Für Sabine De Schutter ist Licht ein kreatives Gestaltungselement mit emotionaler Wirkung. Im Gespräch mit Tophotel erläutert sie, warum Licht von Anfang an mitgedacht werden muss, und weshalb ein kluger Schalter oft mehr bewirkt als die teuerste Leuchte.
Frau De Schutter, Ihr Büro arbeitet eng an der Architektur. Wie gelingt es Ihnen, Licht als integralen Bestandteil des Entwurfs zu denken?
In vielen Projekten wird Licht noch immer als rein technische Notwendigkeit betrachtet. Dabei verschenkt man eine enorme gestalterische und emotionale Kraft – gerade im Hotelbereich, wo Atmosphäre, Wohlbefinden und Identität entscheidend sind
Wir verstehen Licht als integralen Bestandteil der Architektur. Unser Fokus liegt nicht auf Produkten, sondern auf Erlebnissen: Wie fühlt sich ein Raum am Tag an, wenn das Licht das natürliche Tageslicht subtil ergänzt? Wie verwandelt sich dieser Ort abends in eine stimmungsvolle Szenerie, die Gäste willkommen heißt, inspiriert und zur Ruhe kommen lässt? Wir
arbeiten eng mit Architekten und Innenarchitekten zusammen, um Licht gezielt einzusetzen: zum Leiten, Inszenieren, Kaschieren – und um mit gezielten Akzenten visuelle Hierarchien zu schaffen. Licht kann beeinflussen, wie hochwertig Materialien wirken, wie großzügig Räume erscheinen oder wie intuitiv Gäste sich in einem Hotel bewegen.
Wie gehen Sie bei einem Hotelprojekt vor, vom ersten Gespräch bis zur Umsetzung?
Wir tauchen zunächst tief in die Identität der Marke ein und stellen uns folgenden Fragen: Was ist das Konzept? Für welche Zielgruppe wird der Raum gestaltet? Welches Ambiente soll entstehen? Beleuchtung ist kein Selbstzweck. Es ist ein strategisches Werkzeug, um Markenwerte zu transportieren und Räume lebendig wirken zu lassen. Deshalb analysieren wir genau, wie die verschiedenen Bereiche im Hotel genutzt werden. Ebenso entscheidend ist die gestalterische Sprache von Architektur und Interior Design. Oft liegt bereits ein Konzept vor, das wir mit unserer Lichtplanung gezielt unterstützen und weiterentwickeln. Im ersten Entwurf skizzieren wir Lichtstimmungen, definieren Lichtwirkungen und gestalten das Besuchserlebnis – funktional und atmosphärisch, immer abgestimmt auf den Raum, den Ort und die Identität der Marke. Dann stimmen wir uns
eng mit Architekten, Fachplanern und ausführenden Gewerken ab, um das Konzept präzise umzusetzen. Ziel ist, dass Licht nicht wie ein später hinzugefügtes „Add-on“ wirkt, sondern Teil der Architektur ist. Dabei denken wir Licht nicht nur im eingeschalteten Zustand. Auch wenn es aus ist, soll es gestalterisch überzeugen. Subtil, unaufdringlich, aber wirkungsvoll.
Was macht grundsätzlich gute Lichtplanung in einem Hotel aus?
Sie unterstützt den Tagesablauf. Sorgfältig geplantes Licht ist deshalb niemals laut oder aufdringlich. Es blendet nicht, es flutet nicht, es ist nicht grell. Es ist einfach stimmig: zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, für die passende Nutzung. Und genau darin liegt auch die Herausforderung, zumal das Ergebnis von vielen Faktoren abhängt. Ein besonderes Augenmerk liegt in Hotels auf der Vielseitigkeit. Die Lobby dient tagsüber unter anderem als Arbeitsplatz, abends soll sie sich in eine entspannte Lounge oder ein Bar verwandeln. In den Zimmern braucht es funktionales Licht am Spiegel oder zum Arbeiten, sanfte Beleuchtung zum Entspannen. Deshalb ist Wandelbarkeit entscheidend. Während Architektur statisch ist, ermöglicht Licht flexible Stimmungen – immer passend zur Nutzung. Diese Stimmungen definieren wir in Lichtszenen, über verschiedene Lichtebenen und abgestimmte Farbtemperaturen. Unterschiedliche Lichtszenarien schaffen Flexibilität, machen Räume lebendig und tragen wesentlich zur Aufenthaltsqualität bei.
Welche typischen Fehler sehen Sie oft in Hotels, wenn Licht nicht professionell geplant wurde?
