HR-Profi Garry Levin im Interview"Viele spielen mit dem Gedanken eines Branchenwechsels"

Garry Levin, Gründer der Personalberatung LHC International, war selbst viele Jahre in der Fünf-Sterne-Hotellerie und Gastronomie tätig. Mitarbeiterbindung ist für ihn ebenso zentral wie die Gewinnung neuer Fach- und Führungskräfte. (Bild: LHC International)

“Zahlreiche Top-Talente in der Hotellerie spielen derzeit mit dem Gedanken eines Branchenwechsels”, sagt Garry Levin, Gründer und Inhaber der Personalberatung LHC International. Im Gespräch mit Tophotel legt er dar, wie Unternehmen einem Wechsel der Mitarbeiter durch den Aufbau starker Arbeitgebermarken entgegenwirken und ihrem Team damit Halt und Orientierung bieten können.

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Garry Levin hat 2013 die Personalberatung LHC International gegründet. Heute vermittelt ein knapp 30-köpfiges Team von Berlin und Bangkok aus Fach- und Führungskräfte in den Bereichen Hospitality, Travel Tech und Real Estate in über 25 Länder. Vor Unternehmensgründung war Levin in Fünf-Sterne-Hotels, in der Gastronomie sowie bei einer globalen Personalberatung tätig. Er studierte Hospitality Finance and Revenue Management am Glion Institute of Higher Education (Bild: LHC International)

Tophotel: Herr Levin, Sie sind Personalberater und waren zuvor selbst in der Hospitality-Industrie tätig. Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach das Personalmanagement in der Hotellerie angesichts der Coronakrise weiterentwickeln?

Garry Levin: In der Hotellerie herrscht großer Nachholbedarf beim Thema Employer Branding. Die Branche ist besonders stark von der Coronakrise betroffen und aus aktuellen Gesprächen mit grundsätzlich wechselwilligen Top-Kandidaten hören wir eine große Unsicherheit heraus. Viele spielen mit dem Gedanken eines Branchenwechsels. Somit wird sich die schon seit Jahren erschwerte Personalsuche jetzt nochmal deutlich verschärfen.

Wie kann die Branche diesen Zustand wieder entschärfen?

Wir müssen uns fragen, wie wir die Hotellerie weiterhin als attraktive Zukunftsbranche mit spannenden Karrieren positionieren können. Dabei darf der Blick nicht nur auf die Personalgewinnung gerichtet werden. Ebenso wichtig ist das Thema Mitarbeiterbindung, das beim Aufbau einer positiven Arbeitgebermarke nicht mehr – wie in der Vergangenheit oft – vernachlässigt werden darf. Die Personalmanager im Hospitality-Bereich werden dafür gezielte Strategien und Maßnahmen entwickeln und umsetzen müssen. Das muss unbedingt in einem konstruktiven Miteinander zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer passieren, andernfalls werden die Maßnahmen nicht vollumfänglich greifen. Tritt dies ein, werden sich die Fluktuationsraten nicht verringern. Das gilt es unbedingt zu vermeiden.

Sie sind mit LHC International nicht nur Dienstleister, sondern auch Arbeitgeber für rund 30 Mitarbeiter. Wie leben Sie in Ihrem Unternehmen Aspekte wie Employer Branding oder New Work?

New Work und Employer Branding spielen für mich eine zentrale Rolle. Wer heute ein Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen möchte, muss es stets weiterentwickeln und einen Arbeitsplatz bieten, der mehr als lediglich der Ort ist, an dem man Geld verdient. Mein Ziel ist es, den Mitarbeitern bei LHC International einen Arbeitsplatz zu bieten, bei dem sie sie selbst sein dürfen und sich persönlich wie beruflich weiterentwickeln können. Natürlich muss ich, genauso wie jeder andere Unternehmer auch, wirtschaftlich denken. Wir brauchen gemeinsame Ziele, die unsere Richtung festlegen und an denen wir uns orientieren. Aber es sind nicht die Zahlen, die einen Arbeitsplatz attraktiv machen. Es ist das Team, mit dem man die Ziele gemeinsam erreicht hat und feiert. Es ist der Vorgesetzte, der die Leistung anerkennt und das Gefühl der Wertschätzung vermittelt. Und letztlich ist es das unbeschreiblich schöne Gefühl, tagtäglich einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Führungskräften zu helfen, motivierte und erfolgreiche Teams aufzubauen und Bewerber zu einem Karrieresprung zu verhelfen, das ist für mich ein sinnvoller und gesellschaftlich wichtiger Beitrag, den wir tagtäglich leisten.

