Mit dem Porsche Design Tower ist eine Mixed-Use-Immobilie entstanden, die architektonisch wie konzeptionell neue Akzente setzt. Radisson Blu kombiniert die kühle Designsprache des Turms mit der Handschrift des Autoherstellers.
Sich den Betreiberzuschlag für ein Hotelprojekt in einem Porsche Design Tower zu sichern ist eine Ansage. Hier auch designtechnisch eine Balance zu finden vermutlich eine echte Herausforderung. Seit dem Soft Opening am 2. November können sich die ersten Gäste nun selbst ein Bild vom Ergebnis und dem neuen Radisson Blu Hotel am Verkehrsknotenpunkt Stuttgarter Pragsattel machen.
Die architektonische Ausgangsbasis kann sich sehen lassen: Mit 90 Metern Höhe gehört der Tower zu den höchsten der Stadt. Porsche Deutschland hat ihn in einer Kooperation mit der Bülow AG als Projektentwickler und Investor sowie in Zusammenarbeit mit der Porsche Lifestyle Group entwickelt. Der Projektentwickler aus Stuttgart zeichnete dabei mit seinem eigenen Architekturbüro auch für den Entwurf verantwortlich. In Verbindung mit dem neuen Porsche Zentrum ist ein architektonisches Ensemble entstanden, das einen neuen städtebaulichen Akzent im Geschäfts- und Hotelviertel im nördlichen Stadtgebiet setzt. Nach Miami, Florida/USA, ist es der zweite Porsche Design Tower, zugleich der erste mit Hotelnutzung…
Puristische Designphilosophie
Architektonisch greift der Turm den Look des Nachbargebäudes, des Porsche Zentrums, auf. Bodentiefe Fenster und eine Weiterführung der waagerechten Lamellen sind dabei wesentliche Details. Sie spiegeln zugleich die klare, puristische Designphilosophie von Porsche Design wider. Die Gebäudehülle besteht in den Regelgeschossen aus einer elementierten Doppelfassade mit gekrümmten Gläsern an den Ecken sowie aus Stahlfassaden in den Doppelgeschossen. Die bedingt verdrehte Architektur nimmt Bezug auf den Straßenverlauf des Verkehrsknotenpunkts Pragsattel. Bei der Verpachtung der Hotelflächen ging der Zuschlag an die Radisson Hotel Group, die mit ihrer Upper-Upscale-Marke Radisson Blu nun die Etagen neun bis 23 bespielt. Der Pachtvertrag wurde für 20 Jahre abgeschlossen, mit Option auf Verlängerung. „Wir planen mit 30 Jahren“, kündigt General Manager Stefan Welti an.
Der Zutritt zum Hotel erfolgt über ein Foyer in der Siemensstraße. Statt wie gewöhnlich sofort auf die Rezeption zu stoßen, finden sich die Gäste vielmehr in einer begrünten Café-Bar mit langem Tresen, hoher Decke, Lounge-Ecken, Sitztreppe und 30 Community-Tables mit Co-Working-Steckplätzen wieder. Das kulinarische Angebot umfasst Snacks und Gebäck. Alles ist To-go erhältlich, um auch die umliegenden Büros anzusprechen. „Es soll ein Platz zum Arbeiten, Essen und Reden sein“, so Welti. „Das Konzept zielt darauf ab, dass sich der Gast zuhause fühlt und bleiben mag.“
Entsprechend wurde die Rezeption auf eine offene Zwischenebene ins „EG 2“ verlagert, die sowohl über eine Treppe als auch über den Aufzug erreichbar ist. Außer dem klassischen Empfangstresen erwartet die Gäste hier eine kleine Lounge sowie ein Check-in-Kiosk mit zwei Terminals. „Damit folgen wir dem Trend zum Self-Check-in“, betonte Max Gross, Vice President Business Development der Radisson Hotel Group, bei der ersten Musterzimmerbegehung im November 2022. Das Frontoffice sei eher als Anlaufpunkt für Concierge-Services gedacht. Architektonisch sind alle Hotelräumlichkeiten um zwei mittig gelegene (Flucht-)Treppenhäuser – ausgestattet mit Überdruckanlagen gegen Verrauchung – sowie die Aufzugsschächte angeordnet. Entsprechend bieten alle Zimmer und öffentlichen Bereiche Ausblick auf die Stadt. Die elfte Etage ist dem Back of House, der Mitarbeiterkantine und den Büros vorbehalten. Außerdem befindet sich hier ein kleiner Fitnessbereich, auf Etage 24 ist die Haustechnik untergebracht.
