Longevity ist das Streben nach einem langen, gesunden und glücklichen Älterwerden. Und es bietet viel Potenzial für die Hotellerie. Tophotel erläutert den Trend.
Anna-Maria Fäßler, Gastgeberin des Sonnenalp Resorts, ist noch immer euphorisch: Im Februar hat sie in ihrem Fünfsternehotel im Allgäu die erste sechstägige Longevity-Woche veranstaltet. Mit dabei: Nina Ruge, die prominente Wissenschaftsjournalistin, Bestsellerautorin und mittlerweile Fachfrau für gesundes Altern, sowie elf weitere Experten. Das Programm war prall gefüllt mit Vorträgen, umfassenden Gesundheits-Check-ups samt Befundbesprechung sowie Bewegungsangeboten. „Ich bin nicht leicht zufriedenzustellen, aber diese Woche war ein voller Erfolg“, schwärmt Anna-Maria Fäßler. „Sie war mit 58 Teilnehmenden sofort ausgebucht. Wir hatten Gäste von Mitte 30 bis Mitte 80, etwa 70 Prozent Stamm- und 30 Prozent neue Kunden. Sie alle haben am Ende eindringlich darum gebeten, dass wir diese Präventions-Gesundheitstage fortsetzen.“
Michael Lidl, geschäftsführender Partner der Treugast Solutions Group, ist überzeugt: „Longevity ist ein Zukunftsthema mit großem Marktpotenzial. Angesichts des demografischen Wandels und eines wachsenden Interesses an Gesundheitsförderung bietet es für viele Hotels eine strategische Chance, sei es als ganzheitliches Konzept oder als gezielte Ergänzung.“ Michael Altewischer sieht das ähnlich. Der Vorstand der neu gegründeten Deutschen Longevity Gesellschaft und langjährige Geschäftsführer der Hotelkooperation Wellness-Hotels & Resorts sagt: „Wer jetzt als Vorreiter agiert, kann neue Gästeschichten erschließen und sich als Innovationsführer positionieren.“ Er gelte jedoch eines zu bedenken: „Der Markt und die zu leistende Arbeit sind anspruchsvoll.“
Das bedeutet Longevity: Die vier Säulen der Langlebigkeit
Klären wir zunächst, was sich hinter Longevity (deutsch: Langlebigkeit) verbirgt. Die Deutsche Longevity Gesellschaft definiert ihn für die Hotellerie so: „Longevity bedeutet, dass das Hotel spezielle Programme und Dienstleistungen anbietet, die darauf abzielen, Gesundheit und Wohlbefinden der Gäste nachhaltig zu fördern. Diese Angebote basieren auf den vier grundlegenden Säulen der Longevity: Schlaf und Regeneration, Ernährung, Bewegung und psychisches Wohlbefinden.“
„Longevity bietet für viele Hotels eine strategische Chance, sei es als ganzheitliches Konzept oder als gezielte Ergänzung.“
Michael Lidl, geschäftsführender Partner, Treugast Solutions Group
Für welche Arten von Hotels kann es erfolgsversprechend sein, sich mit diesem Thema zu profilieren? „Etablierte Wellness- und naturnahe Urlaubshotels haben eine attraktive Ausgangslage. Viele verfügen bereits über die nötige Infrastruktur und eine Klientel, die für Longevity-Programme empfänglich ist“, erläutert Michael Oberhofer, Inhaber und Geschäftsführer der Agentur für Hospitality Solutions Brandnamic.
