Interior-Designer Andreas Neudahm im #Monotalk zum Thema Kreativität"Die Raumwahrnehmung hat sich verändert."

Andreas Neudahm verbindet in seiner Arbeit als Interior- Designer für Hotelprojekte Funktionalität, Design und Ästhetik. Er sieht die Coronakrise als Chance für eine Rückkehr zum bewussteren Reisen und einer intensiveren Raumwahrnehmung. (Bild: Neudahm Design)

Hoteldesigner Andreas Neudahm arbeitet europaweit zeitgleich an rund 15 Hotelprojekten. Im Tophotel-Monotalk sprachen wir mit dem kreativen Gestalter darüber, wie sich das Reisen und die Raumgestaltung durch die Coronakrise verändern werden, woher er seine ­Inspiration nimmt und wie er es schafft, eine stets neu inszenierte, spektakuläre Bühne zu kreieren. Außerdem verrät der Wuppertaler, was Hoteliers bei der Raumgestaltung beachten sollten und warum Trends mit Vorsicht zu genießen sind.

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Tophotel: Herr Neudahm, Sie sind Interior Designer und haben unter anderem auch eine abgeschlos­sene Ausbildung zum Möbeltischler und -restaurateur – wussten Sie schon immer, dass Sie beruflich etwas Kreatives machen wollen?

Bereits seit mehreren Jahren setzt Interior-Designer Andreas Neudahm in seinen Hotelprojekten die Open Lobby um. Dies erweist sich nun als zukunftsweisendes Konzept: großzügige Räume mit Rückzugsmöglichkeiten und kleinen Separees, die Abstand und Distanz ermöglichen und gleichzeitig gemütlich sind. (Bild: Neudahm Design)

Andreas Neudahm: Die Raumgestaltung, bei der Funktionalität, Design und Ästhetik optimal und harmonisch miteinander verbunden werden, übte schon früh eine große Faszination auf mich aus. Ich betrete Räume, spüre sie und erkenne ihr Potenzial. Bei der tatsächlichen Planung und Umsetzung hilft mir der handwerkliche Teil meiner Ausbildung sehr – ich bin dankbar, dass ich diesen Schritt am Anfang meines beruflichen Werdegangs gegangen bin. Er erlaubt mir ein tiefes Fachverständnis, das in meine Entwürfe mit einfließt. Am stärksten entfaltet sich meine Kreativität bei der Gestaltung kleiner Räume. Denn hier besteht fast immer die Herausforderung, Funktionalität mit einem warmen, behaglichen Ambiente in Einklang zu bringen.

Glauben Sie, dass Kreativität erlernbar beziehungsweise förderbar ist? Wenn ja, wie?

Kreativität muss ein Teil der Veranlagung sein, man kann sie nicht wirklich erlernen. Allerdings denke ich, dass sie förderbar ist, beispielsweise wenn Kinder frühzeitig an schöne und harmonische Dinge herangeführt werden. Im Interior Design steht ein Zusammenspiel von Kreativität und Technik, die sich wiederum erlernen lässt, im Fokus. Das feine Gespür für einen Raum, das Gefühl und Harmonie-Empfinden für die Kombination aus Materialien und Farben kann man nicht nur studieren, es bedarf einer kreativen Ader.

Wie viele Designprojekte haben Sie im Schnitt in der Pipeline und an welchen Orten?

Ich arbeite meist parallel an ungefähr 15 Hotelprojekten, die sich im Bau beziehungsweise in der Umsetzung befinden. Von diesen werden etwa sieben bis acht pro Jahr eröffnet. Mindestens zehn weitere Projekte sind daneben stets in der Entwicklung – hier dienen unsere Pläne als Basis für Verträge. Die Projekte sind in ganz Europa verteilt, derzeit arbeite ich verstärkt in den Niederlanden, in Spanien und in Italien. Aber auch am deutschen Markt werden einige Projekte von uns zeitnah eröffnet werden.

Wie reiseintensiv ist Ihre Tätigkeit?

Reisen ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit. Ich muss vor Ort sein, um Räume zu fühlen und konzipieren zu können. Die Wahrnehmung eines Raumes mit allen Sinnen – die Optik, Akustik, Haptik, selbst der Geruch –, das Erspüren der Umgebung und des Lebensgefühls vor Ort, all das kann ein virtueller Rundgang niemals ersetzen. Ich muss zum Gast werden, um für diesen auch etwas gestalten zu können. Daher bin ich fast täglich in ganz Europa unterwegs.

