Umbau des Bergkristalls in OberstaufenFeinschliff zum Juwel

Der Infinity-Pool hat eine Größe von 10 mal 20 Metern. (Bild: Bergkristall/Michael Huber)

Hinter Familie Lingg liegen turbulente Zeiten: Vor einem Jahr startete sie den Umbau ihres Viersterne-Superior-Hotels in den Allgäuer Alpen zum Wellnessresort. Hotel+Technik begleitete das Zwölf-Millionen-Euro-Projekt.

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Was bisher geschah: Mit einer Investitionssumme von zwölf Millionen Euro sollte in nur vier Monaten das Wellnesshotel Bergkristall erweitert, modernisiert und technisch auf den neuesten Stand gebracht werden. In drei Bauabschnitten wurden Bar- und Wellnessbereich, das neue Atrium mit Lobby sowie das Restaurant und zuletzt der Neubau realisiert. Hotel+Technik besuchte das angehende Resort zum Baubeginn sowie zur Halbzeit. Die Arbeiten der ersten beiden Bauabschnitte waren im Zeitplan – der Neubau bereitete dem Team jedoch Sorgen. Da das alte Stammgebäude nicht komplett unterkellert war, mussten zum Teil nochmals zwei Stockwerke ausgehoben werden. Aufgrund des harten Felsens unterhalb des Gebäudes kostete dieser Arbeitsschritt mehr Zeit als erwartet, wodurch das Projekt von Anfang an drei Wochen im Verzug war. Bis zu 60 Bauarbeiter verschiedenster Gewerke sorgten parallel für die Einhaltung des straffen Plans, denn das Bergkristall war zur Teileröffnung am 14. August 2018 ausgebucht. Dieser dritte Teil der Hotelreportage ist zugleich der Abschluss der Serie rund um das Viersterne-Superior-Hotel.

Eingefasst in den Allgäuer Alpen liegt ein neu geschliffener Juwel. In Oberstaufen hat die Gastgeber-Familie Lingg das Bergkristall – mein Resort im Allgäu einer Verschönerungskur unterzogen. Um in neuem Glanz zu erstrahlen musste ein alter Gebäudekomplex einem neuen weichen. Entstanden ist die Bergkristall Lodge – ein Zimmertrakt mit 25 Wohneinheiten im Alpin-Chic. Die Größe der Zimmer, Suiten und Studios reicht von 30 bis 81 Quadratmetern. Diese sind mit teils großzügigen Terrassen und Balkone ausgestattet, in einer Größe von sieben bis 28 Quadratmeter. In Kingsize-Boxspringbetten lässt es sich bequem nächtigen, damit am nächsten Tag das Bergpanorama ausgeruht auf Liegen – im Winter in Decken gewickelt – genossen werden kann. Insgesamt zählt das neue Bergkristall nun 133, statt wie vorher 104 Betten. Die Zimmerzahl ist von 56 auf 68 angewachsen.

Auch einen neueren, größeren Spa-Bereich beherbergt das Haus. „Durch die Vergrößerung können wir dem Gast mehr Luxus bieten“, betont Hans-Jörg Lingg im Interview mit der Hotel + Technik-Redaktion. Mehr Platz als vorher gibt es nicht nur in den Aufenthaltsbereichen des Spas, sondern auch im Pool. Mit seinen 20 mal 10 Metern ist er viermal größer als vorher. Ins Schwitzen kommen Gäste auch in der neuen Event-Sauna im Außenbereich. Zur Entspannung tragen dort neben unterschiedlichen Aufgüssen auch Licht und Sound bei. Wie in den Wohnräumen des neu entstandenen Trakts ist auch das Design des Kristall-Spa in Alpin Chic gehalten.

