Microliving-Konzepte Mini-Wohnen mit Maxi-Stil

In den fensterlosen Kabinen im Cab20 im Hamburger Stadtteil Sankt Georg ĂŒberwiegt das Material Holz. © Niklas Heinecke

Sich auf das Wesentliche zu beschrĂ€nken ist weniger eine BĂŒrde als vielmehr Triebfeder fĂŒr Innovationen und kreative Ideen. Das gilt auch fĂŒr Microliving-Konzepte, die sich wie kleine Biotope auch in der Hotelwelt ausbreiten und bei den GĂ€sten großer Beliebtheit erfreuen.
Das Downsizing von RĂ€umen oder sogar ganzen GebĂ€uden, zum Beispiel in Form von Tiny Houses, ist eine Tendenz, die derzeit in allen Lebensbereichen sichtbar ist – im Wohnungsbau ebenso wie im Studentenwohnen und im Hospitality-Bereich. Leben auf engstem Raum bietet unbestritten zahlreiche Vorteile, nicht zuletzt in einer Welt, in der das Bevölkerungswachstum, die FlĂ€chenversiegelung, die Boden- und Mietpreise und die Platzknappheit mit rasanter Geschwindigkeit zunehmen. Hinzu kommt jedoch ein Aspekt, der das Mikrowohnen erst richtig spannend macht: die Herausforderung, mit sehr wenig Raum sehr viel WohnqualitĂ€t zu schaffen.

Eine Frage des Standpunkts

Leben auf engstem Raum kann viele Facetten haben: WĂ€hrend es bei Microapartments in Aparthotels durchaus um bis zu 30 Quadratmeter große Einheiten mit KĂŒchenzeile und eigenem Bad geht, stehen GĂ€sten in einem Kapselhotel, wie es sie seit gut 40 Jahren in Japan gibt, oft nur zwei Quadratmeter individueller Raum zum Schlafen zur VerfĂŒgung. So scheint es sich bei Ersteren kaum um Microliving zu handeln, weil diese Apartments in der Regel sogar grĂ¶ĂŸer sind als durchschnittliche Hotelzimmer.
Letztlich ist aber alles eine Frage des Standpunkts. Denn im Vergleich zu einer gewöhnlichen Wohnung sind Microapartments dieser GrĂ¶ĂŸe, wenn sie dem dauerhaften Wohnen dienen, wieder vergleichsweise klein.
GrundsĂ€tzlich werden Microliving-Lösungen umso spannender, je kleiner sie sind. RĂ€ume in allen Arten von Hotels spielen dabei eine wichtigere Rolle als fĂŒr private Bauherren realisierte Projekte. Sie sind gewissermaßen öffentlich zugĂ€nglich und können auf diese Weise fĂŒr eine breite Öffentlichkeit eine anregende Vorbildwirkung bieten. Zum Beispiel, indem sie deutlich machen, dass weniger oft mehr ist.
Gute Lösungen können durchaus ein Bewusstsein dafĂŒr schaffen, dass der Trend nach immer mehr Wohnraum prinzipiell umkehrbar ist. Stand einzelnen Einwohnern in Deutschland im Jahr 1965 durchschnittlich noch eine WohnflĂ€che von lediglich 22 Quadratmetern zur VerfĂŒgung, waren es im Jahr 2019 laut Bundesumweltamt bereits 47 Quadratmeter.

Natur als Bezugspunkt

Eine kĂŒnstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Mikrowohnen fand bis Ende September dieses Jahres in Frankfurt statt. Die Ausstellungsreihe „tinyBE – Living in a Sculpture“ bot in Kooperation mit dem Steigenberger Frankfurter Hof die Möglichkeit, in einzigartigen kleinen Wohn-Kunstobjekten zu ĂŒbernachten.


Eine der vielen Möglichkeiten gewĂ€hrten die beiden von der französischen KĂŒnstlerin Laure Prouvost unter dem Titel „Boob Hills Burrows“ eigens im Frankfurter Metzlerpark angelegten ErdhĂŒgel. Unter einer gewölbten RasenflĂ€che, die versinnbildlichend Mutter Natur reprĂ€sentierte, stießen die GĂ€ste unter anderem auf lehmbedeckte WĂ€nde, ein Bett fĂŒr zwei Personen, Steckdosen und eine verglaste Dachkuppel aus Muranoglas. Ein Dusch- und WC-Modul im Park erfĂŒllte die sanitĂ€ren BedĂŒrfnisse, wĂ€hrend das FrĂŒhstĂŒck im Steigenberger Frankfurter Hof eingenommen werden konnte.
Dieses Veranstaltungsformat zeigt zwei Dinge, die sich auch auf viele vergleichbare Projekte ĂŒbertragen lassen: Zum einen spielt die Natur als Bezugspunkt eine große Rolle, zum anderen beschĂ€ftigen sich lĂ€ngst nicht mehr nur KĂŒnstler, sondern auch große Hotelketten mit Konzepten, die die „normalen“ Seh- und Lebensgewohnheiten auf den Kopf stellen.
Im Sleeperoo direkt hinter dem Berghotel Rehlegg in Ramsau bei Berchtesgaden können GÀste mit Blick auf die Alpenkulisse nÀchtigen. © BWH Hotel Group Central Europe

Ein Beispiel dafĂŒr sind auch die Schlafkapseln, die das Berghotel Rehlegg der Best Western Premier Collection in Ramsau bei Berchtesgaden seinen GĂ€sten zum Übernachten unter freiem Himmel anbietet. Die als Mischung aus Zelt und Wohnwagen erscheinenden Kapseln, die das Hotel in Kooperation mit dem Anbieter Sleeperoo unweit des Hotels aufgestellt hat, bieten Platz fĂŒr zwei Personen. Durch Panoramafenster an den Seiten und im Dach sind unverstellte Blicke in den Nationalpark Berchtesgaden und nachts auch in den Sternenhimmel möglich.

