Interview zu Reinigung im Betrieb„Unsere Welt besteht aus Mikroorganismen“

Dr. Thomas Schnell ist seit 2006 geschäftsführender Gesellschafter im Unternehmen. (Bild: Heider Sawall)

Dr. Thomas Schnell, seit 2006 geschäftsführender Gesellschafter der Firma Dr. Schnell, über (fast) grenzenlose Nachhaltigkeit, Lotuseffekte und die logische Konsequenz der Erdanziehungskraft.

Hotel+Technik: Herr Schnell, in der Hotellerie soll Reinigung nachhaltig und nachhaltig sauber sein. Wie werden Sie diesen Ansprüchen gerecht?

Thomas Schnell: Wir leben Nachhaltigkeit als ganzheitlichen Ansatz – über den gesamten innerbetrieblichen Prozess von den Rohstoffen über die Nutzung regenerativer Energien und die Produktion bis hin zu Transport, Anwendung, Abfallbeseitigung und Training. So lässt sich beispielsweise mit unseren Nachfüllbeuteln 95 Prozent des Plastikmüllvolumens einsparen. Unseren Strom produzieren wir über Photovoltaik. Zudem bieten wir in allen wesentlichen Sortimentsbereichen mit Eco- und DAAB-Label zertifizierte Produkte. Und seit März 2018 verwenden wir bei der Ecoline Flaschen aus hochwertigem Recycling-Kunststoff. Entscheidend für den nachhaltigen Einsatz ist auch die einfache und wirtschaftliche Dosierung und Handhabung der Produkte. Ein gutes Beispiel ist unser ‚iSystem‘: Die Anwender halten ihre Flasche vor die RFID-Kennung und schon wird das Produkt exakt in der richtigen Dosierung eingefüllt. Eine Über- oder Unterdosierung ist damit ausgeschlossen.

Hat Nachhaltigkeit bei einem Chemieunternehmen ihre Grenzen?

Praktisch keine. Wir entwickeln mit unserem eigenen Forschungs- und Entwicklungsteam die Produkte kontinuierlich weiter. Da ist noch viel Spielraum, den wir weiter nutzen werden. Limitierende Faktoren kommen eher von außen, zum Beispiel wenn es noch nicht genügend Rohstoffe für Recycling-Kunststoff gibt. Oder wenn Kunden zwar Eco-Produkte grundsätzlich befürworten, aber dennoch vorerst noch auf herkömmliche Mittel zugreifen.

Gibt es einen direkten Austausch mit den Hoteliers und wie beeinflusst das Ihre Produktentwicklung?

Ja, wir sind in einem sehr engen Austausch mit den Hoteliers und den Küchenchefs, auch im Rahmen des Wettbewerbs ‚Hote­lier des Jahres‘ oder bei der ‚Housekeeping Convention‘. Aus dieser Nähe zum Kunden entstehen genau die Ideen und Reinigungsmittel, die auf den jeweiligen Bedarf zugeschnitten sind. Ein Beispiel: Ein Hote­lier wollte die Flächen seines Hotelschwimmbades so reinigen, dass starke mineralische Verschmutzungen in kürzester Zeit entfernt werden können. So ist das Produkt ‚Milifix Ultra‘ entstanden.

Im Bereich Armaturen und Oberflächen kommen immer neue Materialien auf den Markt. Wie stellen Sie sich darauf ein?

Zwei Trends sind erkennbar: Zum einen arbeiten Designer bei der Gestaltung von Hotelzimmern immer futuristischer – so werden Flächen heller, mit viel Weiß und Beige, Marmor wird öfter verbaut. Dies stellt noch einmal höhere Anforderungen an die Reinigung. Zum anderen werden bekannte Materialien zunehmend in neuer Umgebung platziert, wie Glas am Waschtisch. Chrom wird in der Schichtdicke immer weiter optimiert und auf nahezu allen Untergrundmaterialien appliziert, so dass es hier durchaus zu Spannungsrissen kommen kann. Darauf passen wir dann die Verfahrenstechnik der Reinigung an.So wird beispielsweise unser Sanitärreiniger Milizid bei bestimmten Anwendungen nicht mehr direkt aufgetragen, sondern über ein Tuch.

Und wie eng ist die Zusammenarbeit mit den Herstellern?

Unsere Zusammenarbeit mit den Herstellern der Materialien, den Duschkabinen- und Geräteherstellern ist sehr eng – sie schicken uns zum Beispiel Einzelteile als Muster und wir testen diese umfänglich in unserem Forschungs- und Entwicklungslabor. In Abstimmung mit den Herstellern geben wir Reinigungsempfehlungen.

