Re-Opening in BerlinTom Michelberger zur sozialen Funktion von Gastro und Hotellerie

Nadine und Tom Michelberger haben ihr Hotel Michelberger in Berlin, sowie dessen Gastronomie, wieder eröffnet. Mit der Initiative "Berlin Food Kollektiv" wollen sie zudem auf die soziale Funktion von Gastronomie und Hotellerie aufmerksam machen. (Bild: Hotel Michelberger Berlin)

Nadine und Tom Michelberger, Inhaber des Hotel Michelberger in Berlin, haben den Betrieb in ihrem Haus wieder hochgefahren. Im Interview berichtet der unkonventionelle Hotelier über den “Hunger” der Gäste nach sozialen Kontakten und darüber, wie die Initiative “Berlin Food Kollektiv” dazu beitragen soll, die Rolle von Gastronomie und Hotellerie in der Gesellschaft zu stärken.

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Die Stühle und Tische im Innenhof des Michelberger Hotels wurden nach der Wiedereröffnung noch weiter auseinander gerückt. (Foto: Hotel Michelberger)

Tophotel: Herr Michelberger, Ihr Hotel in Berlin hat wieder eröffnet, auch die Gastronomie ist gestartet. Wie ist die Resonanz der Gäste?
Tom Michelberger: Die Gäste waren alle hungrig nach sozialem Austausch. Die Freude, sich wieder verabreden zu dürfen, war überall sichtbar. Wir als Gastronomen sind es gewohnt, uns um die Bedürfnisse unserer Gäste bis ins kleinste Detail zu kümmern. Der Sicherheitsaspekt ist jetzt natürlich ein wesentlicher Bestandteil und trägt zur positiven Gesamt-Erfahrung bei. Meiner Ansicht nach ist ‘sozial und sicher’ kein Widerspruch. Wir Menschen sind nicht dafür gemacht, alleine zu sein; und wir sind gleichzeitig in der Lage, gegenseitig aufeinander aufzupassen.

Sie bieten in Ihrem Innenhof ein Speisenkonzept mit Frühstück, Mittag- und Abendessen an?

Genau. Und dass wir so viel Platz haben, sowohl in unserem Hof, als auch im Restaurant, erleichtert, dass sich die Menschen besonders jetzt wohl fühlen können.

Das regionale und saisonale Speisenangebot wechselt täglich. Warum?
Wir haben vor rund eineinhalb Jahren einen Bauernhof südlich von Berlin erworben und dort einen ‘Wald’ voller Kräuter, Sträucher, Gemüse und Bäumen gepflanzt, um unser Restaurant zu versorgen. Bei uns im Abendrestaurant zeigen wir den Gästen einen Korb mit allen Zutaten für den Abend, dann gibt es nur noch die Wahl mit oder ohne Fleisch. Und wir lassen auf Wunsch ungewollte oder unverträgliche Zutaten weg. Die Qualität der Produkte und die Dankbarkeit dafür, die Produkte verarbeiten zu dürfen, stehen im Mittelpunkt.

War Ihr Hotel seit der Krise geschlossen?

Nein, wir haben das Licht angelassen. Meine Frau Nadine und ich haben selbst für vier Wochen die vereinzelten Gäste bedient und eingecheckt. Die Dankbarkeit für jeden Gast und die Wertschätzung für unser Hotel haben wir nochmal richtig spüren dürfen.

Sie sind zudem Teil der Initiative „Berlin Food Kollektiv“, welche dazu beitragen soll, das Augenmerk auf die Wertschätzung für die Gastronomie und deren soziale Rolle in der Gesellschaft zu lenken. Was hat es damit genau auf sich?
Das Berlin Food Kollektiv ist ein loser Zusammenschluss von Unternehmerinnen und Unternehmern, die proaktiv mit der aktuellen Situation umgehen wollen und dazu glücklicherweise auch in der Lage sind. Wir wollen Verantwortung über unsere Betriebe hinaus übernehmen und dazu beitragen, Berlin als kulinarische Metropole weiterzuentwickeln. Nahrhaftes Essen und Dienst am Menschen sind wichtige soziale und gesellschaftliche Bausteine. Die jetzige Situation ist eine Chance für die Gastronomie, gemeinsam aufzutreten und aufzuzeigen, wie viel sich in den vergangenen Jahren getan hat. Was den Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Hierarchien in den Küchen, die internationale Zusammensetzung der Teams, die Qualität des Essens, die Wertschätzung der Produkte und des Handwerks und allen voran den direkten Bezug zu Herstellern, Landwirten und Gästen angeht.

In diesem Zuge haben Sie auch die Aktion #facesbehindplates (dt. “Gesichter hinter den Gerichten”, Anm. d. Red.) ins Leben gerufen…

Richtig. Wir machen Bilder von unseren Gerichten und zeigen all die unterschiedlichen Menschen, die deren Herstellung ermöglichen. Vom Landwirt bis zum Spüler. Es geht uns darum, Wertschätzung für unser Partnerinnen und Partner sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auszudrücken. Die Bilder werden mit dem Hashtag #facesbehindplates auf Social Media gepostet. Dabei kann jeder mitmachen.

Sie haben viel zum Thema Wertschätzung gesagt. Was wäre Ihr Wunsch – wie soll sich die Speisekultur in Deutschland verändern?
Ich wünsche mir, dass die Menschen noch mehr Freude und Aufmerksamkeit für die Verarbeitung von Lebensmitteln aufbringen. Sei es zu Hause oder im Restaurant. Schon jetzt steigt das Interesse an der Herkunft der Produkte, sowie das Bewusstsein, dass jede Kaufentscheidung eine Wirkung hat. Und entsprechend auch die Entscheidung, welches Restaurant, welche Bar, welches Hotel oder welches Café ich als Gast besuche. Gastronomie ist Nahrung, Kunst, Unterhaltung und Handwerk zugleich. Wir schaffen soziale Räume: einen Kulturraum, der Menschen in den Austausch bringt.

Interview: Verena Usleber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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