Mit neuen Richtlinien sagt die EU Greenwashing den Kampf an. Künftig gelten strenge Anforderungen an die Verwendung umweltbezogener Werbeaussagen. Was Hoteliers ab sofort beachten müssen.
Hotel+Technik: Einige Hotels werben damit, klimaneutral oder sogar klimapositiv zu sein. Jetzt hat die EU neue Regularien beschlossen beziehungsweise ist dabei, dies zu tun. Frau Stöckle, sind derartige Aussagen noch haltbar?
Ulrike Stöckle: Mit Klimaneutralität zu werben, ist inzwischen allein deshalb kontraproduktiv, da jeder Gast mittlerweile versteht, dass es nur eine Worthülse ist und eine Milchmädchenrechnung dahintersteckt. Künftig wird es unzulässig sein, allein auf Grundlage einer Kompensation von Treibhausgasen zu behaupten, der Betrieb habe neutrale oder sogar positive Auswirkungen auf die Umwelt. Generell müssen alle Umweltaussagen faktenbasiert und – am besten mit anerkannten Zertifikaten beziehungsweise Labels – eindeutig belegt sein. Irreführende Aussagen sind tabu und auch selbstkreierte Nachhaltigkeitssiegel nicht mehr erlaubt.
Das Seehotel Wiesler titelt auf seiner Website: „Wir sind ein nachhaltiges Hotel“. Ist diese Aussage künftig noch haltbar?
Anna Wiesler: Wenn es eine Floskel wäre, sicher nicht. Wir aber haben inzwischen mehr als 250 nachhaltige Maßnahmen umgesetzt, deren Wirkung wir transparent mit Daten, Fakten und Zertifikaten dokumentieren.
Was sind denn Ihre Meilensteine in Sachen Nachhaltigkeit?
Anna Wiesler: Mein Vater hat schon Mitte der 80er-Jahre zur Optimierung der Wirtschaftlichkeit alle Verbräuche notiert. Damals wurde auch bereits der Ölkessel durch eine Hackschnitzelheizung ersetzt, mit der – dank des Erfindergeists meines Vaters – auch die Sauna und sogar die Wäschetrockner hybrid beheizt werden. Die Hälfte aller erzielten Einsparungen wird seitdem dem Nachhaltigkeitsbudget zur Finanzierung weiterer Aktivitäten gutgeschrieben. 2006 haben wir das Umweltmanagementsystem EMAS implementiert. 2014 gehörten wir zu den Erstunterzeichnern der WIN-Charta des Landes Baden-Württemberg, das inzwischen Klimawin heißt – ein kostenlos nutzbares Nachhaltigkeitsmanagement-System speziell für kleine und mittlere Unternehmen. 2020 sind wir dem Klimabündnis Baden-Württemberg beigetreten.
Fabian Wiesler: Seitdem erstelle ich jährlich die Treibhausgasbilanz nach Greenhouse Gas Protocol – übrigens inklusive der Gästeanreisen, die 80 Prozent unserer derzeit insgesamt 690 Tonnen CO2-Emissionen ausmachen und die nicht jeder Betrieb berücksichtigt. Es gibt eine Dehoga-Studie, wonach Vier- und Fünfsternehotels durchschnittliche CO2-Emissionen aus Scope 1 (direkte Emissionen) und 2 (indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie) von 21 kg pro Gast und Übernachtung haben, wir emittieren nur 1 kg. Auch bei Scope 3, also den indirekten Emissionen innerhalb der Wertschöpfungskette, liegen wir unter den Benchmarks. Ich habe in den vergangenen drei Jahren auch für 27 externe Betriebe Treibhausgasbilanzen erstellt und festgestellt, dass unser Abdruck meist weitaus besser ist. Das gilt ebenfalls in Bezug auf andere Nachhaltigkeits-KPIs.