Wie haben sich die Herausforderungen an das Housekeeping im Laufe der Jahre verändert?

Reinigungskräften wird aufgrund des Einsatzes von neuen Verfahrenstechniken weniger Zeit eingeräumt, dazu kommt der Personalmangel. Gleichzeitig sind die Ansprüche an die Reinigung gestiegen. Unsere Antwort darauf sind strukturierte Weiterbildungen und Schulungen, in denen wir mit den Reinigungskräften standardisierte Abläufe einüben. Hinzu kommen digitale Lösungen wie unser ‚Service Cockpit‘, hilfreiche Apps und Webinare.

Das Thema Reinigung ist in vielen Hotels outgesourct. Woran erkenne ich als Hotelier, ob mein Reinigungsdienst gute Arbeit leistet?

Fällt einem Gast etwas negativ auf, findet sich das auf den Beurteilungsplattformen für Hotels wieder. Natürlich checkt die leitende Hausdame regelmäßig die Zimmer. Sollte eine Nachreinigung erforderlich sein, gibt es Gesprächsbedarf mit dem Dienstleister. Zusätzlich führen wir für unsere Kunden auch Tests auf Mikroorganismen in der Toilette durch – auch da sieht man sofort, ob und wie präzise gearbeitet wurde. Zudem bieten wir Kunden das Qualitätssicherungstool für operative Prozesse ‚Hugo‘ – Hygiene und Go – an. Diese App digitalisiert operative Prozesse und garantiert eine lückenlose Dokumentation.

Was spricht Ihrer Meinung nach für oder gegen das Outsourcen der Reinigung beziehungsweise des Housekeepings?

Diese Frage erfordert je Hotel eine sehr individuelle Antwort. Für das Outsourcing der Reinigung spricht die höhere Flexibilität: Der externe Dienstleister kann je nach Auslastung des Hotels eingesetzt werden. Ein Nachteil des Outsourcings kann darin liegen, dass oft ungelerntes Personal eingesetzt wird und es häufiger zu Personalwechseln kommt. Manchmal sind externe Reinigungskräfte schwieriger in das ‚Wir-Gefühl‘ eines Hotels miteinzubeziehen – mit eigenen Leuten ist es einfacher, eigene Qualitätsmaßstäbe zu setzen. Allerdings hat es eine leitende Hausdame mit ihrem Fingerspitzengefühl in der Hand, auch externe Mitarbeiter lange ans Haus zu binden.

Wie unterstützen Sie Hoteliers bei der Schulung des Personals im Umgang mit Ihren Produkten?

Vor Ort beim Kunden und in unserer ‚Alegria‘-Fachakademie in München und Hamburg bieten wir unterschiedlichste Schulungen und Praxis-Workshops an. Im Vorfeld erarbeiten wir mit dem Kunden die für ihn optimal passenden Produkte, oft können wir dabei die Anzahl der eingesetzten Produkte deutlich reduzieren. In den Schulungen gehen wir auf die neuen Produkte ein, auf deren Dosierung und korrekte Anwendung.

Gibt es dabei sprachliche Hürden und wie helfen Sie, diese zu meistern?

Für Reinigungskräfte bieten wir Praxisworkshops nach dem Prinzip ‚Training on the Job‘: Das heißt vormachen und nachmachen, dies verstehen auch MitarbeiterInnen mit geringen Deutschkenntnissen sofort. Die Sprachbarriere umgehen wir auch mit selbsterklärenden Anwendungsfilmen. Auf den Produktflaschen sind zudem Piktogramme angebracht, die sofort verstanden werden.

Blick in die Zukunft: Viele Hersteller werben mit Produktneuheiten, die das Reinigen im Hotel angeblich einfacher und vielleicht irgendwann überflüssig machen. Was sagen Sie dazu?

Solange es die Erdanziehung gibt, wird es auf waagerechten Flächen Schmutzablagerungen geben. Der sogenannte Lotus-effekt an senkrechten Flächen entlastet nur ein Stück weit, denn unten sammelt sich dann der Schmutz. Zudem dominieren Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilze die Welt. Dafür wird es immer Mechanik und das passende Produkt brauchen sowie das Nachspülen mit klarem Wasser. Produkte können dabei helfen, doch das Reinigen mit menschlicher Arbeitskraft werden sie nicht ersetzen.

Interview: Isabell Schreml