Karrierewege Von der Übersetzerin zur Hotelmanagerin

Martina Roth vereint karibische Gelassenheit mit Schweizer Präzison. (Bild: Christine Paasche)

Es gibt viele Wege, in die Hotellerie einzusteigen. Die gebürtige Schweizerin Martina Roth, die seit fast zwei Jahrzehnten auf der Karibikinsel Saint Lucia lebt und arbeitet, landete eher zufällig in der Branche und kann sich nun keinen schöneren Arbeitsplatz als das Sandals Halcyon Beach Resort & Spa mehr vorstellen.

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Wenn Martina Roth morgens aufsteht und aus dem Fenster ihres Hauses blickt, dann sieht sie feinen Sandstrand, einen blauen Himmel und das türkisfarbene Meer. Die Karibik zeigt sich vor dem Sandals Halcyon Beach Resort & Spa wie aus dem Reiseprospekt. In die tropische, fast neun Hektar große Gartenanlage des an der Westküste Saint Lucias gelegenen Hotels sind etliche Bungalows und Hotelgebäude eingebettet, alle nicht höher als die Palmen am Strand. Das Sandals Halcyon verfügt über 169 Zimmer und ist das kleinste der drei Sandals Hotels auf Saint Lucia. Mit seinem Boutique-Charakter zieht es neben amerikanischen und kanadischen auch viele europäische Gäste an. Das Hotel ist seit vielen Jahren berufliche Heimat von Martina Roth, die von sich selbst sagt: „Hier bin ich angekommen.“

Dabei hätte es die 44-Jährige auch an einen anderen Strand dieser Welt spülen können. Schließlich war sie als Mitarbeiterin des Schweizer Reisekonzerns Kuoni häufig und weltweit unterwegs: Indien, Ägypten, Südafrika – wann und wohin auch immer sich die Gelegenheit zu reisen bot, Martina Roth ergriff sie. „Geografie war in der Schule mein Lieblingsfach“, sagt die Schweizerin, die ihre Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau mit Sprachreisen nach Sydney, Mexico und Montreal ergänzte. Heute spricht sie vier Sprachen fließend. Diese Sprachkenntnisse verschafften der jungen Frau ihre erste Anstellung im Sandals
Halcyon – als Übersetzerin. „Ich hatte bei einem Kuoni-Wettbewerb einen Segeltörn in der Karibik gewonnen und mich sofort in diese Ecke der Welt verliebt. Für mich war klar: Hier möchte ich leben und arbeiten.“

1998 zog die damals 22-Jährige nach Saint Lucia. In den folgenden eineinhalb Jahren übersetzte sie Menüs und Tauchunterlagen, begleitete Ausflüge und assistierte am Empfang oder bei Trauungen. Ausgerechnet die Liebe zu einem einheimischen Musiker bescherte Martina Roth dann eine dreijährige Auszeit von der Karibik. Das Paar zog 1999 in die Schweiz und heiratete. Martina Roth arbeitete wieder im Reisebüro, ihr Mann verfolgte seine Musikerkarriere. Doch lief nicht alles wie erhofft, das Paar trennte sich – und während ihr Ex-Mann in der Schweiz blieb, kehrte Martina Roth 2002 in die Karibik zurück.

Eine von vier weiblichen Hotelmanagerinnen

Die doppelte Staatsbürgerschaft vereinfachte ihren beruflichen Wiedereinstieg auf Saint Lucia. Da das Übersetzerprogramm zwischenzeitlich ausgelaufen war, begann die junge Frau im Sandals Halcyon als Front ­Office Supervisor – und startete durch. Nach zwei Jahren wechselte sie ins Sandals Regency, das größte Hotel der Gruppe auf der Insel, und arbeitete dort als Rezeptionschefin, Guest-Relations-Managerin und Rooms-Division-Managerin. Alle zwei bis drei Jahre stieg sie auf der Karriereleiter eine Stufe höher und bildete sich parallel zur Arbeit online im Hospitality-Management weiter.

