Eine Untersuchung des Fraunhofer IAO belegt empirisch, welche Hotelservices in der Nachbarschaft nachgefragt würden – und liefert Daten zu Zahlungsbereitschaft und Membership-Modellen.
Hotels können weit mehr sein als reine Übernachtungsorte. Sie können als multifunktionale Service Hubs im Quartier wirken, Angebote für Gäste und Einheimische bündeln, lokale Wertschöpfung unterstützen und soziale mit ökonomischen Zielen verbinden. Mit der Studie Future Hotel – 360° Hotel Service Ecosystem Study legt das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO erstmals eine breit angelegte empirische Untersuchung dazu vor.
Die Untersuchung versteht Hotels nicht als isolierte Beherbergungsbetriebe, sondern als Knotenpunkte in einem lokalen Ökosystem aus Gästen, Anwohnern und Unternehmen. Die Forschenden identifizieren zwei zentrale Transformationsdimensionen: die neue Rolle von Hotels als sozial eingebettete Hubs sowie neue Geschäftsmodelle durch erweiterte Serviceangebote und hybride Nutzungskonzepte.
Bedarf ist dort, wo Versorgungslücken bestehen
Ein Kernergebnis der Studie ist die hohe Relevanz alltagsnaher Versorgungsleistungen. Zu den meistgewünschten Services gehören unter anderem ein Kiosk mit Produkten des täglichen Bedarfs sowie ein rund um die Uhr geöffneter Supermarkt. Auch Erholungs- und Gesundheitsangebote wie Schwimmbäder oder Gärten stoßen auf Interesse.
Ein Hemmnis für die Umsetzung liegt allerdings in der mangelnden Sichtbarkeit: „Zu viele Nachbarn wissen nicht über die Angebote und Nutzungsmöglichkeiten der umliegenden Hotels Bescheid“, sagt Co-Autorin Vanessa Borkmann, Projektleiterin und Leiterin des Forschungsbereichs Stadtsystem-Gestaltung am Fraunhofer IAO.
Die Studie zeigt auch, dass die lokale Bevölkerung klare Erwartungen an Hotels formuliert. 60,2 Prozent der Befragten stimmen zu, dass Hotels über den Kernbetrieb hinaus zur lokalen Wohlfahrt beitragen sollten. Mehr als 60 Prozent befürworten zudem, dass Hotels Verhaltensregeln für Gäste aufstellen, um lokale Normen und das Zusammenleben zu schützen.
Zahlungsbereitschaft und Membership-Logiken
Die Studie liefert zudem konkrete Daten zur ökonomischen Tragfähigkeit solcher Konzepte. Demnach wären 61,8 Prozent der Befragten bereit, für Services eines Nachbarschaftshotels marktübliche Preise zu zahlen. Rund die Hälfte zeigt sich offen für Mitgliedschaftsmodelle, die regelmäßigen Zugang zu Hoteleinrichtungen ermöglichen würden. Darüber hinaus äußern 47,4 Prozent Interesse an wechselseitigen Tauschgeschäften, bei denen eigene Leistungen gegen Zugang zu Hotelangeboten eingetauscht werden könnten – etwa handwerkliche Unterstützung oder lokale Produkte.
„Unsere Daten zeigen eine bemerkenswert klare Erwartungshaltung: Hotels sollen nicht nur wirtschaften, sondern auch zur Lebensqualität beitragen. Für die Praxis bedeutet das, Serviceentscheidungen stärker als Teil lokaler Daseinsvorsorge und sozialer Infrastruktur zu denken, ohne die ökonomische Tragfähigkeit aus dem Blick zu verlieren“, unterstreicht Ronja Geißendörfer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IAO.
Was bedeuten die Ergebnisse für Hotels?
Laut Fraunhofer IAO bietet die Studie Hotels eine strukturierte Grundlage, um Serviceportfolios an realen Bedarfen auszurichten und neue Erlösquellen zu erschließen. Kommunen und Quartiersakteure erhalten Evidenz dafür, wo Hotels als Ergänzung zur lokalen Infrastruktur wirken können – etwa bei Nahversorgung, Freizeitangeboten oder Mobilitätsservices. Unternehmen und Dienstleister in der Nachbarschaft finden zudem Ansatzpunkte für Kooperationen, Co-Hosting-Formate, lokale Produktintegration und Loyalty-Programme, um gemeinsam ein integriertes lokales Serviceökosystem aufzubauen. red/sar
Über „Future Hotel – 360° Hotel Service Ecosystem Study“
Die empirische Studie knüpft an das Whitepaper „Future Hotel – The Hotel Service Ecosystem as an Opportunity Space for the Hotel of the Future“ an, das den theoretisch konzeptionellen Rahmen und das zugrunde liegende „Hotel Service Ecosystem Framework“ eingeführt hat. Im Projektkontext ist die Studie in die siebte Forschungsphase (2022 bis 2025) des Future Hotel Innovationsnetzwerks eingebettet, in dem das Fraunhofer IAO gemeinsam mit Partnern zentrale Zukunftsfragen der Hotellerie bearbeitet.