Hotelreportage Stiegnhaus: Fifty Shades of Beige

Das Design im Stiegnhaus bleibt bewusst reduziert, die Farbwelt changiert zwischen Beige, Braun und Weiß.
Das Design im Stiegnhaus bleibt bewusst reduziert, die Farbwelt changiert zwischen Beige, Braun und Weiß. © Karin Pasterer

Mit dem Boutiquehotel haben Maria und Tom Heidenreich einen Ort der Stille geschaffen. Reduziertes Design, natürliche Materialien und sanfte Farben machen das Haus zu einem wohltuenden Rückzugsort.

Als Quereinsteiger ein Hotel aufzumachen, davon träumen viele. Diesen Traum in die Tat umzusetzen, wagen vermutlich die Wenigsten. Bei Maria und Tom Heidenreich waren es die Liebe zu Österreich und die Leidenschaft fürs Bauen und Einrichten, die den entscheidenden Impuls gaben, ein eigenes Designhotel zu eröffnen.

Die beiden sind Anfang 30, kommen aus Bayern und arbeiteten viele Jahre als IT-Projektmanager beim Softwarehaus Datev. „Doch irgendetwas hat uns immer gefehlt – die Möglichkeit uns selbst zu verwirklichen“, erzählt Maria.  Bei ihrer Hochzeit 2021 im Designhotel Wiesergut in Saalbach Hinterglemm lernten sie Sepp Kröll kennen, der das Designhotel seit 2012 mit seiner Frau Martina führt. Sie sind begeistert, wie die Krölls Hotellerie neu denken und leben. Maria und Tom fühlen sich inspiriert – die Ideen und Gedanken für ein eigenes Hotelprojekt werden immer konkreter.

Durch Zufall und einen guten Freund stießen sie auf Mühlbach, ein Bergdorf mit 1.500 Einwohnern am Hochkönig. Voller Euphorie kauften sie ein Haus im Ort und entwarfen sofort ein Hotelkonzept. „Die Lage war perfekt“, sagt Maria. Doch das Bauamt machte ihnen einen Strich durch die Rechnung: Das Haus stand an einem Rutschhang. Das Projekt war gescheitert.

  • Bild 1 von 7
    Runde Formen, klarer Fluss: Das Stiegnhaus diente als gestalterisches Leitmotiv.
    © Karin Pasterer
    Runde Formen, klarer Fluss: Das Stiegnhaus diente als gestalterisches Leitmotiv.
  • Bild 2 von 7
    Plötzlich Hoteliers: Tom und Maria Heidenreich stammen ursprünglich aus der IT-Branche.
    © Karin Pasterer
    Plötzlich Hoteliers: Tom und Maria Heidenreich stammen ursprünglich aus der IT-Branche.
  • Bild 3 von 7
    Das Restaurant bietet Platz für zwölf Personen. Die runden Tische lassen den Raum luftig wirken.
    © Karin Pasterer
    Das Restaurant bietet Platz für zwölf Personen. Die runden Tische lassen den Raum luftig wirken.
  • Bild 4 von 7
    Der Bartresen besteht aus einem massiven Natursteinblock.
    © Karin Pasterer
    Der Bartresen besteht aus einem massiven Natursteinblock.
  • Bild 5 von 7
    Eingebettet: Runde Wände umrahmen das Bett.
    © Karin Pasterer
    Eingebettet: Runde Wände umrahmen das Bett.
  • Bild 6 von 7
    Pure Harmonie: Echtholz, Naturstein und handbemalte Armaturen von Gessi bilden eine stimmige Einheit.
    © Karin Pasterer
    Pure Harmonie: Echtholz, Naturstein und handbemalte Armaturen von Gessi bilden eine stimmige Einheit.
  • Bild 7 von 7
    Gut beschattet: Im Badezimmer der Circular Suite bieten Holzlamellen Schutz vor Hitze – und neugierigen Blicken.
    © Karin Pasterer
    Gut beschattet: Im Badezimmer der Circular Suite bieten Holzlamellen Schutz vor Hitze – und neugierigen Blicken.

700 Quadratmeter voller Möglichkeiten

Sie verkauften das Haus wieder und erhielten den Tipp für ein Objekt unten im Ort – ein Dorfhaus von 1990, kein historisches Gebäude, aber voller Potenzial. „Schon bei der ersten Besichtigung waren wir begeistert“, erzählt Maria. Außen unscheinbar, innen 700 Quadratmeter voller Möglichkeiten. Besonders das alte Treppenhaus – das „Stiegnhaus“ – verzauberte sie mit seinen alten Kacheln, dem geklopften Messinggeländer und den unebenen Wänden. Um keine Fehler zu wiederholen, planten sie neun Monate lang, bevor sie die Baupläne einreichten. September 2024 fiel der Startschuss für den Umbau, der bis Juni 2025 dauerte.