Anna + Fabian Wiesler
Anna Wiesler ist Juniorchefin des Seehotels Wiesler. Der Familienbetrieb wird in zweiter und dritter Generation geführt. Wiesler ist ausgebildete Hotelkauffrau, hat den Bachelor „Unternehmensführung in Tourismus- und Freizeitwirtschaft“ studiert und ist unter anderem Mitglied im Expertenrat Nachhaltigkeit des Fachverbands HSMA.
Fabian Wiesler verantwortet im Seehotel Wiesler den Bereich Technik und betreut die Querschnittaufgabe Nachhaltigkeit. Parallel führt er die Energieberatung Isele Sustainegy, die für externe Unternehmen tätig ist. Er ist außerdem Nachhaltigkeits-Beauftragter des Hochschwarzwald-Tourismus und hat die Leitung Nachhaltige Entwicklung beim Sentinel Haus Institut inne. Wiesler verfügt unter anderem über einen Master of Science in Nachhaltigkeit.
Anna Wiesler: Die CO2-Bilanzierung hat uns weiter inspiriert, man lernt sein Unternehmen nochmals besser kennen und entdeckt neue Stellschrauben. Wir haben uns im Zuge dessen natürlich auch gefragt, ob wir die bis dato unvermeidbaren Emissionen kompensieren und uns als klimaneutrales Unternehmen positionieren wollen. Doch als energieintensives Wellnesshotel wäre es aus unserer Sicht das falsche Signal gewesen. Unser Ziel lautet daher, bis 2025 fossilfrei energieautark zu werden. Wie viel Energie wir verbrauchen und – unter anderem über unsere
60 kWp-Photovoltaik-Anlage – selbst produzieren, lässt sich valide messen. Wenn in Kürze unser zweites Blockheizkraftwerk und ein Speicher in Betrieb sind, wird unser Autarkiegrad bereits bei mehr als 90 Prozent liegen. Schon zuletzt waren wir sehr gelassen in Bezug auf Energiekrisen.
Ganz aktuell haben wir auch eine Energiezentrale eingeweiht, mit der alle unsere Energieerzeuger und -verbraucher effizient im Verbund betrieben werden. Überdies haben wir Richtfest unseres Neubaus „Inara Suites“ gefeiert, der im Herbst mit vier neuen Suites bezugsfertig sein soll und bei dem wir uns bis hin zur Gebäudehülle mit der Kreislauffähigkeit auseinandergesetzt haben. Zu unseren Meilensteinen gehört außerdem die Gründung des Vereins Naturparkwirte. Zusammen mit anderen Gastwirten und Hoteliers im Naturpark Südschwarzwald garantieren wir die Verwendung regionaler Lebensmittel, was nicht nur die Wertschöpfung vor Ort stärkt, sondern sich ebenfalls positiv in puncto Nachhaltigkeit auswirkt.
Fabian Wiesler: Wir sehen uns also fernab von Greenwashing. Und falls wir unsere Kommunikation verändern müssten, würden wir es frühzeitig wissen, denn wir verfolgen sehr intensiv, was regulatorisch passiert. Ich empfehle jedem, sich die Rahmenwerke selbst durchzulesen. Das ist zwar mitunter trockener Stoff, inspiriert aber auch. Wir sind überzeugt von unserem nachhaltigen Weg, auch wenn wir uns mitunter natürlich auch über den bürokratischen Aufwand aufregen.
Welche neuen Regularien sollten Hoteliers denn konkret in den Blick nehmen?
Ulrike Stöckle: Rund 50 aktuelle Direktiven betreffen die Nachhaltigkeit. Mit Fokus auf die Kommunikation ist die „Directive on Empowering Consumers for the Green Transition (EmpCo-RL)“ zu erwähnen, die das EU-Parlament am 17. Januar genehmigt hat. Diese muss nun in nationales Recht umgesetzt werden. In Deutschland wird wahrscheinlich gegen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres das Gesetz gegen unlautere Geschäftsbedingungen (UWG) angepasst, das auch heute schon Irreführung untersagt. Die Green Claims Directive wird die EmpCo-RL dann weiter ergänzen, ein entsprechender Vorschlag wurde am 12. März vom EU-Parlament beschlossen. Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern und maximal zwei Millionen Euro Jahresumsatz fallen nicht unter die Regelungen, haben aber natürlich ebenfalls einen Ruf zu verlieren.