Heute ist Martina Roth eine von vier weiblichen Hotelmanagerinnen bei Sandals und seit 2016 die Nummer zwei im Sandals Halcyon Beach Resort & Spa. Gemeinsam mit General Manager Christopher Elliott leitet sie das Haus, ist für den Bereich Operations, Revenue-Management und Rooms-Division zuständig. Für ihn sei sie „the perfect blend“ – die perfekte Mischung aus Schweizer Tugenden und karibischer Gelassenheit. Die 370 Mitarbeiter des Hotels sind 30 Abteilungsleitern zugeordnet, die zu etwa gleichen Teilen den beiden Managern reporten. Wobei es der Schweizerin wichtig ist, eine Open-Ear-Policy zu fahren. „Jeder kann mich jederzeit ansprechen, und ich klinke mich auch gern in die Mitarbeiter-Meetings ein, um den Kontakt zur Basis zu halten.“

Kein Arbeitstag ist für Martina Roth wie der andere. „Morgens stelle ich die Tasche ab und los geht’s.“ Sie macht Zimmer- und Anlageinspektionen, bespricht anfallende Themen in diversen Meetings, prüft Zahlen, begrüßt Gäste und betreut Reisebüroagenten. Eine besondere Aufgabe musste die Hotelmanagerin meistern, als 2010 Hurrikan Tomas die Kleinen Antillen streifte und auf Saint Lucia erheblichen Schaden anrichtete. Zwar blieb die Hotelanlage verschont, „aber wir mussten über mehrere Tage hinweg die Gäste mit Booten zum Flughafen bringen, da die Straßen unpassierbar geworden waren.“ Zum Glück liege Saint Lucia aber abseits der Hurrikan-Hauptrouten.

Mitarbeitertrainings „on the Job“

Eine Herausforderung, die Martina Roth besonders liebt, ist die Arbeit mit den einheimischen Hotelmitarbeitern. Diese steigen in aller Regel direkt nach der Schule ins Arbeitsleben ein, eine klassische Lehre gibt es nicht. Da helfe das Sandals Hospitality-­Trainingsprogramm, ein achtwöchiger Kurs, der Grundlagen vermittelt und neue Mitarbeiter im Anschluss je nach Qualifikation und Interesse den verschiedenen Abteilungen zuordnet. Zwei Schulungsleiter sind im Halcyon ausschließlich für die Aus- und Fortbildung des Teams zuständig. Doch auch die Hotel-Managerin kümmert sich: „Ich möchte alle kennenlernen und auf einen guten Weg bringen.“

Ein Thema kann im Hotelalltag schon einmal die Pünktlichkeit sein. Im 170.000 Einwohner fassenden Inselstaat gibt es kaum öffentliche Verkehrsmittel, die wenigen Busse fahren unregelmäßig und ohne Fahrplan. „Da muss man sich in Geduld und Toleranz üben und flexibel sein“, resümiert Martina Roth schmunzelnd. Sie hat sich einiges an Gelassenheit von den Saint Lucians abgeschaut und liebt deren Lebensfreude: „Wenn die Musik am Abend gut ist, tanzt der Service schon einmal singend durchs Restaurant – das finde ich wunderbar!“

In den Ferien zieht es sie höchstens hin und wieder in die alte Heimat, um Familie und Freunde wiederzusehen. Und: „Shopping macht in der Schweiz mehr Spaß als hier, ich vermisse natürlich auch gewisse Lebensmittel wie Schweizer Käse und Brot und freue mich über ein schönes Fondue.“ Doch wenn Martina Roth dann aus liebgewonnener Gewohnheit jedem, der ihr in der Schweiz begegnet, ein freundliches „Hi, good morning, how are you“ entgegenlacht, erntet sie befremdete Blicke – und fühlt sich selbst fremd. Dann hat sie Heimweh nach ihrer Insel mit zwei Bergen, die inzwischen ihr Zuhause geworden ist.

Christine Paasche

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