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StartBusiness & Management#Monotalk: Horst Opaschowski zur Zukunft des Reisens

#MonotalkHorst Opaschowski zur Zukunft des Reisens

Der renommierte Zukunftsforscher Horst Opaschowski ermittelt seit Jahrzehnten Stimmungen und Trends in Deutschland und hat mit seinen Prognosen Weichen für politische Entscheidungen gestellt. Im Tophotel-Gespräch erklärt der 80-jährige Direktor des Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung (O.I.Z.), welche Bedeutung Mobilität für das Glücksempfinden der Menschen hat, wie sich die Bedürfnisse der Reisenden durch die Pandemie verändern, und er wirft einen Blick in die Zukunft der Branche in einem Open-Air-Zeitalter.

Tophotel: Herr Opaschowski, Sie haben gerade Ihren Urlaub am Mittelmeer verbracht – wie wichtig sind Mobilität und das Reisen Ihrer Meinung nach für uns Menschen?

Horst Opaschowski: Mobilität ist ein urmenschliches Bedürfnis. Die Menschen waren mobil, ehe sie sesshaft wurden. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Mobilität, des Ortswechsels und der großen Wanderungen. „Travel“ und „Travail“, Reisen und Arbeiten, haben die gleiche Wortwurzel und deuten auf das gleiche Phänomen hin: Der Mensch kann auf Dauer nicht ruhig und untätig in seinen eigenen vier Wänden verweilen. Deshalb wird auch eine lang anhaltende Pandemie das menschliche Mobilitätsbedürfnis nicht außer Kraft setzen können. Im Übrigen gilt: Ein Reiseverzicht auf Dauer käme einer Amputation des Selbstwertgefühls und des persönlichen Wohlergehens gleich. Die Menschen würden unter schmerzhaften Entzugserscheinungen leiden – genauso wie bei einem plötzlichen Leben ohne Fernsehen, ohne Handy oder ohne Internet. Wie eine schleichende Epidemie würde sich die Angst ausbreiten, im Leben etwas zu verpassen.

Als Zukunftsforscher beschäftigen Sie sich mit der Analyse und Prognose möglicher zukünftiger Entwicklungen – was hat Sie an diesem Beruf gereizt?

Historiker wollte ich einmal werden, Zukunftsforscher bin ich geworden. Das ist kein Zufall: Wer nicht zurückschauen will, kann auch nicht nach vorne blicken. Beide Aspektbereiche sind fast schicksalhaft miteinander verbunden und profitieren auch voneinander. Gerade im Rückblick auf Krisen und Katastrophen kann ich als Historiker und Futurist zugleich konkrete Antworten auf Fragen geben: Wie haben die Menschen bisher in ähnlichen Situationen reagiert? Sind Regelmäßigkeiten feststellbar? Lassen sich daraus absehbare Verhaltensänderungen bei den Verbrauchern prognostizieren?

Wie erfolgt Ihre Arbeit in dieser Wissenschafts­disziplin?

Ich forsche auf Basis sogenannter Zeitreihen und führe repräsentative Zeitvergleichsstudien durch. Ich will nicht „sagen, was ist“, sondern „fragen, was wird“. Wie werden und wollen wir in Zukunft leben, arbeiten, wohnen, reisen und konsumieren? Wie können wir uns heute schon darauf vorbereiten? Mit konkreten Antworten und anschaulichen Szenarien kann ich frühzeitig Weichen stellen und dafür Sorge tragen, dass sich Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf die Veränderungen in der Zukunft einstellen und vorbereiten. Dabei ist wichtig zu erfahren, wie die Menschen denken und fühlen. Dies bietet den „Stoff“ für die Formulierung repräsentativer Umfragen.

Aus diesen Umfragen ergeben sich immer wieder Entwicklungen, die über Jahre hinaus stagnieren, wie etwa die Neigung, regelmäßig fernzusehen. Genauso gibt es Veränderungen, die geradezu radikale Abstürze erleben, wie die Mitgliedschaften in Parteien, Gewerkschaften und Kirchen. Andererseits erleben wir auch Explosionen, wie die Intensität der Internetnutzung in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Wie schätzen Sie die Entwicklungen bei den Themen Mobilität und Reisen ein?

