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StartBusiness & ManagementJessica Di Bella im #Monotalk::"Mit dem Team nach vorn denken"

Jessica Di Bella im #Monotalk"Mit dem Team nach vorn denken"

Familienhoteliers sind von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie besonders hart getroffen. Neben wirtschaftlichen Sorgen äußern viele zunehmende psychische Belastungen infolge der Hotelschließungen. Coach und Management-Trainerin Jessica Di Bella spricht mit Tophotel darüber, wie man seine Psyche stärken und trotz der Einschränkungen positive Veränderungen im Hotel schaffen kann.

Tophotel: Frau Di Bella, die Äußerungen von Familienhoteliers über ihre Gefühlslage zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie reichen von Angst über Machtlosigkeit bis Zuversicht. Was sind die schwerwiegendsten Faktoren für die psychischen Belastungen?

Jessica Di Bella: Branchenunabhängig betrifft alle, dass sich so viel ändert im Außen und dass vor allem unsere Freiheiten stark eingeschränkt werden – die Freiheit zu handeln und die Freiheit zu wirtschaften. Diese Einschränkungen machen vielen Menschen sehr zu schaffen. Die Hoteliers trifft es extrem, da sie nicht mehr wie gewohnt arbeiten können, sich den wechselnden Regeln anpassen, dann aber doch wieder ein komplettes Verbot kommt. Die Einschränkung der Freiheit schränkt die Selbstwirksamkeit des Einzelnen ein.

Also das Vertrauen, schwierige Situationen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Wie lässt sich dem empfundenen Kontrollverlust entgegenwirken?

Weniger Freiheiten zu haben, extreme Einschränkungen oder Vorgaben gemacht zu bekommen, das ist natürlich ein Kontrollverlust. Deswegen ist es für die psychische Gesundheit so wichtig, umzuschalten und diese neue Realität relativ schnell zu akzeptieren. Adaption ist in diesem Fall der Schlüssel. Zu sagen: Die Rahmenbedingungen sind jetzt so und so, ich passe mich so schnell wie möglich an und agiere innerhalb meiner Freiheiten.

Für die Hotellerie folgten auf den Pandemieausbruch Phasen wechselnder Gebote und Verbote, Phasen von Öffnungen und Schließungen. Wie kommt die Psyche bei dieser ‚Achterbahnfahrt‘ mit?

Wichtig ist, dass man agil bleibt, dass man mitgeht. Es ist legitim und auch wünschenswert für politische Veränderungen, dass man seine Meinung und Forderungen äußert. Dass man seine Ängste, seinen Unmut rauslässt und damit auch zur Meinungsbildung beiträgt. Aber in Maßen. Ich würde dazu raten, mit dieser Energie Neues zu erschaffen.
Jeder kann verstehen, wenn gerade Hoteliers im Moment Bitterkeit empfinden. Viele haben sehr gute Konzepte entwickelt und sich kreative Dinge überlegt, Außenhüttchen, in denen separat das Essen serviert wurde, und vieles anderes. Es ist natürlich bitter, wenn das nach ein paar Wochen alles wieder hinüber ist. Aber ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich vom Gefühl der Bitterkeit möglichst schnell wieder losmacht. Also eine bedingte Akzeptanz: Erst mal die Emotionen rauslassen, und dann Ärmel hoch und weiter geht’s.

Wie genau?

Erstens: Die kurzfristige Lage sondieren: Wie weit kann ich planen? Eine Woche, vier Wochen, acht Wochen? Wie kann ich das Beste aus dieser Zeit rausholen? Es sind aktuell relativ kurze Phasen. In der BWL nennt man das rollierende Planung. Man sollte die Überlegungen also immer wieder anpassen: Wie ist die Lage jetzt? Was kann ich jetzt machen? Zweitens: Gibt es langfristige strategische Projekte, die ich entwickeln kann? Und: Nicht zu viel Energie dafür einsetzen, sich aufzuregen oder zu lamentieren, sondern akzeptieren und innerhalb des jeweiligen Rahmens agieren – das ist sehr wichtig für unsere Selbstwirksamkeit. Für jeden Menschen, aber besonders auch für die Hoteliers, die sehr stark eingeschränkt werden. Viele renovieren, planen Baumaßnahmen, gehen Produktinnovationen an – die Zeit lässt sich nutzen, um fundamental neue Projekte zu starten und das Geschäft auf das nächste Level zu bringen.

Inwiefern macht es dieses Kollektivschicksal, das wir erleben, einfacher für den Einzelnen, weil es anderen auch schlecht geht?

Ich denke, das macht es eher schlimmer. Weil sich Menschen gern von Stimmungen anstecken lassen. Die generelle Stimmung ist ja relativ negativ, geprägt von Verlust und Angst. Das Kollektiv als Gesellschaft ist nicht unbedingt hilfreich für den Einzelnen, um das Beste aus seiner Situation zu machen. Deshalb ist es jetzt wichtig, sich an Personen zu orientieren, die eine Art Leuchtturm sind, und sich von diesen inspirieren zu lassen. Außerdem ist es wichtig, auf sich selbst zu schauen und seine eigenen Grenzen zu setzen.