Ein mutiger Schaffensprozess

Das Ergebnis hat Familie Lingg nicht zuletzt ihrem unermüdlichen Oberhaupt Hans-Jörg zu verdanken. „Das Bergkristall ist meine Leidenschaft. Da ist mir nichts zu viel, da ist mir kein Tag zu lang“, verrät der gebürtiger Oberstaufer, der im heutigen Hotelkomplex – einem alten Bauernhaus – aufgewachsen ist. Dennoch wäre nichts ohne die tatkräftige Unterstützung seiner Frau Sabine, des Architekten und der Innenarchitektin gegangen. Die mussten manchmal Überzeugungsarbeit leisten, vor allem wenn es um dunkle Farben wie Anthrazit und Schwarz ging. „Ich habe der Innenarchitektin gesagt, ich mag kein grau. Jetzt muss ich aber zugeben, sie hatte Recht mit ihrer Farbwahl. Es ist sehr schön geworden“, sagt Lingg. Ohnehin hat er die Farbgestaltung ihr und seiner Frau überlassen. „Sie haben mir Muster vorgelegt und dann habe ich gesagt, jetzt bin ich raus. Ich werde verrückt, wenn ich 25 Kataloge und 750 Stoffe vor mir habe. Ich kümmere mich lieber um die Großflächen, Fenster, Fassade, aber auch um die Bar, Tische und Stühle“, gibt der Hotelier zu. Es gab viele Diskussion, doch am Ende sind sie immer auf einen gemeinsamen Nenner gekommen.

Immer im Hinterkopf während des Austüftelns war der Zeitplan. Von April bis August war das Bergkristall geschlossen. Hiernach konnten sich Gäste wieder einbuchen. Eine Herausforderung, denn es musste alles soweit fertig sein, dass der „normale“ Hotelbetrieb wieder laufen konnte. „Trotz des enormen Zeitdrucks, war die Stimmung großartig. Alle Gewerke arbeiteten Hand in Hand, das erforderte eine durchgängige Präsenz unsererseits auf der Baustelle“, erinnert sich Architekt Armin Tittel. Eine Baustelle im laufenden Betrieb zu haben, das würde Hausherr Lingg wieder ganz genauso machen – trotz Zeitdruck. Ein mutiger Schritt, doch die Rechnung ging glücklicherweise auf.

„Stempeln“ auf Zeit

Da der Hotelbetrieb von Mitte April bis 1. August stilllag, musste der Hotelier seine Mitarbeiter für diese Zeit entlassen. Ein Risiko, denn er musste damit rechnen, dass sie sich in der Zeit einen anderen Job suchen. Doch der Hausherr sorgte vor und drückte jedem mit der Kündigung auch eine Wiedereinstellungsgarantie in die Hand. Auch das Jobcenter bezog er mit ein. „Vier Mitarbeiter kamen zu uns ins Bergkristall und haben eine Sammelarbeitslosenmeldung gemacht, um es für unsere Mitarbeiter so unkompliziert wie möglich zu machen. Das ging alles sehr schnell. Nach zwei Stunden war alles erledigt“, erinnert sich Lingg. Die Mitarbeiter hatten außerdem die Möglichkeit, ihre Überstunden während abzubauen und Urlaub zu nehmen, um die Zeit, in der sie „stempeln“ mussten, zu verkürzen. Von Anfang hat Familie Lingg die Mitarbeiter mit einbezogen und sie dazu angehalten, die Baustelle zu besuchen, wenn sie in der Nähe sind. Für das Marketing und die Buchhaltung wurde sporadisch ein Büro mit sechs Schreibtischen eingerichtet.

Dass sich Lingg um seine Mitarbeiter bemühte, zahlte sich auch. Lediglich drei von 80 Mitarbeitern kehrten im August nicht mehr ins Bergkristall zurück. Das bedauert Lingg zwar, hat jedoch Verständnis dafür. Die Bilanz kann sich trotzdem sehen lassen: „Die Fluktuation in vier Monaten ist normalerweise höher“, erklärt er.

