Trend "No Service" – der neue Budgetboom?

Area 24|7 Karlsruhe
Das erste Kapselhotel Deutschlands eröffnete in Karlsruhe. (Bild: Area 24|7)

Die extrem effizient organisierte Budgethotellerie expandiert ungebremst und macht der traditionellen Hotellerie partiell das Überleben schwer. Das Segment der Limited-Service-Hotels steht allerdings selbst vor einschneidenden Veränderungen, denn: Es geht noch weniger.

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Kapselhotels sind in ihrem Ursprungsland Japan eine weitverbreitete Hotelform, die aus dem Bedürfnis nach einer günstigen Unterkunft in Städten mit großem Platzmangel entstand. Nun ist der Markteintritt in Deutschland erfolgt und damit eine neue Form der Budgethotellerie: Ohne Service, ohne Fenster, aber mit guten Aussichten auf Erfolg.

Es ist jedoch längst nicht die einzige Evolutionsform, die den Markt in den kommenden zehn Jahren verändern wird: „Die jetzige Budgethotellerie, die vorwiegend im Bereich Limited Service angesiedelt ist, wird in zehn Jahren einen neuen Wettbewerb von noch günstigeren Hotels im Bereich ‚No Service’ erhalten“, sagt Michael Lidl, geschäftsführender Partner der Unternehmensberatung Treugast Solutions Group. Er ist überzeugt: „Es wird eine moderne, zeitgemäße und attraktive Hotelkonzeption entstehen, die nahezu ohne hoteleigene Mitarbeiter auskommt und preislich unterhalb der aktuellen Budgethotels liegen wird.“ Die Digitalisierung ermögliche, die Gäste immer weiter in den Leistungserstellungsprozess zu integrieren und somit eigenes Personal in den Hotels vor Ort einzusparen.

“Wer die Rendite der Immobilien über die Bezahlung der Menschen stellt, wird am Ende scheitern.“
Marco Nussbaum, Prizeotel

Vorläufer gab es bereits vor zehn Jahren, unter anderem mit den Formule 1 Hotels. „Diese Häuser waren allerdings nicht besonders sexy und vom Grundprinzip her der Zeit voraus“, so Michael Lidl. Technik und die Gesetzeslage wie der Meldeschein seien schlichtweg noch nicht so weit gewesen. Für den Treugast-Partner ist es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis ein entsprechend attraktives „No-Service“-Hotelkonzept mit modernem Design und qualitativ ansprechenden Ausstattungsstandards am Markt platziert wird. „Dann ist der neue Boommarkt der ‚No-Service-Hotels‘ geboren.“

Mit Formule 1 hat Yannick Wagner, Vice President Development Central Europe bei Accorhotels, wenig Berührungspunkte, dafür aber umso mehr mit Ibis. Mit der
Budgetmarke will Europas größte Hotelgesellschaft auch in Deutschland weiter stark expandieren – die Rahmenbedingungen erlaubten mittlerweile auch in kleineren Städten eine entsprechende Strategie, und die Gäste stünden den Produkten offener gegenüber. Yannick Wagner: „Die Budgethotellerie wird in den nächsten Jahren von ihrem ‚Bettenburg’-Image wegkommen. Weg von der kompletten Standardisierung und hin in Richtung individueller Produkte.“

Design und Architektur bleiben maßgeblich

Das habe die Gruppe in den letzten Jahren zum Beispiel bei Ibis Styles bereits erfolgreich vorgelebt. Eine gewisse Individualisierung und Flexibilität werde in den nächsten Jahren auch bei Ibis und Ibis Budget Einzug halten, so Wagner. Der Manager ist sich sicher, dass Design und Architektur künftig auch im Budgetsegment eine noch größere Rolle spielen werden, nicht zuletzt im Hinblick auf die Verknüpfung der Hotellerie mit anderen Nutzungsarten wie Co-Working und Restauration.

Marco Nussbaum, Chef und Gründer von Prizeotels, prognostiziert eine ähnliche Entwicklung, sieht die Budgethotellerie aber bereits mitten im Veränderungsprozess: „Schaut man sich die Produkte heute an, dann ist zu sehen, dass massiv in Qualität investiert wird. Die FF&E-Budgets gehen kontinuierlich nach oben, allein die Lobbys haben schon Anmutungen von Viersternehotels.“ Der Unternehmer und IHA-Vorstandsmitglied ist überzeugt, dass dieser Prozess auch in den kommenden zehn Jahren andauern wird, denn „der Vormarsch der Budgethotellerie ist noch nicht vorbei.“ Im Zuge dessen werde die Budgethotellerie in allen Bereichen weiter Druck auf renovierungsbedürftige und profillose Drei- und Viersternehotels in Deutschland machen.

Hotels ohne Service sind folgerichtige Antworten auf aktuelle Herausforderungen

Während sich die Experten bei Interior und Design künftiger Budgethotels auf einer Linie bewegen, gibt es beim Thema Personal kontroverse Ansichten. In Zeiten von stetig steigenden Übernachtungszahlen bei gleichzeitig zunehmendem Fachkräftemangel müsse es der Branche gelingen, die Personalproduktivität erheblich anzuheben, um dem bestehenden Nachfragewachstum weiter entsprechend begegnen zu können, betont Unternehmensberater Michael Lidl. Hotels ohne Service seien „die folgerichtige Antwort auf diese Herausforderung“. Marco Nussbaum von Prizeotels hält dagegen, dass die Branche trotz fortschreitender Digitalisierung immer noch ein „People Business“ ist: „Wir arbeiten mit Menschen für Menschen. Wenn aber viele der neuen Produkte und Hotelstandorte nicht mehr betreiber-, sondern investmentgetrieben sind, dann kommt der Mensch zu kurz.“ Wer die Rendite der Immobilien über die Bezahlung der Menschen stellt, werde am Ende scheitern.

Mathias Hansen / Originalbeitrag erschienen in Tophotel

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