Hotelreportage Villa Viva: Eine Heimat für alle

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Hat Mitte November 2023 eröffnet: das Villa Viva in Hamburg. © Heimathafen Hotels

Das Hotel im Hamburger Münzviertel vereint die Idee eines Social-Business-Projekts von Viva con Agua mit einem nachhaltig errichteten Hotel für alle Altersgruppen.

Das Münzviertel hat seinen Namen von der Münzprägeanstalt Hamburger Münze, die bis 1982 in dem etwa zehn Hektar großen Gebiet südlich des Hamburger Hauptbahnhofs angesiedelt war. Galt das Viertel im 19. Jahrhundert mit seinen Villen und Gärten noch als Vorzeigegegend, hat es sich – eingekeilt zwischen Bahn und Hauptverkehrsstraßen – nach dem Zweiten Weltkrieg zum sozialen Brennpunkt entwickelt. In den vergangenen Jahren wurden die Baulücken wieder geschlossen und die Brachflächen südlich des ehemaligen Bahnpostamts „Hühnerposten“ mit insgesamt fünf dreieckigen Gebäuden neu bebaut. „Das Villa Viva soll sich als städtebaulicher Schlussstein in deren hellen Strukturen einfügen“, sagt Leon Roloff. Der Geschäftsführer von Urban Future in Hamburg ist gleichzeitig für das Projektmanagement verantwortlich und als Geschäftsführer der Haus GmbH auch Vertreter der Eigentümer des neuen Hotels mit 288 Betten in 138 Zimmern.

Begegnungsstätte für Social Networking

Das Besondere an der Villa Viva ist auch ihre Eigentümerkonstruktion. Auch wenn insgesamt 19 Investoren der sogenannten Shareholder-Gang das Eigenkapital in Höhe von 5,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben, besitzen der Verein Viva con Agua und die gleichnamige Stiftung 67 Prozent der Anteile der Villa Viva Holding, die 60 Prozent der Anteile an der Gasthaus GmbH hält. Als professioneller Betreiber des Hotels wurden die Heimathafen Hotels von Jens Sroka mit ins Boot geholt, die 40 Prozent der Anteile an der Gasthaus GmbH halten. Viva con Agua ist ein im Jahr 2005 im Umfeld des FC St. Pauli gegründetes soziales Netzwerk zur Verbesserung der Versorgung der Weltbevölkerung mit sauberem Trinkwasser. „Mindestens 40 Prozent der Gewinne der Gasthaus GmbH sollen in die Arbeit von Viva con Agua fließen“, erläutert Roloff, der das Projekt seit sieben Jahren betreut.

Ein Großteil der Investitionskosten in Höhe von 36 Millionen Euro wurden über Kredite bei der Umweltbank in Nürnberg finanziert. Die Stadt stellte das 1.500 Quadratmeter große Grundstück preisgünstig zur Verfügung. Roloff wehrt sich aber gegen die Vermutung, die Villa Viva Holding habe das Grundstück halbwegs geschenkt bekommen. „Der Baugrund ist außerordentlich schlecht“, sagt er. Außerdem sei eine Voraussetzung für das Projekt ein moderater Kaufpreis für das Grundstück gewesen. Roloff: „Wenn der Kostendruck zu hoch wird, leidet die inhaltliche Qualität.“

Die ursprüngliche Idee sei gewesen, auf dem Grundstück einen „Social Business Tower“ mit zehn Stockwerken zu errichten, in den auch Viva con Agua mit seinen Büros einziehen sollte.  Dann habe sich aber die Frage gestellt, wie für das soziale Netzwerk von Viva con Agua mit mehr als 10.000 Ehrenamtlichen in 55 Städten eine Begegnungsstätte geschaffen werden könne. Daraus sei die Idee eines Gasthauses mit Übernachtungsmöglichkeiten und Tagungsräumen entstanden. Auch die Büros von Viva con Agua finden in dem dreieckigen Gebäude mit 12,5 Etagen und einer Bruttogeschossfläche von rund 7.000 Quadratmetern Platz. „Die Büros sollen erlebbar sein“, fügt Roloff hinzu. Innerhalb von 24 Monaten hat die Firma Aug. Prien als Generalunternehmer die Villa Viva nach den Plänen von Medium Architekten Hamburg gebaut, die sowohl für den Hochbau als auch für die Innenausstattung verantwortlich waren.

