Jenseits der Stille

Gute Akustik im Hotel bedeutet nicht nur Ruhe: Was auf dem Zimmer ein Musst ist, kann im Restaurant ungemütlich und an der Bar sogar der Killer sein. Für das eine sorgen bauliche und technische Lösungen, für das andere clevere Konzepte. Unser Topthema zeigt, was gute Hotelakustik heißt, und gibt Tipps für die Umsetzung. - von (nf)
Ob Geschäftsreisender oder Urlauber: Hotelgäste wollen einen erholsamen Aufenthalt und sich wohlfühlen. So verwundert es nicht, dass ein „ruhiges Zimmer“ ganz weit oben auf der Gäste-Wunschliste steht. In puncto Akustik lauern jedoch einige Stressfaktoren im Hotel, wie die Praxis zeigt. Das „hellhörige Zimmer“ findet sich in der Beschwerdeliste leider ebenfalls auf den Toprängen. Das Stuttgarter Fraunhofer Institut für Bauphysik (IBP) ging der Frage nach, wie Hotelgäste auch im akustischen Bereich rundum zufriedengestellt werden können. Und dies erfordert weit mehr als schallisolierende Fenster oder geräuscharme Klimaanlagen, wie die Projektinitiative „Unerhörte Hotels“ zeigt.
Fakt ist, dass gute Akustik mehr als Ruhe ist. Sie umfasst vielmehr auch Privatsphäre an der Rezeption, Sprachverständlichkeit im Restaurant und Tagungsraum sowie Entspannung im Wellnessbereich. Wenn in diesen Bereichen etwas nicht stimmt, ist Unruhe vorprogrammiert. Nicht selten reicht es schon, wenn nur einer der Faktoren nicht zufriedenstellend ist. Ein, zwei schlaflose Nächte bleiben lange im Gedächtnis und reichen vielen Hotelgäste für eine negative Bewertung. Eine ganzheitliche akustische Hotel-qualität ist daher eine Investition in die Zukunft.
Um den akustischen Stresstest zu bestehen, gibt es eine Reihe baulicher und technischer Lösungen, etwa für Wand-, Decken- und Türsysteme mit hoher Schalldämmung, für geräuscharme und zugleich energieeffiziente Lüftung, für leise Sanitär- und Haustechnik oder für eine entspannende und zugleich kommunikative Raumakustik. Aber auch betriebliche Konzepte gestalten die akustische Hotel-qualität entscheidend mit, etwa Sounddesign oder Kommunikationsinseln in der Lobby.

Die Akustik ist kein Stern(e)zeichen

Die Möglichkeiten sind also vielfältig. Worauf kommt es nun den Gästen genau an? Was ist ihnen wichtig, was stört sie? Um diese Fragen zu beantworten, hat das Fraunhofer IBP Gästebefragungen unter Geschäfts- und Privatreisenden zur Hotel-akustik durchgeführt.

