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StartHotel+TechnikHoteltechnik+ArchitekturMicroliving-Konzepte: Mini-Wohnen mit Maxi-Stil

Microliving-KonzepteMini-Wohnen mit Maxi-Stil

Sich auf das Wesentliche zu beschränken ist weniger eine Bürde als vielmehr Triebfeder für Innovationen und kreative Ideen. Das gilt auch für Microliving-Konzepte, die sich wie kleine Biotope auch in der Hotelwelt ausbreiten und bei den Gästen großer Beliebtheit erfreuen.

Das Downsizing von Räumen oder sogar ganzen Gebäuden, zum Beispiel in Form von Tiny Houses, ist eine Tendenz, die derzeit in allen Lebensbereichen sichtbar ist – im Wohnungsbau ebenso wie im Studentenwohnen und im Hospitality-Bereich. Leben auf engstem Raum bietet unbestritten zahlreiche Vorteile, nicht zuletzt in einer Welt, in der das Bevölkerungswachstum, die Flächenversiegelung, die Boden- und Mietpreise und die Platzknappheit mit rasanter Geschwindigkeit zunehmen. Hinzu kommt jedoch ein Aspekt, der das Mikrowohnen erst richtig spannend macht: die Herausforderung, mit sehr wenig Raum sehr viel Wohnqualität zu schaffen.

Eine Frage des Standpunkts

Leben auf engstem Raum kann viele Facetten haben: Während es bei Microapartments in Aparthotels durchaus um bis zu 30 Quadratmeter große Einheiten mit Küchenzeile und eigenem Bad geht, stehen Gästen in einem Kapselhotel, wie es sie seit gut 40 Jahren in Japan gibt, oft nur zwei Quadratmeter individueller Raum zum Schlafen zur Verfügung. So scheint es sich bei Ersteren kaum um Microliving zu handeln, weil diese Apartments in der Regel sogar größer sind als durchschnittliche Hotelzimmer.

Letztlich ist aber alles eine Frage des Standpunkts. Denn im Vergleich zu einer gewöhnlichen Wohnung sind Microapartments dieser Größe, wenn sie dem dauerhaften Wohnen dienen, wieder vergleichsweise klein.

Grundsätzlich werden Microliving-Lösungen umso spannender, je kleiner sie sind. Räume in allen Arten von Hotels spielen dabei eine wichtigere Rolle als für private Bauherren realisierte Projekte. Sie sind gewissermaßen öffentlich zugänglich und können auf diese Weise für eine breite Öffentlichkeit eine anregende Vorbildwirkung bieten. Zum Beispiel, indem sie deutlich machen, dass weniger oft mehr ist.

Gute Lösungen können durchaus ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Trend nach immer mehr Wohnraum prinzipiell umkehrbar ist. Stand einzelnen Einwohnern in Deutschland im Jahr 1965 durchschnittlich noch eine Wohnfläche von lediglich 22 Quadratmetern zur Verfügung, waren es im Jahr 2019 laut Bundesumweltamt bereits 47 Quadratmeter.

Natur als Bezugspunkt

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Mikrowohnen fand bis Ende September dieses Jahres in Frankfurt statt. Die Ausstellungsreihe „tinyBE – Living in a Sculpture“ bot in Kooperation mit dem Steigenberger Frankfurter Hof die Möglichkeit, in einzigartigen kleinen Wohn-Kunstobjekten zu übernachten.

Eine der vielen Möglichkeiten gewährten die beiden von der französischen Künstlerin Laure Prouvost unter dem Titel „Boob Hills Burrows“ eigens im Frankfurter Metzlerpark angelegten Erdhügel. Unter einer gewölbten Rasenfläche, die versinnbildlichend Mutter Natur repräsentierte, stießen die Gäste unter anderem auf lehmbedeckte Wände, ein Bett für zwei Personen, Steckdosen und eine verglaste Dachkuppel aus Muranoglas. Ein Dusch- und WC-Modul im Park erfüllte die sanitären Bedürfnisse, während das Frühstück im Steigenberger Frankfurter Hof eingenommen werden konnte.

Dieses Veranstaltungsformat zeigt zwei Dinge, die sich auch auf viele vergleichbare Projekte übertragen lassen: Zum einen spielt die Natur als Bezugspunkt eine große Rolle, zum anderen beschäftigen sich längst nicht mehr nur Künstler, sondern auch große Hotelketten mit Konzepten, die die „normalen“ Seh- und Lebensgewohnheiten auf den Kopf stellen.

Im Sleeperoo direkt hinter dem Berghotel Rehlegg in Ramsau bei Berchtesgaden können Gäste mit Blick auf die Alpenkulisse nächtigen. (Bild: BWH Hotel Group Central Europe)

Ein Beispiel dafür sind auch die Schlafkapseln, die das Berghotel Rehlegg der Best Western Premier Collection in Ramsau bei Berchtesgaden seinen Gästen zum Übernachten unter freiem Himmel anbietet. Die als Mischung aus Zelt und Wohnwagen erscheinenden Kapseln, die das Hotel in Kooperation mit dem Anbieter Sleeperoo unweit des Hotels aufgestellt hat, bieten Platz für zwei Personen. Durch Panoramafenster an den Seiten und im Dach sind unverstellte Blicke in den Nationalpark Berchtesgaden und nachts auch in den Sternenhimmel möglich.

