Michael Lidl, geschäftsführender Partner der Treugast Solutions Group, im Top hotel-Interview: Die sich abzeichnenden Überkapazitäten in den Städten waren ebenso Thema wie die längst nicht ausgeschöpften Potenziale bei der Digitalisierung sowie mögliche neue Konzepte, um sich beim steigenden Sicherheitsbedarf der Gäste zu profilieren.
Tophotel: Laut aktuellem Investment Ranking ist die Grundstimmung in der Branche gut, erreicht aber nicht das Niveau von 2016. Welche Ursachen sehen Sie hierfür?
Michael Lidl: In den A-Destinationen wächst das Angebot in den kommenden fünf Jahren um 20 bis 30 Prozent. Wenn man dies mit der Nachfrageentwicklung der vergangenen Jahre ins Verhältnis setzt, stellt man sehr schnell fest, dass demnächst das Angebot seit langer Zeit einmal wieder die Nachfrage übersteigen wird. Das wird dafür sorgen, dass die derzeit hohe Auslastung in den Städten in den nächsten Jahren tendenziell leicht rückläufig sein wird. Das senkt nachvollziehbarerweise die Euphorie, wobei B- und C-Standorte weiterhin gut performen und auch gut bewertet werden.
Tophotel: Positive Meldungen gab es zuletzt aus den Ferienregionen.
Lidl: Richtig. Dies ist unseren Erhebungen zufolge das einzige Segment, wo kein einziger Marktteilnehmer eine rückläufige Marktentwicklung sieht. Die politische Lage spielt hierbei ebenso eine wichtige Rolle wie die Tatsache, dass die Ferienhotellerie nach wie vor unterschätzt wird. In den Städten werden die Margen enger, da Pachten und Immobilienpreise steigen. An Nord- und Ostsee sowie in der Alpenregion sieht es anders aus, da es hier kaum große Player gibt, die den Markt bearbeiten – weder auf Finanzierungs- noch auf Betreiberseite.
Tophotel: Durch das kontinuierliche Wachstum in den Städten stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Konsolidierung des Marktes.
Lidl: Absolute Zahlen gibt es hierzu nicht, offensichtlich ist aber, dass Gesellschaften wie Novum oder Centro sich darauf spezialisiert haben, Privathotels eine Nachfolgeoption zu geben. Dieses Modell sorgt derzeit bei vielen Hoteliers für reges Interesse.
Tophotel: Die Kosten steigen auf Betreiberseite kontinuierlich weiter, da wäre es doch nur konsequent, dass auch die Raten erhöht werden. Welche Beobachtungen machen Sie diesbezüglich?
Lidl: Die Zimmerpreise werden in der Tat von Jahr zu Jahr erhöht, aber nach wie vor nicht hoch genug – vor allem im internationalen Vergleich. Stattdessen setzen sich mehr und mehr Limited Service-Konzepte mit einem äußerst effizienten Betriebsmodus durch. Hier ist aktuell mehr Aktivität zu verzeichnen als auf der Umsatzseite.
Tophotel: Der stark fragmentierte Hotelmarkt dürfte ebenfalls seinen Anteil haben, dass es bei der Ratenpolitik so wenig Bewegung gibt.
Lidl: Mit Sicherheit. Wenn man beispielsweise Premier Inn betrachtet, die im UK mit einem Brand rund acht Prozent des Bettenangebots abdecken und dagegen den mit Abstand größten deutschen Player Accorhotels stellt, der mit allen Marken und Franchisebetrieben noch nicht einmal vier Prozent auf sich vereint, erkennt man sehr schnell, wie kleinteilig der deutsche Markt aufgestellt ist. Gemeinschaftliches Handeln ist nicht zu erwarten, vielmehr kommen hier die Regeln des Marktes zum Tragen. Unterschätzen darf man in diesem Kontext nicht, dass Deutschland in vielen Immobilienaspekten ein niedrigeres Preisniveau wie das europäische Ausland hat – hierzu muss man sich nur die Mietpreise in London oder Paris zur Betrachtung heranziehen.
Tophotel: 25hours ist im aktuellen Investment Ranking auf AA hochgestuft worden. Inwieweit macht sich der 30-prozentige Anteilsverkauf Accorhotels bemerkbar?
