Hotel Liebesbier Brauereikunst und Street Art

Bei der Kreation ihrer Wände besaßen die Street-Art-Künstler jeglichen Freiraum © Michael Bauer Photography

Die Leidenschaft für die Brauereikunst und die Street Art haben im Bayreuther Hotel Liebesbier eine Heimat gefunden. Dort durften mehr als 50 international bekannte Künstler einen einzigartigen Look für die 67 Zimmer und die öffentlichen Räume kreieren. Eine Hommage an Urban Art.

Die Entstehungsgeschichte der Gestaltung für das Hotel Liebesbier in Bayreuth begann recht ungewöhnlich. Die Street-Art-Künstlerin Jasmin Siddiqui, in Künstlerkreisen als Hera bekannt, saß in der oberfränkischen Stadt in einem Lokal und trank ein Strong Sour Ale mit dem Namen "Artbeer #3". Gemeinsam mit den Braumeistern von Maisel & Friends hat sie selbst am Geschmack getüftelt – Aromen von Mango, Maracuja und Zitrusfrüchten strömen in die Nase. Das Etikett mit der Aufschrift "Miss Hoppy" hat die Künstlerin selbst entworfen. Darauf zu sehen ist ein zierliches, aber ausdrucksstarkes Gesicht einer Frau – ein Auge ist mit einer Hopfendolde bedeckt.

Das "Artbeer #3" markiert den Start für die Gestaltung des Liebesbier Urban Art Hotels um Geschäftsführer Sebastian Wenk. Jasmin Siddiqui wurde als Kuratorin für das Hotel-Projekt beauftragt, das auf dem Gelände der Brauerei Maisel entstanden ist. Für die Gestaltung der 67 Zimmer und öffentlichen Bereiche erhielt sie freie Hand. In der internationalen Künstlerszene gut vernetzt, konnte sie für das Liebesbier Street-Art-Künstler aus aller Welt gewinnen, darunter Super A aus den Niederlanden, Zabou aus Frankreich oder Alfalfa aus Venezuela. Entstanden ist ein besonderer Look: Jeder Raum im Hotel ist ein Kunstwerk, dank geschickter Hände, die mit Spraydose, Pinsel, Klebeband, Nagel und Faden umzugehen wissen. "Es ist wie bei Alice im Wunderland, als sie durch den Kaninchenbau gefallen ist und an jeder Ecke etwas Neues entdeckt hat", schwärmt Jasmin Siddiqui.

Zehn Millionen Euro Gesamtkosten

Die 67 Zimmer befinden sich in den beiden ehemaligen Gaststätten "Löwen" und "Spiegelmühle" – zwei historische Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert –, die kernsaniert und mit einem Neubau zu einem "U" verbunden wurden. Die Gesamtkosten belaufen sich auf zehn Millionen Euro. "Wir haben auf hochwertige Materialien wie Eichenholzböden gesetzt", betont Wenk. Viel Holz, Leder und einige Kamine sorgen für Wärme und eine wohlige Atmosphäre. Zudem gibt es einen Fitnessraum und eine Sauna. "Technisch sind wir auf dem neuesten Stand. Unsere Partner mussten für uns teilweise neue Schnittstellen schaffen, zum Beispiel bei den Türschlössern", erläutert Sebastian Wenk. Die Gäste können per Handy einchecken, die Zimmertür öffnen oder einen Tisch im Restaurant reservieren.

"Es gibt mehr als 140 Access-Points, damit die Gäste in jedem Winkel optimales WLAN haben", so der Geschäftsführer. "Bei der Planung stand fest: neben Klinker, Stahl und Glas brauchte es noch Farbe, Charakter und Leben", sagt Wenk. Schnell sei klar gewesen, dass das Konzept ähnlich dem des Restaurants "Liebesbier" sein sollte, das sein Vater eröffnet hatte. Es liegt direkt gegenüber des gleichnamigen Urban Art Hotels und verfügt über Street-Art-Werke, die Vater und Sohn in Galerien erstanden haben. "Aber wir wollten im Hotel keine 67 Einzelstücke", sagt Wenk. Den Rest hat er mit Jasmin Siddiqui bei einem Fläschchen "Miss Hoppy" besprochen. Mit dem Ergebnis ist er sehr zufrieden, auch wenn ihn die "heiße Phase", als Handwerker und Künstler parallel im Haus arbeiteten, viel Kraft kostete. Mehr als 50 Künstler am Werk Das Liebesbier ist nicht das erste Hotel, das in der Gestaltung auf Street-Art setzt.

