The Chedi Andermatt-Chef Jean-Yves Blatt im Interview"Wir müssen beweisen, dass Reisen wieder sicher ist."

"Wir können nicht länger auf eine Zeit 'danach' warten, sondern müssen lernen, eine neue und bleibende Normalität des Reisens zu schaffen", sagt Jean-Yves Blatt, General Manager des luxuriösen Fünf-Sterne-Hotels The Chedi Andermatt in den Schweizer Alpen. (Bild: The Chedi Andermatt)

Das Chedi Andermatt war eines der ersten Hotels in Europa, das bereits am 8. Mai den Re-Start in Angriff genommen hat. Im Interview betont Direktor Jean-Yves Blatt, dass die Branche eine neue und bleibende Normalität des Reisens schaffen muss und dass jeder Hotelier selbst entscheiden muss, ob er unter den gegebenen Bedingungen wiedereröffnen kann.

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In den letzten Wochen gab es lange Diskussionen, wie und wann die Hotellerie bereit für den Neustart ist. Denken Sie, die Reiseindustrie ist soweit?

Jean-Yves Blatt: Das The Chedi Andermatt ist aktuell das einzige Fünf-Sterne-Deluxe Hotel in den Schweizer Bergen, das schon geöffnet hat. Die Buchungszahlen rund um das Re-Opening waren gut mit einer Auslastung von fast 70 Prozent. Sicherlich auch, weil wir als Mountain Retreat ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Für mich scheint es so, als hätten die Menschen angefangen, das Leben mit dem Virus als neue Realität zu sehen und sich eine neue Normalität aufgebaut. Die Reiseindustrie muss das gleiche machen. Wir können nicht länger auf eine Zeit ‘danach’ warten, sondern müssen lernen, eine neue und bleibende Normalität des Reisens zu schaffen. Die Dinge werden nicht einfach besser, sie werden anders. Und ich glaube fest daran, dass der Hospitality-Bereich dieses Motto Realität werden lassen kann.

Ihr Re-Opening hat sich mit dem schrittweisen Abbau der Maßnahmen in der Schweiz und in anderen Teilen Europas überschnitten. Welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Buchungsanfragen?
Die Reaktionen auf unser Re-Opening waren sehr gut. Was kurzfristige Anfragen betrifft, konnten wir großes Interesse und entsprechende Buchungszahlen aus dem heimischen Markt verzeichnen. Aber wir haben auch schon die ersten längerfristigen Buchungen aus anderen Märkten erhalten. Um das Risiko für unsere Gäste zu minimieren, haben wir unsere Stornierungsbedingungen entsprechend angepasst. Alles in allem zeigen uns die Reaktionen, dass die Zuversicht und das Vertrauen immer noch da sind.

Es gibt weiterhin Bedenken über einen erneuten Anstieg der Infektionen. Welche Vorgaben gibt es seitens der Schweizer Regierung? Was müssen Sie als Hotelier bedenken?
Meiner Meinung nach sind die Maßnahmen der Schweizer Regierung streng, aber sinnvoll. Diese beinhalten zum Beispiel, dass nur eine bestimmte Anzahl an Personen im Restaurant erlaubt ist oder generelle Hygiene-Richtlinien. Ganz pragmatisch gesehen, sind sie einfach die Basis, mit der wir nun arbeiten müssen.

Jetzt muss jeder Hotelier entscheiden, ob er unter den gegebenen Bedingungen wiedereröffnen kann. Nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern auch im Hinblick darauf, ob sich die Maßnahmen in die jeweilige Hotelphilosophie integrieren lassen. Eine Plexiglas-Scheibe an der Rezeption ist in einem Fünf-Sterne-Hotel unter Umständen mehr ‘sichtbar’ als in einem Business-Hotel, wo der persönliche Service ohnehin nicht so wichtig ist.

Wie haben Sie die Maßnahmen umgesetzt?
Zunächst haben wir die Vorgaben der Schweizer Regierung als Basis genommen. Dann haben wir auch beobachtet, was andere – nicht nur im Hotelbereich – machen, um das Virus zu bekämpfen. Denn das ist, was wir tatsächlich tun müssen: Nicht nur mit den Bedingungen leben, sondern den Schutz unserer Mitarbeiter und Gäste zur obersten Priorität zu machen. Darauf aufbauend, haben wir eine einheitliche und standardisierte Vorgehensweise im Falle einer Pandemie entwickelt. Dieses wiederum fußt auf einem Hotel-spezifischen Schutz- und Sicherheitskonzept, das wir am Beispiel der aktuellen Pandemie entwickelt haben und das vom Kanton freigegeben wurde.

Was machen Sie darüber hinaus, um Gäste und Mitarbeiter zu schützen? Wie haben Sie Ihre Arbeitsabläufe angepasst?
Sicherlich haben wir unsere Abläufe verändert. Denn wir müssen beweisen, dass Reisen in Zeiten wie diesen nicht nur möglich, sondern sicher ist. Und wir als Hoteliers wissen am besten, was im laufenden Betrieb wichtig ist. Also haben wir uns mit unseren Experten aus den verschiedenen Fachbereichen zusammengesetzt und ein umfassendes Sicherheitskonzept ausgearbeitet.

