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StartPeople & BrandsBrands#Monotalk mit Lasse Lütjens zum Thema Raum: Über Flächendruck in den Städten...

#Monotalk mit Lasse Lütjens zum Thema RaumÜber Flächendruck in den Städten und veränderte Bauprozesse

In Hamburg haben Lasse Lütjens und Mathias Krahl in einem ehemaligen Autohaus Deutschlands erstes Kabinenhotel eröffnet. Im Tophotel-Monotalk spricht Lasse Lütjens über das Cab 20, über kleine und große Räume, Flächendruck in den Städten und über veränderte Bauprozesse – und er erläutert, weshalb seiner Meinung nach jetzt der richtige Zeitpunkt für einen neuen Umgang mit den Themen Raum und Platz ist.

Tophotel: Herr Lütjens, Sie haben in Hamburg mit dem Cab 20 das erste Kabinenhotel Deutschlands eröffnet. Wie kam es zu der Idee?

Lasse Lütjens: Mein Geschäftspartner Mathias Krahl und ich besaßen ein Gebäude in Hauptbahnhofnähe, ein altes Autohaus, bei dem uns die Frage umgetrieben hat: Was
kann man Sinnvolles daraus machen? Es war herausfordernd – baurechtliche Themen mussten berücksichtigt werden und die Belichtungssituation auch, weil nur auf einer
Seite Fenster sind. Nach langer Überlegung haben wir entschieden, ein Kabinenhotel wäre spannend und könnte dort sowohl räumlich als auch ökonomisch funktionieren.

Die Gäste übernachten bei Ihnen in einer 3,7 Quadratmeter großen Einzel-Cabin oder einer sechs Quadratmeter großen Double-Cabin. Wie unterscheidet sich Ihr Konzept von dem der – Ende der 1970er-Jahre in Japan erfundenen – Kapselhotels?

Die Kapsel ist ein Raum, in dem ich mich nur liegend aufhalten kann. Bei uns ist mehr Platz. Wir haben nach einem passenden Begriff gesucht und uns an der Cabin Class auf Schiffen orientiert. Anders als im Hostel oder Kapselhotel hat jeder seinen eigenen abschließbaren und schallisolierten Mini-Raum, den er betreten kann. Es gibt einen Stehbereich, Platz für Kleidung und Koffer, ein Board zum Laptopabstellen, wir haben Bluetooth-Boxen eingebaut, die Gäste bekommen Bademäntel – viele kleine Details.

„Raum ist in der kleinsten Hütte“ schrieb ja schon Friedrich Schiller in einem seiner Gedichte …

Beim Segeln ist die Koje ja auch klein und gemütlich – und man teilt sich die Sanitäreinrichtungen. Unsere Cabins haben Wohnmobilcharakter.

Sie haben Architektur studiert und sich auch als Immobilienwirtschaftler mit Raumstruktur und Platz beschäftigt. Jetzt sind Sie Hotelier. Was hat Sie an der Planung einer „kleinsten Hütte“ gereizt?

Projektentwicklung war für mich schon im Studium die Kür, weil man über einzelne Räume hinaus erstmal überlegt, was eigentlich an einem bestimmten Ort funktioniert. Ich fand das immer sehr spannend.

Als Architekt kann man bereits, wenn man auf ein weißes Blatt Papier guckt, kreativ arbeiten. Wenn Räume klein sind, muss man sich intensiver damit auseinandersetzen, wie der Platz wirklich genutzt werden soll. Je kleiner es wird, desto stärker muss man ins Detail gehen, über jedes einzelne Möbelstück nachdenken, um einen Raum ins Funktionieren zu bringen.

Die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf ist in Deutschland in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen – bis auf 47 Quadratmeter. Ist Platz hierzulande besonders wichtig?

Große Räume, viel Platz – das klingt erst mal immer gut. Die Suchportale bedienen das natürlich zusätzlich durch die Struktur, mit der gesucht wird. Auf großer Fläche kann man
einfacher und mit weniger Überlegung vieles organisieren. Größerer Flächenverbrauch bedeutet aber auch einen höheren CO²-Verbrauch. Wenn man etwas Kleineres anbietet,
ist das per se umweltfreundlicher. Das Konzept vom Microliving ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen.

Auch die Tiny Houses sind hierzulande angekommen. Dennoch sind die Grundrisse für Wohnungen nach wie vor überwiegend klassisch – bestehend aus Schlafraum, Wohnzimmer, Küche und Bad. Sie sind damit für viele zeitgemäße Lebensmodelle – wie zum Beispiel für Patchworkfamilien oder zwei jeweils alleinerziehende Elternteile mit Kindern – nicht mehr geeignet …

In Städten wie New York oder Paris, wo der Flächendruck extrem hoch ist, entstehen andere Konzepte. Da ist es normal, auch nach dem Studium noch in WGs zu wohnen – es gibt ein breiteres Angebot. Vielleicht kommt das in Deutschland auch. Wohnungsnot ist ein großes Thema. Der Raum in Städten ist eine endliche Ressource, bei der man gut daran täte, immer wieder neue Konzepte zu prüfen und zu gucken, wie Platz geschaffen und
Räume optimiert werden können. Wer häufiger die Stadt wechselt, möchte auch nicht bei jedem Umzug eine neue Einrichtung kaufen müssen.

Mit dem Cab 20 haben Sie ein neues Konzept entwickelt, das auf begrenzten Platz und steigende Quadratmeter-Preise reagiert. Warum genau jetzt?