“Meine Reisen erfordern jetzt wesentlich mehr Aufwand und Planung.”
Andreas Neudahm

Sie sprachen gerade schon den ‘virtuellen Rundgang’ an: Wie sehr hat sich Ihr Arbeitsalltag in Zeiten von Corona verändert, und wie nimmt diese Situation Einfluss auf Ihren kreativen Prozess?

Mein Arbeitsalltag hat sich natürlich vor allem in Bezug auf die Mobilität verändert. Ich kann nicht mehr so mühelos, schnell und uneingeschränkt bei Projekten vor Ort sein, wie es sonst in Europa möglich war. Meine Reisen erfordern jetzt wesentlich mehr Aufwand und Planung, daher muss ich häufiger auf das Auto umsteigen und auf die mir zur Verfügung gestellten Inlandsflüge. Dies führt dazu, dass einzelne Projekte deutlich mehr Zeit kosten und ich anders planen muss. Dieser Prozess wird meiner Ansicht nach noch lange anhalten – Reisen wird mehr Zeit kosten und umständlicher bleiben.

Geistesblitze entstehen eher abseits der gewohnten Denkwege. Wo finden Sie Inspiration?

Das Beobachten von Menschen an unterschiedlichen ­Orten ist eine meiner größten Inspirationsquellen. Im Zentrum steht dabei für mich immer die Frage, wie Menschen mit einem Ort leben und ihre Kultur gestalten, sich im Kosmos einer Stadt bewegen. Denn: Ich gestalte Räume für Menschen. Dabei spielen feine Details eine Rolle, wie zum Beispiel: Wie gehen Menschen ihrer Freizeitgestaltung nach? Wie machen sie Sport? Wie bewegen sie sich fort? Die Wahrnehmung dieser Details lässt mich einen Ort spüren. Es ist spannend zu beobachten, was sich hier verändert hat und künftig noch verändern wird. Die Menschen lernen in der aktuellen Zeit, Abstand zu halten, fokussierter zu leben, Alternativen zu schaffen und gleichzeitig bewusster wahrzunehmen. Die ständige Veränderung unserer Gesellschaft, die gerade neue Formen annimmt, ist wahnsinnig inspirierend.

Welche Rolle spielt das Umfeld für die Freisetzung kreativer Energie?

Eine sehr große. Dabei sehe ich das Umfeld als etwas, das man selbst gestaltet und beeinflusst. Der eigene Lebenswandel wirkt stark auf das Umfeld und dieses dann wieder auf einen selbst, sozusagen als energetische Wechselwirkung. Daher steht im Fokus jedes langfristigen Erfolgs die Auseinandersetzung mit sich selbst.

Woraus schöpfen Sie selbst die Kraft für Ihre Arbeit?

Für mich persönlich ist eine bewusste Lebensweise entscheidend für meine Kreativität. Meine Laufschuhe sind immer mit im Gepäck, und ich suche mir an jedem Ort die grünsten Strecken, um der Natur nah zu sein. Ich ernähre mich seit Jahren vegetarisch, trinke kaum Alkohol und Kaffee. Das Bewusstsein ist eine Lebenseinstellung, die die Kreativität fördert. Ein nicht bewusst lebender Mensch kann niemals sein volles gestalterisches Potenzial ausschöpfen, da ihm das Feingefühl, das intuitive Gespür verborgen bleibt.

Wenn Sie Hotelgast sind, welche Inspiration soll Ihnen das Hotel bieten?

Meine Kolleginnen und Kollegen bringen mich immer wieder zum Staunen – das schätze ich sehr. Was es für Möglichkeiten gibt, wie sich Interior Designer immer wieder neu erfinden, das zu erleben finde ich spannend. Manche sind beispielsweise risikofreudiger als ich und realisieren Ideen, die ich verwerfe. Wenn ich die Umsetzung dann live erlebe, bringt das immer wieder neue Inspiration.

“Die Lebensweise der jungen Generationen prägen das Hoteldesign bereits heute.”

Welche gesellschaftlichen Trends beeinflussen künftig das Hoteldesign, und welche Auswirkungen wird die Corona-Pandemie auf die Raumgestaltung haben?

Die Vorstellungen und die Lebensweise der jungen Generationen prägen das Hoteldesign bereits heute und werden eine immer größere Rolle spielen. Das Hotel wird für die digitalen Nomaden mehr zur Arbeitsstätte auf Zeit, soll gleichzeitig aber den Ansprüchen einer individuellen Freizeitgestaltung genügen und wird noch mehr zum Treffpunkt werden. In der digitalen Welt nimmt der persönliche Austausch eine besondere Stellung ein.

