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Start Coronakrise Marcus Smola im Interview: "Wir spielen eine riesige soziale Rolle"

Marcus Smola im Interview"Wir spielen eine riesige soziale Rolle"

Die Coronakrise hat die Hotellerie bis ins Mark erschüttert. Doch in jeder Krise stecken auch Chancen. Welche Learnings wurden gemacht? Welche positiven Effekte sind vielleicht sogar entstanden, und auf welche Veränderungen muss sich die Hotellerie langfristig einstellen? Marcus Smola, Geschäftsführer BWH Hotel Group Central Europe, zu der rund 270 individuelle mittelständische Hotels gehören, erläutert, wie sich die Gruppe künftig aufstellt.

Tophotel: Herr Smola, die Coronakrise hat auch die BWH Hotel Group getroffen. Wie sieht Ihre Bilanz nach über einem Jahr im Krisenmodus aus?

Marcus Smola: Unsere Hotels wurden von Corona und den Reisebeschränkungen natürlich auch mit voller Wucht getroffen. Rund zwei Drittel mussten 2020 Umsatzrückgänge von deutlich über 50 Prozent hinnehmen. Darüber hinaus sind leider viele staatliche Hilfen nur in Teilen, gar nicht oder verspätet in den Betrieben angekommen. Leider ist diese Krise damit noch lange nicht überstanden. Rund die Hälfte unserer Hotels rechnet in 2021 sogar mit noch größeren Umsatzeinbußen. Ich kann also nur davor warnen, zu glauben, dass nach Lockerungen und bei schönem Wetter im Sommer alles wieder gut sein wird.

Wie konnten Sie die in Ihrem Markenverbund zusammengeschlossenen Hotels in dieser Zeit überhaupt unterstützen?

Generell haben wir gespürt, dass schwierige Zeiten gemeinsam besser zu bewältigen sind. Gemeinschaft hat deutlich an Wert gewonnen. Wir haben für unsere Partnerhotels im März vergangenen Jahres sofort ein umfangreiches Maßnahmenpaket eingeleitet. Finanzielle Unterstützung durch Beitragsreduzierung, Digitalisierung in vielen Bereichen, Ausbau der Kommunikation, Hilfestellung bei Hygienekonzepten, Unterstützung im Reservierungsmanagement bei Lockdowns und Restarts, Restart-Konzepte, Homeoffice-Konzepte, hybride Tagungsangebote, neue und angepasste Marketingstrategien und vieles mehr … – die Liste ist lang.

Gab es auch positive Aspekte der Krise?

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir zuvor schon einmal so eng zusammengestanden und sich alle gegenseitig geholfen haben. Dies betrifft Hotels und Mitarbeiter gleichermaßen. Das stärkt uns definitiv für die Zukunft. So beklagenswert die gesamte Lage aufgrund der Pandemie nach wie vor ist, hat die schwere Zeit insofern auch gezeigt, wie stabil unsere Gruppe individueller Hotels ist und wie wichtig ein gemeinsames Vorgehen und gegenseitige Unterstützung sind. Hinzu kommen einige Digitalisierungsprojekte, die aus der Not heraus im Eiltempo umgesetzt wurden. Und wir haben, wie ich finde, einige wirklich kreative und gute Antworten auf die plötzlich veränderte Marktsituation gefunden.

Welche Learnings ziehen Sie aus der Krise, was nehmen Sie mit in die Post-Corona-Zeit?

Wir leben seit Langem in einer schnellen Welt. Die Krise fordert jedoch noch mehr Flexibilität, als wir das vorher kannten. Wir müssen mehr Mut und Offenheit für Neues zeigen. Erfolgreiche Prozesse waren über Nacht nicht mehr passend, verlässliche Zielgruppen fielen einfach weg und mussten durch neue Geschäftsideen ersetzt werden. Schnell sein, sich wandeln können, neue Chancen erkennen. Das war und ist superspannend – trotz aller Schwierigkeiten. Und warum sollten wir diese Agilität nach der Krise wieder ablegen? Nein, wir haben gelernt, dass das geht. Und davon wollen wir weiterhin profitieren.

“Wir sind wichtig für Menschen, wir tun ihnen gut, sie vermissen uns. Das macht doch stolz. Und es macht Mut.”

Auf welche strukturellen Veränderungen wird sich die Hotellerie künftig einstellen müssen?