Was auch immer passiert: Die Reiselust bleibt ungebrochen. Die Menschen wollen nicht in einer Verpass-Kultur leben. Sie suchen Antworten auf die Frage, wofür es sich zu leben lohnt. Selbst eine Corona- oder eine Klimakrise ändern nichts an ihrer Lebenshaltung: Ich reise – also bin ich! Reisen bleibt auch in Krisenzeiten die populärste Form von Glück. Das Narrativ vom Urlaubs-„Paradies“ muss dann allerdings neu erzählt werden. Auch ein stiller Bergsee oder ein fröhliches Altstadtfest können wie ein Himmel auf Erden sein.

Verpass-Kultur – der Begriff FOMO (Fear of missing out) klingt nach einem neuartigen Phänomen?

„Klingt“ nur so zeitgeistig, ist in Wirklichkeit ganz schön alt. So lautete beispielsweise meine These in einer Automobil-Zeitschrift in den 1980er-Jahren: „Die Angst, etwas zu verpassen“. Für mich ist dies kein neues Phänomen, eher ein Urtrieb, der die Menschen antreibt, nicht am Leben vorbeizuleben. Es gibt aber auch eine Gegenbewegung: Dazu zählt der Wunsch nach „Weniger ist mehr“, der derzeit immer stärker wird. Viele haben in der Pandemie zum ersten Mal erlebt, dass Zeithaben ein Lebensqualitätsfaktor ist. Bei meinen Befragungen kam heraus, dass Zeit als genauso wertvoll empfunden wird wie Geld.

Wie wird sich das Reisen gesellschaftlich verändern – wird es teurer und exklusiver werden?

Die Aufspaltung in Masse und Klasse hat schon längst stattgefunden und wird sich weiter verschärfen. Die Zweiklassengesellschaft gibt es schon. Das frühere Faszinosum des Reisens, in der Ferne und Fremde zu sein, werden sich immer weniger Menschen leisten können, was auch den Trend hin zum Inlandsurlaub erklärt.

Sehen Sie diesen Trend zum Inlandsurlaub auch im Zusammenhang mit einem wachsenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit und dem jüngst veröffentlichten Weltklimabericht?

Seit der Veröffentlichung des Club-of-Rome-Berichts über die „Grenzen des Wachstums“ in den 1970er-Jahren, also einer Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft, stehen Nachhaltigkeit und Klimawandel im Zentrum öffentlicher Diskussionen. Der Klimawandel ist eine Jahrhundert-Herausforderung und wird uns in den nächsten fünfzig Jahren noch beschäftigen. Ich erinnere mich: Erstmals 1985 forderte ich für den Tourismus „Öko-Bilanzen“ und „Ökologische Buchführungen“, ja, sogar einen „freizeittouristischen Öko-TÜV“. Das war frühzeitige Programmatik, die ihre Brisanz bis heute behalten hat.
Sie sehen, alles hat und braucht seine Zeit, der Wandel des Umweltbewusstseins auch. Nicht zufällig kann ich gerade im Rahmen meiner Forschungstätigkeit feststellen: Klimawandel und Wetterextreme gelten nicht mehr als größte Bedrohung der Zukunft. Im Gegenteil: Das Umweltbewusstsein der Deutschen sinkt stetig (2019: 83 Prozent, 2020: 78 Prozent, 2021: 72 Prozent).

Dennoch: Der Club-of-Rome-Bericht von 1972 und der Weltklimabericht von 2021 sind wichtige Antriebskräfte und machen Politik und Wirtschaft Druck. Hotellerie und Touristik müssen sich ernsthaft Gedanken über die Ergebnisse des Weltklimaberichts machen, damit nicht Wirklichkeit wird, was schon vor über dreißig Jahren für die Branche befürchtet wurde: „Erst geht die Kuh. Dann geht der Gast. Wen soll man da noch melken?“

Sie sprachen von einem neuen Narrativ vom Urlaubsparadies – wie könnte dieses aussehen?

Dazu gehört die Frage, was den Urlaub eigentlich ausmacht. Motive wie Ruhe, Entspannung und Erholung spielen nach wie vor eine große Rolle. Die Urlaubswünsche haben sich nicht wesentlich geändert: Service, Sauberkeit und Sicherheit bleiben weiterhin ganz oben auf der Wunschliste. Wobei Sicherheit jetzt an erster Stelle steht. Deshalb fokussiert sich derzeit die Werbung darauf. Auch ein Grund, warum mittlerweile Gesundheit in der Werteskala der Deutschen ganz oben steht – als das wichtigste Gut im Leben. Vielleicht kommt eine Rückkehr zum Ursprung des Urlaubs. In dem Begriff „Urlaub“ steckt das Wort „erlauben“. Es war die Erlaubnis, sich zum Zweck der Erholung von der Arbeitsstätte zu entfernen. Jetzt ist eine Renaissance des Reisens als Erholung feststellbar und nicht nur als Erlebnis von Nichtalltäglichem und Extremem. Eine Phase der Rück- und Neubesinnung hat begonnen.

