Hoteltest Adlon Kempinski BerlinNicht voll auf Kurs

Vor 13 Jahren wurde das Adlon Kempinski Berlin zum ersten Mal von Tophotel getestet und erhielt stolze 96 Punkte – jetzt hat unser anonymer Tester es erneut besucht und geprüft, ob das Adlon den hohen Standard aufrecht erhalten konnte.

MO. 20/08, 14:21 – Telefonische Reservierung

Frau E. macht alles richtig: Sie ist überaus freundlich, effizient, professionell und kann mich bestens über das Hotel, seine Einrichtungen und die verschiedenen Zimmerkategorien unterrichten. Aus Vorgesprächen weiß ich, dass die Preise sehr unterschiedlich ausfallen können, weshalb ich eine Lücke zwischen Messen, Kongressen und anderen Großveranstaltungen suche und auch finde. Zum gewünschten Zeitpunkt offeriert mir Frau E. ein Deluxe-Zimmer für 280 Euro ohne Frühstück. Die Adlon-Mitarbeiterin preist auch die Gastronomie und die Spa-­Abteilung an und versteht es, Interesse für die Einrichtungen zu wecken. Sie empfiehlt jeweils eine zeitige Reservierung, was auch den tatsächlichen Begebenheiten entspricht, denn sowohl das Res­taurant »Esszimmer Lorenz Adlon« wie auch das »Daily Spa« sind nicht nur bei ­Hotelgästen begehrt, sondern auch bei den Berlinern. Die Mitarbeiterin bedankt sich am Schluss für die Reservierung, wünscht noch einen schönen Tag und verspricht eine schnelle schriftliche Bestätigung. Die entsprechende E-Mail erreicht mich umgehend. Alle relevanten Daten sind korrekt wiedergegeben, zudem nennt Frau E. für Rückfragen ihre Durchwahl.
Wertung: ausgezeichnet

FR. 21/09, 14:51 – Check-in

Ich werde von einem livrierten Pagen freundlich in Empfang genommen, der sich auch des Gepäcks annimmt und den Weg zur Rezeption weist. Dabei werde ich von einer sehr freundlichen Mitarbeiterin willkommen geheißen und gefragt, ob ich zur Begrüßung ein Glas Prosecco wünsche. Seit der neuen Kooperation zwischen der Sylter »Sansibar« und dem Adlon wurde ein Strandkorb vor der Rezeption zur Bar umfunktioniert – eine sehr schöne Idee, von der zu dieser Stunde auch jeder ankommende Gast Gebrauch macht. Bis hierhin glänzt das Hotel, doch dann wird es weit weniger professionell: Dass mein Zimmer in dieser Minute noch nicht fertig ist, kann akzeptiert werden, nicht aber, dass ich insgesamt knapp 50 Minuten darauf warten muss. Wenn ich nicht von Zeit zu Zeit meinen Sessel in der Lobby verlasse, um die Rezeption an mich zu erinnern, würde man mich wohl ganz vergessen. Anfangs reklamiere ich noch freundlich, am Schluss dann nicht mehr. Wenn ein Gast nach langer Anreise nicht gleich auf sein Zimmer kann, wird er schnell ungehalten. Vielleicht möchte er sich ausruhen, vielleicht muss er sich flink für seinen ersten Termin umziehen. In jedem Fall ist bei der Anreise eine solch lange Wartezeit unzumutbar. Was das Check-in noch weniger gastfreundlich erscheinen lässt, ist aber die Haltung des Personals: Sowohl der Rezeptionist, der mich eincheckt, als auch seine beiden Kolleginnen zeigen nicht den geringsten Ausdruck des Bedauerns. Es kommt mir beinahe so vor, als sei eine solche Verspätung im Adlon ein üblicher Vorgang, mit dem Gäste einfach rechnen müssten. Man hätte den wartenden Gast außerdem persönlich umsorgen und mit einigen Kleinigkeiten bei Laune halten sollen, beispielsweise mit Häppchen, einem Kaffee oder ähnlichen Aufmerksamkeiten. Zu allem Überfluss ist dann auch der Koffer noch nicht auf dem Zimmer und lässt weitere 20 Minuten auf sich warten. Ich frage telefonisch bei der Rezeption nach, wo es heißt, dass er auf dem Weg sei. Fünf Minuten später bringt mir nicht etwa ein kräftiger Angestellter das Gepäck, sondern eine zierliche, freundliche Mitarbeiterin. Man hat diese wohl als Friedensengel geschickt, weil selbst erboste Gäste bei charmanten jungen Damen friedlich bleiben.
Wertung: mangelhaft