Ein häufiger Schwachpunkt ist die Beleuchtung am Spiegel im Zimmer – entweder ist sie zu dunkel, blendet oder wirft ungünstige Schatten. Hier zeigt sich schnell, ob Licht funktional durchdacht wurde. Auch in Fluren und Aufzugslobbies bleibt viel Potenzial ungenutzt. Dabei sind es genau diese Übergangsräume, die jeder Gast mehrmals am Tag durchquert. Statt rein funktionaler Beleuchtung lassen sich hier mit einfachen Mitteln gestalterische Akzente setzen – vielleicht sogar ein „Instagrammable Moment“, der in Erinnerung bleibt und zur Atmosphäre des Hauses beiträgt. Was außerdem oft fehlt, sind vordefinierte Lichtszenen, also abgestimmte Lichtstimmungen für unterschiedliche Tageszeiten oder Nutzungen. Ohne
diese Szenen fehlt es vielen Bereichen an Wandelbarkeit. Licht wird oft statisch genutzt, obwohl es eigentlich das flexibelste Gestaltungselement im Raum ist.
Welche Lichtstimmungen sind in den Zimmern besonders und wie setzt man sie um?
Anders als zu Hause muss im Hotelzimmer alles auf engem Raum funktionieren: Lesen, Arbeiten, Entspannen, Ankommen. Wesentlich ist daher eine sorgfältige Kombination aus direktem, indirektem und diffusem Licht. Leselicht am Bett sollte gut ausgerichtet, blendfrei und individuell steuerbar sein. Am Spiegel braucht es klares, gleichmäßiges Licht, das keine Schatten wirft und dem natürlichen Licht möglichst nahekommt. Für die Abendstunden ist warmes, indirektes Licht ideal, das den Raum weich erscheinen lässt. Eine besondere Rolle spielt auch das Thema Human Centric Lighting. Gerade bei internationalen Gästen, die mit Jetlag ankommen, kann Licht helfen, den Biorhythmus zu unterstützen. Durch die gezielte Steuerung von Farbtemperatur und Lichtintensität über den Tagesverlauf hinweg lässt sich der Übergang in einen neuen Rhythmus erleichtern.
7 Tipps für bessere Hotelbeleuchtung
- Licht früh mitdenken: Beleuchtung sollte von Anfang an Teil des architektonischen Konzepts sein – kein „Add-on“.
- Funktion & Atmosphäre verbinden: Gutes Licht erfüllt nicht nur Aufgaben, es erzeugt Stimmungen und unterstützt die Markenidentität eines Hotels.
- Flexible Lichtszenen einplanen: Unterschiedliche Nutzungen brauchen unterschiedliche Lichtstimmungen – idealerweise auf Knopfdruck abrufbar.
- Gästezimmer ganzheitlich beleuchten: Direktes, indirektes und diffuses Licht kombinieren – fürs Lesen, Arbeiten & Relaxen.
- Übergangsräume nicht vergessen: Flure und Aufzugslobbies sind täglich frequentierte Zonen. Mit Licht lassen sich dort Akzente und Erinnerungsmomente schaffen.
- Re-Use & Nachhaltigkeit mitdenken: Wiederverwendung von Leuchten reduziert den CO₂-Fußabdruck und zeigt Haltung. Das kann auch gestalterisch ein Gewinn sein.
- Technik dezent einsetzen: Smarte Steuerungssysteme sollten im Hintergrund laufen, für maximale Wirkung bei minimalem Bedienaufwand.
Was sollten Architekten in der frühen Entwurfsphase über Licht mitdenken, um spätere Probleme zu vermeiden?
Wer Licht früh mitdenkt, eröffnet gestalterische Möglichkeiten und vermeidet spätere Kompromisse. Ob Voutenbeleuchtung, wandintegrierte Profile oder Leuchten im Möbel, all das ist nur möglich, wenn es früh geplant wird. Wenn aber bereits Auslässe definiert oder bauliche Details festgelegt sind, dann bleibt weniger Spielraum für eine architektonische Lichtgestaltung. Klar kann man dann noch einiges machen, dass machen wir auch so bei Umbauprojekten, aber man ist grundsätzliche eingeschränkter mit den Möglichkeiten. Für Architektinnen und Architekten bedeutet das: Je früher Licht in der Entwurfsidee verankert ist, desto stimmiger wirkt das Ergebnis später im gebauten Raum.
Wie beeinflussen Materialien Ihre Lichtplanung? Gibt es einen gestalterischen Dialog zwischen Oberfläche und Lichtführung?
