Hospitality-Konzept von Stilwerk Design zum Kennenlernen

Das Hotel Heimhude befindet sich in einer 150 Jahre alten Villa im Hamburger Stadtviertel Pöseldorf. Parkettböden, Kunstwerke und elegante Möbel sorgen nicht nur im Empfangsbereich, sondern im ganzen Haus fĂŒr Wohnlichkeit. © Christian Kretschmar, T. Baermann

Das Hamburger Hotel Heimhude der Design-Plattform Stilwerk ist kein bewohnbarer Showroom, sondern ein lÀssiges Boutique-Hotel, in dem sich die GÀste mehr als anderswo mit dem Interior befassen.
Vermutlich hat sich jeder schon mal gefragt wie es wĂ€re, eine Nacht in einem Möbelhaus zu verbringen. Dann könnte man an einem der festlich gedeckten Tische Platz nehmen, um ein zuvor in einer MusterkĂŒche zubereitetes Mahl zu genießen, und dann endlich in jenem Bett schlafen, auf das man immer schon ein Auge geworfen hatte.
Was sich viele Menschen in dieser Form vorstellen könnten, war zwar keineswegs Vorbild fĂŒr das neue Stilwerk-Hotel Heimhude, doch so weit liegen die Vorstellungen dann auch wieder nicht auseinander. Im Kern geht es in beiden FĂ€llen um etwas, das im Alltag kaum irgendwo möglich ist: Produkte ausgiebig am besten zu Hause auszuprobieren, bevor man sie kauft.
Diese Probe aufs Exempel mag bei einem Sofakissen oder einer Kaffeetasse nicht zwingend erforderlich sein, doch wer kauft sich gern ein Bett fĂŒr 10.000 Euro, ohne je darin geschlafen zu haben? Viele MöbelhĂ€ndler wĂŒrden es möglich machen, sich ein Designsofa ĂŒbers Wochenende auszuleihen. Doch Hand aufs Herz – wer tut sich das tatsĂ€chlich an?

Design direkt erlebbar machen

Stilwerk-GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Tatjana Groß und Inhaber Alexander Garbe haben schon vor Jahren beobachtet, dass Designmöbelhersteller anlĂ€sslich der MailĂ€nder Möbelmesse Salone del Mobile ganze Palazzi anmieten, um ihre Produkte nicht in sterilen Messehallen, sondern in einer authentischen wohnlichen Umgebung prĂ€sentieren zu können. Die dabei entstandenen Wohnwelten waren letztlich aber auch nur eine schöne Kulisse, denn wirklich neue EindrĂŒcke ließen sich dort nicht sammeln.
Zur gleichen Zeit begegneten den beiden Stilwerkern in ihrem Designcenter in Hamburg – dem ersten seiner Art – immer mehr Kunden mit dem Wunsch, die in den Stores prĂ€sentierten Interior-Marken zu testen. Also begannen die beiden zu ĂŒberlegen, wie sie ihre Plattform im Sinne der Hersteller und deren Kunden erweitern und damit attraktiver machen könnten. Vom ersten Ansatz, in der NĂ€he der Stores ein Apartment zum Probewohnen einzurichten, war es schließlich nicht mehr weit zur Idee, Design und Hospitality in einem Hotel zu verschmelzen.

Grande Dame in Sneakern

„Im Jahr 2018 stießen wir im Stadtviertel Pöseldorf auf ein geeignetes Objekt: das Hotel Heimhude mit 24 Zimmern in einer 150 Jahre alten weißen Stadtvilla. Nach der Übernahme fĂŒhrten wir das in die Jahre gekommene Haus zunĂ€chst fĂŒr eineinhalb Jahre unverĂ€ndert weiter, um erste Erfahrungen im Hotelbetrieb zu sammeln“, sagt Tatjana Groß.
„Danach entstand mithilfe unserer eigenen Planer ein Entwurfskonzept, das schließlich in eine umfassende Kernsanierung und liebevolle Restaurierung der InnenrĂ€ume mĂŒndete, wĂ€hrend die Fassaden unangetastet blieben.“ Heute prĂ€sentiert sich das Hotel als Grande Dame in Sneakern – als harmonisches, wohnliches und dezidiert zeitgenössisches Haus, in dem alle Materialien und OberflĂ€chen fein aufeinander und auf den nobel-eleganten Charakter der Stadtvilla abgestimmt sind.
Anders als in den meisten Hotels gelangen die GĂ€ste nach Passieren des Windfangs nicht in eine Lobby, sondern direkt ins Herz des Hauses: eine große WohnkĂŒche, die als zentraler kommunikativer Ort der Gemeinschaft dient. Hier treffen sich die GĂ€ste, um ein FrĂŒhstĂŒck, Mittag- oder Abendessen einzunehmen, um Kaffee zu trinken oder in den kleinen rĂŒckwĂ€rtigen Garten zu gehen.

Die große WohnkĂŒche direkt am Empfangsbereich dient als zentraler kommunikativer Ort der Gemeinschaft. © T. Baermann

Hier und in den benachbarten WohnrĂ€umen (Lounge, Bibliothek und Meetingraum) können aber auch kleinere Veranstaltungen stattfinden. Heimhude hat den Look eines ganz normalen anspruchsvollen Hotels. Einziger wesentlicher Unterschied ist jedoch, dass die GĂ€ste sich hier genauestens darĂŒber informieren können, von welchen Produkten sie umgeben sind.

