Nach der Trennung von Heimathafen Hotels ist Hotelexperte Stephan Gerhard in das Unternehmen eingestiegen. Geschäftsführer Benjamin Adrion erläutert die Hintergründe – und warum er die Veränderung als Chance begreift.
Die Villa Viva Hamburg und die Heimathafen Hotels haben ihre operative Zusammenarbeit beendet. Was über viele Jahre gewachsen war, lösten beide Seite nach einer sechsmonatigen Übergangsphase Ende März auf. Benjamin Adrion, Initiator von Viva con Agua und Geschäftsführer der Villa Viva, betont dabei: „Ohne Heimathafen gäbe es keine Villa Viva.“
Die Trennung verlief nach Angaben beider Seiten einvernehmlich und konstruktiv. Adrion bezeichnet den Vorgang als „die freundlichste Hotelübernahme in der Geschichte der Hotellerie“. Auch Heimathafen-Geschäftsführer Marco Häusler bestätigt: „Die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen – dafür steckt zu viel Herzblut in der Villa Viva. Gleichzeitig war klar, dass es strategisch der richtige Schritt ist.“
Strukturelle Probleme und operative Fehleinschätzungen
Die Gründe für die Neuaufstellung sind vielschichtig. Das Kernproblem war laut Benjamin Adrion struktureller Natur: Das Hotel, das zu zwei Dritteln der gemeinnützigen Organisation Viva con Agua gehört, wurde mit wenig Eigenkapital und entsprechend hoher Fremdfinanzierung errichtet. Die Finanzierungsstruktur war noch vor der Corona-Pandemie und dem Ukraine-Krieg vereinbart worden – seitdem hätten sich die Rahmenbedingungen verschlechtert. Kostensteigerungen im Bau führten zu einem höheren Bankdarlehen, was wiederum eine zu hohe Pachtbelastung nach sich zog.
„Das war die freundlichste Hotelübernahme in der Geschichte der Hotellerie.“
Benjamin Adrion, Initiator von Viva con Aqua und Geschäftsführer der Villa Viva
Hinzu kamen operative Fehleinschätzungen nach der Eröffnung Ende 2023. Zwar erreichte das Hotel im ersten Jahr eine Auslastung von 76 Prozent, doch die erzielte Zimmerrate blieb hinter den Planungen zurück. Auch das ursprüngliche Restaurant-Konzept „Viva Cantina“ erwies sich als nicht tragfähig – „zu teuer, zu edel, zu fine-dining“, so Adrion. Es habe nicht zum Standort und nicht zur Zielgruppe gepasst. Als Konsequenz wurde es durch das „Viva Levante“ ersetzt, das levantinische Gerichte zum Teilen bietet.
Berlin als Katalysator der Trennung
Den entscheidenden Impuls für die Trennung gab das zweite Villa-Viva-Projekt in Berlin. Nahezu zeitgleich mit der Hamburger Eröffnung im November 2023 ergab sich die Möglichkeit, am Berliner Holzmarkt ein weiteres Haus zu planen. „Heimathafen hat jedoch gesagt: Für das Abenteuer in Berlin stehen wir erst einmal nicht zur Verfügung“, so Adrion. Die Gründe seien nachvollziehbar gewesen: Der Hotelbetreiber setze andere strategische Schwerpunkte, mit Fokus auf Leisure-Projekte an der Küste. Für Heimathafen sei der Schritt "auch eine Rückbesinnung auf die eigenen Stärken: die Küste, unsere Häuser und das, was uns dort ausmacht", teilte das Unternehmen mit. Gleichzeitig wolle es die eigene Marke und die Digitalisierung seiner Hotels weiter vorantreiben.
Die Nadel im Heuhaufen
In dieser Phase meldete sich Stephan Gerhard, Gründer der Blue & Red Water Hospitality, bei Benjamin Adrion. Gerhard kannte den Holzmarkt-Standort bereits aus früheren Planungen und sah Potenzial in dem Projekt. „Die Nadel im Heuhaufen hat uns gefunden“, beschreibt Adrion die Kontaktaufnahme.
Der Hotelexperte wurde für Adrion nicht nur zum strategischen Berater, sondern auch zur emotionalen Stütze: „Er hat mir Mut gemacht und gesagt: Ihr habt in Hamburg eigentlich einen guten Start hingelegt, jetzt muss es sich nur noch rechnen.“ Die Zusammenarbeit konkretisierte sich: Stephan Gerhard und sein Unternehmen Blue & Red Water übernahmen zunächst die Rolle des Management-Partners für Berlin – und schließlich auch für Hamburg. Die Villa Viva Holding gehört nun zu 100 Prozent Viva con Agua und weiteren beteiligten Gesellschaftern. Zuvor hielten sie nur 60 Prozent am Hotelbetrieb, während Heimathafen die anderen 40 Prozent inne hatte.
