Hotelreportage Surreal und poetisch: Die neue Maison Heler in Metz

Entstanden aus einem Märchen von Philippe Starck: Das Maison Heler in Metz hat im März eröffnet.
Entstanden aus einem Märchen von Philippe Starck: Das Maison Heler in Metz hat im März eröffnet. © Maison Heler / Julius Hirtzberger

Mehr als zehn Jahre vergingen von der ersten Idee bis zur Vollendung der Maison Heler. Designer Philippe Starck steht hinter dem Konzept und hat dem Hotel mit seinem Design poetisches Leben eingehaucht.

Wer sich dem noch jungen Quartier de l‘Amphithéâtre in Metz nähert – dort, wo vor 15 Jahren das moderne Centre Pompidou Metz eröffnet wurde –, sollte nach oben blicken. Denn auf einem schlichten achtstöckigen Betonbau, der „Maison Heler“, ist die Nachbildung einer lothringischen Villa aus dem 19. Jahrhundert zu entdecken.

Die Geschichte dieses Hauses begann vor mehr als zehn Jahren mit einer Vision: Metz sollte ein Hotel des Pariser Architekten und Designers Philippe Starck erhalten. Baubeginn war 2018. Doch das Projekt geriet ins Wanken, laut dem Onlinemagazin infodujour unter anderem durch einen Brand im Rohbau, die Coronapandemie und das rätselhafte Verschwinden von Initiator und Mitinvestor Yvon Gérard im Jahr 2022.

Maison Heler: Spektakuläre Architektur

Um im Budget von rund 22 Millionen Euro zu bleiben, verzichteten die Bauherren schließlich auf zwei ursprünglich geplante Stockwerke. Der in Metz ansässige Baukonzern Demathieu Bard errichtete das Gebäude, eröffnet wurde es offiziell Ende März 2025. Seither sorgt das Hotel für ebenso viel Aufsehen wie viele andere Entwürfe des heute 76-jährigen Starck. Der Designer machte bereits in den 1980er-Jahren mit der Neugestaltung von Hotels in den USA Furore. Damals gestaltete Starck für Ian Schrager, Mitbegründer der Morgans Hotel Group, Ikonen wie das Royalton und das Paramount in New York, das Delano in Miami oder das Mondrian in Hollywood.

Nun verspricht die Maison Heler ein überraschendes Hotelerlebnis mit 104 Zimmern und Suiten, zwei Restaurants, zwei Bars und Veranstaltungsräumen. Die Inspiration entstammt dem Buch „The meticulous Life of Manfred Heler“, in dem Philippe Starck die Geschichte der fiktiven Hauptperson erzählt. „Maison Heler ist ein Konzept, in dem sich das surrealistische, poetische und fantastische Werk in der Materie kristallisiert“, erläutert Starck seine Idee: Manfred Heler, ein Waisenkind, lebt allein in einem prächtigen Herrenhaus im Stil der lothringischen Architektur des 19. Jahrhunderts – einem Erbe seiner Eltern. Als gelangweilter Träumer widmet er sich ständig neuen Erfindungen und der Liebe zu seiner imaginären Herzensdame Rose. Eines Tages, versunken in Gedanken auf seinem Sessel, beginnt die Erde zu beben – und das Haus samt Garten hebt ab und schwebt davon.

Bewohnbares Kunstwerk

Manfred Helers fiktives Leben bildet die Grundidee für das Design und macht das Haus zu einem bewohnbaren Kunstwerk. „Maison Heler ist ein Spiel mit entwurzelten Wurzeln“, sagt Schöpfer Starck selbst dazu, „ein symbolisches Bauwerk Lothringens, dessen historische Identitäten einen inspirierenden Zwischenzustand schaffen, in dem die Häuser und ihre festungsartige Erscheinung als zentraler Boden für dieses Projekt und die surreale Geschichte ihres Besitzers Manfred Heler dienten.“

Philippe Starck plante als Architekt und gestaltete auch die komplette Inneneinrichtung des Hotels – vom Teller bis zum Toilettensitz.
Philippe Starck plante als Architekt und gestaltete auch die komplette Inneneinrichtung des Hotels – vom Teller bis zum Toilettensitz. - © Philippe Starck/Julius Hirtzberger

Die gesamte Inneneinrichtung des Hotels – vom Teller über den Toilettensitz bis hin zu Sitzkissen und Lampenschirmen – wurde von Starck selbst entworfen oder musste von ihm persönlich freigegeben werden. Nichts wurde dem Zufall überlassen. „Alles, was wir zusätzlich anschaffen, zum Beispiel Wassergläser, muss Starck gesehen und abgesegnet haben“, betont auch Guest Relations Manager Alexandre Panorfio während eines Hotelrundgangs. Dabei erweisen sich die zahlreichen kuriosen Objekte im Hotel als Blickfang und sorgen für Aufsehen. Zu entdecken sind zum Beispiel ein Kristallhammer, Gipsambosse, doppelköpfige Äxte, umgedrehte Schaukelstühle sowie ausgefallene Fotografien und Skulpturen.