Materialien und Licht stehen immer in engem gestalterischem Dialog. Alles, was wir wahrnehmen, ist letztlich reflektiertes Licht. Nicht nur das Material selbst, sondern auch seine Farbe, Struktur und Reflexionsfähigkeit beeinflussen maßgeblich, wie Licht im Raum wirkt. Eine glänzende Oberfläche verhält sich völlig anders als ein matter Stoff. Auch die Lichtfarbe und Farbwiedergabe spielen eine entscheidende Rolle. Sie verändern, wie ein Material wahrgenommen wird. In einem Projekt wurde zum Beispiel ein Vorhang bemustert, der unter Tageslicht unscheinbar wirkte, unter der späteren Lichtstimmung traten plötzlich Farben und Details hervor, die zuvor verborgen blieben. Genau deshalb arbeiten wir intensiv mit Mustern und Testaufbauten. In vielen Fällen entstehen Musterzimmer, in denen wir das Zusammenspiel von Licht und Material real erleben und feinjustieren können. Darüber hinaus hat Licht das Potenzial, Materialien gezielt zu inszenieren. Durch Lichtqualität und Ausrichtung lassen sich Strukturen betonen und Details hervorheben, insbesondere solche, die zum Charakter des Gebäudes oder zur Identität des Hotels beitragen. So wird Material nicht nur funktional, sondern erzählerisch eingesetzt.
Welche Rolle spielen smarte Lichtsteuerungen, und wie viel Technik ist im Hotel wirklich sinnvoll?
In den öffentlichen Bereichen eines Hotels ist eine Lichtsteuerung ein absolutes Must-have. Sie ermöglicht es, verschiedene Lichtstimmungen automatisch an Tageszeiten oder Nutzungen anzupassen. Eine smarte Steuerung nachzurüsten sehen wir dabei als echten Quick-Win für ältere Hotels. Inzwischen gibt es dafür zahlreiche unkomplizierte Lösungen, um solche Technik nachzurüsten. Da sich das Personal voll und ganz auf die Gäste konzentrieren soll, läuft das Steuerungssystem im Idealfall vollständig im Hintergrund. In unseren Projekten setzen wir das so um, dass vorab definierte Lichtszenen automatisch auf Basis von Parametern wie Sonnenstand oder Uhrzeit ineinander übergehen. Das stimmen wir vorher mit den BauherrInnen so ab. Im laufenden Betrieb muss also niemand mehr manuell eingreifen. Die Technik unterstützt diskret den Ablauf, ohne sichtbar zu werden. Entscheidend ist, dass sie sinnvoll integriert ist und zur Atmosphäre beiträgt, nicht zur Bedienaufgabe wird.
Welche Trends sehen Sie generell?
Wir beobachten gerade zwei Entwicklungen: Zum einen der Einsatz von sehr warmem Licht, oft mit 2200 K, um eine wohnliche, entspannte Atmosphäre zu schaffen. Zum anderen die deutliche Tendenz hin zu nachhaltigem und zirkulärem Bauen. Immer mehr überzeugende Beispiele zeigen, dass Wiederverwendung und Aufwertung bestehender Beleuchtung auch im größeren Maßstab möglich sind und besonders in der Hotelbranche an Relevanz gewinnen. Wir arbeiten derzeit an mehreren Projekten, darunter Hotels, Serviced Apartments und eine Shopping Mall, bei denen bewusst auf Re-Use gesetzt wird. Die BauherrInnen sind überzeugt: Die Wiederverwendung vorhandener Beleuchtung ist ein wirkungsvoller Hebel, um die Branche nachhaltiger zu gestalten.
Welche drei Tipps geben Sie einem Hotelier, der sein Lichtkonzept verbessern möchte?
In bestehenden Hotels kann man oft schon mit kleinen Eingriffen viel verbessern. In unseren Lichtaudits definieren wir zuerst die Quick Wins, meist liegen diese in den Gemeinschaftsbereichen. Dort lässt sich mit gezielten Anpassungen die Aufenthaltsqualität deutlich steigern, etwa durch neue Lichtstimmungen, die eine einladendere Atmosphäre schaffen oder den Raum an Tageszeiten anpassen. Ein weiterer Hebel ist die flexible Nutzung von Räumen. Wenn ein Konferenzraum am Abend zum Beispiel zur Hochzeitslocation wird, braucht es ein Lichtkonzept, das diese Wandlung unterstützt, ohne groß vorher aufwendig umstellen zu müssen. Oft reicht es, die vorhandene Beleuchtung besser zu steuern oder in ihrer Wirkung anzupassen. Und schließlich geht es darum, das Bestehende neu zu denken. Welche Räume lassen sich durch Licht in ihrer Nutzung erweitern, attraktiver gestalten oder klarer zonieren? Wer Licht nicht nur als Technik, sondern als Gestaltungsmittel versteht, kann mit vergleichsweise wenig Aufwand viel Wirkung erzielen.

Zur Person
Die belgische Lichtdesignerin Sabine De Schutter gründete ihr gleichnamiges Studio 2015 nach dem Abschluss der Masterstudiengänge in architektonischer Lichtplanung an der Hochschule Wismar und Innenarchitektur am HenriVan-De-Velde-Institut in Antwerpen. Neben ihrer Arbeit im Studio lehrt sie Lichtplanung an der Hochschule Wismar und Design-Innovation am Hasso-Plattner-Institut, Potsdam.