Urbane Lösungen

Die Idee, den GĂ€sten minimalen Raum zu moderaten Preisen anzubieten, findet inzwischen in den GroßstĂ€dten weite Verbreitung, wo BaugrundstĂŒcke in der Regel immer rarer und teuer werden. In der Pariser Designherberge Jo & Joe des Betreibers Accor finden preisbewusste GĂ€ste neben Doppelzimmern und Betten in Mehrbettzimmern auch kleine „Cabins“ ganz aus Holz.
Sie sind nur unwesentlich grĂ¶ĂŸer als das Bett. Die sehr komfortablen, aber fensterlosen Kabinen sind im Prinzip nichts anderes als mit SperrholzwĂ€nden umbaute Stockbetten, die in großen SchlafsĂ€len aneinandergereiht sind. Das wirkt zwar ein wenig provisorisch und wenig attraktiv. Doch der Vorteil im Vergleich zum gewöhnlichen Schlafsaal liegt auf der Hand: ein eigener Zimmerzugang und mehr PrivatsphĂ€re bei einem Preis ab lediglich 30 Euro pro Nacht.
Nach dem Prinzip von Billig-Airlines lassen sich HandtĂŒcher, FrĂŒhstĂŒck und zusĂ€tzliche AbstellflĂ€chen als Extras buchen, um den Aufenthalt angenehmer zu machen. Hinzu kommt außerdem das Angebot sehr hochwertig ausgestatteter gemeinschaftlich genutzter Spaces: von den SanitĂ€rrĂ€umen bis hin zu einem Innenhof mit Loungemöbeln oder öffentlichen Bereichen mit XXL-Kicker, Bar und einem Restaurant, in dem neben dem FrĂŒhstĂŒck auch abendliche Musikevents stattfinden.
In gewisser Weise als Weiterentwicklung dieses Konzepts erscheint das Cab20-Hotel im Stadtteil Sankt Georg in Hamburg. Dort sind die einzelnen fensterlosen Kabinen Ă€hnlich groß und ebenfalls ĂŒbereinander liegend in Holz ausgefĂŒhrt. Allerdings liegen sie in einem mit Splitlevelgrundrissen realisierten Haus so ĂŒbereinander, dass sie direkt von zwei gegenĂŒberliegenden Fluren und nicht von einem Schlafsaal erschlossen werden.
Deutlich mehr als in Paris gibt dies den GĂ€sten das GefĂŒhl, sich in einem „richtigen“ Hotel zu befinden. Hinzu kommen hier ebenfalls großzĂŒgig und cool mit Murals und Werken lokaler Street Artists gestaltete Gemeinschaftsbereiche, zu denen auch eine Rooftop-Lounge gehört.

Microliving als Retreat

FĂŒr alle, die vorhaben, mehr Zeit in ihrem Zimmer zu verbringen, sind derlei Konzepte freilich keine Option. Das heißt aber nicht, dass sehr kleine Raumeinheiten nicht dennoch auch dafĂŒr infrage kommen.
Dies zeigt sich etwa bei den Woodnests – Mini-BaumhĂ€usern in SĂŒdnorwegen, die fĂŒr mindestens 310 Euro pro Nacht mit optionalem FrĂŒhstĂŒck buchbar sind. Sie befinden sich abseits der großen Touristenströme im beschaulichen Ort Odda am SĂžrfjord, gut drei Autostunden von Bergen entfernt.

Die 15 Quadratmeter großen BaumhĂ€user Woodnest bieten bis zu vier GĂ€sten Platz. © BWH Hotel Group Central Europe

Nach Ankunft im Ort und einem 20-minĂŒtigem Fußmarsch durch den Wald erwartet die GĂ€ste ein Holz-Baumhaus inmitten einer Bilderbuch-Waldidylle, von der aus sich ein ĂŒberwĂ€ltigender Blick auf die karge Fjordlandschaft bietet. Erscheint das vom renommierten norwegischen BĂŒro Helen & Hard Architects fĂŒr private Bauherren geplante Refugium von außen recht klein, offenbart es sich im Inneren trotz seiner lediglich 15 Quadratmeter als stilvolles Raumwunder fĂŒr bis zu vier Personen. Neben WLAN, Fußbodenheizung, Kitchenette sowie Bad mit Toilette und Dusche bietet es ein ausziehbares Sofa, handgefertigte LoungestĂŒhle und ein Doppelbett.
Microliving lĂ€sst sich fĂŒr GĂ€ste, die auf dem Land die Einsamkeit suchen, ebenso realisieren wie in den Partyzones der GroßstĂ€dte, und in beiden FĂ€llen sind Lösungen fĂŒr schmale Budgets ebenso machbar wie exklusive Designobjekte. Ganz gleich, welcher Ansatz gewĂ€hlt wird: Allen gemeinsam ist ein experimenteller Grundgedanke, der – gewollt oder nicht – dazu beitrĂ€gt, ĂŒber den Tellerrand zu schauen und den Menschen aufzuzeigen, dass viel Raum nicht alles ist.
Im Gegenteil: SorgfÀltig geplante Microliving-Lösungen kommen oft nicht nur mit viel weniger FlÀche aus, sie sind auch viel inspirierender und bieten eventuell sogar mehr Komfort. So gesehen handelt es sich hierbei in jeder Hinsicht um ein Zukunftsmodell.
Autor: Roland Pawlitschko