Paradebeispiel einer NeupositionierungAus Palm Beach Marseille wird Nhow

Die Nhow Suite erstreckt sich über zwei Ebenen, ein raumhohes Wandgemälde holt Street-Art ins Hotel. (Bild: NH Hotels)

Seit 1975 gehört der Terrassenbau direkt am Felsenstrand zu den Hotelinstitutionen der Mittelmeerstadt. Mehrere Architekten und Künstler kooperierten bei der kreativen Wiederbelebung der Hotellegende als lebensfroher Neuzugang in der NH Gruppe.

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in Stadthotel direkt am Strand, an der noblen Südküste mit der bekannten Adresse „Corniche Président John Fitzgerald Kennedy“: Als das Hotel Palm Beach 1975 in Marseille eröffnete, sorgte es mit seinen terrassenförmig angeordneten Ebenen, die sich treppenartig an den Hang schmiegen und zum Meer hinunterführen, für viel Aufmerksamkeit. Zwischen dem Alten Hafen und dem Viertel Prado gelegen, avancierte das Hotel bald zum bekanntesten der Stadt.

Farbige Eyecatcher helfen bei der Orientierung im Hotel.

Unter dem Accor-Label Pullman wurde das Haus 2002 komplett nach den Plänen der Marseiller Architekten Claire Fatosme und Christian Levèfre von SHPB (Société Hôtelière du Palm Beach) renoviert. Beide sind auch beim aktuellen Umbau wieder mit von der Partie. 2002 nahmen sie dem Haus etwas von seinem Siebziger-Jahre-Plattencharakter und öff- neten die Räume. Jedes Zimmer erhielt einen Meerblick, die „Seaview“ wurde obligatorisch. Zugleich baute das Team den Tagungsbereich stark aus, sodass sich das Hotel unter Pullman-Flagge zum wichtigen Kongresshotel entwickelte. Die Großen und Wichtigen der Stadt trafen sich dort, aber es war kein offenes Haus für jedermann.

Im letzten Sommer hat sich das solide Businesshotel in ein lebendiges Lifestyle- Hotel verwandelt. Sogar Pressevertreter aus Paris kamen im September zur offiziellen Einweihung in den Süden und trafen Kollegen aus Amerika und ganz Europa. Zahlreiche Vertreter der Stadt aus Politik, Wirtschaft und Kultur feierten mit und erlebten jede Menge bunte Kunst, die von den Decken hängt, hunderte quietsch-gelbe Enten im Salzwasserpool und Hotelmitarbeiter mit gelben Sonnenbrillen auf der Nase. Das neue Nhow möchte emotional, überraschend und vor allem für jedermann offen sein. So will es der aktuelle Betreiber, die NH Hotels Group.

Für die Macher ist es ein „überraschendes Konzept, das der Entwicklung der Stadt“ und dem „Charakter der Marke“ entspricht. Das Urlaubsidyll Provence auf der einen Seite und die Stadt „mit ihrer Unordnung, ihrem Ungehorsam und ihrem Stolz“ auf der anderen Seite – dieses Spannungsverhältnis soll sich im Hotel widerspiegeln.

Perfekter Ort, um Nhow weiter wachsen zu lassen.

Das Ergebnis ist ein neu erfundenes Hotel in einer sich gerade neu erfindenden Stadt mit renoviertem Hafenviertel, wachsendem Business-District und Erfolgen beim Zurückdrängen der – in den letzten Jahrzehnten sehr belastenden – Kriminalität. Für die NH Hotels Group ist Marseille der perfekte Ort, um ihre Lifestyle-Marke Nhow weiter wachsen zu lassen. Jedes Haus verschreibt sich einem anderen Thema und einer alles bestimmenden Farbe. In Marseille fiel die Wahl auf Gelb, das Thema ist Sonne, Strand und Meer. „Als wir 2006 mit dem ersten Nhow gestartet sind, hatten wir gehofft, viel schneller wachsen zu können“, berichtet Maarten Markus, Managing Director Nort- hern Europe der NH Hotel Group, und ver- weist auf die bisherigen Standorte Mailand, Berlin und Rotterdam. In den allgemeinen und unternehmenseigenen Krisenjahren ab 2009/10 wurden etliche Projekte auf Eis gelegt und Erneuerungen eingeläutet. Die tragen nun Früchte.

Nhow startet in den nächsten Jahren in sieben weiteren Destinationen, darunter 2019 in der britischen Hauptstadt unter dem Motto „London Reloaded“ aus der Feder von Sir Norman Foster. 2020 eröffnen das Nhow Amsterdam Rai in einem 91 Meter hohen Turm mit 650 Zimmern und in Frankfurt das „One“ als Mixed-Use- Konzept mit Rooftop-Bar, Konferenzbereich, Büros und Co-Working-Angeboten.

Auch in Frankreich will die NH Hotels Group deutlich mehr Flagge zeigen. Seit 2018 gibt es eine NH Collection, ebenfalls in Marseille, und zwei NH Hotels in Lyon und Nizza. „Frankreich ist für uns zu einem vorrangigen Markt geworden, insbesondere im Premium- und Luxussegment“, betonte Hugo Rovira, Geschäftsführer der NH Hotel Group in Südeuropa letzten Herbst. „Unser Ziel ist es, rund 20 Hotels zu eröffnen, zehn unter unserer High-End-Marke NH Collection, zwei oder drei unter unserer ikonischen Marke Nhow und sieben unter der Marke NH.“

18 Jahre Zeit für reife Gedanken

Das Nhow Marseille wurde 2017 noch als NH Marseille Palm Beach geführt, bevor 20 Millionen Euro in den kompletten Umbau investiert wurden. Für die Architekten Claire Fatosme und Christian Lefèvre war es ein Projekt mit viel Vorlaufzeit: „Wir hatten 18 Jahre Zeit, über das Haus nachzudenken, und konnten es am Ende in wenigen Monaten komplett neu erfinden“, resümieren beide. Ein festes, solides Markenkorsett wie 2002 gab es dafür nicht. Es anders zu machen – mit der Leitfarbe Gelb – war die einzige Devise.

