IHA-Chef Markus Luthe im Interview"Die Politik muss dringend nachjustieren!"

IHA-Hauptgeschäftsführer Markus Luthe: "Mich haben die Solidarität der Hotellerie, das Zusammenhalten in der Krise beeindruckt und motiviert." (Bild: Hotelverband Deutschland (IHA))

Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland (IHA), ist stolz auf den Zusammenhalt und den “unbändigen Überlebenswillen” der Branche. Im Gespräch mit Tophotel betont der Diplom-Volkswirt, dass und wo im Konjunkturpaket dringend nachjustiert werden muss.

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Tophotel: Herr Luthe, Sie engagieren sich in der Coronakrise seit über drei Monaten unermüdlich für die deutsche Hotelbranche. Wie lautet Ihre Bilanz aus Verbandssicht?

Markus Luthe: Die Hotellerie beweist einen unbändigen Überlebenswillen. Sie kämpft sich nach dem Shutdown langsam aus der schwersten aller bisherigen Krisen wieder heraus, nachdem sie viel zu lange ohne konkrete Wiedereröffnungsperspektive auskommen musste. Dafür leidet sie nun unter einem föderalen Flickenteppich an Regulierungen. Aber auch dieses Chaos sollte sich in den nächsten vier Wochen wieder legen. Sorgenkinder im ‘neuen Normal’ bleiben sicherlich erst einmal die Stadt- und Tagungshotels. So lag in der ersten Juniwoche die Zimmerauslastung durchschnittlich erst wieder bei 14 Prozent.

“Sorgenkinder im ‘neuen Normal’ bleiben sicherlich erst einmal die Stadt- und Tagungshotels.”
Markus Luthe

Wie beurteilen Sie die Hilfen zum Re-Start der Hotellerie? Hat die Bundesregierung das Gastgewerbe hinreichend auf dem (Rettungs-)Schirm?

Die Kurzarbeitergeld-Regelung war wie für fast alle Branchen – auch für die Hotellerie – essenziell wichtig. Als ambivalent sind sicher die KfW-Kredite zur Liquiditätssicherung zu betrachten, denn sie haben zum einen bei Weitem nicht alle Hotels erreicht, und zum anderen könnten sie aufgrund der Branchenbesonderheiten auch in einer Schuldenfalle enden. Deshalb hätte es auch des schon vor vielen Wochen politisch versprochenen Rettungsfonds für das Gastgewerbe bedurft. Doch der blieb aus, und die Branche wurde auf das Konjunkturpaket vertröstet, aus dem die Unternehmen nun also in einigen Wochen – realistischer dürften wohl Monate sein – gedeckelte, allgemeine Überbrückungshilfen erhalten sollen. Diese werden für viele Betriebe nicht nur zu spät kommen, sie fallen mit maximal 150.000 Euro pro Unternehmen auch zu niedrig aus.

Stichwort Konjunkturpaket: Wo gibt es noch Verbesserungs- beziehungsweise Klärungsbedarf? Die Überbrückungshilfe soll ja zum Beispiel bei Überschneidung mit bereits bezahlter Soforthilfe verrechnet werden…

Die Details werden final erst nach Beratung und Beschlussfassung in Bundestag und Bundesrat feststehen, sodass wir noch auf ein Nachjustieren der Überbrückungshilfe setzen. Auf unser völliges Unverständnis stößt, dass die Bundesregierung nicht allen Hotels in Deutschland nach dem Grad der Betroffenheit helfen will. Denn die Überbrückungshilfe soll nicht pro Betriebsstätte, sondern unter Anwendung eines sogenannten Konsolidierungsgebots nur pro Unternehmen gewährt werden. Damit greift die Bundesregierung ohne Rechtfertigung und Not massiv in den Markt ein. Wir fordern, dass die Überbrückungshilfe zwingend pro Betriebsstätte gewährt werden muss! Haushalterische Erwägungen stehen dem angesichts der Deckelung und des selbst gewählten
Bazooka-Maßstabs jedenfalls nicht im Weg.

“Mich haben die Solidarität der Hotellerie, das Zusammenhalten in der Krise beeindruckt und motiviert.”
Markus Luthe

Mit Blick auf Europa: Wie sind aktuell die Voraussetzungen für einen länderübergreifenden Tourismus?

Mit dem 15. Juni wurden die Reisewarnungen bis auf wenige Ausnahmen in Europa wieder aufgehoben und die Grenzen im Schengen-Raum wieder geöffnet. Wir gehen aber davon aus, dass es unter den spezifischen Hygiene- und Schutzauflagen der Verkehrsträger noch eine Weile dauern wird, bis selbst die europäische Reisetätigkeit trotz wiedererlangter Reisefreiheit auch faktisch wieder an das Vor-Corona-Niveau anknüpfen kann. Gemeinsam mit unserem europäischen Dachverband HOTREC setzen wir uns dafür ein, dass die Hygiene- und Sicherheitsauflagen innerhalb der Europäischen Union trotz der komplexen Zuständigkeiten möglichst weitgehend harmonisiert werden. Ansonsten stünde letztlich wieder die Reisefreiheit zur Disposition, oder es drohen Wettbewerbsverzerrungen im Binnenmarkt.

In einem Satz: Welche Erfahrungen haben Sie während der letzten Wochen persönlich gestärkt?

Mich haben die Solidarität der Hotellerie, das Zusammenhalten in der Krise beeindruckt und motiviert.

Wo hat sich die Hotelbranche in der Krise aus Ihrer Sicht besonders anpassungsfähig gezeigt?

Aus meiner Sicht hat sich die Branche in der Coronakrise auf zwei Gebieten als besonders anpassungsfähig bewährt: Das ist zum einen die Aufrechterhaltung des außergewöhnlichen Teamspirits auch auf Distanz und unter den erheblichen Einschränkungen der Kurzarbeit und zum anderen die konstruktiv-kreative Adaption der nicht immer logischen, dafür stets lästigen Hygieneregeln in den Hotel-Alltag.

Interview: Nina Fiolka


Hinweis auf Ausgabe 5/6-20 von Tophotel: Das Interview mit Markus Luthe ist eines von zahlreichen Gesprächen, die wir für die brandneue Print-Ausgabe der Tophotel geführt haben. Die Grundtendenz: Die Hospitality-Industrie stellt sich kreativ und flexibel auf die neue Normalität des Gastgeberseins ein. Außerdem unter anderem im Heft:

  • Faire Lösungen bei den Themen Pricing, Vertrieb und Human Resources
  • Wie sich das Tagungssegment durch die Coronakrise verändern könnte
  • Welche F&B-Konzepte in den Augen von Experten jetzt eine Zukunft haben
  • Die Ergebnisse des Tophotel-Fotocontests “Keep Smiling” sowie
  • Die frisch gekürten Gewinner des Tophotel Newcomer Award

 

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