Hotelbau im Naturschutzgebiet in PortugalMeditative Entschleunigung

Die Unterkunft Casa do Rio liegt inmitten der portugiesischen Weinregion Alto Douro, eines der ältesten Weinbaugebiete der Welt. (Bild: José Campos)

Die Casa do Rio liegt spektakulär zwischen den Weinbergen am Ufer des Douro. Die Gäste der acht Zimmer genießen maximale Ruhe in unberührter Natur. Architekten und Bauherren haben sich verpflichtet, die Umgebung so wenig wie möglich zu beeinflussen. Entstanden ist ein Ort der Kontemplation.

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Mitten in einem Naturschutzgebiet zu bauen ist immer zwiespältig. Das gilt besonders für Hotels, die nicht nur während der Bauzeit, sondern vor allem danach einen regen Personen- und Lieferverkehr erzeugen. Einerseits sollen die Gäste ungestört die Einzigartigkeit der Landschaft genießen, andererseits sind es gerade sie, die diese Natürlichkeit durch ihre Präsenz stören. Das Hotel Casa do Rio bildet da allein schon wegen seiner Größe eine Ausnahme – die Unterkunft verfügt lediglich über acht Zimmer. Außerdem ist sie behutsam in die direkte Umgebung integriert und intensiv mit der Region verknüpft.

Das Haus liegt inmitten der portugiesischen Weinregion Alto Douro, die zu den ältesten Weinbaugebieten der Welt und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Bekanntestes Produkt dieser Region ist der Portwein, dessen Trauben ausschließlich von Reben aus dem Alto Douro stammen. Landschaftlich bestimmend sind die steinigen Hügel und die karge Vegetation, aber auch die vielen terrassierten Weinberge und Orangenhaine. Hinzu kommt der Fluss Douro, der sich durch tiefe Täler windet und 170 Kilometer weiter westlich bei Porto in den Atlantik mündet.

Vom Infinity Pool aus haben die Gäste einen meditativen Ausblick auf die Hügellandschaft und den Douro.

 

Zwischen Weinreben und Wasser

Ohne die intensive Auseinandersetzung mit den örtlichen Gegebenheiten hätte der Bauherr, das Öko-Weingut Quinta do Vallado, die Unterkunft Casa do Rio an diesem Standort nicht realisieren können. Der Neubau mit sechs Zimmern und die beiden kleinen kernsanierten und erweiterten Steinhäuser mit je einer Suite liegen zwischen den Weinbergen auf einem sanft zum Douro-Ufer abfallenden Gelände. Einzigartig ist das Grundstück vor allem wegen des unverstellten Blicks auf den Fluss und die Landschaft sowie wegen des zum Haus gehörenden idyllischen Obst- und Gemüsegartens. Prägend ist aber auch, dass es von einem Bachlauf durchquert wird, der zwar die meiste Zeit des Jahres ausgetrocknet ist, mitunter jedoch große Wassermengen führt. Diese beiden Besonderheiten sowie der Wunsch, die Natur durch die Baumaßnahmen so wenig wie möglich zu beeinträchtigen, bildeten für Menos é Mais Arquitectos die unumstößliche Planungsgrundlage.

Mit demselben Grundsatz hatten die Architekten für denselben Bauherrn bereits vor ein paar Jahren das gut 80 Kilometer entfernte Weinhotel Quinta do Vallado erweitert. Maßgeblichen Einfluss auf den Entwurf der Casa do Rio hatte auch der intensive Austausch mit den Behörden. Sie gaben beispielsweise vor, dass die neu bebaute Grundstücksfläche nicht mehr als 200 Quadratmeter groß sein durfte und dass das Bachbett auf einer Breite von mindestens zehn Metern von jeglicher Bebauung freizuhalten ist.

Holzdecks und Rasenflächen laden zum Sonnenbaden und Entspannen ein. Regelmäßige Weinverkostungen runden das Erlebnis ab.

Über dem Bachlauf schwebend

Unter Berücksichtigung der behördlichen Auflagen entstand schließlich ein auf zwei massiven Pfeilern ruhendes Gebäude, das an eine Brückenkonstruktion erinnert. Als solche besetzt das Haus lediglich 60 Quadratmeter Bodenfläche und lässt dem Bachbett, das unter dem Haus durchläuft, genügend Raum. Bei den Betonpfeilern, die mit vor Ort gefundenen Natursteinen verkleidet sind, handelt es sich nicht um reine Tragwerkselemente. Vielmehr beherbergen sie Technik-, Neben- und Personalräume. Auf den Pfeilern planten die Architekten dann einen Stahlrost, auf dem sie einen eingeschossigen, in vorgefertigter Holzmodulbauweise realisierten Riegel mit den Zimmern und öffentlichen Bereichen platzierten.

