Seit vergangenem November ist Ralph Radtke General Manager im Çiragan Palace Kempinski. Das Hotel gilt als das nobelste in Istanbul. Dennoch ist Radtke entspannter denn je. Im Gegensatz zur vorhergehenden Position als Area General Manager bei Accor kann er sich nun voll und ganz auf ein einziges Projekt konzentrieren – und hat mehr Zeit für sein Privatleben.
Wenn Ralph Radtke morgens aufsteht, ist er nicht sofort Chef von 800 Mitarbeitern im luxuriösesten Hotel Istanbuls – der Stadt mit 2600-jähriger Geschichte, ehemals Kapitale dreier Weltreiche. Wenn Ralph Radtke morgens aufsteht, dann zieht er erst einmal den Vorhang auf und überlegt: »Was kann ich heute Gutes tun?«
Das war seine Antwort auf die Frage, warum sein Lebensmotto »Was dich nicht umbringt, macht dich härter« sei. »Man lernt nur aus schlechten Erfahrungen.« Schlechte Erfahrungen und Probleme könne man aber nur mit einer positiven Lebenseinstellung meistern. Und die strahlt Radtke förmlich aus. Er wirkt während des Gesprächs überaus entspannt und lacht oft. Als zum Beispiel seine PR-Managerin Çiler Ílhan einige Zahlen und Fakten über das Hotel liefert – 313 Zimmer, 80 Prozent davon mit Bosporus-Blick, 80 Prozent Belegungsrate, 30.000 Euro für eine Nacht in der Sultan-Suite ... – wirft der 59-Jährige ein: »Aber das Frühstück ist inklusive!« – und lacht. Das Interview möchte er in Englisch führen, aus Rücksicht auf Çiler Ílhan. Mit dem Ober spricht er Französisch. Es fällt ihm eicht, zwischen den Sprachen zu »switchen«.
Doch nicht immer war alles so leicht im Leben des Deutschen. Bereits seine Entscheidung, in der Hotellerie zu arbeiten, musste der junge Ralph Radtke damals gegen seinen Vater, einen erfolgreichen Unternehmer in der Textilbranche, durchsetzen. Dieser verkehrte zwar gern in Luxushotels, aber eben als Gast. Dass nun sein Sohn, der oft mit auf Geschäftsreise war und deshalb die Hotelwelt schon früh kennen und lieben lernte, die dreckigen Teller vom Tisch räumte und Hotelzimmer putzte, missfiel ihm. Doch Ralph Radtke ist gerade auf diesen Abschnitt seines Lebenslaufes stolz. – Und der umfasst immerhin 30 Jahre Hotelerfahrung in 14 Ländern. Diese Erfahrungen würden ihm helfen, das große Ganze der komplexen Hotelbranche zu verstehen. Das weiß er jetzt. Damals hingegen kamen oft Zweifel in ihm hoch. Radtke: »Ich dachte mir, niemand würde wahrnehmen, wie leidenschaftlich und motiviert ich arbeite.«
Doch es wurde wahrgenommen. Von John Wayne und Charlie Chaplin zum Beispiel. Sie waren Gast im Ritz Paris – Radtkes erster wichtiger Hotelstation, nachdem er 1971 die Hotelfachschule D. Speiser am Tegernsee und in Puerto de la Cruz auf Teneriffa mit einem Diplom in Hotel- und Restaurantmanagement abgeschlossen hatte. John Wayne habe ihm – dem damals noch schmächtigen Radtke – einmal so fest auf die Schulter geklopft, dass ihm beinahe das Tablett aus der Hand fiel. Das erzählt er mit einem Lachen. Überhaupt scheint ihn die Erinnerung an seine Zeit im Ritz Paris glücklich zu machen. »Mit all diesen schwierigen und exzentrischen Charakteren zu arbeiten, war eine fantastische Erfahrung.« In Frankreich blieb er bis August 1976. Dann ging er noch ins Cipriani Venice, »eines der besten Hotels Italiens«, bevor »der amerikanische Teil« seiner Karriere kam. Radtke meint seine Zeit bei Hilton International. Unterbrochen war diese Phase von einem erneuten Besuch der Hotelfachschule. »Ich bin zurück an die Uni, weil es sonst keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr für mich gegeben hätte.« Und wieder musste er sich gegen seinen Vater durchsetzten. Der war der Meinung, wenn sein Sohn so viel Leidenschaft für das Hotelbusiness empfinde, könne er die Schule selbst bezahlen. Das tat er auch. Und weil er damals schon 26 war und bereits selbstständig in vier Ländern gelebt und gearbeitet hatte, bezog Radtke kein Zimmer im Schweizer Centre International de Glion, sondern suchte sich selbst eine Wohnung. Den zweiten Teil seines Bachelors im Food & Beverage Management absolvierte er an der Florida State University.