Unbedingt beachten sollte die Hotellerie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), mit der ab 2025 die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung eingeführt wird. Hotelbetriebe mit mehr als 250 Mitarbeitern oder 55 Millionen Euro Bilanzsumme müssen dann sehr umfassende Daten zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen erheben und darüber berichten. Indirekt sind aber immer auch die kleineren Betriebe betroffen, denn es werden auch Lieferketten abgefragt.
Ulrike Stöckle
Die Expertin ist geschäftsführende Inhaberin der Agentur für nachhaltige Kommunikation mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Nachhaltigkeitsberatung. Zusammen mit ihrem Team begleitet sie Unternehmen durch den kompletten Transformationsprozess. An der eigenen Akademie werden unter anderem CSR-Manager ausgebildet. Ulrike Stöckle hat Nachhaltigkeitsmanagement und Umweltökonomie studiert und zudem einen Master in Kultur-BWL. Die Unternehmerin ist Mitglied der EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group), die der Europäischen Kommission zuarbeitet.
Anna Wiesler: Ich bin im HSMA-Expertenkreis Nachhaltigkeit. Dort ist das gerade ein Riesenthema. Angebote für Tagungen beispielsweise müssen jetzt immer häufiger den CO2-Fußabdruck und weitere Nachhaltigkeitsstandards ausweisen, sonst wird nicht gebucht. Bei Dienstreisen der Bundesverwaltung oder großer Unternehmen ist es ähnlich.
Was empfehlen Sie Hoteliers: Wie sollten sie ihre Nachhaltigkeitskommunikation anpassen?
Ulrike Stöckle: Ein Werbespruch, den ich voll und ganz teile, lautet: Practise what you preach. Man sollte also erst seine Hausaufgaben machen und ein solides Fundament schaffen, bevor man auf den Punkt gebracht in die Kommunikation geht. Und das nicht nur mit Blick auf die Gesetzgebung. Der informierte Gast merkt heute sofort, ob das Engagement ernsthaft ist. Es führt ohnehin kein Weg daran vorbei, künftig anders mit Ressourcen umzugehen. Der Druck steigt und es wird einen Dominostein-Effekt geben. Man muss das Thema ganzheitlich Schritt für Schritt angehen, beginnend mit der Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie. Ein hilfreiches kostenloses Tool ist an dieser Stelle übrigens der Deutsche Nachhaltigkeitskodex. Damit arbeiten wir viel. Was die Kommunikation betrifft, so rate ich Hoteliers bei aller Nachhaltigkeitsorientierung auch dazu, ihr Grundbusiness nicht aus den Augen verlieren.
Anna Wiesler: Wir sehen die Nachhaltigkeit als die Kirsche auf der Schwarzwälder Kirschtorte. Eine Kirsche übrigens, die sich entgegen weit verbreiteter Klischees wirtschaftlich rechnet. Aber zunächst muss die Torte schmecken, das gelingt uns mit tollen Wellness-Bereichen, der Seelage, guter Küche und unserem stimmigen Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Gäste sind im Urlaub. Wir agieren daher nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern geben ein positives Gefühl. Wenn man weiß, dass der Pool mit Solarthermie und durch die Hackschnitzelheizung beheizt wird, schwimmt es sich mit gutem Gewissen. Wer sich für Nachhaltigkeit interessiert, findet überall im Haus, aber auch auf der Website Informationen dazu.
Fabian Wiesler: Dabei sind wir bewusst seit jeher nicht auf dem plakativen Weg, sondern lassen lieber unsere Taten sprechen.