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    VV-HH_RoofDrop-Bar
    © Nassim-Ohadi
    Futuristisch: Die „Roof Drop Bar“ ist oben auf dem Dach untergebracht.
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    VV-HH_Suite
    © Nassim Ohadi
    Elegant: In der Villa Viva gibt es auch zwei Suiten, die von deutschen Künstlern gestaltet wurden.
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    VV-HH_Viva-Cantina
    © Nassim-Ohadi
    Lässig: Das Restaurant „Viva Cantina“ im Erdgeschoss bietet Platz für 85 Gäste.
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    VV-HH_Zimmer-Tiny
    © Nassim Ohadi
    Urban: In der Zimmerkategorie „Tiny“ ist das Doppelbett auf einem Holzpodest platziert.
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    VV-HH_Camping-Ground
    © Nassim Ohadi
    Gelungener Kontrast: Die Wände im Inneren wirken kühl. Für Gemütlichkeit sorgen Vorhänge, Teppiche und Kissen sowie Möbel aus Pressspan.
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    VV_HH_Fassade
    © VillaViva
    Luftig: Die zweite Fassadenschicht des Gebäudes verfügt über eine Aluminium-Lamellen-Konstruktion.

Nachhaltige Gebäudetechnik

Das Tragwerk des Gebäudes besteht aus Stahlbeton, wobei die tragende Außenwand aus Recycling-Beton hergestellt wurde. Ein Teil der Fassade soll begrünt werden. Damit das kleinste der fünf Dreiecksgebäude gegen die großen Nachbarhäuser optisch bestehen kann, hat es als zweite Fassadenschicht eine Aluminium-Lamellen-Konstruktion erhalten. Diese wurde von dem Schweizer Künstlerduo Queen Kong so gestaltet, dass Motive des Viva-con-Agua-Netzwerkes wie Adern, Flüsse oder Wurzelbahnen sichtbar werden. Außerdem schillert die Fassade in den Farben Braun, Grün und Blau – „das soll den Reinigungsprozess von Trinkwasser symbolisieren“, so Roloff.

Die Idee der Nachhaltigkeit durchzieht das ganze Gebäude. So wurde eine Flächenheizung über die aktivierten Betondecken realisiert. Dabei fließt kaltes beziehungsweise warmes Wasser durch in den Decken verlegte Schläuche und kühlt beziehungsweise wärmt den darunterliegenden Raum. Zwar ist das Hotel noch an das Fernwärmenetz der Hansestadt angeschlossen. Etwa 20 Prozent des Bedarfs an warmem Wasser soll aber über Solarthermie-Module auf dem Dach erzeugt werden, die mit einem 10.000 Liter großen Pufferspeicher verbunden sind. Nach Angaben von Roloff wurde die Villa Viva im KFW-55-Effizienzhausstandard errichtet. Roloff: „Ein Passivhausstandard war betriebswirtschaftlich nicht darstellbar.“ 

Komplexe Bauaufgabe

Weniger ist mehr: Dieses Motto durchzieht nach Angaben von Innenarchitektin Annika Böker das ganze Haus. Auf der anderen Seite hätten ihre Kollegen von Medium Architekten ein „planerisches Wunder“ vollbracht. Denn  das Baugrundstück sei „wahnsinnig klein“ und das kleine Hochhaus zudem dreieckig. Zwar habe sie bei der Innengestaltung weitgehend freie Hand gehabt. Es sei aber sehr arbeitsintensiv gewesen, die Interessen aller Beteiligter – von Viva con Agua, den Heimathafen Hotels und der zahlreichen Künstler – unter einen Hut zu bringen. Im Erdgeschoss befindet sich außer der Rezeption am „Zauberkiosk“ das Restaurant „Viva Cantina“ mit 85 Sitzplätzen. Im ersten Geschoss liegt der Event- und Tagungsbereich mit insgesamt sechs Veranstaltungsräumen – darunter auch ein Yoga-Raum – für bis zu 64 Personen.

Die Büros von Viva con Agua und auch von Heimathafen Hotels sind im zweiten und dritten Obergeschoss untergebracht. Die Hotelzimmer erstrecken sich vom vierten bis zum elften Obergeschoss. Auf dem Dach gibt es ein Staffelgeschoss, in dem die „Roof Drop Bar“ mit 70 Plätzen und eine Sauna untergebracht sind. Auf der Dachterrasse – dem „Roof Drop Garden“ – finden im Sommerhalbjahr bis zu 50 Gäste Platz. Besonders gelungen ist nach Ansicht von Annika Böker die Roof Drop Bar, die gemeinsam mit dem Künstler Ten Ten gestaltet wurde. „Man fühlt sich in der Bar wie ein Taucher in einer Unterwasserhöhle“, so die Innenarchitektin.