Noch lässt sich natürlich nicht final abschätzen, an welchen Stellen Corona seine Spuren langfristig hinterlassen wird. Auffällig für alle wurde das Thema Digitalisierung beflügelt – ein Bereich, in dem die Hotellerie ja traditionell weit hinterherhinkt. Kommunikationswege, Distribution, Meetingformate, Kontaktpunkte im Hotel, operative Prozesse … – vieles wurde und wird derzeit digitalisiert. Aber manches auch nicht nur zu unserem Vorteil, wenn wir zum Beispiel an hybride Tagungen oder verstärkte Homeoffice- Lösungen denken.

Das MICE- und Business-Segment ist durch die Krise am stärksten negativ beeinflusst. Inwiefern sind private und touristische Reisen künftig von Veränderungen betroffen?

Ich denke, dass das Sicherheitsbedürfnis von allen Gästen gestiegen ist und auch künftig ein wichtiges Thema bleibt – egal welches Segment. Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen werden zum Buchungskriterium, und wir müssen damit transparent und sorgfältig umgehen. Touristische Reisen werden schneller zurückkommen – zuerst im Inland und erdgebunden. Wir haben dadurch lokale und angepasste nationale Vermarktungskonzepte neu entdeckt. Einsamkeit, viel Platz und flexiblere Reisezeiten werden beliebter sein als Hotspots, Großveranstaltungen und absolute High Seasons.

“Die veränderten Bedürfnisse drängen den Preis in den Hintergrund.”

Kann diese Entwicklung eventuell vorteilhafte Effekte auf die Preise haben?

Die veränderten Bedürfnisse drängen den Preis in den Hintergrund. Qualitative Angebote werden gesucht und auch wertgeschätzt werden. Ich sehe die Chance, dass sicheres Reisen zu einem besonderen Gut werden kann. Und dies hätte zweifellos einen positiven Effekt auf die Preise und damit die Wirtschaftlichkeit unserer Hotels. Dazu gehört allerdings auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein innerhalb der Branche. Aber wenn das gelingt, hätten alle etwas aus der Krise gelernt.

Was sind Ihrer Einschätzung nach die größten Herausforderungen in nächster Zeit?

Eine Rückkehr zu Vorkrisenniveau sehe ich nicht vor Mitte bis Ende 2023. Damit werden die Herausforderungen der kommenden zwei Jahre weiterhin durch die Auswirkungen der Pandemie geprägt sein. Drei Dinge sehen wir hier als die größten Sorgen: Erstens Wirtschaftlichkeit der Betriebe, vor allem in der Zeit nach den Staatshilfen. Damit gepaart die immer noch fehlende Verlässlichkeit und Perspektive. Zweitens das ausbleibende Tagungs- und Kongressgeschäft, speziell größere Veranstaltungen. Hier sind das mangelnde Vertrauen in die Sicherheit und die Infektionsangst am größten. Und drittens unsere Mitarbeiter, die durch die langen Arbeitspausen und unsicheren Perspektiven große Sorgen haben und sich von unserer Branche abwenden. Fachkräftemangel, und zwar kurz- und langfristig, wird uns riesige Probleme bereiten.

Sie haben das Stichwort Mitarbeiter genannt – wird die Branche künftig mit einem noch größeren Fachkräftemangel konfrontiert sein als vor der Krise?

Ja, die Gefahr besteht. Wer denkt, die Lage würde sich durch Konsolidierung der Hotellandschaft und damit verbundene Entlassungen entspannen, liegt falsch. Die Hotellerie wird derzeit erstmals als krisenunsichere Branche wahrgenommen. Das war vorher nie denkbar. Wer also künftig vor einer Berufswahl steht oder sich neu orientiert, wird das berücksichtigen. Wir werden also noch mehr Priorität darauf legen müssen, uns attraktiv zu machen.

Haben Sie noch einen erhellenden Ausblick für die Zukunft?

Nach den vielen Hiobsbotschaften in den vergangenen Monaten ist es jetzt endlich auch an der Zeit, berechtigte Hoffnung zu schöpfen. Die Impfungen schreiten voran, das bessere Wetter steht vor der Tür. Und Gäste haben einen riesengroßen Nachholbedarf. Das werden alle Hotels spüren. Und eines habe ich gelernt und neu wahrgenommen: Hotels und Restaurants sind nicht nur Faktoren einer Volkswirtschaft. Wir spielen eine riesige soziale Rolle. Wir sind wichtig für Menschen, wir tun ihnen gut, sie vermissen uns. Das macht doch stolz. Und es macht Mut.

Interview: Nina Fiolka

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