Kuratierte Wohnwelt

Egal, wo sich die GĂ€ste befinden: Nahezu alle eingesetzten Produkte stammen von den HĂ€ndlern und Partnerfirmen, die auch in den Stores der Designcenter vertreten sind – ganz gleich, ob es dabei um Badarmaturen, Lampen, Tapeten, Lichtschalter oder Betten geht. Den GĂ€sten eröffnet das Hotel Heimhude eine kuratierte Welt des Wohnens, in der sich unzĂ€hlige Produkte ungestört und aus nĂ€chster NĂ€he im Wortsinn begreifen lassen.
Konkrete Informationen erhalten sie dabei auf unterschiedliche Weise. ZunĂ€chst können sie das speziell geschulte Hotelpersonal ansprechen, das erste Informationen geben oder den Kontakt zu den Anbietern herstellen kann – direkt kaufen lĂ€sst sich hier allerdings nichts. Alternativ kommen Mitarbeiter des Hamburger Designcenters zur persönlichen Beratung ins Hotel.
DarĂŒber hinaus liegt in jedem Zimmer ein Brand-Book bereit, das detailliert in Wort und Bild Auskunft ĂŒber alle eingesetzten Produkte gibt. Und schließlich haben die GĂ€ste die Möglichkeit, eine App zu installieren, mit der sie auch einchecken und eine digitale Version des Brand-Books studieren können.
„Die Auswahl der im Hotel eingesetzten Produkte erfolgte rein nach gestalterischen Gesichtspunkten – wichtig waren dabei vor allem eine durchgĂ€ngige Farbgebung und ein einheitliches Look-and feel, das durch die Möbel unterstĂŒtzt wird“, berichtet Tatjana Groß und betont: „Schließlich sollen sich unsere GĂ€ste ja nicht wie in einer Verkaufsausstellung, sondern wie zu Hause fĂŒhlen. Aktiv auf die Hersteller zugegangen sind wir erst nach Abschluss unserer Planungen.“
Und so gibt es keine RĂ€ume, in denen eine bestimmte Marke vorherrschend ist. Die Hersteller hatten außerdem weder Einfluss darauf, wie und mit welchen Produkten sie vertreten sind, noch verschenkten sie Möbel an das Hotel. Sie können Heimhude aber komplett mieten, um beispielsweise geladenen GĂ€sten in den Zimmern ein Wochenende lang ihre Produkte nahezubringen.

Wertvolles Feedback der GĂ€ste

Die Zimmer verfĂŒgen zwar zum Teil ĂŒber die gleichen Produkte, sind jedoch allein schon deshalb insgesamt unterschiedlich ausgestattet, weil der Altbaugrundriss sehr unregelmĂ€ĂŸig ist. Die Vielfalt wĂ€chst aber auch durch den in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden erfolgenden Austausch von Teilen des Interiors – dass die Badfliesen und Tapeten dabei lĂ€nger Bestand haben als etwa eine Vase oder ein Teppich, versteht sich von selbst.
Gerade die Vielfalt wirkt auf zahlreiche GĂ€ste faszinierend. „Manche kommen regelmĂ€ĂŸig zu uns und schlafen jedes Mal in einem anderen Zimmer, um möglichst viele EindrĂŒcke zu sammeln. Andere wollen nur eben mal ausgiebig einen Stuhl bei Kaffee und Kuchen ausprobieren. Es gibt aber auch HĂ€ndler, die ihre Kunden gezielt zu uns schicken“, fĂŒhrt Tatjana Groß aus.

GrĂŒntöne sorgen in der Lounge fĂŒr eine entspannte AtmosphĂ€re. © T. Baermann

Positiv kommt das Stilwerk-Konzept auch bei GĂ€sten an, die es vorher nicht kannten. Sie sind auch ohne Kaufabsichten begeistert von der Möglichkeit, sich ausfĂŒhrlich ĂŒber die Produkte in ihrem Zimmer informieren zu können. „Generell lĂ€sst sich sagen, dass die GĂ€ste hier viel mehr Feedback geben als in einem ‚normalen‘ Hotel, weil unsere Mitarbeiter in Bezug auf die Ausstattung ĂŒberdurchschnittlich kompetent sind. GesprĂ€che ĂŒber positive und negative Erfahrungen, von denen wir als Gastgeber sehr profitieren, verlaufen daher selten einfach im Sand“, fĂ€hrt die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin fort.
Nicht zuletzt aufgrund des Erfolgs im Hotel Heimhude tritt Stilwerk demnĂ€chst auch in anderen HĂ€usern als Gastgeber auf. Voraussichtlich Anfang des kommenden Jahres wird das bereits ĂŒbernommene Strandhotel Blankenese in Hamburg zum Stilwerk-Hotel – mit einem eigens auf das alte BestandsgebĂ€ude am Elbestrand zugeschnittenen Einrichtungskonzept. Doch damit nicht genug: In den Harburger Bergen bei Hamburg soll ein Hotelneubau unter anderem mit Longstay-Apartments entstehen. Weitere Projekte sind zudem in TravemĂŒnde und Rotterdam geplant.
Autor: Roland Pawlitschko