Lidl: Von dem Deal wussten wir bereits Mitte des vergangenen Jahres, wir haben die Partnerschaft allerdings zunächst kritisch beobachtet. 25hours lebt von ihrer Individualität und Souveränität – und da gab es durch den Accor-Einstieg natürlich Bedenken, dass man eben diese Eigenschaften verliert. Ein Jahr später sieht man, dass es überhaupt keine Anzeichen einer Vereinnahmung seitens der Franzosen gibt. Im Gegenteil: Die Chance, mit Accorhotels im Rücken bei internationalen Investoren Gehör zu finden, wird von 25hours genutzt. Gleichzeitig haben sie die neuen finanziellen Möglichkeiten eingesetzt, um die Gesellschaft zu professionalisieren. Deshalb kann man heute mit Fug und Recht sagen, dass 25hours nicht nur über ein gutes Lifestyle-Bechmark-Konzept verfügt, sondern auch eine exzellent aufgestellte Hotelgesellschaft ist.
Tophotel: Das Thema Lifestyle ist derzeit omnipräsent bei den Hotelentwicklern. Was kommt da noch auf uns zu?
Lidl: Ich hoffe mehr Diversifizierung, schließlich geht es beim Lifestyle um verschiedene Lebensstilgruppen. Bis dato steht fast ausschließlich der Hipster im Fokus, der extrem lässig ist und es akzeptiert, in einem unbequemen Sessel zu sitzen, nur weil dieser auf den ersten Blick cool wirkt. Es gibt aber noch so viel mehr – beispielsweise die klassischen Spießer oder die urbanen Nomaden. Da sich bis jetzt viele Hoteliers auf wenige Stilgruppen konzentrieren, gibt es noch Potenzial, sich mit anderen Strömungen zu profilieren. Ob nun für Nostalgiker oder Gamer – es ist vieles möglich.
Tophotel: Thema Digitalisierung: Die Treugast erkennt ein hohes Potential, durch automatisierte Prozesse echte Kosten-Nutzen-Vorteile zu erarbeiten. Dieses Potenzial wird Ihres Erachtens von den meisten Gesellschaften bislang jedoch kaum genutzt. Was können / müssen die Manager besser machen?
Lidl: Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass man sein Konzept von Grund auf aufbaut. Beispiel: Wenn ich kein High-Speed-Internet in meinen Häusern habe, brauche ich mit der Digitalisierung gar nicht erst anfangen. Man muss bereits vor dem Start sehr viel Zeit, Know-how und Konsequenz investieren, um in der Folge erfolgreich arbeiten zu können. Hier sind Newcomer oder Start-ups im Vorteil, da sie die Prozesse am Reißbrett detailliert planen können. Etablierte Hotelgesellschaften tendieren hingegen dazu, zunächst einmal abzuwarten.
Tophotel: Für bestehende Gruppen wächst dadurch die Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Gleichzeitig wird gerade von diesen Hoteliers immer noch gerne das Negativszenario heraufbeschworen, dass der Rezeptionist der Digitalisierung zum Opfer fällt.
Lidl: Die Digitalisierung ist kein Ersatz für die klassische Hotellerie, sondern eine Erweiterung. Es wird künftig Hotels geben, in denen die Gäste den kompletten Leistungserstellungsprozess über ihre Smartphone selber steuern. Dadurch werden langfristig in manchen Hotelkonzepten die Mitarbeiter am Empfang ersetzt werden. Darüber hinaus wird die Digitalisierung vielfältige Möglichkeiten aufzeigen, um den Luxus im Hotel neu zu definieren.
Tophotel: Welchen weiteren Megatrend sehen Sie in den kommenden Jahren auf die Hotellerie zukommen?
Lidl: Durch die Attentate und Anschläge in den vergangenen Monaten und Jahren wird das Thema Sicherheit künftig stärker in den Vordergrund treten. Welche Auswirkungen dies auf die Branche haben wird und welche Konzepte entwickelt werden, um einen Hotelbetrieb zu profilieren und vom Wettbewerb abzuheben, werden wir in nächster Zeit beobachten. Je nachdem wie sich die weltpolitische Lage mittelfristig entwickelt, kann es durchaus sein, dass Gäste für ein höheres Maß an Sicherheit bereit sind, mehr Geld auszugeben. Auf diese Weise entstünde ein neuer Markt.