Steckbrief
- Eröffnung: Soft Opening 2. November 2023; Grand Opening Mai 2024
- Investor & Projektentwickler: Bülow AG in Zusammenarbeit mit Studio F.A. Porsche
- Bauherr: Objektgesellschaft Design Tower Stuttgart mbH
- Investition Gebäude: keine Angabe
- FF&E-Investition: 5 Mio. Euro, davon 0,5 Mio. Euro für Equipment von Hotelseite
- Baubeginn: 2020
- Grundstücksgröße: 8.500 qm, davon 1.450 qm für den Tower
- Geschossfläche (oberirdisch): ca. 16.000 qm, davon ca. 10.000 qm Hotel
- Betreiber: Radisson Hotel Group
- Kategorie: Viersterne Superior
- Zimmer: 168 Zimmer und Suiten in sechs Kategorien
- Preise: ab 160 Euro im Standardzimmer
- Gastronomie: Restaurant „Balaustine“ (87 Plätze), Bar (60 Plätze), zwei Terrassen, Café-Lounge im EG (55 Plätze inklusive Co-Working)
- Mice: 550 qm Tagungs- und Eventfläche
- Parken: 40 Tiefgaragenplätze, zwei öffentliche Elektro-Charging-Stationen
- Mitarbeitende: 20 zum Start; geplant sind 26 (2024)
In den Zimmern wird angesichts einer Größe von 23 bis 31 Quadratmetern Flächeneffizienz großgeschrieben, vielmehr sollen Interior Design und Aussicht bestechen. Die Eckzimmer (Typ „Corner“) mit 180-Grad-Blick in die Umgebung sind etwas großzügiger geschnitten, die Standardzimmer wiederum in Weinberg- und Stadtblick unterteilt. Ab Etage 18 gibt es Connecting Rooms mit kleinem Vorraum für Familien. Die Preise für ein Standardzimmer beginnen bei 160 Euro, Radisson sieht deutlich mehr Potenzial: „Wir streben die Preisführerschaft in Stuttgart an, wollen es hier unter die Top 3 schaffen“, kündigte Max Gross an. In puncto Budget liege das Haus über dem Radisson-Blu-Durchschnitt, da „stark in Qualität und Design investiert“ worden sei, so Stefan Welti. Bei der Ausstattung standen die Radisson-Standards im Fokus, „wobei die Marke Blu mit ihrem Designfokus etwas mehr Freiheiten genießt“.
Das Interior Design für das Stuttgarter Haus wurde vom Design & Technical Team der Radisson Hotel Group mit Sitz in Madrid entwickelt. „Wir haben die puristisch kühle Designsprache des Towers mit seinen Kurven und Linien in ein zeitgenössisches Interior Design übertragen und beim Artwork den Porsche-Standort aufgegriffen“, sagt Jacobo San Nicolás, Head of Design & Technical bei Radisson EMEA. Im Ergebnis trifft nun Urbanität auf modernes Porsche-Design – ohne dass daraus ein Porsche-Themenhotel geworden wäre, betont Max Gross. Die Verweise auf den Autohersteller sind stilvoll dezent und reichen vom Wegeleitsystem in der Porsche-Hausschrift bis hin zu den großformatigen Porsche-Modell-Fotografien von Dennis Orel, der für den Autohersteller auch den Porsche Kalender realisiert hat. Sie finden sich in allen Zimmern und in den öffentlichen Bereichen.
Bar in organischem Look & Feel
Die Farbwelt der Zimmer ist in Grau-, Weinrot-, Schwarz- und Walnuss-Tönen gehalten. Zur Ausstattung gehören Boxspringbetten, Minibar, Kaffeestation, Phillips-TV-Geräte, Wandelemente in hochwertiger Holzoptikfolierung, Strukturtapete und Laminat in Holzoptik. Bei den Badezimmern in Marmor-Optik setzte Radisson auf maßgearbeitete Fertigbäder von Tairos. Für Urbanität sorgen Säulen aus Sichtbeton und bodentiefe Fenster. „Der Blick aus den Hotelzimmern reicht weit über die Stadt bis hin zu Killesberg und Neckarpark“, so Welti. „Ein echter Wow-Effekt.“ Dieser setzt sich in den öffentlichen Bereichen fort: Wer im zehnten Stock die Gastronomie-Ebene betritt, blickt auf eine der beiden Terrassen – deren Opening ist im April 2024 –, in der neunten Etage wiederum geht der Ausblick auf die Weinberge.