Im Moment kristallisiert sich heraus, welch hohe Bedeutung der persönliche Kontakt hat, das Gefühl, ‘unter Menschen’ zu sein. Die Funktion der persönlichen Kommunikation, die in einem Hotel stattfindet, wird zu einem wichtigen Aspekt des Designs. Gleichzeitig tritt das Raumgefühl noch stärker in den Fokus und wird künftig noch mehr über den Erfolg eines Hauses entscheiden. Die momentane Einschränkung der Bewegungsfreiheit sorgt automatisch dafür, dass Räume und Orte viel aktiver ausgefüllt und erlebt werden. Während die eigene Wohnung für viele lediglich als Schlafplatz zwischen Büro und Freizeitaktivitäten diente, steht sie derzeit im Mittelpunkt des eigenen Seins. Durch die begrenzte Anzahl an Räumen, die derzeit erlebt wird, entwickeln die Menschen ein ganz neues Gespür für die Gestaltung, eine neue Raumwahrnehmung.

Auch bei Spaziergängen oder beim Sport entdeckt man vieles was bisher durch Unachtsamkeit im Verborgenen geblieben ist. Nach der Coronakrise werden Menschen dieses Gefühl hoffentlich mitnehmen und bewusster sowie mit viel mehr Detailverständnis in Räume eintauchen – ­daher steigt der Anspruch an die Gestaltung.

Daneben werden für Hotels die Themen Abstand und Sicherheit künftig natürlich eine noch größere Rolle spielen. Mit der Open Lobby, die ich seit Jahren in allen Projekten umsetze, habe ich bereits ein zukunftsweisendes Konzept geschaffen: großzügige Räume mit Rückzugsmöglichkeiten und kleinen Separees, die Abstand und Distanz ermöglichen und gleichzeitig gemütlich sind. Auch bei der Wahl der Oberflächen wird ein neuer Standard geschaffen, den ich bereits umsetze – leicht zu reinigen, ohne dabei clean und kalt zu wirken.

“Ich sehe Projekte in dieser Reihenfolge: Funktionalität, Design, Ästhetik.”

Wo liegt bei der Gestaltung von Hotels die Herausforderung zwischen Ästhetik, Design und Funktionalität?

Ich sehe die Kette genau andersherum. Am Anfang steht die Funktionalität, dann das Design und zuletzt die Ästhetik. In dieser Reihenfolge gehe ich Projekte an. Der funktionelle Anspruch ist die Basis – ich würde nie etwas designen, das keine Funktion hat, sonst ist es daneben­designt. Das Design eines Hotels betrifft nicht nur das Erscheinungsbild. Design bedeutet, ein Hotel zum Funktionieren zu bringen. Design ist ein kreativer Denkprozess, das Lösen eines Problems.

Nicht jedes Hotel leistet sich einen Interior­-Designer. Welche Tipps können Sie Hoteliers für Gestaltungsprozesse mitgeben?

Ein Hotelier sollte immer seine Gästeklientel im Kopf haben und sich nicht persönlich verwirklichen. Am Anfang stehen wichtige Fragen, die man sich stellen sollte: Was will ich verändern? Will ich einen anderen Gast oder meiner bestehenden Zielgruppe etwas Neues bieten? Was soll der Eingriff bewirken? Ohne klare Zielsetzung kann ein Gestaltungsprozess nicht effizient verlaufen. Trends können zwar erst einmal verlockend wirken, allerdings sind diese so schnelllebig, dass heute vieles wieder ‘out’ ist, was gestern noch ‘in’ war. Stattdessen sollten Hoteliers sich an einer allgemeinen Bewegung orientieren und an generellen Strömungen in der Serviced Hospitality.

Wie steht Kreativität zu künstlichen Intelligenzen oder automatisierten Prozessen?

Hier bin ich von der ‘alten Schule’. Für mich ist eine Handskizze immer noch mehr wert als der digitale Entwurf in einem Computerprogramm. Denn: Selbst Renderings und PC-Animationen können nie das abbilden, was später das Ambiente ausmacht. Die Wärme eines Raumes wird erzeugt durch das Touch-up des Interior Designers, der Stoffe und Materialien aussucht, zusammenlegt, sich auf ein Farbspiel einlässt, den Lichteinfall im Raum mit in die Gestaltung einbezieht – dieses in­tuitive Gespür kann künstliche Intelligenz nicht leisten. Ich gestalte Räume für Menschen, die diese schätzen und erleben möchten und hierfür bewusst einen Weg auf sich nehmen – raus aus der virtuellen Welt.

Interview: Nina Fiolka

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