Silena Südtirol: Raum für Zen-Momente

In rasanter Umbauzeit verwandelte sich das Südtiroler Traditionshaus in das Silena. Die Juniorchefs nutzten den Generationswechsel, um mithilfe des gefeierten Architekturbüros Noa den Spirit der Alpen mit subtilen asiatischen Einflüssen zu verbinden.

Fährt man die schmale, kurvige Straße von Brixen hoch aufs Valser Sonnenplateau, werden die gängigen Erwartungen an alpenländische Bauweise bereitwillig bedient. Behäbige Südtiroler Häuser, massive Holzbalkone, verschwenderisch blühende Geranien, Satteldächer, ausladende, oft nachträglich angebaute Erker. Sobald man sich dann dem Silena nähert, das etwas außerhalb des Ortes leicht erhöht am Waldrand liegt, wird auf den ersten Blick klar, dass einen Ungewöhnliches erwartet. Ein Bau, der mit sämtlichen Südtiroler Klischees bricht: die Fassade mit einer charakteristischen Aluminiumkonstruktion gestaltet, darunter ein lehmfarbener Anstrich, das Gebäude in Form eines geöffneten „U“, das die Zwischenbereiche mit den Terrassen schützt.

Die Aluminium-Fassade lässt das neue Vier-Sterne-Superior-Refugium mit der Landschaft verschmelzen und verbindet den Neubau mit dem bestehenden, aber gänzlich umgebauten Hoteltrakt. In Anklängen an das Hochmoor, das sich direkt hinter dem Hotel erstreckt, soll das Gebäude wie ein bewachsener Moorhügel wirken, die Fassadenelemente wie sich im Wind wiegende Moorgräser. Ein Generationswechsel gab den Anstoß zum radikalen Neubeginn. 2017 übernahmen die Geschwister Magdalena und Simon Mair den Betrieb der Eltern, die immer noch stark ins Tagesgeschäft involviert sind. Aus dem Moarhof, viele Jahre als Drei-Sterne-Betrieb geführt, nach einem Umbau 2011 zum Vier-Sterne-Hotel aufgewertet, wurde im Dezember 2017 das Silena.

Die jungen Bauherren wussten sehr genau, was sie wollten. Und was nicht: „Im Strom mitschwimmen, laut, oberflächlich, austauschbar sein“, sagt Magdalena. „Der frühere Moarhof war das typische Südtiroler Ferienhotel. Das sollte es nicht mehr sein.“ Das bedeutete einen Bruch mit der gängigen Vorstellung vom regionalen Bauen. Auf ihren vielen Reisen nach Asien hatte Magdalena Mair sich inspirieren lassen, welche Atmosphäre das Hotel haben und welche Art der Gastfreundschaft es ausstrahlen sollte.

Um diesen Spagat zu realisieren, zogen die Geschwister die Architekten von Noa – „Network of Architecture“ – hinzu, die Shootingstars der Südtiroler Architekturszene. Das Bozener Büro ist vielfach preisgekrönt, sowohl für einzelne Objekte als auch für die Gesamtheit seiner Planungen und Realisierungen. Ein Projekt von der allerersten Planungsphase über die behördlichen Genehmigungen bis zur Fertigstellung zu begleiten, ist ein zentrales Motiv von Noa. „Wir pflegen ein holistisches, quasi ganzheitliches Konzept, gehen ganz tief in Planung und Ausführung rein, bis ins Interior Design“, so Architekt Christian Rottensteiner, der das Projekt Silena maßgeblich betreut hat.

