Durch Lieferengpässe und gestiegene Produktionskosten schnellen die Einkaufspreise in der Hospitality in die Höhe. Das Berliner Start-up Lhotse will Hoteliers dabei unterstützen, bei der Warenbeschaffung dort Zeit und Geld zu sparen, wo Sparpotenziale oft übersehen werden.
"Als Berater bei der Boston Consulting Group habe ich im Jahr mehr als 100 Nächte in Hotels verbracht, daher war mir der hohe Wareneinsatz dieser Branche vertraut“, sagt
Henning Hatje, einer der Geschäftsführer des 2020 gegründeten Unternehmens
Lhotse. Das Berliner Start-up haben Hatje und seine zwei
Mitgründer Can Akin und
Jan Berssenbruegge nach einem 8.500 Meter hohen Berg im Himalaya benannt.
Der Lhotse liegt direkt neben dem Mount Everest und ist vielen unbekannt, denn: Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den höchsten Berg der Erde, der kleinere Bruder Lhotse wird gern übersehen. Das Gleiche gelte für die meisten indirekten
Ausgaben in Betrieben, so die Gründer. In Unternehmen aller Größenordnungen liege der Schwerpunkt auf den 80 Prozent der Ausgaben, die als strategisch angesehen würden. Die letzten 20 Prozent würden ignoriert und blieben weitgehend nicht optimiert.
An diesem Punkt wollen die Unternehmer ansetzen, die
seit einem Jahr im Bereich Hoteleinkauf aktiv sind. Akin, Berssenbruegge und Hatje bringen Erfahrung im Bereich Programmierung, Produktentwicklung, Supplier Intelligence sowie bei der Zusammenarbeit mit globalen Organisationen mit. Das Unternehmen hat sich auf die
Optimierung von Einkaufslösungen für Branchen mit hohem Kostendruck spezialisiert, unter anderem organisierte es Equipment für den Fahrradlieferdienst Gorilla und arbeitet im Bereich Beschaffungsprozessoptimierung für die Funke Mediengruppe. Lhotse beschäftigt 24 Mitarbeitende, der Großteil davon sind Softwareentwickler.
Umfangreiche Datenbank aufgebaut
Für die Hotellerie hat das Start-up inzwischen eine
Datenbank mit liefernden Unternehmen rund um Investitions- und Verbrauchsgüter aufgebaut – von der Glühbirne über Einrichtungsgegenstände bis hin zu Dienstleistungen im Bereich Facility Management. Die Einkaufsplattform von Lhotse nutzt künstliche Intelligenz, um für Einkäufer die relevantesten, zum Beispiel die günstigsten oder nachhaltigsten Angebote von Lieferanten im Netz aufzuspüren.
"Bei der Zusammensetzung der Unternehmen haben wir darauf geachtet, in welchen Regionen sie tätig sind und welche Zertifikate sie mitbringen, unter anderem im immer wichtiger werdenden Bereich Nachhaltigkeit“, erläutert Hatje. Produkte aus dem F&B-Bereich wurden wegen ihres hohen regionalen Anteils und ihres schnellen Verfallsdatums bewusst ausgeschlossen. „Dafür gibt es andere Spezialisten", so Hatje. Er verweist auf die Bestell-App Choco, die Gastronomen mit Lebensmittelgroßhändlern verbindet und den Wareneinkauf digitalisiert.
Warenbeschaffung per Durchlauferhitzer
Die
Digitalisierung schreitet
in der Hotellerie – nicht zuletzt durch Buchungssysteme – immer weiter voran, weshalb Lhotse in den Hotels in der Regel digital affine Mitarbeitende vorfindet. "Mehr als einen Browser braucht der Bestellende auch nicht", so Hatje.
Probleme gebe es eher auf der liefernden Seite, viele Anbieter hätten auch heute noch keine digitalen Kataloge oder Online-Shops. Eine
wichtige Aufgabe von Lhotse sei es daher, den Lieferanten die Angebotsübermittlung so einfach wie möglich zu machen. Sucht ein Hotel ein Produkt, geben die Einkäufer Wünsche in die geschützte Lhotse-App ein, das Unternehmen leitet die Anfrage dann – falls nötig – per E-Mail an die entsprechenden Zulieferer weiter. Diese geben ihr Angebot wie gewohnt als PDF ab.
"Die Lieferantinnen und Lieferanten müssen sich nirgendwo registrieren, wir wollen die Dinge so einfach wie möglich halten", sagt Hatje. Lhotse schlägt den Einkäuferinnen und Einkäufern schließlich die geeigneten Zulieferer vor. Kunden können die Auswahl bestätigen oder Lieferanten von vornherein ausschließen. Der Vertragsabschluss findet zwischen Kunden und Lieferanten statt.
"Wir sind lediglich der Durchlauferhitzer", so Hatje.
Die
Einkäufer sparen durch den Einsatz von Lhotse in erster Linie
Zeit, die sie sonst für ihre Anfragen benötigten, zudem erhalten sie ein exakt auf sie zugeschnittenes Angebot. Dass es in der Branche einige große und erfolgreiche Einkaufsgesellschaften wie beispielsweise Progros, HGK oder Atlas Zentraleinkauf gibt, stört Lhotse nicht. "Wir sind individueller und schneller als Einkaufsgesellschaften, die am Ende doch nur eine 80-prozentige Lösung für ein einzelnes Hotel sind", sagt Hatje und ergänzt: "Wir sprechen hier nicht über riesige Ketten wie Marriott mit standardisierten Anforderungen, sondern über Einzelkundinnen und -kunden."
Fünf Tage zwischen Anfrage und Angebot
Für die Vermittlung erhält das Unternehmen eine Kommission vom Hotel, vergleichbar mit einer Art
Lizenzmodell und orientiert sich an dem zu erwartenden Einkaufsvolumen, das einmal jährlich festgelegt wird. "Im Schnitt gehen wir von 900 Euro Lizenzgebühr pro Hotel im Monat aus", erläutert Henning Hatje. Zwischen Anfrage und Angebot liegen bei Lhotse etwa fünf Tage. Stolz ist das Team darauf, seine Leistungen aktuell in einem Pilotprojekt in einem der größten Hotels Berlins testen zu können.
Hoteliers, die mehr über die Leistungen von Lhotse erfahren möchten, könnten direkt per Mail mit dem Unternehmen Kontakt aufnehmen, so Henning Hatje. "Wir melden uns dann innerhalb eines Tages und bieten ein etwa zwanzigminütiges Abcheck-Telefonat an, bei dem wir eine Demoversion unseres Dienstes vorführen." Bei weiterem Interesse folgt eine
unverbindliche Testphase, schließlich muss auch das Team des Hotels lernen, mit Lhotse umzugehen. Das Aufsetzen des Systems im Hotel funktioniere schnell, die Lösung sei selbsterklärend, so der Mitgründer.
Von Susanne Stauß