Im Sonnenalp Resort ist das der Fall. „Wir waren ursprünglich ein Kurhotel, bevor wir zum Familien- und Golfhotel wurden“, berichtet Anna-Maria Fäßler. „Bereits seit 25 Jahren ist ein Allgemeinmediziner als Medical Director bei uns im Haus tätig. Auch ein Physiotherapeut und Osteopath ist vor Ort. Wir bieten Entspannung, Wellness, Natur, Fitness- und Ernährungsprogramme. Insofern müssen wir das Thema lediglich neu beleben, nicht neu erfinden.“ Die Sonnenalp-Chefin sieht sich in einer guten Startposition: „Geplant ist, auch künftig einmal jährlich eine Longevity-Woche zu veranstalten, was zugleich die ruhigeren Monate Januar bis März stärkt, und ein flexibel buchbares Package zu schnüren, ähnlich wie bei den Golf-Wochen.“ Für Anna-Maria Fäßler steht aber fest: „Wir wollen kein zweiter Lanserhof werden. Longevity soll lediglich ein weiteres, aber höchst kompetent umgesetztes Standbein sein.“
Interessant sogar für die gehobene Stadthotellerie
„Longevity-Medizin, wie beispielsweise im Lanserhof, stellt definitiv eine Nische dar“, unterstreicht auch Michael Lidl von der Treugast Solutions Group und sagt: „Longevity kann in unterschiedlichen Intensitäten umgesetzt werden. Es schließt meines Erachtens auch gehobene Betriebe der Stadthotellerie nicht aus, die gesundheitsbewusste Geschäftsreisende ansprechen können. Entscheidend ist, das Thema jeweils passend zur Zielgruppe zu vermarkten.“
Das sieht Michael Oberhofer, CEO der Unternehmensberatung Brandnamic, ebenso: „Hochwertige Spa-Treatments, maßgeschneiderte Schlafkonzepte und Hightech-Anwendungen wie Rotlicht- oder Kryotherapien bieten auch im urbanen Umfeld Möglichkeiten, sich von der Konkurrenz abzuheben.“ Als weniger sinnvoll erscheint Oberhofer eine Longevity-Positionierung für Budget-Unterkünfte oder kleine Stadthotels ohne entsprechende Infrastruktur. Für Lidl passt das Konzept auch nicht zu Limited Service Hotels ohne eigenes Restaurant, „da Ernährung ein zentraler Bestandteil des Konzepts ist“.
„Regeneration & Longevity by Krallerhof“ – so lautet der Titel des neuen Angebotsbausteins im Krallerhof im Salzburger Land. Das kommt laut Michaela Altenberger, Mitglied der Eigentümerfamilie, „richtig gut an. Mehrere Formate sind erfolgreich ausgerollt, darunter das Women’s Retreat und das Biohacking Retreat, das bereits dreimal stattgefunden hat und auf große Resonanz gestoßen ist“. Highlights sind die Rotlicht- und Kältetherapie sowie das IHHT-Sauerstofftraining. „Für uns ist entscheidend, dass Longevity nicht nur ein Begriff ist, sondern ein durchdachtes Gesamtkonzept, das sich in unserem gesamten Hotelangebot widerspiegelt – bis hin zur Mitarbeitergesundheit. Das alles entwickelt sich nicht von heute auf morgen, sondern ist ein längerfristiges Projekt“, macht Michaela Altenberger auf das erforderliche dauerhafte Engagement aufmerksam.
Wichtig: Echte Substanz und Seriosität
Denn wie bei jedem Trend besteht die Gefahr der Oberflächlichkeit. „Longevity ist ein fundiertes wissenschaftliches Konzept, das im aktuellen Hype Gefahr läuft, zur Floskel zu werden“, befürchtet Michael Altewischer von der Deutschen Longevity Gesellschaft. Die Entwicklung erinnert ihn an die Wellness-Welle vor einigen Jahrzehnten, „als plötzlich alles Wellness war. Longevity braucht aber evidenzbasierte, personalisierte Programme, die Gäste dabei unterstützen, ihre individuelle Gesundheit – auch im Alltag – langfristig zu verbessern.“ Um echte Substanz zu bieten und Seriosität auszuzeichnen, hat die Deutsche Longevity Gesellschaft zusammen mit Experten aus dem Bereich Hospitality-Auditierung, mit Medial-Wellness-Hoteliers und Longevity-Medizinern einen Qualitätsstandard mit festgelegten Kriterien entwickelt.
Die Hotel-Kriterien der Deutschen Longevity Gesellschaft
Die Deutsche Longevity Gesellschaft hat einen Qualitätsstandard entwickelt, der durch das Kranich-Markenzeichen als Nachweis dient. Hotels müssen dafür folgende zehn Grundsätze erfüllen:
- Mindestens eine Säule aus dem Longevity-Lebensstil-Konzept (Angebote für Schlaf und Regeneration, Ernährung, Bewegung und psychisches Wohlbefinden) ist vollständig umgesetzt. Zusätzlich gibt es Basisangebote zu den drei weiteren Säulen.
- Es findet ein Longevity-Check-up mit ausführlichem (Anamnese-)Eingangsgespräch statt.
- Es gibt eine Ziel-Absprache mit Erarbeitung eines individuellen Longevity-Plans für die Aufenthaltszeit und ein Abschlussgespräch zum Ende des Aufenthalts.
- Das Hotel beschäftigt fachlich qualifizierte Mitarbeiter in allen Longevity-Themenbereichen.
- Im Haus befinden sich Praxisräume für private (Arzt-)Konsultationen.
- Den Gästen werden Umsetzungsvorschläge für die Zeit nach dem Aufenthalt mitgegeben. Eine Zielsetzung wird gemeinsam erarbeitet.