Welche neuen Urlaubskonzepte erwarten Sie?

In die Zukunft projiziert: In den nächsten 30 bis 40 Jahren werden wohl künstliche schwimmende Inseln gebaut, wo die Menschen alles das vorfinden, was sie sich in ihrer Fantasie von Kindheit an unter Tausendundeiner Nacht in Märchen und Legenden immer schon vorgestellt haben. Orientalisches, Exotisches, Tropisches – das wird dann auf einer Insel im Meer konzentriert, sozusagen ein Sehnsuchtsort als Ferienclub auf dem Wasser. Das mobile Kreuzfahrschiff wird zum stationären Kreuzstehschiff. Für die Zukunft gilt: Die Unterschiede zwischen Original und Kopie gehen zusehends verloren. Was ist noch natürlich und authentisch?

Was denken Sie über die Aussagekraft von Begriffen wie Flugscham und Zugstolz in Bezug auf die Haltung der jungen Generation?

Ich bin da sehr skeptisch, weil Flugscham und vergleichbare Begriffsbildungen oder andere Wörter oft medial konstruierte Begriffe sind. Die kommen nicht von Urlaubern und Touristen selbst. Als ich in den 1970er-Jahren mit der Tourismusforschung begann, habe ich Quellen aus den 1950er-Jahren zitiert, in denen es beispielsweise hieß: „Venedig stirbt“ oder „Der Tourismus macht Venedig kaputt“. Mittlerweile sind siebzig Jahre vergangen, und auch in fünfzig Jahren wird man immer noch darüber klagen. Flugscham hat für die Mehrheit der Reisenden keine Bedeutung. Umweltbewusstsein ist schon wichtig, aber für die meisten Urlauber nur dann realistisch, wenn es die eigenen Urlaubsfreuden nicht einschränkt. Die Einstellung zur Umwelt ändert sich nur sehr langsam und zögernd.

„Workation“, also die Kombination aus Reisen und Arbeiten, ist auch ein aktueller Begriff. Welche Entwicklungen erwarten Sie in diesem Bereich, und kann die Hotellerie Ihrer Meinung nach von dieser Bewegung profitieren?

Bisher gab es eine Erfolgsformel: Neue Träume schaffen neue Märkte. Ich habe jedoch meine Zweifel, ob die Hotellerie aus der Not heraus mit „Workation“ ein neues Erfolgsmodell kreieren kann. Dies erinnert mich eher an eine touristische Idee vor dreißig Jahren, in Ferienclubs „Do-it-yourself-Kurse“ anzubieten. Das war ein Flop. Arbeit und Urlaub sind spannungsreiche Kontrast- und Gegenwelten und sollen es im subjektiven Empfinden auch bleiben. Nein, ich sehe in diesem Konzept keinen großen Zukunftsmarkt für die Hotellerie. Wer Urlaubsfeeling beim Arbeiten haben will, sollte sich lieber eine Palme ins Büro stellen.

Wie kann die Branche klug und konstruktiv in die Zukunft gehen?

Vielleicht müssen sich die Hotels mehr öffnen und sich auf ein Open-Air-Zeitalter zubewegen, wo viel mehr outdoor stattfindet und nicht nur in den Innenbereichen. Hotelleben muss künftig mehr im Freien stattfinden. Es muss auch über Balkone und Terrassen neu nachgedacht und für mehr Luft und Weite gesorgt werden. Die Pandemie hat doch gezeigt: Urlauber brauchen und wollen Luft. Das Pendeln zwischen Inhäusigem und Außerhäusigem wird wichtiger werden. Die Hotellandschaften müssen mehr mit den Naturlandschaften verbunden werden – schon aus ökologischen Gründen, sodass es außerhalb des Hotelgebäudes eine Art erweiterte Natur-Erlebnis-Landschaft gibt, die auch von Gästen außerhalb des Hotels genutzt werden kann. Aus der Öffnung nach draußen wird – im übertragenen Sinne – ein Hotel ohne Mauern.

Also die Verbindung von Freiheit und Sicherheit?

Ja, dieses Hotel der Zukunft müsste neu erfunden werden.

Interview: Katharina Pütter

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