Das soll sich künftig auch in der Weinauswahl des Restaurants „Balaustine“ widerspiegeln, mit dem Weingut der Stadt Stuttgart ist Welti bereits im Gespräch. Das Farbkonzept im Balaustine kombiniert Braun-, Orange- und Gelbtöne. Natürliche Materialien, Kunstfotografien und das Lichtdesign sorgen für Wärme und Aufenthaltsqualität. Die offene Küche ragt wie ein Schiffsbug in Richtung Fensterfront, die Arbeitsflächen fungieren morgens als Frühstücksbuffet. „Möglicherweise haben wir die höchstgelegene Küche Stuttgarts“, so Welti. Das Balaustine-Konzept, eine Radisson-Eigenentwicklung, setzt auf Levante-Küche. Bespielt wird das 87-Plätze-Restaurant von 12 bis 14 Uhr als Lunch-Spot – Zielgruppe sind hier auch die umliegenden Büros – und von 18 bis 22 Uhr als Dinner-Location. Die durch eine Tür vom Restaurant abgetrennte Bar verfügt über 60 Plätze und zwei bodentiefe, 3,5 Meter hohe Fensterelemente, die sich im Sommer komplett öffnen lassen. Hingucker ist der Tresenbereich in Walnussholz-Design. Von der Decke ragen 121 organisch geformte Holzelemente nach unten. Im Kontrast dazu steht die eher geometrisch gestaltete Holzvertäfelung der Theke. Verbaut wurden Black MDF-Platten und High Pressure Laminate (HPL). Ein weiß-schimmernder Fliesenspiegel an der Rückwand und Beleuchtungseffekte ergänzen den Look.
Wirksamer Vogelschlagschutz
Ein Stockwerk tiefer, in der neunten Etage, ist die Tagungsebene mit neun Meeting- und Eventräumen sowie zwei Pausenräumen angesiedelt. Diese sind flexibel zusammenlegbar und fassen in der Gesamtfläche von 550 Quadratmetern bis zu 300 Gäste. Optisch setzt sich die Wandgestaltung der Etage von den anderen ab, denn es kam hier individuell angefertigtes Smoked-Eukalyptus-Holzfurnier aus Australien zum Einsatz. Die Tagungsräume sind ihrer Größe entsprechend nach Porsche-Modellen benannt – von Boxter (28 Quadratmeter) bis Panamera 2 (71 Quadratmeter).
In Sachen Umweltschutz profitiert das Hotel von der nachhaltigen Architektur des Towers, für die eine Gold-Status-Zertifizierung der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) angestrebt ist. Zudem gelten die Sustainability-Standards von Radisson. „Wir beziehen 100 Prozent erneuerbaren Strom von Enercity, haben überall Bewegungsmelder und verfügen über die neueste Technik“, nennt Welti einige Punkte. Auch gibt es zwei öffentliche Elektro-Charging-Stationen. Eine technische Besonderheit des Gebäudes sind die Fenster, die Ästhetik und Naturschutz vereinen. Hier kam das Ornilux-Vogelschutzglas von der Firma Arcon Flachglas-Veredlung zum Einsatz. Dieses sei hochwirksam gegen Vogelschlag und biete zugleich effektiven Sonnenschutz. In das Glas sind feine, sichtbare vertikale Streifen eingearbeitet, die von Vögeln als Hindernis wahrgenommen werden, sodass diese abdrehen. Für die Hotelgäste dagegen werden die feinen Linien kaum erkennbar sein. Die hohe Wirksamkeit der Markierungen wurde bereits in umfangreichen Tests in Flugtunneln nachgewiesen. Verbaut wurden 1.700 einzelne Glaselemente.
Dem Soft Opening des Hotels im November soll im Mai die offizielle Eröffnungsfeier folgen. Bis dahin will Welti das Haus gut aufstellt und alle Feinjustierungen vorgenommen haben. Den Start geht er behutsam an: „Wir haben mit 30 Prozent Belegung geplant, die wir bereits übertreffen“, sagt er vier Tage nach Eröffnung. „Für 2024 gehe ich von 70 Prozent aus.“ Zielgruppe seien internationale und lokale Corporate-Gäste, private Stuttgart-Besucher und Autoabholer im Porsche Zentrum.