Den Gästen stehen insgesamt sechs jeweils 25 Quadratmeter große, teils zusammenschaltbare Zimmer sowie ein zentraler Wohnbereich zur Verfügung, der gleichzeitig als Lobby und zeitweise besetzte Rezeption dient. Zusätzlich gibt es eine Küche, in der das im Wohnzimmer oder auf dem gemeinschaftlichen Balkon eingenommene Frühstück zubereitet wird. Hausgäste können nach Vorbestellung zu Abend essen, während die Casa do Rio für externe Besucher weder zum Frühstück noch für andere Mahlzeiten offensteht. Gruppen, die das gesamte Haus mieten, dürfen die Küche zur Selbstversorgung mitnutzen.

Natürliches Baumaterial

Dass sich der Neubau trotz der weit spannenden Brückenkonstruktion behutsam in sein Umfeld einfügt, liegt nicht zuletzt am sorgfältig dimensionierten und in das Hanggrundstück eingepassten Baukörper. Eine wesentliche Rolle in diesem Zusammenhang spielen die natürlichen Baumaterialien: die natursteinbekleideten Pfeiler sowie die Fassaden, Böden und Wände aus Kiefernholz, die den Neubau als integralen Teil der Landschaft erscheinen lassen. Auf ähnliche Weise und mit den gleichen Werkstoffen gestaltet ist auch der oberhalb der beiden renovierten Steinhäuser situierte Spa-Bereich mit Whirlpool, Dampfbad und Sauna.

Entspannungsmassagen sind dort ebenso buchbar wie Gesichtsbehandlungen mit ätherischen Ölen des Weinguts Quinta do Vallado. Auf ein Bad in der Sonne lädt der Infinity Pool im Freien ein. Dort können die Gäste mit freier Aussicht auf den Douro baden, auf Holzdecks oder im Gras entspannen oder an den im Übernachtungspreis ab 150 Euro je Zimmer inbegriffenen, täglichen Verkostungen eigener Weine teilnehmen. Darüber hinaus sind zwischen 12 und 19 Uhr ausgewählte Getränke und leichte Gerichte erhältlich. Ebenso wie die Weine sind auch die aus dem eigenen Obst- und Gemüsegarten stammenden Zutaten für das Essen nach den Grundsätzen der ökologischen Landwirtschaft hergestellt.

Zurückhaltend elegante Behaglichkeit

Anders als in den Freibereichen und in der Fassade des Neubaus erscheint Holz in sämtlichen Innenräumen nicht in seiner natürlichen Farbe, sondern meist mit weiß gestrichenen Oberflächen. Dies sorgt angesichts der ansonsten allgegenwärtigen Naturbezogenheit für einen neutralen Hintergrund, vor dem die Gäste zur Ruhe kommen und sich auf sich selbst besinnen können – ganz gleich, ob im gemeinsamen Wohnbereich oder im eigenen Zimmer. Im Sinne dieser Entschleunigung scheinen die Zimmer auf den ersten Blick ganz ohne TV-Geräte auszukommen. Sie sind jedoch einfach nur gut kaschiert und liegen hinter einem Spiegel an der Wand. Erst wenn sie eingeschaltet werden, werden sie sichtbar.

Weiche Teppiche, bequeme Ledersofas und -sessel und viele liebevolle Ausstattungsdetails erzeugen im Wohnzimmer eine gemütliche Atmosphäre.

Weiche Teppiche, bequeme Ledersofas und -sessel sowie zahlreiche liebevolle Ausstattungsdetails, wie etwa ein im Wohnbereich von der Decke abgehängter offener Kamin, tragen zur gemütlichen Atmosphäre bei. Hinzu kommen zahlreiche eigens von den Architekten entworfene und von lokalen Handwerkern angefertigte Möbel: Tische, Beistelltische und auch die Betten.

Müßiggang und gemäßigte Action

Wen es nach ein paar Tagen Nichtstun nach draußen zieht, der kann auf das vielfältige Freizeitangebot der Casa do Rio zurückgreifen. Das beinhaltet beispielsweise individuell arrangierte Picknicks oder Bootstouren auf dem Douro, die bis zum ebenfalls am Fluss liegenden Weingut Quinta do Vallado reichen. Alle, die die Gegend lieber auf eigene Faust erkunden wollen, leihen sich Kanus, Stehpaddel-Boards und Ruderboote aus oder machen sich einfach zu Fuß auf den Weg. Zu entdecken gibt es viel, wie das nur wenige Kilometer entfernte Vale do Côa – ein unter UNESCO-Weltkulturerbe-Schutz stehendes Flusstal, an dessen Uferhängen bis zu 25.000 Jahre alte in den Fels geritzte Tierdarstellungen entdeckt werden können.

Es gibt viele Gründe, zur Casa do Rio zu kommen – die vielfach ausgezeichnete Architektur, der Wein oder die besinnliche Ruhe. Entschleunigung ist nicht nur in diesen Krisenzeiten wichtiger denn je geworden. Offensichtlich hat sich bislang kaum jemand in der Casa unwohl gefühlt oder gelangweilt. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die Kommentare und Bewertungen in den einschlägigen Social-Media-Kanälen und Buchungsportalen.

Roland Pawlitschko

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