Solange Hotels für Berufsanfänger, Studenten, junge Leute erschwinglich waren, hat es das vielleicht noch nicht gebraucht. Der Flächendruck in den Städten ist mittlerweile so groß, dass aus Sicht von Mathias Krahl und mir die Zeit dafür jetzt reif ist – vor zehn oder zwanzig Jahren war in Hamburg touristisch viel weniger los, und heute reisen junge Leute deutlich mehr als früher. Vor Corona war die Stadt in einer starken touristischen
Entwicklung. Uns ist aufgefallen, dass sehr viele Hotels im Drei- und Viersterne-Bereich entstehen – die sich in der räumlichen Organisation und preislich ähneln.

Aber wo bleiben junge Leute? Am unteren Ende der Preisspanne sind Hostels mit Mehrbettzimmern – dazwischen gibt’s nicht viel. Das haben wir zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, was in die Mitte passen könnte.

Die Coronakrise betrifft die Hotellerie besonders stark. Inwiefern verändert sich dadurch die Bewertung von Hotelimmobilien – müssen diese abgewertet werden?

Eine gewisse Preisanpassung hat ja schon stattgefunden. Wir haben eine langfristige Perspektive auf unser Engagement und gehen davon aus, dass sich der Markt weiter erholen wird. Insofern können wir uns sehr gut vorstellen, auf diesem Niveau weiter zu investieren.

Und welche Entwicklung erwarten Sie im Umgang mit dem begrenzten Platz in den Städten?

Ich glaube, wir stehen da an einem absoluten Scheidepunkt. Eine Zeit lang ging es immer nur um höher, schneller, weiter – um die Frage: Wer denkt sich noch etwas Spektakuläreres aus? Ökobau gab es, aber damit haben sich nicht unbedingt die Leute beschäftigt, die
auch eine feine Linie zeichnen konnten. Das Thema erfährt heute eine ganz andere Ausrichtung. Der Umgang mit dem Bestand, so kompliziert es manchmal auch ist,
weil man immer wieder mit Unwägbarkeiten konfrontiert ist, wird dominanter werden.

Digitalisierung spielt natürlich auch eine große Rolle. Die Überlegung, was alles an intelligenter Technik verbaut werden muss, nimmt im Bauprozess inzwischen viel Platz ein. Holzbau, wo ich mit zwei Schichten arbeite und darin viel leichter Leitungen verlegen kann, das passt in meinen Augen gut zusammen und wird auf jeden Fall mehr werden. Und als Nächstes Virtual Reality – das wird einen Einfluss haben, den man noch gar nicht abschätzen kann. Da wird ein neues Buch aufgeschlagen, das sind dann andere Räume.

Virtuelle Räume?

Ja, bisher kennt man dieses Thema hauptsächlich aus der Computerspiel-Branche, die da Vorreiter ist. So schnell wie jetzt die Videokonferenzen Einzug gehalten haben, wird es weitergehen. Und in Filmen sehen wir ja schon, was für eine Qualität an Räumen damit herstellbar ist.

Womit rechnen Sie dabei konkret aus architektonischer Sicht?

Ich glaube, dass eine riesige Revolution in Bauprozessen stattfinden wird – stärkere Automatisierung im Bauen, in Büros kommen Umbrüche, im Einzelhandel – wenn
Kunden Kleidung virtuell anprobieren können, sich in verschiedenen Kleidergrößen betrachten können. Dass das auch einen massiven Einfluss auf Städtestrukturen
haben wird, liegt auf der Hand.

Planen Sie bereits weitere Cabin Hotels in Deutschland und Europa?

Potenziell passt das Konzept in jede wirklich große Stadt, wohin viele junge Leute reisen wollen, aber das ist noch sehr weit nach vorn geguckt. Jetzt muss es sich erst mal in Hamburg behaupten. Räumlich haben wir uns große Mühe gegeben, ein gutes Gefühl bei den Besuchern zu erzeugen – mit einer herzlichen Crew vor Ort. Unser Konzept ist mit viel Herzblut auf europäische Gästebedürfnisse ausgerichtet – und dabei auf das Wesentliche
beschränkt.

Was stellt für Sie das Wesentliche dar?

Hygiene, Sicherheit, Erholung. Eine gute Atmosphäre, Sanitärbereiche mit abschließbaren Einzelduschkabinen und ruhiges Schlafen, das ist wichtig. Draußen wiederum Lebendigkeit – es ist immer jemand von unserer Cabin Crew anwesend und für die Gäste ansprechbar, um Hamburg-Tipps zu geben, die fernab der Mainstream-Attraktionen sind, und um ein gutes Gefühl zu vermitteln.

Wir haben auch Gemeinschaftsflächen, die Lobby mit Bar und eine Lounge mit Dachterrasse. Der Fokus liegt natürlich auf dem Schlafen, und es ist für Leute gedacht,
die während ihres Aufenthalts ein Maximum an Stadt erleben wollen. Interessant ist auch, wie Schillers Satz endet in dem Gedicht. „Raum ist in der kleinsten Hütte / Für ein glücklich liebend Paar.“ Das trifft es. Menschen wollen eine gute Atmosphäre. Das eine ist ja, dass man Beton hinstellt und alles Räumliche, Physische baut, aber am Ende muss Platz – ob klein oder groß – ja mit Leben gefüllt werden.


Zur Person

Lasse Lütjens (46) hat an der Oxford School of Architecture und der Bauhaus-Universität Weimar Architektur studiert. Ab 2004 war er als Berater bei der Boston Consulting Group tätig und arbeitete danach bei Quantum Immobilien sowie Engel & Völkers. Seit 2012 ist er gemeinsam mit Mathias Krahl Geschäftsführer der Fährhaus Investment Group GmbH mit Sitz in Hamburg. Im Juli 2021 eröffneten sie dort im Stadtteil St. Georg Deutschlands erstes sogenanntes Kabinenhotel, das Cab 20.7


 

Katharina Pütter

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