Hotelreportage Mavo Lab: Clean mit Charme

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Kraftvoll: Elemente in Rot, Gelb und Blau ergeben ein farbenfrohes Gesamtbild. © se7entyn9ne

Das Hotel am Ku’damm 210 vereint die Zweckmäßigkeit eines Serviced-Apartment-Hauses mit der Kraft farbenfrohen Designs. Der Bau ist eine Blaupause für eine ressourcenschonende Nachverdichtung in Großstädten. 

Der Kurfürstendamm in Berlin zählt zu den berühmtesten Straßen der Welt. Der Boulevard im Westen der Stadt ist nicht nur für seine Geschäfte und Cafés bekannt, sondern auch für seine beeindruckende Baukunst. Alte und neue Architektur treffen hier nahtlos aufeinander.Manche Häuser entlang des Kudamm haben eine ganz besondere Vergangenheit, so wie das Geschäftshaus Nummer 210. Einst stand dort ein prächtiger Belle-Epoque-Bau, in dem berühmte Persönlichkeiten wie die italienische Operndiva Gemma Bellincioni oder der preußische General Alfred von Schlieffen residierten.

1968 wurde der Prachtbau abgerissen und von einem siebengeschossigen Betongebäude mit Bandfenstern und Marmorplatten abgelöst, das bis heute unter Denkmalschutz steht. Als der Bauherr das Gebäude erwarb, entstand die Idee, den Altbau um einen neungeschossigen Seitenflügel über der Tiefgarage im Hinterhof zu erweitern. „Da der Neubau aus statischen Gründen nicht zu schwer sein durfte und wir außerdem zügig bauen wollten, haben wir uns für Holzbau entschieden“, erläutert Marc Kohla, Geschäftsführer von Mavo Hospitality, einer Marke der Büroma-Apart Apartmentvermietung. Zusammen mit dem Berliner Architekturbüro Schmitt von Holst und der österreichischen Holz-System-Bau-Firma Weissenseer errichteten sie in nur wenigen Monaten Bauzeit das neue sogenannte Gartenhaus im Hinterhof.

Während die ersten beiden Geschosse aus einer Ortbetonkonstruktion bestehen und Gewerbeeinheiten beherbergen, sind die oberen tagen aus Holz gebaut – mit Wohnungstrennwänden in tragender Holztafelbauweise und Ständer-Riegelsystem an der Fassadenseite. Hier vermietet Mavo Hospitality insgesamt 24 Apartments, die zwischen 31 und 100 Quadratmeter groß sind. Um Licht und Leichtigkeit in den Hinterhof zu bringen, umhüllten die Architekten das Gebäude mit poliertem Edelstahl. „Diese roboterartig wirkende Fassade steht im gelungenen Widerspruch zum Holz, das im Inneren der Apartments lediglich an den Decken zu sehen ist“, erläutert Marc Kohla.

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    Mavo Lab Zimmer
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    Kraftvoll: Elemente in Rot, Gelb und Blau ergeben ein farbenfrohes Gesamtbild.
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    Mavo_Juni_Innenhof
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    Begrünt: Die Gartengestaltung des Innenhofs spiegelt sich in der silbrigen Fassade des Hotels.

Simulation des Sonnenverlaufs

Weil eine spiegelnde Fassade bei einer Innenstadt-Nachverdichtung wie beim „Mavo Lab“ zur heiklen Angelegenheit werden kann, kooperierte das Unternehmen mit der Universität Stuttgart, die anhand eines Modells den genauen Sonnenverlauf simulierte. „Wir mussten uns absichern, dass die Nachbarn nicht geblendet werden und wir nicht eines Tages die Fassade wieder entfernen müssten“, so Kohla.

Ungewöhnliche Wege ging Mavo Hospitality auch beim Interior Design des Neubaus. Geschäftsführer Kohla: „Wir wollten beim Mavo Lab etwas vollkommen Neues ausprobieren, weg von den alten Gewohnheiten. Daher war uns wichtig, Leute von außen zu holen, die mit einem frischen Blick an die Sache herangehen.“ Den ausgeschriebenen Pitch gewann das junge Berliner Studio Mmoonn, das für den Wettbewerb drei Varianten entwickelte: ein eher maskulines, ein elegantes und ein buntes Designkonzept. „Das letzte war unser Favorit. Wir dachten allerdings nicht, dass genau das bei dem eher konservativ agierenden Bauherren ankommen würde“, erzählt Architektin Victoria Menor, die zusammen mit Designerin Andrea Tomasena für Konzept, Planung und Styling der 24 Apartments verantwortlich zeichnete. Die Grundrisse der Apartments waren bis auf das Dachgeschoss festgelegt.