Urbane Lösungen

Die Idee, den Gästen minimalen Raum zu moderaten Preisen anzubieten, findet inzwischen in den Großstädten weite Verbreitung, wo Baugrundstücke in der Regel immer rarer und teuer werden. In der Pariser Designherberge Jo & Joe des Betreibers Accor finden preisbewusste Gäste neben Doppelzimmern und Betten in Mehrbettzimmern auch kleine „Cabins“ ganz aus Holz.

Sie sind nur unwesentlich größer als das Bett. Die sehr komfortablen, aber fensterlosen Kabinen sind im Prinzip nichts anderes als mit Sperrholzwänden umbaute Stockbetten, die in großen Schlafsälen aneinandergereiht sind. Das wirkt zwar ein wenig provisorisch und wenig attraktiv. Doch der Vorteil im Vergleich zum gewöhnlichen Schlafsaal liegt auf der Hand: ein eigener Zimmerzugang und mehr Privatsphäre bei einem Preis ab lediglich 30 Euro pro Nacht.

Nach dem Prinzip von Billig-Airlines lassen sich Handtücher, Frühstück und zusätzliche Abstellflächen als Extras buchen, um den Aufenthalt angenehmer zu machen. Hinzu kommt außerdem das Angebot sehr hochwertig ausgestatteter gemeinschaftlich genutzter Spaces: von den Sanitärräumen bis hin zu einem Innenhof mit Loungemöbeln oder öffentlichen Bereichen mit XXL-Kicker, Bar und einem Restaurant, in dem neben dem Frühstück auch abendliche Musikevents stattfinden.

In gewisser Weise als Weiterentwicklung dieses Konzepts erscheint das Cab20-Hotel im Stadtteil Sankt Georg in Hamburg. Dort sind die einzelnen fensterlosen Kabinen ähnlich groß und ebenfalls übereinander liegend in Holz ausgeführt. Allerdings liegen sie in einem mit Splitlevelgrundrissen realisierten Haus so übereinander, dass sie direkt von zwei gegenüberliegenden Fluren und nicht von einem Schlafsaal erschlossen werden.

Deutlich mehr als in Paris gibt dies den Gästen das Gefühl, sich in einem „richtigen“ Hotel zu befinden. Hinzu kommen hier ebenfalls großzügig und cool mit Murals und Werken lokaler Street Artists gestaltete Gemeinschaftsbereiche, zu denen auch eine Rooftop-Lounge gehört.

Microliving als Retreat

Für alle, die vorhaben, mehr Zeit in ihrem Zimmer zu verbringen, sind derlei Konzepte freilich keine Option. Das heißt aber nicht, dass sehr kleine Raumeinheiten nicht dennoch auch dafür infrage kommen.

Dies zeigt sich etwa bei den WoodnestsMini-Baumhäusern in Südnorwegen, die für mindestens 310 Euro pro Nacht mit optionalem Frühstück buchbar sind. Sie befinden sich abseits der großen Touristenströme im beschaulichen Ort Odda am Sørfjord, gut drei Autostunden von Bergen entfernt.

Die 15 Quadratmeter großen Baumhäuser Woodnest bieten bis zu vier Gästen Platz. (Bild: Sindre Ellingsen)

Nach Ankunft im Ort und einem 20-minütigem Fußmarsch durch den Wald erwartet die Gäste ein Holz-Baumhaus inmitten einer Bilderbuch-Waldidylle, von der aus sich ein überwältigender Blick auf die karge Fjordlandschaft bietet. Erscheint das vom renommierten norwegischen Büro Helen & Hard Architects für private Bauherren geplante Refugium von außen recht klein, offenbart es sich im Inneren trotz seiner lediglich 15 Quadratmeter als stilvolles Raumwunder für bis zu vier Personen. Neben WLAN, Fußbodenheizung, Kitchenette sowie Bad mit Toilette und Dusche bietet es ein ausziehbares Sofa, handgefertigte Loungestühle und ein Doppelbett.

Microliving lässt sich für Gäste, die auf dem Land die Einsamkeit suchen, ebenso realisieren wie in den Partyzones der Großstädte, und in beiden Fällen sind Lösungen für schmale Budgets ebenso machbar wie exklusive Designobjekte. Ganz gleich, welcher Ansatz gewählt wird: Allen gemeinsam ist ein experimenteller Grundgedanke, der – gewollt oder nicht – dazu beiträgt, über den Tellerrand zu schauen und den Menschen aufzuzeigen, dass viel Raum nicht alles ist.

Im Gegenteil: Sorgfältig geplante Microliving-Lösungen kommen oft nicht nur mit viel weniger Fläche aus, sie sind auch viel inspirierender und bieten eventuell sogar mehr Komfort. So gesehen handelt es sich hierbei in jeder Hinsicht um ein Zukunftsmodell.

Roland Pawlitschko

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