Ein Kleid fürs Ganze

Dreh- und Angelpunkt war die Fassadengestaltung. „Es hatte eine andere Vorstufe gegeben, das Hotel auszubauen. Wir wollten etwas komplett anderes“, so Christian Rottensteiner. Das Haupthaus sollte als Solitär dargestellt werden. Um das Erscheinungsbild zu vereinheitlichen, bekam die Architektur eine Hülle übergestülpt. Üblicherweise sei es doch bei touristisch genutzten Anwesen so, dass die einzelnen Ausbaustufen, die in zehn- oder fünfzehnjährigen Schritten passiert sind, ins Auge springen. „Wir wollten einen Schritt zurückgehen und eine Bereinigung machen. Wir wollten dem Ganzen ein Kleid geben, das einerseits die Ausbaustufen nicht mehr lesbar und andererseits jedoch das Gesamtvolumen als Solitär sichtbar macht.“ Ganz essentiell war, die Verbindung zur umgebenden Natur herzustellen, den „Genius Loci“ – den Geist des Ortes – aufzunehmen: Den etwas oberhalb beginnenden dunklen Nadelwald und das Hochmoor mit seinen Grashügeln, das sich hinter dem Haus erstreckt.

Mehrere Materialien wurden für die Fassadenkonstruktion ins Auge gefasst. Schnell war klar, dass das verwendete pulverbeschichtete Aluminium aufgrund seiner technischen Eigenschaften und seiner Beschaffenheit dem Vorhaben entgegenkam. Um den Effekt sich im Wind wiegender Moorgräser zu erzielen, wurde das Aluminium mittels Wasserstrahlschnitt perforiert. Eine heikle Planungsleistung war, die einzelnen Elemente zu einem Endlos-Pattern, einem nahtlosen Ganzen zusammenzufügen. Es lief auf eine Reduzierung von acht Paneelen hinaus, die in einem unterschiedlichen Rhythmus zueinander und miteinander kombiniert wurden, um das Bild von etwas Gewachsenem, Organischem zu erzeugen. Ein Algorithmus errechnete die Anordnung. 2.500 Einzelstücke inklusive der Eckenteile mussten produziert werden, die vor Ort auf die Fassade montiert wurden.

Als ob das Haus schweben würde

Der Effekt ändert sich mit dem Licht: Tagsüber nimmt die Hülle das Gebäude in der Landschaft stark zurück. Scheint die Sonne, reflektieren die Metallteile die Strahlen. Abends, wenn die Zimmer erleuchtet sind, entsteht eine filigrane Anmutung und es wirkt, als ob das Haus schweben würde. Morphologisch ist auch die Formensprache der ebenerdigen Restauranträume, die sich in einer geschwungenen Bewegung raus in den sanft abfallenden Hang zu schieben scheinen. Die Idee war ein Raum, in dem ein Bereich in den anderen übergeht. Hohe, gerundete Abtrennungen um die Tische schaffen ein Inselgefühl. Einzelne Areale wurden auf Podeste gestellt. Alles zusammen wird zu einem fließenden Raum, der über die großflächigen Verglasungen sehr stark nach außen orientiert ist. Ein Weinschrank und eine perfekt temperierte Käsevitrine im Eingangsbereich des Restaurants waren der Wunsch des jüngeren Bruders Simon, der eine Ausbildung zum Käse-Sommelier absolviert hat und in der Vitrine unter anderem die Bergkäse von der nahen Fane Alm pflegt.

Die geschwungene Form im Erdgeschoss nimmt der Rooftop-Spa auf, der in Leichtbauweise aus heimischen Hölzern auf das dritte, gänzlich neu gebaute Stockwerk aufgesetzt wurde. Von der weiträumigen Panorama-Sauna, dem Ruheraum, der kleinen Lounge eröffnet sich ein 360-Grad-Blick über die mit Fichten, Lärchen und Föhren bewaldeten Hänge auf die Berggipfel, den Plattspitz und das Jochtal. Eine Kabinenbahn nach oben startet nur wenige Meter vom Hotel entfernt. Die Dächer von Sauna und Ruheraum, wie auch der kleine Hügel, unter dem sich die Belüftungstechnik und Installationen verbergen, wurden mit Sedum-Pflanzen begrünt, Moosgewächse und niederwurzelnde Pflanzen aus hochalpinen Regionen. Ein eigener Spa-Aufzug schafft die Verbindung zum Wellness-Bereich im Untergeschoss, mit Outdoor-Indoor-Pool, verschiedenen Saunen sowie Ruhe- und Behandlungsräumen, in denen Signature-Treatments rund um das Thema Moor angeboten werden.