Einige der Maßnahmen sind logisch und sollten ohnehin Standard in jedem guten Hotel sein. Regelmäßiges Händewaschen und -desinfizieren, zum Beispiel. Neu ist, dass unsere Mitarbeiter in Küche und Service, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, nun verpflichtend Masken und Handschuhe tragen. Ähnliches gilt für unsere Therapeuten im The Spa & Health Club, die Schutz-Masken aus Acryl über dem gesamten Gesicht sowie Handschuhe tragen. Unseren Gästen empfehlen wir während ihrer Anwendung ebenfalls das Tragen einer Maske, die wir natürlich gerne bereitstellen. Andere Maßnahmen, wie das korrekte Prozedere beim Roomservice oder die Umgestaltung der Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter geschehen weitestgehend unbemerkt für den Gast, sind aber genauso wichtig.

Masken für die Mitarbeiter, Desinfektionsmittelspender, A la Carte statt Buffet – notwendig, aber nicht sexy. Wie gelingt es Ihnen, die Hygienemaßnahmen mit den Ansprüchen eines Luxushotels zu vereinen?
Unser Standard ist genauso hoch wie zuvor. Unser Ziel ist es daher, unseren Gästen ein Gefühl von Sicherheit zu geben, ohne, dass sie die Veränderungen zu sehr bemerken. Wo wir erkennbare Veränderungen haben, etwa im F&B-Bereich, erklären wir sie. Etwa, dass Gäste an unserer Bar ihre Getränke nur im Glas und nicht mit einer gesonderten Flasche serviert bekommen. Oder dass wir nur vorab verpackte Snacks anbieten können. Aber die meisten Maßnahmen geschehen im Hintergrund oder konnten so umgesetzt werden, dass wir auf Trennscheiben und die Schließung einzelner Bereiche verzichten können.

Gibt es Bereiche oder Experiences, die Gäste momentan nicht nutzen können?
Wir haben Glück und dürfen nicht nur alle Gästezimmer nutzen, sondern unsere Gäste auch in allen übrigen Teilen des Hotels begrüßen. Das ist ein Vorteil, den Hoteliers in anderen Ländern teilweise nicht haben. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir dieses Privileg der Abnahme der Infektionszahlen in der Schweiz zu verdanken haben. Daher muss es weiterhin unser oberstes Ziel bleiben, diesen Status durch ein strenges Umsetzen aller Maßnahmen weiter zu halten.

Wo wir noch etwas länger warten müssen, ist in Bereichen, bei denen wir auf externe Dienstleister angewiesen sind. Das betrifft einige unserer Experiences und unser neues Restaurant ‘The Japanese by The Chedi Andermatt’.

Das Konzept des Hotels verbindet fernöstliche Kultur mit Regionalität. Inwieweit ist das jetzt gerade interessant?
Mit unserem Konzept haben wir schon vor Corona einen Nerv getroffen. Denn allein schon aus Umwelt-Gründen, mussten und müssen wir weiterhin Wege finden, um fremde Kulturen zu entdecken, ohne extrem weit zu reisen. Gerade in der Situation jetzt können wir mit unserem Konzept das Fernweh unserer Gäste befriedigen und gleichzeitig die Sicherheit bieten, die eine Fernreise nicht bieten kann. Bei aller Internationalität möchten wir aber nicht unsere Wurzeln hier in den Schweizer Bergen vergessen. Daher bringen wir auch immer regionale Konzepte ein.

Im Dezember haben Sie mit dem The Japanese by The Chedi Andermatt das höchste japanische Restaurant der Schweiz eröffnet. Was sind die Pläne für das Re-Opening?
Wir stehen schon in den Startlöchern. Das The Japanese by The Chedi Andermatt wird mit dem Start des Gütsch-Express wiedereröffnen. Sobald die Ski-Arena Andermatt-Sedrun-Disentis am 4. Juli ihren Betrieb wieder aufnimmt, wird auch der höchste Japaner der Schweiz seine Pforten öffnen. Aber es geht nicht darum, einfach wieder die Tür aufzusperren. Wir wollen uns weiter verbessern. Ein besonderes Highlight diesen Sommer werden daher unsere Gerichte mit Wagyu-Rind sein. Das Besondere: Unser Küchenchef Dietmar Sawyere hat die Rinder zusammen mit einem örtlichen Bauern hier im Urseren Tal aufgezogen.

Haben Sie seit Ihrem Re-Opening eine Veränderung bei den Gästen bemerkt?
In manchen Zeiten spüren wir unsere Lage stärker als in anderen. Gerade in den letzten Wochen haben wir den typischen Schweizer Pragmatismus erlebt. Die Gäste waren verständnisvoll, sehr entspannt. Dafür sind wir dankbar. Jetzt ist es an uns, Gästen aus anderen Ländern wie Deutschland oder Österreich zu versichern, dass Andermatt nicht nur schön, sondern auch sicher ist.

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