Das Stiegenhaus blieb erhalten und wurde zum gestalterischen Leitmotiv des Hauses. Besonders das Messinggeländer und die sanft geschwungenen Wände prägten das neue Designkonzept und verleihen dem Interior heute seine unverwechselbare Handschrift. Boden, Putz und Materialien wurden vollständig erneuert; ansonsten ließen die Bauherren das Haus komplett entkernen. „Das war nötig, um unserem Stil Ausdruck zu verleihen und eine neue Atmosphäre im Gebäude zu schaffen“, so Maria.

Eigene Reisen und Pinterest als kreativer Kompass

Über einen Business-Kontakt lernten Maria und Tom die Architektin Carolyn Herzog kennen, die in Maria Alm zusammen mit ihrer Schwester das Wirtshaus „Die Herzogin“ betreibt. „Sie hat ein unglaubliches Auge für das Detail und entwirft Möbel mit so einer Präzision, dass wir sie unbedingt für unser Projekt gewinnen wollten.“ Für Herzog war es das erste Hotelprojekt mit ihrem neu gegründeten Architekturbüro. Eigentlich sollte sie nur das Interior gestalten, doch bald übernahm sie auch die Architektur.

Während im Erdgeschoss weiterhin Restaurant und Küche untergebracht sein sollten, fand in den oberen Etagen eine größere strukturelle Veränderung statt. Dort löste die Architektin den kleinteiligen Bestand auf, um die engen Grundrisse zu großzügigeren Einheiten zusammenzuführen. „So konnten wir Raumfluss und Funktionalität verbessern“, erläutert Carolyn Herzog. Auf diese Weise entstanden in den oberen Etagen sechs Suiten, die größte davon misst 80 Quadratmeter. 

„Das alte Treppenhaus wurde zum räumlichen Leitfaden.“

Carolyn Herzog, Architektin

Die Vorgaben der Bauherren waren sehr konkret: Alle Materialien sollten ehrlich, robust und zeitlos sein. „Analog zum Stiegnhaus-Handlauf wünschten wir uns viele patinierte Metalloberflächen, rau strukturierte Putzflächen, warmes Eichenholz und grobe Steinwände“, sagt Maria. Materialien, die altern dürfen und mit der Zeit eine eigene Tiefe entwickeln. Inspiration holte sich die Bauherrin vor allem auf Pinterest oder auf Reisen, in schönen Hotels.

Verbindendes Element ist der Naturstein, der im ganzen Haus zu finden ist: Als Treppenbelag, als Belag in der Dusche, als massiver Waschtisch und in der Bar. Verputzte Natursteinwände verleihen den Innenräumen mediterrane Leichtigkeit, während Rillenglas im Wellnessbereich und in den Duschen für subtile Privatsphäre sorgt. „Jede Materialentscheidung wurde sehr bewusst getroffen“, erläutert die Architektin. „Nichts ist dekorativ, alles folgt einer klaren Haltung zwischen Reduktion und Wärme.“ Bei ihrer Konzeption für das Stiegnhaus ließ sie sich von der Philosophie des Wabi-Sabi leiten, welche das Schöne im Unperfekten sucht.

Maßgefertigte Leuchten und harmonische Farben

Das runde Treppenhaus inspirierte zu weiteren Rundungen im Haus – zum Beispiel bei den Tischen, den Badewannen und Beistelltischen. „Wir wollten so wenig scharfe Ecken im Hotel haben wie möglich, um einen positiven Energiefluss zu schaffen“, erläutert Maria. In der „Circular Suite“ setzte die Architektin das Konzept besonders konsequent um: Ein rundes Spa-Element mit Dusche und Sauna steht im Raum, das Bett wird von runden Wänden eingerahmt. „Eine Herausforderung, die alle Gewerke punktgenau umsetzen mussten“, erinnert sich die Bauherrin.

Nicht alles lief immer nach Plan. Wie auf jeder Baustelle gab es teilweise Diskussionen, zum Beispiel bei den Abläufen in den Duschen. Die Bauherren hatten extra große Platten aus Stein ausgewählt, um den Ablauf aus Edelstahl geschickt zu verstecken. Doch das war beim Einbau schwieriger als gedacht. Auch beim Thema Licht wollten sich Maria und Tom nicht mit dem Erstbesten zufriedengeben. „Spots kamen für uns nicht infrage. Wir wollten sanftes, indirektes Licht, das Atmosphäre schafft – und niemanden an einen Baustrahler erinnert“, sagt Maria. Carolyn Herzog entwarf fast alle Leuchten selbst – warm, bronzefarben, ruhig. Zudem war den Hoteliers wichtig, strikt auf Schwarz zu verzichten, um die Harmonie des beigen Farbkonzept nicht zu stören.