Einige dieser Exponate sind in Vitrinen ausgestellt, andere können als Souvenirs mitgenommen werden. Doch nicht alle Vitrinen sind geschickt platziert. Im Erdgeschoss etwa blockiert eine Vitrine, in der Taucherflossen ausgestellt sind, den Weg zum Aufzug. Das wird problematisch, wenn die Brasserie gut besucht ist und Gäste sogar im Bereich zum Aufzug hin platziert werden. Die Devise „Design follows function“ ließe sich an dieser Stelle noch optimieren.

Beim Betreten der Hotellobby fallen drei Materialien auf, die sich im ganzen Haus wiederholen: Beton, dunkles Holz und Keramikkacheln. Gegenüber dem Eingang befindet sich der Rezeptionstresen. Dazwischen laden Sitzgelegenheiten zum Verweilen oder Arbeiten ein, dienen bei Bedarf aber auch als Erweiterung des anschließenden Restaurants „La Cuisine de Rose“. An dessen Ende geht der Raum in die „Rose Bar“ über, der wiederum die Hotelküche folgt.

Das Design der ganztägig geöffneten Brasserie ist von Manfreds Arbeitsatelier inspiriert und zugleich eine Hommage an seine fiktive Geliebte Rose. Möbel in schlichten Farben, ein riesiges Origami-Flugzeug an der Decke und Fotos poetischer, überraschender Erfindungen erinnern an Manfreds Werkstatt. Alles, was sich auf Rose bezieht, ist in der Farbe Rosa gehalten – selbst das Porzellan. Das Restaurant öffnet sich zu einer großen Terrasse und liegt inmitten eines Gartens mit hohen Sträuchern und einer Boule-Bahn. Kulinarisch setzt das Rose auf französische Küche mit regionalem Schwerpunkt.

„Ein fast spartanischer Geist“

Im ersten Stock befinden sich auf über 300 Quadratmetern fünf helle, teils verwandelbare Tagungsräume für Konferenzen, Seminare und private Veranstaltungen. Einer davon wird noch bis Anfang 2026 vorübergehend als Fitnessraum dienen. Dann wird er ins Souterrain verlegt, wo ein Spa-Bereich mit Saunen, Hamam und möglicherweise einem Pool eröffnet werden soll. Jeder Tagungsraum trägt den Namen einer bedeutenden Schlacht der französischen Geschichte – ein Hinweis darauf, dass die Erzählung rund um Manfred zwischen den beiden Weltkriegen angesiedelt ist. Beispiele sind Marne oder Verdun. Vom zweiten bis zum achten Stock verteilen sich die schnörkellos-eleganten Zimmer und Suiten. Materialien wie Sichtbeton, dunkles Holz, grob geschnittener Marmor und Keramikkacheln greifen Elemente aus Manfreds Villa auf. „Ein fast spartanischer Geist“, beschreibt Starck die Atmosphäre, „befreit von jeglicher Oberflächlichkeit, in dem jedes Material seine eigene Farbe behauptet: das Weiß der Baumwolle, das Grau des Betons an Decke und Wänden.“

Gehen wie auf Wolken

Die meisten Zimmer verfügen über einen begehbaren Kleiderschrank; alle sind mit Kaffeemaschine, Safe und Dampfglätter ausgestattet. Weiche Teppiche mit wolkenartigen Mustern in Weiß, Grau und Schwarz sowie Sessel mit Bezügen aus Naturleder setzen warme Kontraste zur kühlen Ausstrahlung der Betonwände. In den 25 Quadratmeter großen Standardzimmern steht das Bett frei im Raum; auf Nachttische wurde verzichtet. Stattdessen schließt sich am Kopfende ein Schreibtisch an. Zur Fensterfront hin laden Sessel und Hocker an einem Beistelltisch zum Verweilen ein.