Fernöstliches nur im Detail

Dem Hotel eine asiatische Anmutung zu geben, war der erklärte Wunsch der Bauherren. Anklänge an fernöstliche Bautraditionen sucht man jedoch vergeblich. Asiatische Elemente finden sich in erster Linie in der Ornamentik, in den Zimmern mit den hölzernen, kunstvoll gefrästen Paneelen, die den Duschbereich vom Wohnbereich abtrennen, und in der Verwendung dunkler Hölzer für die Möbel sowie in den Mustern der Tapeten. „Wir wollten das Asiatische nicht einfach kopieren“, sagt Christian Rottensteiner, „wir haben mit einer Abstraktion gearbeitet, die sich in den verwendeten Farben und Mustern niederschlägt.“

29 der insgesamt 49 Zimmer wurden im Rahmen des Umbaus neugestaltet und tragen das Label „Soulful“. Die Gestaltung der Innenräume bedeutet ebenfalls einen Bruch zum klassischen Südtiroler Ferienhotel. Keine Holzvertäfelung, keine alpenländische Gemütlichkeit, vielmehr sollen die bewusst dunkel gestalteten Innenräume Ruhe ausstrahlen. In der „Soulful Rooftop Suite“ können die Gäste unter dem Sternenhimmel schlafen – ein verglaster Einschnitt ins Dach über dem Bett macht’s möglich –, auf der Dachterrasse vor dem Kaminfeuer entspannen oder in der Privatsauna schwitzen.

Literatur ist Magdalena Mairs Leidenschaft. In den beiden „Soulful Literature“- Junior-Suiten, die mit 150 Büchern bestückt sind, ermöglichen deshalb Sofa-Landschaften behagliches Lesevergnügen. Allen Gästen zugänglich ist die mit anspruchsvollen Titeln ausgestattete Bibliothek im lichtduchfluteten Loungebereich. Japanische und chinesische Tees und Tatami-Matten sorgen für asiatische Anklänge. Noch wichtiger ist der jungen Gastgeberin, einen Ort zur inneren Einkehr zu schaffen. Sie möchte „den Menschen Ruhe schenken, Zeit für sich selbst schenken“.

Rezepte nach Großmutter Irene

Als Reminiszenz an die Geschichte des Hauses wurde die 350 Jahre alte Stube des früheren Moarhofs, als er noch ein bäuerliches Anwesen war, eingebaut. Dort werden Südtiroler Gerichte serviert, die nach den traditionellen Rezepten von Großmutter Irene, deren Bild in der Stube hängt, zubereitet werden.

Der höchst sportlichen Bauzeit von nur dreieinhalb Monaten von Mitte September bis Weihnachten 2017 ging eine vierjährige Planungsphase voraus, während der zahlreiche Hürden genommen werden mussten. Wer das Silena heute sieht, kann sich vorstellen, dass der Bau im örtlichen Umfeld polarisierte. Konstruktive Unterstützung kam vom Gestaltungsbeirat Baukultur und Landschaft der Provinz Bozen, ein mit internationalen Architekten hochkarätig besetztes Gremium. Dreimal war der Beirat vor Ort. „Sie unterstützten maßgeblich die Idee des freistehenden Volumens und die organische Gestaltung des Daches“, berichtet Christian Rottensteiner. Das Gremium gab Anregungen, bestärkte und entwickelte die Ideen weiter. Das Silena macht deutlich, dass sich auch ein Bau mit unkonventionellen Gestaltungselementen und Materialien in die Landschaft einfügen und jenseits aller Alpenfolklore eine andere Art der Kommunikation mit seiner Umgebung finden kann.

von Bärbel Holzberg