Klare Vorgabe für das Design

Auch die Vorgaben waren klar definiert: Das Design sollte nachhaltig sein und die Corporate-Identity-Farbe Rot aufgreifen. Aufgrund der vorgesehenen Longstay-Nutzung sollten die Wohnungen einfach zu reinigen, gleichzeitig aber auch gemütlich sein. Bestimmte Materialien waren von vornherein ausgeschlossen: Zum Beispiel Holzböden und Textilien. „Alles sollte so clean wie möglich sein“, so Victoria Menor. „Da beim Wohnen auf Zeit nicht täglich gereinigt wird und manche Gäste besser mit der Einrichtung umgehen als andere, wollte der Bauherr auf Nummer sicher gehen.“

Bereits definiert war der Bodenbelag, der auf Wunsch des Bauherrn aus Vinyl bestehen sollte. Die Designerinnen hätten zwar lieber einen Boden aus Linoleum gewählt, doch dieser hätte das Budget gesprengt und wäre zudem für den Einsatz im Hotel zu empfindlich gewesen. Sie entschieden sich für einen Vinyl im Terrazzo-Look: „Wir Architekten mögen eigentlich keine Fake-Materialien. Aber als wir den Boden aufgelegt haben, sah er überraschend gut aus.“ Das Farbkonzept dominiert ein Dreiklang aus Rot, Blau und Gelb. Die Wände ziert ein zartes modernes Rosa, das nach Angaben der Planerinnen gar nicht so leicht zu finden war. „Bei Rosa rutscht man schnell in ein kitschiges Mädchenpink ab“, so Menor. Um auch die kleinsten Einheiten des Aparthotels zu zonieren, arbeiteten die beiden Interior Designerinnen mit Farbinseln.

Während im Essbereich Tisch, Stühle und Lampe im gleichen Rot aufeinander abgestimmt sind, hebt sich das Sofa, eine Maßanfertigung, in kräftigem Blau von der rosafarbenen Wand ab. Auf diese Weise gelang es, Küche, Bad, Schlaf- und Essbereich optisch voneinander zu trennen. Akzente setzen gelbe Details, die sich zum Beispiel bei den Waschtischen, dem Couchtisch oder den Kissen wiederfinden. Ein schöner Kontrast zur Farbwelt sind dabei die rohen Holzdecken, die als einziges Detail im Innenraum verraten, dass das Gebäude ein Holzbau ist.

Ästhetik von Wes Anderson

Bei den Lampen, Sofas und schwenkbaren TV-Stangen finden sich Metallgestelle als wiederkehrende Elemente. Ihre farbige Lackierung ist Ton in Ton mit den Bezügen und Polstern gehalten und wirkt trotz des kühlen Materials gemütlich. Die Möbel sind teils von Herstellen wie Hay oder Kristalia. Betten, Sofas, Tische und Kitchenettes wurden auf Maß gefertigt. Victoria Menor und Andrea Tomasena kommen beide aus Ländern, in denen Farbe ein zentrale Rolle spielt. Menor ist Spanierin, Tomasena Mexikanerin. „Wir haben als Südländerinnen immer das starke Bedürfnis, bei Projekten Farbe ins Spiel zu bringen. Es ist ein schöner Gegensatz zum grauen Berliner Himmel.“

Inspirieren ließen sich die Designerinnen von der bunten Filmästhetik des amerikanischen Kultregisseurs Wes Anderson („Grand Budapest Hotel“), dem Hotel Barceló Torre de Madrid von Architekt Jaime Hayón und dem Room Mate Hotel Giulia in Mailand, das Patricia Urquiola gestaltet hat. Bei all diesen Projekten steht ein mutiger Farbmix im Mittelpunkt, so wie es auch Menor und Tomasena im Mavo Lab praktizieren. „Am Anfang haben wir uns sehr oft mit den Bauherren getroffen, um über Farben und Materialitäten zu sprechen“, erzählt die Designerin. „Aus diesem Prozess heraus hat sich nach und nach ganz viel entwickelt.“

Steckbrief

  • Eröffnung: Ende 2022
  • Projektart: Erweiterungsbau eines Hotels und Geschäftshauses mit Laden-/Büroflächen sowie Hotelräumen ab dem 2.OG und Tiefgarage
  • Auftraggeber: Büroma Immobilien-Verwaltungs-GmbH & Co. Kurfürstendamm KG
  • Umfang: BGF 2.490 m², insgesamt 9 Geschosse
  • Architekten: Schmitt von Holst, Berlin
  • Interior Design Hotelzimmer: Studio Mmoonn Berlin
  • Interior Design Lobby: Ippolito Fleitz, Stuttgart
  • Lichtdesign: As A Ceremony
  • Außenanlagen: Thomas Heumann Gartenanlagen
  • GU/Holzbau: Weissenseer Holz-System-Bau
  • Adresse: Kurfürstendamm 210, 10719 Berlin

