Einfach das Radio anmachen und Gäste mit Chart-Musik und Nachrichten beschallen? Keine gute Lösung, sagen Experten: Sound Design gehöre in professionelle Hände, um das Gästeerlebnis zu steigern und die eigene Marke zu stärken.
Musik ist Gefühl. Fast jeder Mensch hat schon erlebt, wie ihn bestimmte Melodien beschwingen. Was schnell erklärt, warum auditive „Stimmungsmacher“ prädestiniert für die Hotellerie sind und das Sinneserlebnis komplettieren. Durch akustische Markenführung, das Management aller vom Ohr wahrgenommenen Klänge, können im Idealfall der eigene Auftritt emotional aufgeladen und die Klientel gezielt positiv beeinflusst werden. „Dafür empfiehlt es sich, einen Profi ins Boot zu holen, der ein auditives Konzept schafft, das sich nahtlos in Unternehmensbranding und Interior Design einfügt“, sagt Daniel Stoiber, Chief Creative Officer des internationalen Musikunternehmens Radiopark, nach eigenen Angaben der größte Anbieter für Sound Design in Deutschland.
Es gibt eine ganze Reihe Dienstleister mit entsprechender Spezialisierung, die Lösungen für unterschiedliche Budgets anbieten. Auch das Unternehmen Kirmes ist eines davon. Die Agentur für Audiokommunikation hat gemeinsam mit der International School of Management (ISM) in Köln unlängst einen Feldversuch über die Wirkung von strategischer Musik durchgeführt. Für die Innen-gastronomie von Sono, einem Kölner Café und Delikatessenhandel, wurde ein Musikprofil erstellt, das sich am Branding und der Zielgruppe des Unternehmens orientierte. Eine Woche lang – natürlich ist das eine relativ kurze Zeit – wurde das individuelle Musik- und Soundkonzept abgespielt. Das Ergebnis: 21 Prozent Umsatzsteigerung, die Kaffeeverkäufe verdoppelten sich sogar.
„Ich ging schon davon aus, dass Musik die Gäste unterhält, aber eine derartige Umsatzsteigerung hat mich völlig überrascht“, resümierte Sono-Inhaber und Gründer Jürgen Walleneit. Michael Kleinjohann, Studiengangsleiter Marketing & Communications Management an der ISM, dazu: „Schon in der Vergangenheit haben zahlreiche Studien bewiesen, dass Konsumenten auf Musik eindeutig positiv reagieren. Die Studie zeigt einmal mehr die Relevanz des Themas Audio im Gesamtkonzept eines Markenauftritts.“ Dennoch erlebt Kirmes Founder & CEO Thorsten Kirmes noch immer: „Die wenigsten Hotels nutzen Audio oder die Themen Klang & Sound bisher zu ihrem Vorteil.“ Dabei sei das so einfach wie nie.
Perfekt abgestimmte Playlists
Der Streaming-Dienstleister Platinmusic beispielsweise, auf dessen Referenzliste Häuser wie der Öschberghof oder das Grand Hotel Heiligendamm stehen, bietet als Basic-Einstiegslösung unter anderem verschiedenste vorgefertigte Playlists, die sich für monatliche Gebühren ab 25 Euro im 24/7-Betrieb nutzen lassen. Dafür werden einfach PC, Smartphone oder Tablet per Kabel oder Bluetooth mit der Soundanlage verbunden. Mehr als 300 Playlists von (Chart-)Hits über Jazz und Soul bis zu Chill-out-Musik stehen mit insgesamt mehr als 50.000 Songs zur Wahl. Gegen entsprechenden Aufpreis wird die „Individual Playlist“ zusammengestellt. Zu weiteren möglichen Services gehören „die Anpassung auf Tages- und saisonale Zeiten wie Weihnachten oder der Mix mit bestehenden Musikkanälen, sodass alles vollautomatisiert funktioniert“, erläutert Chief Music Director Jochen Weiss. Die Song-Zusammenstellungen werden zudem regelmäßig aktualisiert, um up to date zu sein, aber auch mit Blick auf die Mitarbeitenden, die das Programm täglich hören „müssen“.
"Die Kunst liegt darin, hörbar anders aufzutreten als andere, dabei aber angesichts der meist breiten Zielgruppe keineswegs zu extravagant oder aufdringlich zu sein."