„Mittlerweile ist ja alles standardmäßig in Schwarz gehalten“, sagt Maria, die viel Zeit investierte, nach schönen Alternativen zu suchen. Auch in den Bädern der Suiten achtete die Bauherrin auf jedes Detail. Ein kleiner Beauty-Kühlschrank hält Kosmetikprodukte frisch – „das habe ich mir auf Reisen immer gewünscht“, sagt Maria. Als Willkommensgruß liegt darin ein Säckchen mit einer Creme von Woods Copenhagen.

Steckbrief Stiegnhaus

  • Eröffnung: Juli 2025
  • Eigentümer: Maria und Tom Heidenreich
  • Innen-/Architektur: Carolyn Herzog, H Kollektive, Saalfelden
  • Planungsphase: 9 Monate
  • Bauzeit: September 2024 bis Juni 2025
  • Baujahr Gebäude: 1990
  • Baumaßnahmen: Komplette Entkernung und Innenausbau auf Neubaustandard
  • Baumanagement: Prommegger
  • Bauleiter: Mario Meißnitzer
  • Zimmer: 6 Suiten
  • BGF: 700 Quadratmeter
  • Kategorie: Design-Boutiquehotel
  • Restaurant: 22 Sitzplätze, 7 Tische
  • Mitarbeitende: 10
  • Investition: keine Angaben
  • Preise: ab 860 Euro/Nacht für 2 Personen mit All-in-Rate
  • Firmen: Gessi (Armaturen), Hafro (Holzboden), Lintelo (Stühle), Straiv/Apaleo, Smarthuus, Gastromatic, Gastronovi, u. a.

Der perfekte Stuhl: eine „Raketenwissenschaft“

Farblich perfekt aufeinander abgestimmt sind die Steinwände, die der Steinmetz angebracht und verputzt hat. Sie harmonieren in warmen Nougattönen, wie man sie aus Istrien kennt. Auch der ägyptische Marmor wurde sorgfältig ausgewählt. Insgesamt 100 Tonnen Naturstein wurden im ganzen Haus verarbeitet.

Carolyn Herzog entwarf sämtliche Möbel selbst. Um etwa die runden Tische im Restaurant flexibel vergrößern zu können, ließ sie massive Platten mit Löchern anfertigen. Die Suche nach dem perfekten Stuhl war laut Heidenreich eine „Raketenwissenschaft.“ „Mir war wichtig, dass sie richtig schwer sind“, sagt Maria. Fündig wurden sie auf der Mailänder Möbelmesse Salone del Mobile: ein Modell des Designers Sebastian Herkner für Lintelo. Massiv, schwer, extrem bequem, Bronze-Metallbeine, helle Polster. Sie hätten „ein Vermögen“ gekostet, gesteht Maria, aber würden sich im Alltag mehr als bewähren.

Ein Haus, das mit seinen Machern weiterwächst

Insgesamt sei die veranschlagte Bausumme erheblich gestiegen. Teurer als gedacht waren beispielsweise die Elektroinstallationen. Und es gab während der Bauphase mehrmals einen Wasserschaden im Keller, sodass die Kühlanlage komplett erneuert werden musste. Die bestehende Ölheizung war hingegen noch gut erhalten, ebenso wie das Dach aus Kupferblech, das sie an einer Stelle für die Rooftop-Terrasse öffneten und wieder mit Kupfer verblendeten. Ein Bussystem mit zentraler Steuerung sorgt für Energieeffizienz im Gebäude, überall im Haus ist Fussbodenheizung verlegt. Da die Heidenreichs aus der IT-Branche kommen, war es für sie ein leichtes, die Installation der Hotelsoftware selbst auf die Beine zu stellen und auf ein IT-Systemhaus zu verzichten.

Das Geschäft im Sommer lief rund, und auch das Hotelrestaurant habe sich bei Einheimischen bereits einen Namen gemacht. Zufrieden lehnen sich Maria und Tom Heidenreich deswegen aber nicht zurück – im Gegenteil: Es scheint ihnen an weiteren Ideen für ihr Haus nicht zu mangeln. Inspiration findet sich reichlich, nicht zuletzt auf ihren gut gefüllten Pinterest-Boards.

>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 12/2025 erschienen.