Benjamin Adrion beschreibt die Zusammenarbeit als Gewinn auf mehreren Ebenen: Gerhard bringe nicht nur strategische Erfahrung aus 40 Jahren in der Hotelbranche mit, sondern auch eine ausgeprägte Liebe zum Detail – von der Liquiditätsplanung bis hin zur Ausstattung einzelner Zimmerkategorien.
Mit dem Wechsel ging auch ein personeller Umbruch einher. Auf Geschäftsführungsebene übernahmen Adrion und Gerhard. Im Zuge der Neuausrichtung des Restaurant-Konzepts verließen 14 Küchenmitarbeitende das Haus. Auch in anderen Bereichen gab es Fluktuation. Adrion sieht darin jedoch auch eine Chance: Das aktuelle Team wisse genau, worauf es sich einlasse. Die Stimmung sei „sehr, sehr gut“, die Verbindung zu Viva con Agua deutlich stärker als zuvor.
3 strategische Schwerpunkte
Für dieses Jahr hat das neue Führungsteam drei konkrete Maßnahmen auf die Agenda gesetzt. An erster Stelle steht die Positionierung des Hotels als vielseitige Event-Location in Hamburg. Die Möglichkeiten des Hauses seien außergewöhnlich: „Veranstaltungen können auf bis zu sieben Etagen stattfinden, vom Restaurant im Erdgeschoss über die Konferenz-Etage im ersten Stock bis zur Dachterrasse im zwölften Stockwerk“, betont Adrion.
Der zweite Schwerpunkt liegt auf der gezielten Erschließung des Segments „Geschäftsreisen“ – ein Bereich, in dem die Villa Viva auf die Expertise des neuen Partners Blue & Red Water setzt. So will das Hotel den Vertrieb im Corporate Sales intensivieren und die Infrastruktur für Business-Traveller spürbar verbessern.
Als dritte Säule wird der Hotelaufenthalt über das reine Übernachtungserlebnis hinaus erweitert. Adrion nennt es ein „Leisure-Ecosystem“. Gäste – insbesondere Direktbucher – sollen mit ihrer Zimmerbuchung Zugang zu einem Netzwerk aus Partnerschaften erhalten, das auf dem mehr als 20 Jahre gewachsenen Ökosystem der gemeinnützigen Organisation aufbaut. Ziel sei es, den Gästen Hamburg durch die Augen von Viva con Agua zu zeigen und über diesen Mehrwert auch eine höhere Zimmerrate zu rechtfertigen.
Dass die ersten Stellschrauben, an denen das Führungsteam gedreht hat, bereits greifen, belegen laut Adrion die Zahlen zum Jahresauftakt: Im Februar lag die Auslastung bei 75 Prozent – deutlich über den für diesen traditionell schwächeren Monat geplanten 65 Prozent. Auch die Gastronomie habe sich „auf ein ganz anderes Niveau“ entwickelt.
Standort Berlin: Eröffnung 2027 geplant
Am Holzmarkt in Berlin wächst derweil das zweite Villa-Viva-Haus in die Höhe. Der Rohbau mit sieben Stockwerken soll in Kürze abgeschlossen sein. Im April wird das Projekt bei einer Versammlung am Holzmarkt vorgestellt. Die Eröffnung ist für Sommer 2027 geplant.
Das Berliner Haus wird 150 Zimmer, viele davon mit Blick zur Spree, umfassen und sich eng in das bestehende Holzmarkt-Dorf integrieren. Die architektonische Umsetzung folgt nachhaltigen Prinzipien: Das Gebäude wird nach KfW-55-Effizienzstandard errichtet, mit Holz als Hauptbaustoff für Fassade und Fenster. Auch das Interior soll überwiegend aus umweltfreundlichen Materialien bestehen und die gestalterische Handschrift des Quartiers aufgreifen. Benjamin Adrion ist überzeugt: „Wo gibt es einen besseren Hotelstandort in Deutschland?“
Über die Villa Viva
Die Villa Viva, eröffnet Ende 2023 im historischen Hamburger Münzviertel, ist als soziales Gasthaus und Plattform für Austausch, Engagement und gelebte Gemeinschaft konzipiert. Im Mittelpunkt stehen die Projekte der Trinkwasserinitiative Viva con Agua, die unter dem Motto „Wasser für alle – Alle für Wasser“ Spenden für weltweite Wasserprojekte sammelt. Durch den Betrieb und die Vermietung der Villa Viva werden finanzielle Mittel, Aufmerksamkeit und Unterstützer für Viva con Agua gewonnen – daher das Motto: „Ein Haus, das Brunnen baut.“