Kurze Wege

Eingebettet in einem phänomenalen Bergpanorama, macht sich das neue Bergkristall die Aussicht zu Nutze. Dafür sind viele große Fensterfronten entstanden, welche die Natur ins Haus holen und zum gemütlichen Verweilen mit XXL-Bergblick einladen. Außerdem ist viel neuer Raum entstanden – sehr zur Freude von Hausherr Lingg. Damit keine Engpässe im Restaurant entstehen, hat nun jedes Zimmer einen Tisch. „Wir haben immer Engpässe gehabt. Jetzt haben wir den ‚Megaluxus’. Jeder Gast kann nun essen, wann es ihm passt“, betont Lingg. Trotzdem war es wichtig, dass das Restaurant nicht zu einem Speisesaal wird. Eine Herausforderung, die die Familie aber mit dem Architekten lösen konnte.

Trotz mehr Raum sind die Wege für den Gast im Restaurant kürzer geworden. Von beiden Seiten kann er sich am Buffet, das in der Mitte des Raums aufgebaut ist, bedienen. Links und rechts davon befinden sich die Eingänge zur Küche. „Die Kellner sollen nicht durch das Buffet laufen, um in die Küche zu gehen. Sie laufen links und rechts daran vorbei. Bestücken können sie es von allen Seiten“, verrät der Hausherr, der gerade auch die neuen Wege für die Mitarbeiter mit Beginn der Bauphase im Auge hatte. Schließlich ist gerade im Küchen- und Restaurantbereich nichts mehr an seinem „angestammten“ Platz. Die damit veränderten Prozesse im Hotelbetrieb galt es frühzeitig einzuüben.

Kosmischer Bestellservice

Es ist also alles gut gegangen im Bergkristall. Das könnte am Spirit des Hausherrn liegen. „Wir haben aufgesperrt und es funktionierte alles. Es stand alles unter einem guten Stern.“ Geholfen haben auch die Gäste. Einige mussten ihren Urlaub vorverlegen, da sie in der Zeit zwischen April und August gebucht hatten. „Alle haben uns ganz viel Glück gewünscht und ich habe gesagt, bitte denkt ganz oft an uns. Ich brauche ganz viele Menschen mit guten Gedanken, die sie uns jeden Tag schicken. Das war wie ein kosmischer Bestellservice“, erklärt Lingg. Das hat gewirkt: „Wir hatten keinen Schnee, obwohl bei uns Mitte April noch Winter ist. Es gab keinen Tag mit Minusgraden. Insgesamt gab es fünf Regentage – zwei davon unter der Woche. Unsere Handwerker waren sensationell. Ich habe eine Familie, die mitgespielt hat, Mitarbeiter, die wiedergekommen sind. Es gab keinen Unfall.“

Vielleicht liegt es aber auch an der Tradition, die erhalten blieb – die Madonna als Schutzpatronin, die üblicherweise in der Allgäuer Alpenregion in Bauernhäusern zu finden ist, hängt immer noch über dem Eingang des neuen Bergkristall. Doch nicht alles sollte nach der Meinung des Hausherrn bewahrt werden. „Manche Traditionen muss man schützen, andere zerstören dich. Was im Weg ist, muss weg, von manchen Dingen muss man sich frei machen. Wie von unserem Bergstüberl, das wir im Zuge des Umbaus abgerissen haben“, sagt Lingg. Architekt Tittel ergänzt: „Die größte Herausforderung lag darin, die Seele des Hauses zu bewahren und trotz einer Verdoppelung der Bettenzahl das heimelige Ambiente des Bergkristall beizubehalten.“ Einige Stammgäste hatten diesbezüglich Bedenken, doch als sie das Ergebnis sahen, sprachen sie Komplimente aus. Dafür spricht auf die Belegung. „Wir sind besser belegt denn je. Also müssen wir irgendwas richtig gemacht haben“, betont Lingg.

Fortsetzung folgt

Voraussetzung für ein solch erfolgreiches Projekt ist dem Hausherrn zufolge eine Vision, die jeder haben sollte. „Was mich besonders an diesem Projekt gereizt hat, war die konsequente Umsetzung einer gemeinsam mit der Familie Lingg entwickelten Vision“, verrät Architekt Tittel. Ob diese nun Wirklichkeit wurde? „Ein Hotel ist nie fertig“, verrät Lingg und ergänzt: „Die Vision wird nur fortgesetzt. Wie, das erzähle ich aber noch nicht.“

Mareike Knewitz

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