#Monotalk Interview mit Nizar Rokbani zum Thema Chancen

Nizar Rokbani
2018 eröffnete Nizar Rokbani das erste Schulz Hotel in Berlin. (Bild: Schulz Hotels)

Fünf Jahre nach dem Verkauf der Meininger Hotelgruppe haben Nizar Rokbani und seine Geschäftspartner 2018 das erste Schulz Hotel eröffnet. Im Interview spricht er über seinen Weg vom Gastarbeiterkind zum Hotelgründer und verrät, warum Chancen der Schlüsselbegriff seiner Biografie ist.

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Tophotel: Herr Rokbani, laut Duden bedeutet das Wort Chance ‚günstige Gelegenheit‘, oder ‚Aussicht auf Erfolg‘. Was bedeutet es für Sie?

Nizar Rokbani: Für mich beschreibt es ein Lebensgefühl. Das Gefühl, durch Selbstbestimmtheit etwas zu erreichen. Das Wort Chance weckt bei mir große Gefühle. Für mich gehört es zusammen mit Menschlichkeit. Menschen zu sehen, ihnen wirklich Raum zu geben, sich zu entwickeln. Danach richte ich sehr viel aus.

Auch die Entscheidung, die Schulz Hotels zu gründen?

Mit der Gründung und Veräußerung der Meininger Hotels habe ich als Kind tunesischer Gastarbeiter im klassischen Sinn meine Chance genutzt. Aber warum nicht auch andere? Das ist einer der Gründe, warum dieses Hotel hier existiert. Man muss Räume schaffen, damit Leute eine Chance ergreifen können. Eine Volljuristin aus Brasilien, deren Abschluss nicht anerkannt wird, hat sich bei uns in der Buchhaltung beworben. Sie ist dafür nicht qualifiziert, aber sie will. Hier schlummern so viele ungeschliffene Diamanten, die auf ihre Chance warten.

So wie Sie im Berlin-Moabit der 1970er-Jahre?

Ich hatte durch wirtschaftliche und familiäre Umstände keine leichte Kindheit, obwohl ich in Deutschland geboren bin. Bis zur vierten Klasse konnte ich meinen Nachnamen nicht schreiben, wir hatten einen Immigrantenanteil von 95 Prozent. Ich fand es so ungerecht: Nur weil ich zufällig nicht in eine deutsche Familie geboren worden bin. Aus dem Ärger entstand mein Entschluss: Ich will mein Leben verändern. Ich muss besser werden.

Was war das Ziel? Wofür stand ‚besser werden‘?

Finanzielle Unabhängigkeit. Ein Haus, ein Auto und eine Familie zu haben, die ich versorge, wie auch meine Eltern und Brüder. Wir lebten zu fünft in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Auf der Zwischenetage gab es eine Toilette, die war immer kalt. Aber wir hatten Freunde und haben auf der Straße gespielt. Alle waren gleich, alle hatten nichts.

Wie kamen Sie zum ersten Mal in ein Hotel?

Meine Mutter hat als Zimmermädchen im Intercontinental, im Kempinski und im Schweizerhof gearbeitet. Als ich zwölf Jahre alt war, arbeitete sie im Hotel Hansablick. Ich habe ihr geholfen, die Betten abzuziehen, habe die Wäsche hoch und runter geschleppt. Der Besitzer Karl Brugger hat mich protegiert. Ein feiner Mann.

Wie waren Ihre Eindrücke von der Hotellerie?

Es war eine Hammer-Welt! Beim Zimmerreinigen war ich immer neugierig, die Tür zu öffnen. Jeder Raum hatte eine andere Geschichte. Eine Shampooflasche mit einer anderen Sprache. Und dazu die Gerüche. In jedem Zimmer hat es anders gerochen. Das war meine Weltreise innerhalb eines Hotels. Irgendwann durfte ich in der Küche helfen, beim Frühstück, an der Rezeption. Von Karl Brugger habe ich sehr viel gelernt. Er war auch ein Stück weit Vaterersatz.

Er hat Ihnen eine Chance gegeben.