Was für Grenzen?

Das fällt unter das Thema Psychohygiene. Wie stark lasse ich meine Stimmung davon bestimmen, was im Außen passiert? Wie viele Nachrichten schaue ich? Es ist wichtig, dass man Tage hat, an denen man sich nicht mit der Thematik beschäftigt. Das ist besonders für Familienhoteliers wichtig, bei denen sich die Gespräche zu Hause auch ums Geschäft drehen. Vielleicht ist diese Zeit eine Chance, um das noch mehr zu trennen. Zu sagen: Heute ist ein Tag, da reden wir mal nicht über Corona und nicht übers Hotel, sondern sind nur wir als Familie – an diesem Tag, in diesem Raum oder in dieser Zeit. Ich würde empfehlen, das auch dauerhaft strikter und konsequenter zu trennen und Dinge, die man nicht ändern kann, zumindest für gewisse Zeiten auszublenden.

Wie kann es gelingen, dass man lernt, den Fokus vom Defizit abzulenken?

Sie sagen ja schon ‚dass man lernt‘. Das Wichtigste ist, dass man achtsam wird für die eigenen Gedanken. Zu merken, ich bin in einer Negativspirale. Vielen Menschen hilft es, wenn sie auf die körperlichen Marker hören: Wenn sich der Bauch zusammenzieht, Kopfschmerzen kommen, ein ‚Ich fühle mich nicht wohl‘. Welche Gedanken stecken dahinter? Diese Frage hilft, um sich selbst auf die Spur zu kommen. Mein Credo: auf sich selbst zu achten und sich zu erforschen. Orientiere ich mich gerade an den Schwächen, oder fokussiere ich mich auf das, was möglich ist? Und wichtig: Was brauche ich, damit es mir gut geht? Spazierengehen, Joggen, gutes Essen – sich eine Struktur zu schaffen, um zu verhindern, dass man emotional abrutscht.

Und wenn ein Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber dem ‚Schicksalsschlag Corona‘ und den politischen Entscheidungen dominiert?

Veit Lindau, ein Coach, den ich sehr schätze, nennt das ‚Opferitis Humana‘. Der Mensch neigt oft dazu, sich als Opfer zu sehen. Diese ‚Opferitis Humana‘, der Verlust an Selbstwirksamkeit, heißt im Prinzip: Ich bin ein Spielball, ich bin hilflos. Es ist eine Hilflosigkeit, in die man sich mental begibt. Das hatten wir auch in der Finanz- und in der Eurokrise. Um uns nicht hilflos zu fühlen, ist es sehr wichtig, dass wir uns der Freiheit, die wir haben, bewusst sind und sie auch nutzen. Egal, wie die Umstände sind, dass man trotzdem etwas erschafft. Diese Phase als Zeit der Selbstbesinnung und Weiterentwicklung zu nutzen. So wie ich jetzt die letzten Jahre gelebt und gearbeitet habe, so wie wir unseren Betrieb geführt haben, wie er sich entwickelt hat, entspricht das noch der Ursprungsvision? Diese Zeit im Privat- und Berufsleben zu nutzen für Innovation, für ehrliche und mutige Veränderung, das finde ich sehr wichtig. Es ist psychologisch erforscht, dass man nur nach vorn denken kann, wenn man nicht zu stark in Ängsten verhaftet ist, was die Gegenwart angeht. Man muss sich selbst in eine kreative Stimmung versetzen, Lust haben, Ideen zu entwickeln, schöpferisch zu sein – gemeinsam mit dem Team nach vorn denken. Sobald wir ein neues Projekt haben, verlieren wir die Verlustangst des alten, weil unsere Energie auf die Zukunft gerichtet ist.

Wie schafft man die Balance zwischen dem konstruktiven Erschaffen und der Enttäuschung über neu verhängte Schließungen, die es mit einem Schlag wieder zunichtemachen?

Die Entwicklung eines hoteleigenen Onlineshops etwa wird nicht zerstört durch politische Entscheidungen – sondern entspricht dem Corona-Zeitgeist. Wenn ich mich strategisch auf das Thema Digitalisierung einlasse, sind dies Projekte, die über Monate gehen; und man verfolgt damit eine neue Vision. Also besser nicht nur nach kurzfristigen Lösungen suchen, sondern überlegen: Wie kann ich diese komplett veränderte Gesellschaftsstruktur und Kommunikation nutzen, und was kann ich meinen Gästen vielleicht auf eine neue Art und Weise mitgeben? Oder wie kann ich mein Geschäftsfeld diversifizieren, Raum für Innovationen schaffen und für das eigene Hotel neue Visionen entwickeln? Das ist dann Transformation.

Interview: Katharina Pütter

 

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