Reklamationshandling

Weil der Vorgang keine Bagatelle ist und einen Gast während des gesamten Aufenthalts und darüber hinaus verärgern kann, lasse ich die Angelegenheit keineswegs auf sich beruhen. Ich rufe bei der Direktion an. Der Direktor ist gerade im Gespräch, aber seine rechte Hand nimmt sich meines Problems an, bedauert den Vorfall und verspricht, meine Beschwerde weiterzuleiten. Dies geschieht offenbar, denn am Abend bringt mir eine freundliche Mitarbeiterin ein Entschuldigungsschreiben und eine Magnumflasche Sansibar-Prosecco.
Wertung: sehr gut

Zimmer 646

Das Ambiente ist von klarliniger Zeitlosigkeit. Art Déco trifft auf Bauhaus – das macht den Adlonstil aus. Der Empfang fällt jedoch kühler aus: Kein Begrüßungskärtchen, kein Obst, keine Blumen. Lediglich eine an den Rändern schon braune Zimmerpflanze versucht etwas Leben ins Zimmer zu bringen. Dieses hätte besser gelüftet sein können, denn die Luft wirkt trocken und stickig. Auf den ersten Blick wurde alles gut gereinigt, doch nicht gründlich genug. So liegt unterm Bett noch eine Mandel vom Vorgänger und auf dem Rahmen der Wandverkleidung über dem Bett befindet sich viel Staub. Das Telefon auf dem Nachttisch wirkt ein wenig speckig und auch die etwas löchrige Gardine ist kein Schmuckstück. Es liegen einige Hochglanzmagazine aus, zudem wirbt der Hoteldirektor in einer Broschüre für das Shopping in Berlin. Die dagegen wirklich wichtige Hoteldirectory mit Informationen der Dienstleistungen und Restaurants fehlt.

Das große Bett, für fast alle Gäste nach wie vor das wichtigste Möbel im Hotelzimmer, ist mit komfortabler Bettwäsche ausgestattet. Vom Panel am Bett lassen sich alle wichtigen Lichtanlagen inklusive Nachtlicht sowie Klimaanlage und DND steuern. Die Sessel und Stühle sind kommod, doch am Schreibtisch würde man auf einem Stuhl mit Rollen beweglicher arbeiten können. Zudem stehen Stuhl und Tisch in keinem guten ergonomischen Verhältnis. Die grundsätzlich willkommene Steckleiste wurde hinter dem Schreibtisch angebracht, bei seitlicher Installation wären die Kabel weit weniger störend.
Für jeden Gast, aber vor allem für Ältere und weniger gut Bewegliche, ist der fast bodentief eingebaute Minisafe unerträglich. Positiv: Auf der linken Seite des Zimmers wurde viel Platz gelassen, wodurch man an diese Stelle leicht einen Servierwagen zum Frühstück platzieren kann. Die Anzahl der Holzkleiderbügel im Schrank ist zufriedenstellend, Schubladen und Stauraum sind ebenfalls ausreichend vorhanden.
Der TV reagiert auf die Fernbedienung etwas langsam, was aber grundsätzlich an der Technik und nicht etwa an schwachen Batterien liegt. Ein Programmheft befindet sich auf dem Zimmer, die Kanalübersicht muss man sich auf dem Bildschirm selbst suchen. Man kann die üblichen Sender empfangen, Sky ist kostenpflichtig und ein Infokanal, der auch Einblick in die Rechnung erlaubt, informiert über die Einrichtungen des Hotels.

Die Minibar ist üppig bestückt, sodass man neben bekannten Standards auch eine eigene Adlon-Serie mit Snacks und Süßigkeiten findet. Die handgeschöpfte Adlon-Tafelschokolade (100 g) kostet fünf Euro, das Jubiläums-Pilsener Berliner Kindl (0,33 l) schlägt mit 5,50 Euro zu Buche, das Gerolsteiner Naturell (0,50 l) wird mit stattlichen 9,50 € berechnet. Die Minibar kühlt stark – für Champagner ist das gut, für Wasser aber viel zu heftig.
Wertung: gut

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