Lindenberg steht weder für Hotel noch für Wohngemeinschaft. Und doch für beides zugleich: Dort Gast sein heißt Teil einer Gemeinschaft zu werden. Was das für ihn bedeutet und wie die (noch) kleine Gruppe das Thema Expansion sieht, beschreibt Managing Director Nils Jansen im Interview.
Tophotel: Herr Jansen, Sie kommen als gelernter Erzieher beruflich eigentlich aus dem Sozialbereich. Warum haben Sie so radikal die Branche gewechselt?
Nils Jansen: Ich habe bereits während meines Studiums der Sozialpädagogik regelmäßig in der Gastronomie gejobbt und immer eine große Leidenschaft für die Branche empfunden – irgendwann dann mehr als für mein Studium selbst. Dieser Leidenschaft habe ich schließlich nachgegeben und sie zum Beruf gemacht. Meine Erfahrungen aus dem Studium kann ich aber bis heute gut einbringen, sie helfen mir immer wieder im Alltag.
Was bedeutet Gemeinschaft für Sie persönlich?
Ohne Gemeinschaft geht nichts. Geselligkeit, Zusammenhalt und sich einander verbunden zu fühlen ist für mich der Ursprung von allem. Es spornt mich an, privat wie im Job.

Die Lindenberg Hotels zeichnen sich durch das Konzept des "Gästekollektivs" aus. Was bedeutet das genau, und wie wird es in den Häusern umgesetzt?
Wir bieten unseren Gästen, Partnern und Freunden einen Ort, an dem Gemeinschaft gelebt wird – sei es in den Räumlichkeiten, in denen zusammen gekocht, gearbeitet, Whiskey getrunken, gefeiert oder Musik gehört wird, oder durch eine gemeinsame Haltung, die alle miteinander verbindet. Dabei darf jeder selbst entscheiden, ob und wie viel Gemeinschaft er möchte – und vor allem darf jeder sein, was und wie er ist. In unseren Häusern spielt der Zugang zum Ganzen eine größere Rolle als der Besitz. Unsere Gäste nutzen die vielzähligen Gemeinschaftsflächen und ziehen sich nur für die Privatsphäre in ihre Zimmer zurück. Lindenberg steht damit für ein authentisches und ehrliches Gemeinschaftsgefühl, das von Mitarbeitern, Freunden und Partnern von Anfang an so gelebt und transportiert wird.
Sie sagen, die geteilte Haltung der Gäste verbindet. Welche Rolle wird die Wahl der "passenden Gemeinschaft" künftig auch bei der Auswahl des Hotels spielen?
Dieses Kriterium wird künftig mehr Einfluss auf die Buchungsentscheidung nehmen, als es bisher der Fall war. Neben den üblichen Kriterien, wie Preis-Leistungs-Verhältnis, Lage und Ausstattung, werden die Werte, für die ein Produkt steht und wie diese gelebt und dargestellt werden, ausschlaggebend für die Buchung sein.
Gelebt wird die Gemeinschaft auch durch die Gastgeber im Haus. Wie wichtig ist der Gedanke des Zusammenseins für die Mitarbeiterführung?
Sehr wichtig, nicht nur für ein gutes Unternehmensklima, sondern auch für die Überzeugung, nicht nur einen Job zu haben, sondern sich auch damit identifizieren zu können. Wenn sich alle im Kern als Gemeinschaft verstehen, die sich wegen ähnlicher Interessen und Beweggründe für das Unternehmen entschieden hat, kommt dies dem Unternehmen und den Gästen zugute.