Spüren Sie als Leiter einer Personalberatung bereits Effekte der aktuellen Krise?

Während der vergangenen Wochen haben sehr viele unserer Kunden den administrativen Bereich zentralisiert. Das hat zu Kosteneinsparungen geführt, allerdings auch zu Personalabbau. Hilton International etwa stellt über 2.000 Mitarbeiter frei. Diese Veränderungen im Markt spüren wir auch. Einstellungen werden derzeit vor allem bei strategischen Schlüsselpositionen vorgenommen. Besonders Fach- und Führungskräfte im Bereich Commercial, Finance und Digital sind jetzt sehr stark gefragt. Zudem hat sich der Rekrutierungsprozess an sich verändert. Seit dem Lockdown geht es unseren Kunden nicht mehr darum, zwischen mehreren vielversprechenden Kandidaten wählen zu können. Der Selektionsprozess ist viel gezielter geworden. Die Kunden wollen einen oder zwei Top-Kandidaten kennenlernen – und das so schnell wie möglich. Auf der anderen Seite sind wir mit der Zurückhaltung von Top-Kandidaten konfrontiert, die den Arbeitgeberwechsel derzeit noch abwarten möchten. Das wirkt sich auf uns insofern aus, als dass wir verstärkt als Karriereberater gefragt sind und die Unsicherheiten eines aktuellen Jobwechsels soweit wie möglich aus dem Weg räumen müssen. Aufgrund unseres erfahrenen Teams gelingt uns das in der Regel sehr gut, aber es ist auch eine Herausforderung.

Ihr Beratungsschwerpunkt liegt auf der Hospitality-Industrie. Wie beeinflusst die Pandemie Ihre Positionierung?

Als Unternehmer ist es wichtig, den Markt genau zu beobachten und die Positionierung regelmäßig zu überprüfen. Was viele Personalberater jetzt durch Corona gezwungen sind zu tun, haben wir die letzten Jahre schon getan. Wir haben unseren Fokus auf die Hospitality-Industrie immer wieder auf den Prüfstand gestellt und uns gefragt, wie wir unsere Kunden bestmöglich unterstützen können. Das hat dazu geführt, dass wir unseren Branchenfokus ausgeweitet haben und seit 2018 Fach- und Führungskräfte aus dem Technologiebereich, speziell Travel Tech und Real Estate, vermitteln. Diese Diversifizierung hat sehr gut funktioniert und wir haben immer mehr Anfragen aus anderen Branchen erhalten. Daher haben wir bei LHC International Anfang 2020 entschieden, in weiteren Märkten aktiv zu werden. Mittlerweile bedienen wir neben Fach- und Führungspersonal im Hospitality-, Travel- und Real-Estate-Markt auch den Finance-, IT- und kaufmännischen Bereich.

Die Coronakrise hat diese Diversifizierung beschleunigt, zumal auch bei uns durch den Einbruch im Hospitality-Markt personelle Ressourcen frei wurden. Als flexibles und dynamisches Unternehmen haben wir auf diese Chance prompt reagiert. Wir haben zusätzliche Mitarbeiter eingestellt und unser Kundenportfolio um zusätzliche Branchen, allen voran im Finance- und Digitalbereich, erweitert.

Was was wünschen Sie sich von der Branche?

Mir persönlich liegt am Herzen, dass wir uns mehr Zeit für den Menschen nehmen. Meine Verantwortung und auch die der Branche sehe ich darin, gerade in Krisenzeiten wie diesen die Ängste und Sorgen von Mitarbeitern, Bewerber und Auftraggebern ernst zu nehmen und wo nötig Halt und Orientierung zu geben. In den sozialen Medien wird beispielsweise stark kritisiert, dass die Reise- und Hotelbranche wie gewohnt wieder Werbung und Angebote schaltet, mit dem einzigen Unterschied der veränderten Stornobedingungen. Das kommt nicht gut an. Als Unternehmenslenker und Vorgesetzter muss ich nach vorne schauen und die Zuversicht vermitteln können, mit der ich in die Zukunft schaue. Bei LHC International etwa investieren wir jetzt intensiv in neue Mitarbeiter und mehr Marketingaktivitäten. Ich wünsche mir von der Branche mehr Mut, auch zuversichtlich in die Zukunft zu schauen und jetzt klug in die Mitarbeiterbindung und -gewinnung zu investieren. Denn in jeder Krise steckt auch eine Chance. Wer sich jetzt um bestehende Mitarbeiter und den Aufbau einer Bewerber-Pipeline kümmert, der wird sich schneller vom Shutdown erholen und erfolgreicher sein.

Interview: Laura Schmidt

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