Ja. Gleiches gilt für meinen Realschullehrer, der sagte: ‚Du liest jetzt den Tagesspiegel.’ Dass sich ein Erwachsener Zeit für mich nimmt, kannte ich bis dahin nicht. Am Jahresende habe ich dann einen Rückblick über die Berliner Wirtschaft geschrieben. Als ich dann einen Ausbildungsvertrag in der Hand hielt, hat meine Mutter diesen zerrissen: Du hast die Realschule geschafft, du schaffst jetzt auch das Abitur.

Sie sind den Bildungsweg gegangen. Was hat sich dadurch verändert?

Im Gymnasium hatte ich mehr Kontakt mit Deutschen ohne Migrationshintergrund und habe eine andere Denkweise gelernt. Um wirklich seinen Weg zu gehen, muss man auch ein wenig egoistisch sein. In der orientalischen Welt ist das etwas Schlechtes. Nach außen heißt es dort immer: gemeinsam. Bruder und Schwester nennen sich ja alle. Bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund habe ich gesehen, dass die ihr Ding machen und damit Erfolg haben. Da dachte ich mir: ‚Misch’ das mal’.

Wie genau?

Ich habe versucht, beide Welten zu verbinden. Erst selbst für eine Klausur zu lernen und dann meinem Kumpel zu helfen. Davor hätte ich es umgekehrt gemacht. Und ich hatte Glück, dass mich ein Wirtschaftslehrer unterstützt und mir seinen elterlichen Betrieb gezeigt hat. Buchhaltung, Kostenrechnung – plötzlich habe ich verstanden, wozu das gut ist. Ich habe als Einziger in der Familie Abitur gemacht und anschließend noch BWL studiert.

Wie kam es dann 1999 zur Gründung des ersten Meininger Hotels?

Mein Fußballkumpel Oskar Kan und ich hatten das Studentenhotel Berlin in Schöneberg entdeckt, wo Rudi Dutschke früher geschlafen hat. Es war runtergerockt, aber es hat uns interessiert. Als keine Bank uns den Kredit geben wollte, hat meine Mutter mir all ihr Erspartes gegeben: 50.000 Mark. ‚Versuch dein Glück, mein Sohn!’ Erst nachdem ein dritter Partner, ein Deutscher ohne Migrationshintergrund, hinzugestoßen ist, haben wir Kredite für das Hotel in der Meininger Straße bekommen.

Sie wollten einen Mix aus Hotel- und Hostelkonzept.

Wir waren jung und naiv und gingen im ersten Jahr fast pleite. Ein Fehler war, den Mietvertrag im Winter zu unterschreiben – denn da kam kein Gast. Wir waren vier Monate ohne Einkommen, ich habe mein Handy verkauft und nicht geheizt. Aus dieser Zeit kenne ich das furchtbare Gefühl, eine Chance zu haben und sie nicht nutzen zu können. Aber dann ging es bergauf.

Ab wann war Ihnen klar, dass der Plan aufgeht?

Ich wusste es von Anfang an – trotz der katastrophalen ersten Monate. Ich habe gesehen, dass es funktioniert, mein Hotel-Know-how und das Prinzip einer Jugendherberge zu mischen – wie früher das Arabische und das Deutsche. Ich hatte die Vision, dass es eine Kette wird. 2004 hatten wir dann fünf Häuser.

Wie nah waren sie da – mit 33 Jahren – Ihrem Lebensziel ‚besser werden‘?

Ich hatte eine Frau und Kinder, ein Auto und eine Doppelhaushälfte in Dahlem. Als ich an einem Sommertag meine Familie im Garten gesehen habe, kamen mir die Tränen. Meine Kindheit nachzuholen mit meinen Kindern, sie von der Schule abzuholen – alles, was ich nicht hatte, konnte ich ihnen geben. Das war die größte Chance in meinem Leben. Da habe ich zum ersten Mal richtig wahrgenommen, dass ich meinen Fixstern erreicht hatte.

Welches neue Ziel haben Sie definiert, nachdem Ihr größtes erreicht war?