1985 landete Radtke schließlich bei Accor – der Hotelgruppe, der er 26 Jahre lang treu bleiben sollte. Genauer gesagt bei Sofitel, der luxuriösesten Marke des Konzerns. Radtke erzählt viel über das Unternehmen, für das er um die Welt gereist ist, bei dem er ab 1985 im Sofitel Thalassa Quiberon, Frankreich, seine erste General-Manager-Position inne hatte und für das er Ende der 1980er-Jahre in Thailand das erste Hotel Südostasiens eröffnete. Nicht alles dürfe geschrieben werden, betont Radtke. »Sonst bekomme ich gleich 25 unangenehme Anrufe«. Nur so viel: »Sofitel hat großes Potenzial im Luxus-Segment. Für mich lag die Herausforderung darin, die Marke neu zu positionieren.«
Dieser Herausforderung – gleiche Marken vom Niveau her anzupassen – konnte er sich vor allem in der Position des Area General Managers widmen, die er ab 1992 an der Elfenbeinküste inne hatte. Ab 1999 verantwortete er in gleicher Funktion neun Accor-Hotels in Luxemburg. Von 2006 an leitete er als Director of Operations für Accor Hotels Luxemburg neun Häuser und für Sofitel Hotels BeLux vier Häuser. Seine letzten vier Jahre bei Accor verbrachte Ralph Radtke bei Sofitel als Senior Vice President. Dort war er zuständig für insgesamt 15 Domizile in Nord-, Mittel- und Osteuropa, in der Türkei sowie in Israel.
Dann – am Höhepunkt seiner Karriere – machte Radtke einen radikalen Schnitt. »Ich habe auf mein Privatleben geschaut und wusste, dass ich eine Veränderung brauche.« Nach zwei gescheiterten Ehen wollte er mehr Zeit für seine neue Liebe – eine in Brüssel lebende Türkin. Seine beiden Töchter aus zweiter Ehe, 25 und 20 Jahre alt, stehen mittlerweile auf eigenen Beinen. Die Ältere arbeitet als Assistant of Chief Designer bei Balenciaga in Paris, die Jüngere steckt gerade in den letzten Zügen ihres Fashion-Business-Bachelors und hat schon eine Stelle bei Ralph Lauren in Aussicht, ebenfalls in Paris. Also reichte Radtke am 1. Januar 2011 seine Kündigung bei Accor ein, war aber noch bis 1. Juli dort angestellt. In diesen sechs Monaten traf er alle Vorbereitungen für ein ganz neues Projekt: Er plante ein eigenes Nordsee-Restaurant in Brüssel, das erste in Belgien überhaupt. Kurz vor der Eröffnung im Juni kam dann aber das Angebot von Kempinski, das Çiragan Palace Istanbul als General Manager zu leiten – ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte. Schließlich wartet das »erste Haus am Platz« im Vergleich mit anderen Hotels der 15-Millionen-Metropole am Bosporus mit vielen Superlativen auf: der höchste durchschnittliche Zimmerpreis – den er allerdings nicht verraten will –, die größte (376 qm) und teuerste Suite, das einzige Hotel in einem ehemaligen osmanischen Sultanspalast und das ganz sicher einzige, das sowohl per Auto, als auch per Schiff und Helikopter zu erreichen ist, der größte Pool der Stadt ...
»Ich bin wahrscheinlich der erste Area General Manager, der sich selbst zum General Manager degradiert«, sagt Radtke und lacht. »Aber diese Position erlaubt es mir, all meine Leidenschaft voll und ganz auf ein Hotel zu fokussieren.« Sein größter Plan für das 313-Zimmer-Haus: Er möchte es auf die »Klientel der Zukunft« einstellen. »Der Lebensstandard in der Türkei wächst und der ist verbunden mit einer Bewusstseinsveränderung. Junge Türken wollen westliche Produkte.« Also möchte Radtke sein Hotel neben der aktuellen Klientel – Geschäftsreisende, ältere Ehepaare und Familien – auch auf diese neue Zielgruppe einstellen. »Junge Menschen haben ganz andere Ansprüche. Sie essen, wann sie Zeit haben. Außerdem ernähren sie sich gesünder und bewusster. Deshalb müssen unsere Restaurants auch nachmittags geöffnet sein. Wir können es uns nicht erlauben, außerhalb der klassischen Essenszeiten nur Snacks anzubieten.« Sein Resümee zu diesem Thema: »Wir müssen flexibler und weltoffener sein.« Just in diesem Moment nimmt am gegenüberliegenden Tisch eine Gruppe junger Menschen Platz. Radtke ist sichtlich erfreut, auch ob ihres eleganten und modernen Kleidungsstils. Er nennt ihn »cosmopolitan-chic«. »Nicht zu jedem passt eine Krawatte. Deshalb darf man das in Luxushotels auch nicht verlangen.«
Radtke selbst kann als Vorbild herangezogen werden, wenn es um Weltoffenheit geht: Er bezeichnet sich nicht als Deutschen, sondern als Europäer. Er geht sogar noch weiter: »Wenn ich in Thailand arbeite, fühle ich mich als Thailänder, wenn ich an der Elfenbein-küste arbeite, fühle ich mich als Ivorer und wenn ich in der Türkei arbeite, fühle ich mich als Türke. Gleichzeitig sehe er sich – den Hotelier – als Botschafter Deutschlands. »Wenn ich in meinem Alter noch offen für Neues sein kann, können es andere auch«, ist er überzeugt. Neben Englisch und Französisch spricht er Niederländisch. Was er auch seinen beiden Ex-Frauen, einer Niederländerin und einer Französin zu verdanken hat. Demnächst möchte er mit einem Türkisch-Kurs beginnen. Er fügt mit einem Lachen hinzu: »Aber ich wechsle nicht immer die Frau, wenn ich eine neue Sprache lernen will.«
Apropos: Was ist eigentlich aus dem Nordsee-Restaurant in Brüssel geworden? – »Das leitet jetzt meine Frau Nuray.« Natürlich sei die räumliche Trennung nicht optimal, deshalb habe er auch schon andere Pläne geschmiedet. Aber die solle natürlich zuerst seine Frau erfahren. Nur so viel verrät er Top hotel: Er möchte ihr und sich damit etwas Gutes tun.