"Mindestens 40 Prozent der Gewinne sollen in die Arbeit von Viva con Aqua fließen."

Leon Roloff, Urban Future

An vielen Stellen im Hotel sei noch der Beton zu erkennen, aus dem das Haus gebaut wurde. Der Trockenbau wurde gestrichen. Die Haustechnik liege weitgehend offen. Als Fußboden wird der versiegelte Estrich genutzt, auf dem zum Teil aber Kelim-Teppiche liegen, die secondhand angeschafft wurden. Im ganzen Hotel gibt es keine TV-Geräte. „Die sind der Nachhaltigkeitsprüfung zum Opfer gefallen“, sagt Annika Böker. Denn alle in der Villa Viva verwendeten Materialien und Produkte wurden durch die Agentur Elbstrand & Mannschaft auf ihre Nachhaltigkeit hin überprüft. „Alle Lieferanten mussten Zertifikate liefern“, so Böker. Als sie mit den Planungen vor fünf Jahren begonnen hätten, seien sie mit dem Thema Nachhaltigkeit bei vielen Herstellern noch gegen Wände gelaufen: „Im vergangenen Jahr hat sich aber sehr viel verändert.“

Aus Gründen der Nachhaltigkeit wurde im Haus sehr viel Holz verbaut. Insgesamt drei Tischlerteams sorgten für Maßanfertigungen von Möbeln und Einbauten. Die 138 Hotelzimmer gibt es in zehn verschiedenen Kategorien in einer Größe zwischen
9 und 62 Quadratmetern. 23 der Zimmer in unterschiedlichen Kategorien sind sogenannte Artrooms, die in Zusammenarbeit mit Künstlern und Kreativen realisiert wurden. Für die Gestaltung der beiden Suiten waren etwa die Schauspielerin Barbara Schöneberger und der Musiker Jan Delay verantwortlich.  Eine Besonderheit des Hotels ist der Camping-Ground mit zwölf Einzelbett-Kabinen in der vierten Etage. Die Preise beginnen bei 19,10 Euro für eine Einzelbett-Kabine im Camping Ground und bei 300 Euro für eine Suite pro Nacht. Dabei ist der Preis von 19,10 Euro eine Anspielung auf das Gründungsdatum des FC. St. Pauli im Jahr 1910.

Steckbrief

  • Eröffnet: 16. November 2023
  • Inhaber/Bauherr: Villa Viva Haus GmbH
  • General Manager: Laura Hansen
  • Betreiber: Villa Viva Betriebs GmbH
  • Marke: Villa Viva
  • Gesamtfläche (innen/außen): 7000 Quadratmeter
  • Planungszeit: 7 Jahre
  • Bauzeit: 2 Jahre
  • Investition: 36 Millionen Euro
  • Architekt & Innenarchitekt: Medium Architekten
  • Projektmanagement: Urban Future
  • Generalunternehmer: Aug. Prien
  • Zimmerzahl: 138
  • Zimmerpreise: 19,10 bis 300 Euro
  • Beteiligte Firmen: Keuco, Laufen, Noo.ma, Noah-Living, Lumi, &Tradition, Vescom u.a.

Dezente Töne lassen Raum für die Kunst

Der Grundgedanke der Inneneinrichtung sei der einer Bühne. „Verändern soll sich vor allem die Kunst in den Räumen“, sagt Annika Böker. Aufgrund der vielen Kunst sei das Haus von innen sehr farbenfroh. Deshalb wurden für die Wände und andere Raumelemente eher sanfte Farbtöne wie Pfefferminzgrau gewählt, die Raum für die Kunst lassen. Gemütlichkeit soll vor allem durch Lampen, Vorhänge, Teppiche und Kissen entstehen. Durch die Kooperation mit dem Frauenprojekt Bridge & Tunnel aus dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg wurde die Idee umgesetzt, aus den Resten der Stoffe für Vorhänge und Polster Kissen zu nähen: „Dadurch konnten wir unsere eigenen Stoffreste weiter verarbeiten.“ Die bunten Lampen im Viva Cantina Restaurant stammen von dem Frauenprojekt Ashanti in Südafrika.

In Kapstadt gibt es bereits seit Oktober 2021 eine Villa Viva. Im Unterschied zum Hamburger Neubau wurde dort aber das älteste Backpacker-Hostel in Downtown Kapstadt gekauft und zu einer Villa Viva mit 39 Zimmern in vier Häusern umgewandelt. Ähnlich wie die Mutterorganisation Viva con Agua soll aber auch die Idee der Villa Viva weiter wachsen.