Eine Prise des Unperfekten

Waren Textilien zunächst nicht vorgesehen, war bald klar, dass es ohne nicht gehen würde. Menor ist überzeugt: „Stoffe sind entscheidend, wenn es um Gemütlichkeit und Akustik geht.“ Da schöne Verdunkelungsvorhänge nicht nur teuer, sondern auch schwer zu finden sind, behalfen sich die Beiden mit einem Trick. Sie konzipierten ein zweilagiges Vorhangsystem: Außen ein gewöhnlicher Verdunkelungsvorhang, davor ein dekorativer netzartiger Stoff, der im Innenraum für spannende Licht- und Schattenspiele sorgt.

Die handgefertigten Fliesen, die die Planerinnen für das Bad ausgesucht hatten, brachten die Handwerker allerdings ins Schwitzen. „Da die kleinen Fliesen nicht alle plan sind und Größenunterschiede bis zu einem Millimeter aufweisen, wurde bei der Verlegung zunächst gezögert. Aber das Unperfekte macht eben den Charme beim Fliesenspiegel aus“, so Menor und Tomasena, die bei den Planungsgesprächen mit Ingenieuren, Holzbauern und Handwerken die einzigen Frauen auf der Baustelle waren. „Wenn man neu zu einem Projekt dazukommt, eine Frau und dazu noch Ausländerin ist, muss man sich gleich doppelt

beweisen“, sagt Menor. „Wir versuchen aber, nur mit netten Menschen zu arbeiten und hatten dazu mit dem Bauherrn einen tollen Partner an der Seite, der sich immer für uns eingesetzt hat, obwohl wir mit dem Bau von Hotels noch keine Erfahrung hatten.“

Mit Unbefangenheit an das Projekt

An das Projekt seien beide mit einer gewissen Unbefangenheit herangetreten. „Wir hatten absolut keine Vorstellung, was uns erwartet. Beim nächsten Hotel würden wir einiges anders machen. Zum Beispiel nicht gleich zu Beginn des Projektes mit der Auswahl der Materialien starten, sondern erst einmal in Ruhe mit den Bauherren das Designkonzept genauer festlegen.“

Während die Zimmer und Flure von Studio Mmoonn gestaltet wurden, oblag das Design der kleinen Lobby dem Innenarchitekturbüro Ippolito Fleitz aus Stuttgart. Diese befindet sich als Verbindungsglied zwischen dem Bestandsbau und dem neuen Gartenhaus auf der Ebene des ersten Obergeschosses. Dort findet der Check-in nicht wie üblich an der Rezeption statt, sondern mithilfe eines Tablets am Tresen oder an einem Tisch vor der kleinen Küchenzeile.

Den Innenhof bepflanzte das Landschaftsarchitekturbüro Thomas Heumann Gartenanlagen aus dem baden-württembergischen Weinstadt mit Bäumen, Sträuchern und Wildblumen. Damit die Gäste von den Apartments aus nicht auf die blanke Brandwand es Nachbargebäudes blicken, lobte der Bauherr einen Kunstwettbewerb aus. Das Rennen machte die Künstlerin Claudia Scheffler, die die zehn mal 24 Meter große Wand mit dem abstrakten Abbild einer „Waldlichtung mitten in Berlin“ versah und eine Brücke zu Berlins Kunstszene schlägt. Zusammen mit dem grünen Innenhof sorgt das riesige Kunstwerk für spannende Spiegelungen in der polierten Edelstahlfassade.

Materialien auf dem Prüfstand

Auch in Sachen Umweltschutz kann das Gebäude punkten. Dank des Rohstoffs Holz sind die Räume gut isoliert. Eine Wasserkühlung im Boden und Sichtholzdecken machen eine Klimaanlage überflüssig. Zudem generiert das Apartmenthaus dank Photovoltaikanlage auf dem Dach einen Teil seines Stroms selbst. Den Bauherren war eine nachhaltige Nutzung der Immobilie wichtig. „Das Objekt ist so konzipiert, dass später auch eine andere Nutzungsart einfach zu realisieren wäre“, sagt Geschäftsführer Marc Kohla und begründet so auch den Namen des Hotels: „Das Mavo Lab ist wie ein Testlabor, in dem wir verschiedene Dinge ausprobieren. Funktioniert der aus Abfallstoffen produzierte Vinylboden im Alltag? Reicht der Wasserdruck? Passt die Größe der Sofas? Und bescheren die vielen Fugen im Bad dem Housekeeping eventuell Probleme? Erst wenn alles rund läuft, setzen wir sie auch in anderen Häusern und bei neuen Projekten ein.“