- Für alle Longevity-Angebote gilt ein nachhaltig orientierter Gesundheitsansatz.
- Eine naturnahe Lage und entspannte Atmosphäre sind gegeben.
- Das Hotelmanagement ist nachhaltigkeitsbewusst, das Maß an Sauberkeit und Hygiene hoch.
- Das Hotel verpflichtet sich vertraglich zur fortlaufenden Qualitätsprüfung und -sicherung.
Auch Michael Oberhofer betont: „Die erfolgreiche Umsetzung erfordert eine Strategie, die tief in der DNA des Hotels verankert wird und sich von der Architektur über die Küche bis hin zu den Behandlungen erstreckt. Bei letzteren ist die Verbindung von Wissenschaft, Individualisierung und dauerhaftem Mehrwert für die Gäste zentral. Es geht um langfristige Gesundheitsoptimierung statt kurzfristiger Erholung.“ Herausforderungen sieht der Brandnamic-CEO in der Kapitalintensität und Marktdynamik. „Longevity erfordert neben baulichen Investitionen medizinische Expertise und interdisziplinäre Spezialisten – die aber angesichts des bereits bestehenden Fachkräftemangels im Gesundheits- und Wellness-Sektor nicht so leicht zu finden sind.“
Katharina Pirktl, Mitglied der Geschäftsleitung im Alpenresort Schwarz in Tirol, zeigt sich „dankbar, dass es mit Longevity ein neues Wort gibt, das dem Thema Gesunderhaltung Aufmerksamkeit verleiht und dem, was jeder Einzelne tun kann“. Ihr Fokus liegt auf den Möglichkeiten, neue Programme und Produkte zu implementieren, die den Gästen „wirklich nützen“. Auch das Alpenresort Schwarz ist gut vorbereitet. „Bereits vor rund 20 Jahren haben wir zusammen mit unserer Privatklinik unsere ersten Gesundheitsprogramme entwickelt. Mit unseren Ärzten und Spezialisten aus den Bereichen Sport, Therapie und Kosmetik haben wir längst einen Ort geschaffen, an dem sich unsere Gäste gezielt um ihre Gesundheitsförderung kümmern können. 2024 haben wir erstmals Gesundheitswochen veranstaltet, die für Gäste, Team-Mitglieder und Einheimische zugänglich sind.“
Die neueste Investition: Das Bliss House, das unter anderem einen 300 Quadratmeter großen Fitnessclub umfasst und darauf abziele, dass Beanspruchung und Regeneration zentral für Longevity sind, sagt Katharina Pirktl: „Wie Wärme und Kälte, Essen und Fasten. Dieses Wissen für alle zugänglich zu machen ist für mich elementar.“

„Longevity ist ein langfristiger Prozess“
Herr Stritzke, was bedeutet Longevity für Sie?
Es geht um eine wissenschaftlich fundierte Herangehensweise an das Altern und um frühzeitige Prävention zur Vermeidung chronischer Erkrankungen.
Was zeichnet eine ernstzunehmende Longevity-Therapie aus?
Diese geht weit über klassisches Wellness hinaus. Eine solche Therapie basiert auf einem medizinischen Konzept, das die biologischen Prozesse des Alterns versteht und gezielt beeinflussen kann. Diagnostik, personalisierte Therapiepläne und die Integration neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse sind essenziell. Jeder Mensch altert unterschiedlich – daher gibt es keine Lösung nach dem Muster „one Size fits all“. Der Lanserhof bietet evidenzbasierte, personalisierte Programme, die auf individuellen Gesundheitsdaten – wie genetischen Tests, Blutanalysen und Mikrobiom-Untersuchungen – basieren.
Jetzt entwickelt sich das Thema zum Hype. Bringt das auch negative Aspekte mit sich? Ich sehe das Risiko, dass wissenschaftlich fundierte Methoden mit unseriösen oder wenig wirksamen Angeboten vermischt werden. Als medizinische Institution grenzen wir uns klar von reinen Lifestyle-Konzepten ab. Longevity-Medizin ist zudem ein langfristiger Prozess, der eine nachhaltige Strategie erfordert. Wenn Gäste unkoordiniert zwischen verschiedenen Longevity-Anbietern wechseln, könnte das zu fehlender Kontinuität, widersprüchlichen Diagnosen und Überdosierungen von Supplements führen
Jan Stritzke ist Ärztlicher Direktor des Lanserhofs Sylt.
>> Der Beitrag ist in der Tophotel Ausgabe 3-4/2025 erschienen.