Wie hat sich das Verständnis von Gemeinschaft durch die Coronakrise und Social Distancing verändert?
Wir sind uns deren Bedeutung viel bewusster geworden. Der lange Verzicht, die so schmerzlich vermisste Geselligkeit, die Sehnsucht nach dem Leben vor Corona, aber auch die Abhängigkeit von der Rücksicht jedes Einzelnen haben uns allen gezeigt, wie essenziell Gemeinschaft und Verbundenheit sind.
Welche Funktion haben Hotellerie und Gastronomie diesbezüglich in unserer Gesellschaft?
Die Hotellerie, aber vor allen Dingen die Gastronomie, spielt nicht nur in diesem Zusammenhang eine Rolle, sondern misst diesen Werten eine Wichtigkeit bei, der wir uns bisher nicht bewusst waren. Wir versuchen in der Krise auch solidarisch zu sein, wo wir können, und Menschen zu unterstützen, die durch die Krise finanziell struggeln. Wir bieten beispielsweise seit einer Weile "Artist Residencies" für Kreativschaffende, die kostenfrei bei uns unterkommen und im Gegenzug wertvolle Mitglieder des Kollektivs werden. Außerdem haben wir einen Studentenrabatt eingeführt, da viele Studis ihren Aushilfsjob verloren haben und finanziell an ihre Grenzen stoßen.
"Lindenberg vereint Heimat, Nachhaltigkeit, Ästhetik und Humanismus, Design, Konzept und kulturelle Bespielung der Häuser."
Nils Jansen
Das Konzept haben Sie zusammen mit Ihrer Geschäftspartnerin Denise Omurca entwickelt und aufgebaut. Welche Attribute sind in einer solchen Partnerschaft besonders wichtig?
Noch sind wir dabei, Lindenberg weiter auf- und auszubauen. Dabei haben wir das Glück, dass wir beide dasselbe Grundverständnis und denselben Anspruch an unsere Arbeit haben. Wir brennen leidenschaftlich für unsere Arbeit, vertrauen einander zu 100 Prozent und stehen auch drüber, wenn es mal hitzig wird. Wir lassen uns genügend Freiraum, um schnell und flexibel arbeiten zu können. Wir beide wollen Lindenberg in dieselbe Richtung bringen und setzen unsere Kräfte gezielt ein. Und das Wichtigste: Wir lachen viel und oft miteinander.

Einer der weiteren USPs bei Lindenberg ist das Longstay-Konzept. Ein Konzept mit Zukunft?
Dies ist nicht nur ein Zukunftskonzept, sondern war auch der Ursprung der Lindenberg-Idee. In unserer kleinsten Gästegemeinschaft, der Wiege des Lindenbergs mit zehn Zimmern, waren wir die Ersten, die das Co-Living-Konzept umgesetzt haben. Als Antwort auf die sich verändernden Bedürfnisse der Menschen: Wohnraumknappheit, vermehrte Single-Haushalte, flexible Arbeitsbedingungen und so weiter. Mit dem Lindley haben wir unsere Idee eines Gästekollektivs in ein Haus mit 100 Zimmern übertragen, in dem man zu Hause sein kann, ob es nur für eine Nacht ist, für eine Woche oder auch ein Jahr. Lindenberg vereint Heimat, Nachhaltigkeit, Ästhetik und Humanismus, Design, Konzept und kulturelle Bespielung der Häuser.
Bringen Sie die Lindenberg-USPs künftig auch in weitere Städte?
Ja, es gibt Expansionspläne. Wir wollen unsere Träume, viele besondere Orte für besondere Gästegemeinschaften zu schaffen, in die Tat umsetzen. Dabei stehen die besonderen Orte stärker im Vordergrund als ein strikter Expansionsplan nach Destinationen. Wir möchten unser Fähnchen dort aufstellen, wo uns ein magischer Ort begegnet ist oder wo wir uns wohlfühlen. So wie bei unserem jüngsten Projekt, einem kleinen Gästekollektiv mit acht Zimmern auf Bali, das wir noch dieses Jahr eröffnen werden.
Vom Sozialpädagogen zum Hotelier

Nils Jansen ist Managing Director der Lindenberg Hospitality, die er zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Denise Omurca konzipiert und aufgebaut hat. Der 41-Jährige absolvierte eine Ausbildung zum Erzieher und studierte im Anschluss Sozialpädagogik für Sonderschullehramt. Seine Leidenschaft galt aber bereits während der Zeit an der Universität der Gastronomie, nebenbei jobbte er schon damals als Servicekraft in einem Kasseler Kaffeehaus.
Mit 26 Jahren entschied er sich, die Sozialpädagogik an den Nagel zu hängen, und absolvierte ein duales Hotellerie-und-Tourismus-Studium in Berlin. Anschließend war Jansen als Hoteldirektor in Frankfurt tätig, bevor er zu den 25hours Hotels wechselte. "Das hat mich als Hotelier sehr geprägt“, sagt Jansen. Heute bringt er seine Expertise in die Marke Lindenberg ein, die insgesamt aus drei Häusern in den Frankfurter Stadtteilen Ostend und Alt-Sachsenhausen besteht.
2012 eröffnete das Lindenberg ein Zehn-Zimmer-Haus in der Frankfurter Rückertstraße. 2016 kam mit dem Libertine eine größere Schwester hinzu – der sanierte Gründerzeitaltbau in Sachsenhausen wartet mit 27 Zimmern auf. Das mit Abstand größte Haus, das Lindley Lindenberg, bietet zudem 100 Zimmer in einem eindrucksvollen Neubau, den die 4XS Rothenberger Unternehmensgruppe, zu der die Lindenberg Hospitality Gesellschaft gehört, realisiert hat.