Jochen Weiss, Chief Music Director bei Platinmusic
Alle öffentlichen Bereiche können gleichermaßen mit einer einheitlichen Playlist oder standortbezogen – etwa Lobby, Bar oder Spa – mit verschiedenen Klängen bespielt werden. Die Kunst liege darin, hörbar anders aufzutreten als andere, dabei aber angesichts der meist breiten Zielgruppe keineswegs zu extravagant oder aufdringlich zu sein, beschreibt Jochen Weiss den zu vollziehenden Spagat. „Ein klassisches Grand Hotel der Fünfsterne-Kategorie wird wohl die allerwenigsten Gäste mit brachialem Techno begeistern. Gleichzeitig könnte hier sehr dezente elektronische Musik belebend und überraschend wirken“, erläutert Thorsten Kirmes. Daniel Stoiber: „Vielfach braucht es mehr Mut, neue Wege zu gehen. Wir hören sehr oft: Was machen denn die anderen? Das kann nicht die richtige Herangehensweise sein. Musik eröffnet die Chance, ein individuelleres Erlebnis zu bieten, genauso individuell wie das Haus. Es gibt Musik, die passt, und Musik, die nicht so gut passt. Das ist aber abhängig von Marke und Image, nicht von Konventionen.“
Themenbezogene Beschallung
Im The Chedi Andermatt, das zu den Leading Hotels of the World gehört, zählt das Sounddesign zu den sogenannten Signature Experiences. Die Playlists werden von Platinmusic kuratiert. In der Lobby beispielsweise erklingen frische Chill-out-Tracks, um das Besondere des Hotels schon beim Betreten des Gebäudes zu unterstreichen. In den beiden japanischen Gourmet-Restaurants, von denen sich eins im Hotel und eins am Berg auf 2.300 Meter Höhe befindet, kommen vorwiegend dezente Lofi-Beats von japanischen Künstlern zum Einsatz. Jeder Bereich wird mithilfe der Streaming-Boxen von Barix, Verstärkern von Biamp Systems sowie Bose-Deckenlautsprechern themenbezogen beschallt. Über Touch Panels an der Wand ist durch das Team steuerbar, welche Musikquelle gerade gewählt wird. In den Zimmern können die Gäste via iPad und das „Revox M10 Multiroom System“ auch ihre eigene Wunschmusik abspielen. Joachim Thielen von Jo-Media hat die gesamte Multimediatechnik im The Chedi Andermatt geplant und die Umsetzung begleitet.
Tipps
- Sich auf den eigenen Musikgeschmack zu verlassen ist keine gute Strategie. Es gibt eine ganze Reihe von Dienstleistern mit entsprechender Spezialisierung, die Lösungen für unterschiedliche Budgets anbieten.
- Hilfreich im Tagesgeschäft sind Musikkonzepte, die angepasst auf Tages- und saisonale Zeiten vollautomatisiert ablaufen.
- Musik sollte weder zu aufdringlich noch zu extravagant sein, sondern belebend und überraschend wirken.
- Nicht nur die Qualität und Anzahl an Lautsprechern ist entscheidend, sondern auch die Platzierung.
Lärmquellen eliminieren
Die Beschallungstechnik ist dabei in der Regel auch Bestandteil des Beratungsangebots der Musikdienstleister. „Die beste Musik kommt schließlich nicht zur Wirkung, wenn die Anlage nicht ausreichend dafür ausgelegt ist“, verdeutlicht Daniel Stoiber von Radiopark. Und: „Nicht nur die Qualität und richtige Menge an Lautsprechern ist wichtig, ebenso entscheidend ist, wo diese platziert werden.“ Wobei Thorsten Kirmes betont: „Man kann auch mit durchaus überschaubaren Mitteln beeindruckende Ergebnisse erzielen. Wir haben beispielsweise ein Soundkonzept für ein kleines Café mit nur zwei handelsüblichen Wireless Speakern umgesetzt.“
Ebenfalls wichtig: Bevor das Soundkonzept erstellt wird, kann es zunächst erforderlich sein, unerwünschte Lärmquellen – zum Beispiel Geräusche der Klimaanlage – zu eliminieren. Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten der Schallabsorption, die sich attraktiv in das Interior Design einfügen lassen. Das Spektrum reicht vom schallschluckenden Teppich über den Raumteiler und Bilderrahmen bis zur Leuchte. Frühzeitige interdisziplinäre Zusammenarbeit kann insofern nur hilfreich sein, unterstreicht Daniel Stoiber. Und Thorsten Kirmes empfiehlt, „die jeweiligen Assets regelmäßig zu analysieren und gegebenenfalls anzupassen“.