Die Cactus-Bar darf auch für kreative Brainstormings genutzt werden.

General Manager Moïse Aykanal ist eigentlich Computeringenieur, war zuletzt bei Mama Shelter und Club Med und bringt eine Menge Entertainmenterfahrung mit. Die Architekten wurden unter anderem mit der Renovierung der Eingangshalle beauftragt, die oben an der Straße beginnt. Von dort aus staffeln sich drei weitere Etagen terrassenartig nach unten zum Meer, wo sich eine eigene Schiffsanlegestelle befindet. In das Haus integriert ist eine Felswand mit Thermalquelle – schon Mitte des 19. Jahrhunderts galt der Ort als berühmtes öffentliches Spa. Claire Fatosme und Christian Lefèvre haben eigens eine gläserne Aussichtsplattform kreiert, um den ungehinderten Blick auf die Felswand zu ermöglichen.

„Das ganze Haus wirkt wie ein eigenes Schiff “, betonen beide und haben entsprechend auch die Sky-Bar im dritten Stock mit einer Lampe aus 4.000 hängenden Stahlsardinen geplant, die der englische Künstler Frances Bromley für Sciabetti gestaltet hat. Oder wie es handschriftlichauf den Zimmerspiegeln samt Gastvornamen steht: „Dive into Nhow!“ Rechts vom Eingang gelangen die Gäste durch einen verglasten, mit Street-Art geschmückten Flur zur Rezeption. Weiter links geht es auf verschiedenen Stockwerken zu den Zimmern, vorbei an Graffitibildern, die auf den Straßen von Marseille gefunden wurden. „Wir haben versucht, alle Seiten der Stadt durch ihre Künstler zu erfassen“, erläutern Claire Fatosme und Christian Lefèvre. Dazu gehören ein Fresko und Cartoons des einheimischen Künstlers Tristan Bonnemain, Graffiti von Guy Bargin und Grafiken von Adrien Bargin.

Die 150 Zimmer sollen eine Ode an das Meer und das Licht sein – mit viel Weiß und Gelb, mit Lampenschirmen in Quallenform, gelber Chaiselounge und Segeltüchern als Bettkopf. Ihr Grundriss ist weitestgehend geblieben, nur die Bäder wurden vergrößert. Insgesamt gibt es 39 Standardzimmer, fünf Familienzimmer, 96 Premiumzimmer mit Balkon, neun Suiten und eine 130 Quadratmeter große Nhow-Penthouse-Suite, die sich über zwei Etagen erstreckt.

Tunnelbar als Übergang zwischen Schatten und Licht

Nicht immer fällt die Orientierung durch die gestaffelten Ebenen leicht. Auf den Boden projizierte Bilder, Texte und Pfeile sorgen für Orientierung. Dabei helfen aber auch die im ganzen Haus verteilten Eyecatcher – seien es die mit Beinen und Taucherflossen bemalten Säulen oder die Tunnelbar der italienischen Designerin Teresa Sapey. Mit schwarzen, beleuchteten Bögen und orange-gelb-karierten Designersesseln soll sie – zwischen der Süßwasserquelle Roucas Blanc und dem Meer gelegen – den Übergang zwischen Schatten und Licht, Kühle und Wärme bilden.

“Wir wollen nicht trendy sein. Vielmehr möchten wir die spezielle Seele Marseilles, die Energie und Dynamik gepaart mit der lichtreichen Natur zum Ausdruck bringen.”

Für Veranstaltungen stehen 14 Tagungsräume für bis zu 421 Personen zur Verfügung, sieben davon mit Meerblick, das Auditorium fasst 322 Personen. Das Thema MICE soll im Nhow „frei und flexibel gedacht“ werden – sei es beim Brainstorming in der Tunnelbar oder beim Workshop in der Cactus-Bar, eine quietschgelbe Glaskapsel mit exotischen Pflanzen.

Die beiden Architekten und Teresa Sapey wollten gemeinsam „die Gegensätze und die Energie von Marseille in die Identität des Hotels“ einbringen – vor allem mit Blick auf die Meerlage. „Die Cactus- Bar zum Beispiel sieht aus wie eine riesige U-Boot-Plattform unter dem Felsen der Corniche. Die Waschbecken sind in der Form einer Marseiller Seife gestaltet, die Böden in Tönen von Blau bis Smaragdgrün gehalten und spiegeln so die Farben des Meeres wider“, so Teresa Sapey. Auch das Phytomer Spa, das in die Corniche- Felswand eingearbeitet wurde, folge diesem Motto. „Wir wollen nicht trendy sein“, sagen die drei Architekten und Designer. Vielmehr möchten sie „die spezielle Seele Marseilles, die Energie und Dynamik gepaart mit der lichtreichen Natur“ zum Ausdruck bringen. Das Haus wirkt wie eine Spielwiese, die entdeckt werden will und für alle offen steht. Vor allem den Marseillern selbst.

Sylvie Konzack

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