Die prominentesten Beispiele in Deutschland sind das Hotel Nhow und das Hotel The Weinmeister, beide in Berlin. Nicht selten werden für die Street-Art-Projekte lokale Künstler beauftragt, was in den Zeitgeist der Hospitality passt, stärkeren Bezug zur Nachbarschaft zu schaffen. Für das Liebesbier wählten die Verantwortlichen allerdings einen anderen Ansatz: Mehr als 50 Künstlerinnen und Künstler aus vier Kontinenten waren daran beteiligt die Zimmer und öffentlichen Bereiche plus Außenwände mit unterschiedlichsten Techniken und Werken zu gestalteten. Sebastian Wenk kann sich vorstellen, künftig den künstlerischen Ansatz mit Skulpturen oder vielleicht sogar mit einer Meile, die durch Bayreuth verläuft, noch weiter zu verfolgen.

"Wir wollen die Kunst mehr nach außen tragen", so seine Vision. Sebastian Wenk will mit seinem Hotelkonzept aber nicht nur kunstinteressierte Gäste ansprechen, sondern eine breitere Zielgruppe: Business-Gäste sind ebenso willkommen wie junge Freizeitreisende, "die sich im Jeanshemd und mit Käppi wohlfühlen." Der Bedarf für ein neues Hotel in Bayreuth sei gegeben. "Wir haben hier Häuser, die die Zeit einfach ein bisschen verschlafen haben." Wenk selbst ist mit seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre Quereinsteiger. "Ich bin Zahlenmensch, die Hotelexpertise kommt von Beratern", erläutert er.

Silo als Kunst-Objekt

Der Neu-Hotelier musste während des Baus Fingerspitzengefühl beweisen: Handwerkende mussten davon überzeugt werden, dass an manchen Tagen der Künstler Vorrang hatte und zum Beispiel die Anbringung des Waschbeckens warten musste. Er musste außerdem den Braumeister überreden, dass das Silo neben dem Hotel mit in das Gestaltungskonzept einbezogen werden konnte. Rafael Gerlach, in Künstlerkreisen besser bekannt als Sat One, durfte sich am Stahlbehälter mit der Spraydose austoben. "Die Herausforderung war, dass das Kunstwerk aus verschiedenen Blickwinkeln funktionieren muss. Denn das Bild ist aus keiner Perspektive vollständig zu sehen", sagt er.

Daneben gestaltete Gerlach eines der 67 Hotelzimmer. Die Künstler haben sich in der Gestaltung mit dem Raum, dem Objekt, der Umgebung und dem Auftraggeber beschäftigt. "Ich greife formale Gegenstände, Formen und Inhalte auf, die ich zerstückele und neu zusammensetze", so Gerlach. Er entschied sich für ein Motiv aus Papierrollen aus der Großindustrie, nahm eine 25 Quadratmeter große Fototapete und gestaltete daraus eine Collage. Papier sei zum einen Trägermaterial für die Malerei, zum anderen habe er auf diese Weise eine Analogie zwischen Papier und Bier herstellen können: Letztlich sind beide gleichermaßen Naturstoffe, würden aus Pflanzen beziehungsweise Gewächsen gewonnen. Auch Kuratorin Jasmin Siddiqui durfte sich in ihrer Funktion als Künstlerin im Hotel verwirklichen. Sie gestaltete das Foyer über zwei Etagen, brachte in einer Mischtechnik, die von Spray bis hin zur Arbeit mit Fotoelementen reicht, Märchenfiguren an die Wand, denen teils Zweige aus dem Kopf wachsen. "Um das Organische darzustellen", sagt sie. Entstanden ist eine bunte Welt mit vielen Charakteren und Facetten. "Miss Hoppy" ist allerdings nicht dabei. Die prangt exklusiv auf dem "Artbeer #3".