönliche Austausch werde in einem unsicheren Marktumfeld zum strategischen Faktor.

Geschäftsreisemarkt im Wandel

Die Wachstumsdynamik gehe vor allem vom Mittelstand aus. Mehr als drei Viertel aller Geschäftsreisen entfallen auf Firmen mit zehn bis 500 Beschäftigten. In dieser Größenklasse legte die Reisetätigkeit um 5,6 Prozent zu – fast fünfmal so stark wie bei Großunternehmen. Die Ausgaben stiegen dabei nur moderat, was der Verband als Indiz für hohen Kostendruck und konsequente Effizienzorientierung wertet.

Gleichzeitig verschiebt sich die geografische Ausrichtung. Der gesamte Zuwachs entfällt auf Europa: Der Anteil der Reisen ins europäische Ausland kletterte von 24 auf 30 Prozent, während Fernreisen in den Rest der Welt stagnieren. Europa entwickle sich damit zum „erweiterten Heimatmarkt“ deutscher Geschäftsbeziehungen, heißt es in der Analyse.

„Geschäftsreisen sind kein betrieblicher Overhead, sondern ein Frühindikator für Wirtschaftsdynamik.“

Christoph Carnier, Präsident Verband Deutsches Reisemanagement (VDR)

Auch bei der Verkehrsmittelwahl ist eine Verschiebung erkennbar. Auf Inlandsstrecken hat die Schiene das Flugzeug überholt und kommt auf einen Nutzungsanteil von 52 Prozent. Inlandsflüge sanken im Gegenzug auf 13 Prozent. Bei der Kostenstruktur zeigt sich eine Verlagerung weg von Transport hin zu Übernachtung und Verpflegung: Hotel- und Verpflegungskosten gewinnen an Gewicht, Transportkosten sinken leicht.

Travel Management mit Milliardenpotenzial

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der messbare Wertbeitrag eines professionellen Travel Managements. 59 Prozent der befragten Unternehmen erzielen durch strukturierte Prozesse Einsparungen zwischen sechs und zehn Prozent, weitere elf Prozent sogar zweistellige Werte. Bei einem Marktvolumen von 48,6 Milliarden Euro entspricht das laut VDR einem jährlichen Einsparpotenzial von rund 3,9 Milliarden Euro.

„Reisen wird für viele Mitarbeitende relevanter Bestandteil für Beziehungspflege und Innovationsmotor. Gleichzeitig brauchen Unternehmen klare Regeln, damit Fürsorgepflicht, Sicherheit und Flexibilität zusammenpassen“, betont VDR‑Vizepräsidentin Inge Pirner. Professionelles Travel Management schaffe genau diesen Rahmen und sorge dafür, dass Reisen effizient, sicher und verantwortungsvoll gestaltet werden.

Eine wachsende Grauzone identifiziert die Studie beim sogenannten Blended Travel – der Kombination aus Dienstreise und privaten Anteilen. Bleisure und Workation würden in den meisten Unternehmen toleriert oder gefördert, doch 72 Prozent hätten diese Formate nicht in ihren Reiserichtlinien verankert. Daraus ergeben sich offene Fragen bei Haftung, Versicherungsschutz und arbeitsrechtlichen Anforderungen.

Auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz nimmt zu: Drei Viertel der Unternehmen setzen KI bereits in der Reisekostenabrechnung ein, fast ebenso viele in der Anwendung der Reiserichtlinie. Als größte Hürden nennt die Studie Systemintegration, Datenschutz und das Fehlen klarer Business Cases.

Standortfaktor Mobilität: Wo Politik jetzt gefordert ist

Die VDR-Analyse benennt deutlichen Handlungsbedarf auf politischer Ebene. Die seit 2020 unveränderten Verpflegungs- und Übernachtungspauschalen würden die realen Kosten nicht mehr abdecken. Gefordert werden zudem verlässliche Bahnkapazitäten, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen im Luftverkehr sowie klare arbeitsrechtliche Vorgaben für Blended Travel. Mobilität sei und bleibe ein Standortfaktor, so der Verband.

Trotz konjunktureller Unsicherheit zeigen sich die befragten Unternehmen optimistisch: 62 Prozent erwarten für 2026 ein weiteres Wachstum des Reisevolumens, nur vier Prozent rechnen mit einem Rückgang. Geschäftsreisen würden damit erneut als strategischer Bestandteil von Zusammenarbeit und Geschäftsentwicklung verstanden. Der VDR weist allerdings darauf hin, dass die Erhebung vor Ausbruch des Kriegs im Iran stattfand – mögliche Effekte dieser geopolitischen Entwicklung sind in den Prognosen nicht enthalten. red/sar

Über die VDR-Geschäftsreiseanalyse

Die Grundgesamtheit der Untersuchung umfassen alle Unternehmen mit Sitz in Deutschland – einschließlich jener mit Aktivitäten im Ausland – sowie Organisationen des öffentlichen Sektors mit mindestens zehn Beschäftigten. Aus dieser Grundgesamtheit wurde eine Zufallsstichprobe gezogen.

Im Januar und Februar 2026 wurden 800 computergestützte Telefon-Interviews mit Personen durchgeführt, die entweder für das Management von Geschäftsreisen verantwortlich sind oder organisatorisch befugt, die relevanten Daten bereitzustellen. Die Antworten auf qualitative Fragen spiegeln die zum Zeitpunkt der Befragung aktuelle Situation wider. Alle übrigen Angaben beziehen sich auf die Zahlen des Jahres 2025.