Wir haben dann mit Sascha Gechter einen Freund mit ins Boot genommen, um auf der internationalen Bühne mitzuspielen. Es kamen Häuser in Österreich dazu, in London, Amsterdam und Brüssel. Zuletzt hatten wir 16 Betriebe und haben die Meininger Gruppe 2013 verkauft.

Vom Hotelier zum Privatier – ein großer Schritt in die Freiheit. Und dann?

Ich hatte viel Geld, aber keine Aufgabe mehr, keine Position. Zudem haben meine Frau und ich uns getrennt. Ich hatte alles und doch nichts. Ich hatte 400 Mitarbeiter und auf einmal keinen. Ich hatte eine Familie, aber durch die Trennung war sie auseinandergebrochen. Das war eine der schwersten Zeiten in meinem Leben.

Wie haben Sie diese Phase durchlebt?

Ich habe mich sehr reduziert und bin nach Moabit gezogen, quasi in die Kopie meiner Kindheitswohnung. Ich habe viel aufgeschrieben, Musik gemacht. Die Trennung haben wir als Familie erstaunlich gut gemeistert, das hat mir wieder Sicherheit gegeben. Ich war immer ein Getriebener und bin – zwangsweise – zur Ruhe gekommen. Irgendwann konnte ich wieder lachen. Und habe überlegt, was mache ich jetzt mit meinem Leben?

Raum für Neues.

Ich habe mich an meine Schulzeit erinnert – daran, dass ich Lehrer mit riesigem Herz hatte. So kam die Idee, eine Schule zu gründen, mit Stipendien für Kinder aus bildungsfernen Familien. 2017 haben wir die Freudberg Schule eröffnet. Immer nur über Ungerechtigkeit zu reden, bringt am Ende nichts. Jeder kann für irgendjemanden eine Chance schaffen.

Nach Auslaufen der Wettbewerbsklausel haben Sie – wieder zu dritt – Schulz Hotels gegründet und 2018 das erste Haus in Berlin eröffnet.

Wir wollten etwas Einzigartiges machen, etwas gesellschaftlich Neues. Menschen verbinden durch einen Zielgruppenmix. Unsere Gäste haben nicht nur die Möglichkeit, die ganze Welt zu treffen, sondern Menschen aus diversen Schichten und Reisemotivationen. Hier kommen beim Frühstück Geschäftsreisende, Backpacker, Schulklassen und Familienurlauber zusammen. Menschen werden zusammengeführt, Welten vermischt.

Woher kommt der Name Schulz?

Schulz ist ein deutscher Kosmopolit. Sascha ist der deutsche Christ, Oskar der jüdische und ich der muslimische Immigrant. Alle sind wir Berlin und das ist Schulz, diese fiktive Person. Er verkörpert Werte, die im Hotel gelebt werden sollen: bunt, persönlich, offen, tolerant. Jeder Mensch ist interessant, keiner ist besser als der andere. Sowohl bei den Gästen als auch in der Belegschaft.

Erklären Sie uns Ihr Motto ‚Werde Unternehmer deines Lebens!‘.

Ich glaube, dass es einen Mix aus Risikobereitschaft, Neugier, Weitblick, Verantwortungsbewusstsein – Mut einerseits, Vorsicht andererseits – braucht, um sein Leben zu gestalten. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen oder ein Unternehmen, liegt gar nicht so weit auseinander. Was kann ich, was kann mein Unternehmen? Wo muss ich es stärken, wo muss ich mich stärken? Ich glaube, du kannst viel steuern, solange du flexibel bleibst.

Wenn Sie jetzt noch einmal das Wort Chance reflektieren. Welcher Gedanke kommt?

Jeder hat eine Chance. Und im Idealfall findet er sie. Sie kommt nicht plötzlich, sondern sie ist da, du musst sie suchen, dich bewegen. Manchmal ist der Weg beschwerlich und manchmal leicht. Wenn du es schwerer hast, wirst du vielleicht an die Hand genommen und jemand hilft dir. Du musst darauf vertrauen, dass deine Chance existiert, und dafür sorgen, dass du sie siehst. Und wenn nicht, dann hast du sie nur noch nicht gefunden.

Interview: Katharina Pütter

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