Auch auf den Zimmern gibt es kleine Überraschungen aus Manfreds Welt: chiffrierte Zitate, deren Geheimnisse sich mithilfe bereitliegender Kärtchen entschlüsseln lassen, oder in die Wand eingelassene Münzen. Die Toilette befindet sich in einem großzügig dimensionierten Raum und ist vom Badezimmer getrennt. Dieses bietet im Standardzimmer eine flache Dusche und ein zweigeteiltes Marmorwaschbecken – der linke Teil dient als Ablagefläche. Der Stauraum ist begrenzt, daher befindet sich der Föhn im Kleiderschrank. In den Fluren erinnern Fotografien aus dem französischen Nationalarchiv und dem CNRS (Centre national de la recherche scientifique) an die poetische Fantasie Manfreds und an seine Erfindungen, die im Reich der Ideen geblieben sind: etwa eine Liebeskummer-Zentrifuge, Gasmasken für Pferde oder Nachtsichtgeräte.

Ein Haus auf dem Haus

Höhepunkt des Gebäudes ist zweifellos „La Maison de Manfred“, die auf dem achten Stockwerk thronende Nachbildung einer lothringischen Villa. Bei ihrer Gestaltung soll sich Starck an der Villa Salomon in der Avenue Foch von Metz orientiert haben. Das Restaurant in der Maison Manfred ist wie ein privates Speisezimmer gestaltet und strahlt eine einladende, familiäre Atmosphäre aus. Die zentralen Säulen sind mit strukturiertem, grün geprägtem Leder verkleidet, während an den Wänden Kacheln in warmen Terrakottafarben und Holzstapel, die einen Kamin andeuten, Flair erzeugen. Für diesen Raum hat Starcks Tochter, die Künstlerin Ara Starck, 19 Buntglasfenster geschaffen. Darunter ein monumentales, dessen Farbglanz an eine Kathedrale erinnert. „Historische und surrealistische Symbole der Stadtgeschichte sind darin eingeätzt, wobei das Ganze im Rhythmus des Lichts zum Leben erwacht, wie eine Reihe von Anamorphosen, die sich den ganzen Tag überkreuzen“, erläutert die Künstlerin.

Kulinarisches aus aller Welt

Die Speisekarte in der Maison Manfred bietet kleine Gerichte aus aller Welt, darunter das authentische Montbéliard-Tartar, Austern mit Jambon de Pays oder Ceviche von der Dorade. Die Gerichte werden über einen Speiseaufzug von der Hauptküche im Erdgeschoss in die Serviceküche des Restaurants befördert – was in den ersten Wochen allerdings für Küchenduft auf den Zimmerfluren sorgte. Zwischen den beiden Speisezimmern der Maison befindet sich ein imposanter Bartresen.

Dort werden neben klassischen Cocktails auch fantasievolle Kreationen serviert – inspiriert von Manfreds Liebeserklärungen an Rose und seiner grenzenlosen Vorstellungskraft. Restaurant und Bar sind von einer Terrasse umgeben, die einen eindrucksvollen Blick auf das historische Fort de Queuleu, das Centre Pompidou, die Cathédrale Saint-Étienne und die Dächer von Metz ermöglicht. Mit der Maison Heler ist Starck ein ebenso verspieltes wie visionäres Gesamtkunstwerk gelungen – ein Ort, der zwischen Realität und Fantasie oszilliert, zwischen französischer Historie und futuristischem Design. Metz hat damit ein neues Wahrzeichen – und Manfred ein Zuhause in luftiger Höhe.

Steckbrief Maison Heler

  • Entwicklungszeitraum: mehr als zehn Jahre
  • Bauzeit: fünf Jahre (coronabedingt)
  • Eröffnung: März 2025
  • Investor: Divodurum
  • Betreiber: Sohoma
  • Hoteldirektorin: Jenny Pham
  • Mitarbeitende: 83
  • Kategorie: vier Sterne
  • Zimmer und Suiten: 104
  • Restaurants: zwei, Restaurant „Manfred“ mit 100 Innen- und 100 Dachterrassenplätzen, Restaurant „Rose“ mit 100 Innen- und 140 Terrassenplätzen
  • Sonstiges: zwei Bars, fünf Veranstaltungsräume
  • Spa: Fitnessraum, ab 2026 Spa mit Saunen und eventuell Pool im Souterrain
  • Zimmerpreise: ab 170 Euro
  • Investitionsvolumen: nicht veröffentlicht, schätzungsweise über 20 Millionen Euro
  • Architektur: Philippe Starck
  • Interior Design: Philippe Starck
  • Badausstattung: Duravit (Partner von Starck)

>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 6/2025 erschienen.