Demnach prägt die Akustik bei jedem vierten Befragten maßgeblich das Gesamturteil seines letzten Hotelaufenthaltes. Die Hotelsterne hingegen sind kein Indikator für eine schlechte oder gute akustische Qualität. Die gute Nachricht aus der Umfrage: Geräusche, die Gäste besonders häufig stören, lassen sich mit architektonischen und baulichen, technischen sowie auch organisatorischen Maßnahmen positiv beeinflussen.
Was bedeutet das nun konkret für die akustische Gestaltung der unterschiedlichen Raumtypen im Hotel? Ein Rundgang von der Rezeption bis ins Zimmer, in Restaurants sowie Tagungsräume und Wellness-/Fitnessbereiche gibt Aufschluss, was gefordert ist:
�An der Rezeption ist Sprachverständlichkeit zu gewährleisten. Dazu müssen die Nachhallzeit und der Störgeräuschpegel (z.B. technische Anlagen, Beschallung, Außenlärm) geeignet reduziert werden (siehe auch Glossar). Eine Besonderheit stellt am Empfang auch eine gewisse Vertraulichkeit dar, die parallel zur Raumgestaltung auch organisatorisch unterstützt werden sollte.
�In der Lobby und anderen offenen Bereichen kann Bedarf an Entspannung, Konzentration oder auch Kommunikation bestehen. Daher sind erneut Nachhallzeit und Störgeräusche zu reduzieren sowie eine Abschirmung zwischen einzelnen Bereichen ist zu ermöglichen.
�Gespräche, Geh- und Rollgeräusche (z.B. der Koffer) durch Gäste sowie durch Personal (z.B. Reinigung) in Treppenhäusern und Fluren
sind störend. Trotz der schalldämmenden Türen sollten die Geräusche durch Raumdämpfung (Nachhallzeit) und geeignete Bodenbeläge minimiert werden.
�Geräuscharme Aufzüge mit etwas gedämpfter Atmosphäre strahlen Ruhe, Sicherheit und Wertigkeit aus. Innerhalb der Kabine kann Musik eine mitunter unangenehme Stille vermeiden. Außerhalb der Kabine sind technische und Signalgeräusche möglichst auf ein Minimum zu reduzieren.
Hotelzimmer
stellen bezüglich Störungsfreiheit und Privatheit die höchsten Anforderungen. Die Schalldämmung nach außen und zu allen Nachbarräumen (horizontal, vertikal) muss passen und technisch verursachte Geräusche sind zu minimieren. Die Raumakustik des Zimmers selbst spielt dabei noch die kleinste Rolle.
Bad
und Hotelzimmer sind an sich untrennbar verbunden. Eine ruhige Badlüftung freut den Gast, schallgedämmte Sanitär- und Wasserinstallationen sind für die Ruhe der Nachbarn unerlässlich. Dabei geht es nicht nur um Schallpegel, sondern auch um den „Informationsgehalt“ der Geräusche.
�In Restaurants/Bars sind je nach Konzept Ruhe, Kommunikation und Wohlklang gleichermaßen zu ermöglichen. Aus Sicht der Gäste sind auffällige Störgeräusche innen sowie Verkehrslärm von außen unerwünscht. Sprachverständlichkeit und Hörsamkeit (Musik) sind dagegen wichtige Ansprüche.
�Bei der Trennung von Küche und Gastraum sollte es auch für die Gäste spürbar ruhig sein. Die vielfältigen Küchengeräusche lassen sich technisch, baulich und organisatorisch eindämmen. Offen integrierte Küchen sind auch akustisch reizvoll. Wie bei der Musikbeschallung kommt es dabei aber auf das richtige Maß an.
�In Seminar-, Tagungs- und Be­sprechungsräumen steht die ungestörte Kommunikation im Vordergrund. Dazu dienen eine von der Raumgröße abhängige Nachhallzeit, eine geringe Geräuschentwicklung (Anlagen, Bodenbeläge usw.) und guter Schallschutz nach außen sowie zu den Nachbarräumen.
Wellnessbereiche umfassen heute sehr unterschiedliche Ausgestaltungen, so dass auch die jeweiligen Raumeigenschaften nutzungsgerecht passen müssen. Ruhe ist ein zentrales Element. Sie ist mit ganzheitlichem Schallschutz zu erreichen, komplettiert durch die richtige Raumakustik.
�In Räumen für Sport und Fitness können Vitalität und Dynamik auch akustisch spürbar sein, ohne zu übertreiben. Außerhalb sollten jedoch Nachbarn möglichst ungestört bleiben. Die geeignete Position der Räume im Gebäude sowie hoher Schallschutz sind dafür zu beachten.
�Die Akustikregel bei Betrieb, Reinigung und Pflege von Außenanlagen lautet: Leise Geräte und Anlagen nur zu passenden Zeiten verwenden. Geräuscharme Reinigungs- und Gartengeräte entlasten sowohl die Gäste als auch die Nachbarn.
�Die hoteleigene Strom- und Wärme­erzeugung kann ebenfalls zum akustischen Ärgernis werden. Energieeffizienz und ein niedriges Geräuschniveau lassen sich aber kombinieren, z.B. mit guten Abgas-Schalldämpfern, schwingungsisolierender Lagerung und schalldämmender Einhausung.

Akustische Willkommenskultur

Blicken wir abschließend noch in die öffentlichen Bereiche eines Hotels. Dort ist in erster Linie die Raumakustik dafür ausschlaggebend, die im Raum selbst entstehenden Geräusche zu beeinflussen. Im Fokus stehen Sprachverständlichkeit und Vertraulichkeit, Klangqualität von Musik, zuweilen einfach auch nur etwas Ruhe. Entscheidende Fragen für die Gestaltung sind: Welche Ansprüche stellen die Nutzer an den Raum oder Bereich? Welche Erwartungen haben sie und inwieweit werden diese Ansprüche und Erwartungen erfüllt? In einer hallenden und noch dazu permanent beschallten Lobby lassen sich weder ruhige Gespräche führen, noch bei entspannter Zeitungslektüre Wartezeiten überbrücken. Und an der Rezeption ist auch eine akustische Willkommenskultur gefragt. Wiederholtes Nachfragen sorgt bei den Gästen für Missmut und parallel sollte ein Mindestmaß an Privatsphäre gewährleistet sein.

Im Hotel kommt es auch auf einen akustischen Gesamteindruck an, der sich sehr unterschiedlich äußern kann. Eine sterile und geräuschlose Situation ist sicher nicht geeignet, um die Vitalität einer Bar zu erleben. Aber auch eine „Bahnhofsatmosphäre“ passt kaum zu den akustischen Ansprüchen eines Hotelempfangs. Die Aufgabe besteht darin, eine passende Balance aus (Raum-)Dämpfung, Abschirmung von Teilbereichen und sorgfältigem Umgang mit Hintergrundgeräuschen aller Art spezifisch zu gestalten.

Es zählt das Gesamktpaket

Bedarf und Spielraum guter Hotelakustik sind umfangreich. Dies gilt umso mehr, je detaillierter es bei den Geräuschquellen wird. TV-Geräte etwa können eine Lautstärkenbegrenzung enthalten. Es gibt laute und leise Reinigungs-, Garten- und Küchengeräte. Die richtigen Türschließer können auch bei Zugluft ein geräuschvolles Zuschlagen verhindern. Die Möglichkeiten technischer und auch organisatorischer Maßnahmen mit positiver akustischer Wirkung sind nahezu unerschöpflich. Letztlich stehen aber nicht nur die Einzelwirkungen im Vordergrund, sondern auch und vor allem die Gesamtwirkung. Brandschutz und Sicherheit, Energieeffizienz und Raumklima, Hygiene und Luftqualität sowie vieles mehr sind mit der Hotelakustik in Einklang zu bringen, um nicht zuletzt in guter Architektur einen profitablen Betrieb zu gewährleisten. |